Johann Winckelmanns,
Praͤſidentens der Alterthuͤmer zu Rom, und Scrittore der Vaticaniſchen Bibliothek,
Mitglieds der Koͤnigl. Engliſchen Societaͤt der Alterthuͤmer zu London, der Maleracademie
von St. Luca zu Rom, und der Hetruriſchen zu Cortona,
Geſchichte der Kunſt
des Alterthums.


Erſter Theil.
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Mit Koͤnigl. Pohlniſch- und Churfuͤrſtl. Saͤchſ. allergnaͤdigſten Privilegio.


Dresden, 1764.
In der Waltheriſchen Hof-Buchhandlung.

Dem
Durchlauchtigſten Fuͤrſten und Herrn,
H E R R N
Friedrich Chriſtian,
Koͤniglichen Prinzen in Pohlen
und Litthauen ꝛc. ꝛc.
Herzoge zu Sachſen, Juͤlich, Cleve, Berg, Engern und
Weſtphalen, des Heil. Roͤm. Reichs Erzmarſchallen und Churfuͤrſten,
Landgrafen in Thuͤringen, Marggrafen zu Meißen, auch Ober- und Nieder-Lauſitz,
Burggrafen zu Magdeburg, Gefuͤrſteten Grafen zu Henneberg, Grafen
zu der Mark, Ravensberg, Barby und Hanau,
Herrn zu Ravenſtein ꝛc. ꝛc.


Meinem gnaͤdigſten Herrn.


[Abbildung]
Durchlauchtigſter Churfuͤrſt,
Gnaͤdigſter Herr!

Nach den Erſtlingen meiner Roͤmiſchen Arbeiten in
deutſcher Sprache, welche Ew. Koͤnigl. Hoheit
gnaͤdigſt anzunehmen geruhet haben, erſcheine ich
mit reiferen Fruͤchten der Kunſt, welche, als die Erſten in ih-
rer Art, in dem Schooße der Alterthuͤmer und der Kuͤnſte
erwachſen, und unter dieſem mir gluͤcklichen Himmel ge-
naͤhret und vollendet ſind.

Dieſe Arbeit verſpricht ſich daher das Gluͤck, einiger
Aufmerkſamkeit gewuͤrdiget zu werden, da dieſelbe einen

gruͤnd-

gruͤndlichen Kenner und Beurtheiler ihres Inhalts an Ew.
Koͤnigl. Hoheit
findet, vermoͤge der Kenntniß, welche
Dieſelben durch Betrachtung der Werke der alten und
neuen Kunſt ein ganzes Jahr zu Rom erlanget haben, und
in Abſicht Dero mir bezeigten hohen Huld und Gnade,
welcher ich mich und dieſe Schrift in tiefſter Verehrung em-
pfehle, als

Ew. Koͤnigl. Hoheit

unterthaͤnigſter Knecht,
Johann Winckelmann.
[Abbildung]

[Abbildung]
Vorrede.

Die Geſchichte der Kunſt des Alterthums, welche ich zu
ſchreiben unternommen habe, iſt keine bloße Erzaͤhlung
der Zeitfolge und der Veraͤnderungen in derſelben, ſon-
dern ich nehme das Wort Geſchichte in der weiteren Bedeu-
tung, welche daſſelbe in der Griechiſchen Sprache hat, und meine
Abſicht iſt, einen Verſuch eines Lehrgebaͤudes zu liefern. Dieſes
habe ich in dem Erſten Theile, in der Abhandlung von der Kunſt
der alten Voͤlker, von jedem insbeſondere, vornehmlich aber in
Abſicht der Griechiſchen Kunſt, auszufuͤhren geſuchet. Der Zwey-
te Theil enthaͤlt die Geſchichte der Kunſt im engeren Verſtande,

das
b

Vorrede.
das iſt, in Abſicht der aͤußeren Umſtaͤnde, und zwar allein unter
den Griechen und Roͤmern. Das Weſen der Kunſt aber iſt in
dieſem ſowohl, als in jenem Theile, der vornehmſte Entzweck, in
welches die Geſchichte der Kuͤnſtler wenig Einfluß hat, und dieſe,
welche von andern zuſammengetragen worden, hat man alſo hier
nicht zu ſuchen: es ſind hingegen auch in dem zweyten Theile die-
jenigen Denkmale der Kunſt, welche irgend zur Erlaͤuterung die-
nen koͤnnen, ſorgfaͤltig angezeiget.

Die Geſchichte der Kunſt ſoll den Urſprung, das Wachs-
thum, die Veraͤnderung und den Fall derſelben, nebſt dem ver-
ſchiedenen Stile der Voͤlker, Zeiten und Kuͤnſtler, lehren, und die-
ſes aus den uͤbrig gebliebenen Werken des Alterthums, ſo viel
moͤglich iſt, beweiſen.

Es ſind einige Schriften unter dem Namen einer Geſchichte
der Kunſt an das Licht getreten; aber die Kunſt hat einen ge-
ringen Antheil an denſelben: denn ihre Verfaſſer haben ſich mit
derſelben nicht genug bekannt gemachet, und konnten alſo nichts
geben, als was ſie aus Buͤchern, oder von ſagen hoͤren, hatten.
In das Weſen und zu dem Innern der Kunſt fuͤhret faſt kein
Scribent, und diejenigen, welche von Alterthuͤmern handeln, be-
ruͤhren entweder nur dasjenige, wo Gelehrſamkeit anzubringen
war, oder wenn ſie von der Kunſt reden, geſchieht es theils mit
allgemeinen Lobſpruͤchen, oder ihr Urtheil iſt auf fremde und fal-
ſche Gruͤnde gebauet. Von dieſer Art iſt des Monier Geſchichte
der Kunſt, und des Duͤrand Ueberſetzung und Erklaͤrung der
letzten Buͤcher des Plinius, unter dem Titel: Geſchichte der
alten Malerey:
auch Turnbull in ſeiner Abhandlung von
der alten Malerey, gehoͤret in dieſe Claſſe. Aratus, welcher die
Aſtronomie nicht verſtand, wie Cicero ſagt, konnte ein beruͤhmtes
Gedicht uͤber dieſelbe ſchreiben; ich weis aber nicht, ob auch ein

Grieche

Vorrede.
Grieche ohne Kenntniß der Kunſt etwas wuͤrdiges von derſelben
haͤtte ſagen koͤnnen.

Unterſuchungen und Kenntniſſe der Kunſt wird man verge-
bens ſuchen in den großen und koſtbaren Werken von Beſchreibung
alter Statuen, die bis itzo bekannt gemachet worden ſind. Die
Beſchreibung einer Statue ſoll die Urſache der Schoͤnheit derſelben
beweiſen, und das beſondere in dem Stile der Kunſt angeben: es
muͤſſen alſo die Theile der Kunſt beruͤhret werden, ehe man zu einem
Urtheile von Werken derſelben gelangen kann. Wo aber wird geleh-
ret, worinnen die Schoͤnheit einer Statue beſteht? welcher Seribent
hat dieſelbe mit Augen eines weiſen Kuͤnſtlers angeſehen? Was zu
unſern Zeiten in dieſer Art geſchrieben worden, iſt nicht beſſer, als
die Statuen des Calliſtratus; dieſer magere Sophiſt haͤtte
noch zehenmal ſo viel Statuen beſchreiben koͤnnen, ohne jemals ei-
ne einzige geſehen zu haben: unſere Begriffe ſchrunden bey den
mehreſten ſolcher Beſchreibungen zuſammen, und was groß gewe-
ſen, wird wie in einen Zoll gebracht.

Eine Griechiſche und eine ſogenannte Roͤmiſche Arbeit wird
insgemein nach der Kleidung, oder nach deren Guͤte, angegeben:
ein auf der linken Schulter einer Figur zuſammengehefteter Man-
tel ſoll beweiſen, daß ſie von Griechen, ja in Griechenland gear-
beitet worden 1). Man iſt ſogar darauf gefallen, das Vaterland
des Kuͤnſtlers der Statue des Marcus Aurelius, in dem Schopfe
Haare auf dem Kopfe des Pferdes zu ſuchen; man hat einige
Aehnlichkeit mit einer Eule an demſelben gefunden, und dadurch
ſoll der Kuͤnſtler Athen haben anzeigen wollen 2). So bald eine
gute Figur nur nicht als ein Senator gekleidet iſt, heißt ſie Grie-

chiſch,
1) Fabret. Inſer. p. 400. n. 293.
2) Pinaroli Rom. ant. mod. P. I. p. 106. Spectat. Vol. 3.
b 2

Vorrede.
chiſch, da wir doch gleichwohl Senatoriſche Statuen von namhaf-
ten Griechiſchen Meiſtern haben. Ein Gruppo in der Villa
Borgheſe fuͤhret den Namen Marcus Coriolanus mit ſeiner Mut-
ter: dieſes wird vorausgeſetzet, und daraus ſchließt man, daß die-
ſes Werk zur Zeit der Republik gemacht worden 1), und eben des-
wegen findet man es ſchlechter, als es nicht iſt. Und weil einer
Statue von Marmor in eben der Villa der Name der Zigeune-
rinn (Egizzia) gegeben worden, ſo findet man den wahren Ae-
gyptiſchen Stil in dem Kopfe 2), welcher nichts weniger zeiget,
und nebſt den Haͤnden und Fuͤßen, gleichfalls von Erzt, vom Ber-
nini gemachet iſt. Das heißt, die Baukunſt nach dem Gebaͤude
einrichten. Eben ſo ungruͤndlich iſt die von allen ohne aufmerkſa-
me Betrachtung angenommene Benennung des vermeynten Pa-
pirius mit ſeiner Mutter, in der Villa Ludoviſi 3), und duͤ Bos
findet 4) in dem Geſichte des jungen Menſchen ein argliſtiges Laͤ-
cheln, wovon wahrhaftig keine Spur da iſt. Dieſes Gruppo ſtel-
let vielmehr die Phaͤdra und den Hippolytus vor, deſſen Figur
Beſtuͤrzung im Geſichte zeiget uͤber den Antrag der Liebe von einer
Mutter: die Vorſtellungen der Griechiſchen Kuͤnſtler, (wie Me-
nelaus der Meiſter dieſes Werks iſt,) waren aus ihrer eigenen
Fabel und Heldengeſchichte genommen.

In Abſicht der Vorzuͤglichkeit einer Statue iſt es nicht ge-
nug, ſo wie Bernini vielleicht aus unbedachtſamer Frechheit ge-
than 5), den Paſquin fuͤr die ſchoͤnſte aller alten Statuen zu hal-
ten; man ſoll auch ſeine Gruͤnde bringen: auf eben dieſe Art haͤt-

te
1) Ficoroni Rom. ant. p. 20.
2) Maffei Stat. ant. n. 79.
3) Ibid. n. 63.
4) Refl. ſur la Poeſ. T. I. p. 372.
5) Baldinuc. Vit. di Bern. p. 72. Bern. Vit. del med. p. 13.

Vorrede.
te er die Meta Sudante vor dem Coliſeo als ein Muſter der
alten Baukunſt anfuͤhren koͤnnen.

Einige haben aus einem einzigen Buchſtaben den Meiſter
kuͤhnlich angegeben 1), und derjenige, welcher die Namen einiger
Kuͤnſtler an Statuen, wie bey dem gedachten Papirius, oder viel-
mehr Hippolytus, und bey dem Germanicus geſchehen, mit Still-
ſchweigen uͤbergangen, giebt uns den Mars von Johann Bologna
in der Villa Medicis fuͤr eine Statue aus dem Alterthume an 2);
dieſes hat zugleich andere verfuͤhret 3). Ein anderer, um eine
ſchlechte alte Statue, den vermeynten Narciſſus in dem Pallaſte
Barberini 4), anſtatt einer guten Figur, zu beſchreiben, erzaͤhlet
uns die Fabel deſſelben, und der Verfaſſer einer Abhandlung von
drey Statuen im Campidoglio, der Roma, und zween Barbari-
ſcher gefangener Koͤnige, giebt uns wider Vermuthen eine Ge-
ſchichte von Numidien 5): das heißt, wie die Griechen ſagen, Leu-
con traͤgt ein Ding, und ſein Eſel ein ganz anderes.

Aus Beſchreibungen der uͤbrigen Alterthuͤmer, der Gallerien
und Villen zu Rom, iſt eben ſo wenig Unterricht fuͤr die Kunſt zu
ziehen; ſie verfuͤhren mehr, als ſie unterrichten. Zwo Statuen
der Herſilia, der Frau des Romulus, und eine Venus vom Phi-
dias beym Pinaroli 6), gehoͤren zu den Koͤpfen der Lucretia
und des Caͤſars nach dem Leben gemachet, in dem Verzeichniſſe
der Statuen des Grafen Pembroke, und des Cabinets des Car-
dinals Polignac. Unter den Statuen Graf Pembrokes zu Wil-

ton
1) Capac. Antiq. Campon. p. 10.
2) Maffei Stat. ant. n. 30.
3) Montfauc. Diar. Ital. p. 222.
4) Tetii Aedes Barber. p. 185.
5) Braſchius de trib. Stat. c. 13. p. 125.
6) Rom. ant. mod. T. 2. p. 316. p. 378. T. 3. p. 74.
b 3

Vorrede.
ton in Engeland, die von Carry Creed auf vierzig Blaͤtter in
groß Quart ſchlecht genug geaͤtzet ſind, ſollen vier von einem Grie-
chiſchen Meiſter Cleomenes ſeyn. Man muß ſich wundern uͤber
die Zuverſicht auf die Leichtglaͤubigkeit der Menſchen, wenn eben
daſelbſt vorgegeben wird 1), daß ein Marcus Curtius zu Pferde
von einem Bildhauer gearbeitet worden, welchen Polybius, (ich
vermuthe, der Feldherr des Achaͤiſchen Bundes und Geſchicht-
ſchreiber,) von Corinth mit nach Rom gebracht habe: es waͤre
nicht viel unverſchaͤmter geweſen, vorzugeben, daß er den Kuͤnſt-
ler nach Wilton geſchicket habe.

Richardſon hat die Pallaͤſte und Villen in Rom, und die
Statuen in denſelben, beſchrieben, wie einer, dem ſie nur im
Traume erſchienen ſind: viele Pallaͤſte hat er wegen ſeines kurzen
Aufenthalts in Rom gar nicht geſehen, und einige, nach ſeinem
eigenen Geſtaͤndniſſe, nur ein einzigesmal; und dennoch iſt ſein
Buch bey vielen Maͤngeln und Fehlern das beſte, was wir haben.
Man muß es ſo genau nicht nehmen, wenn er eine neue Malerey,
in Freſco und von Guido gemacht, fuͤr alt angeſehen 2). Keyß-
lers
Reiſen ſind in dem, was er von Werken der Kunſt in Rom
und an andern Orten anfuͤhret, nicht einmal in Betrachtung zu
ziehen: denn er hat dazu die elendeſten Buͤcher abgeſchrieben.
Manilli hat mit großem Fleiße ein beſonderes Buch von der
Villa Borgheſe gemacht, und dennoch hat er drey ſehr merkwuͤr-
dige Stuͤcke in derſelben nicht angefuͤhret: das eine iſt die Ankunft
der Koͤniginn der Amazonen Pentheſilea beym Priamus in Troja,
dem ſie ſich erbiethet beyzuſtehen; das andere iſt Hebe, welche ih-
res Amts, die Ambroſia den Goͤttern zu reichen, war beraubet

worden,
1) pl. 15. Curtius Baſſorilievo. The Sculptor brought to Rome by Polybius
from Corinth.
2) Trait. de Peint. T. 2. p. 275.

Vorrede.
worden, und die Goͤttinnen fußfaͤllig um Verzeihung bittet, da
Jupiter ſchon den Ganymedes an ihre Stelle eingeſetzet hatte;
das dritte iſt ein ſchoͤner Altar, an welchem Jupiter auf einem
Centaur reutet 1), welcher weder von ihm, noch von ſonſt je-
mand, bemerket worden iſt, weil er in dem Keller unter dem
Pallaſte ſteht.

Montfaucon hat ſein Werk entfernet von den Schaͤtzen
der alten Kunſt zuſammengetragen, und hat mit fremden Augen,
und nach Kupfern und Zeichnungen geurtheilet, die ihn zu großen
Vergehungen verleitet haben. Hercules und Antaͤus im Pallaſte
Pitti zu Florenz, eine Statue von niedrigem Range, und uͤber
die Haͤlfte neu ergaͤnzet, iſt beym Maffei 2) und bey ihm 3) nichts
weniger, als eine Arbeit des Polycletus. Den Schlaf von ſchwar-
zem Marmor in der Villa Borgheſe, vom Algardi, giebt er fuͤr
alt aus 4): eine von den großen neuen Vaſen aus eben dem Mar-
mor, von Silvio von Veletri gearbeitet, die neben dem Schlafe
geſetzet ſind, und die er auf einem Kupfer dazu geſetzt gefunden 5),
ſoll ein Gefaͤß mit ſchlafmachendem Safte bedeuten. Wie viel
merkwuͤrdige Dinge hat er uͤbergangen! Er bekennet 6), er habe
niemals einen Hercules in Marmor mit einem Horne des Ueber-
fluſſes geſehen: in der Villa Ludoviſi aber, iſt er alſo in Lebens-
groͤße vorgeſtellet, in Geſtalt einer Herma, und das Horn iſt wahr-
haftig alt. Mit eben dieſem Attribute ſteht Hercules auf einer
zerbrochenen Begraͤbnißurne 7), unter den Truͤmmern der Alter-

thuͤmer
1) conf. Winckelm. Pref. à la Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 15.
2) Stat. ant. n. 43.
3) Antiqu. expl. T. I. p. 361. Supplem, T. I. p. 215.
4) Ant. expl. T. I. p. 365.
5) Montelat. Vil. Borgh. p. 294.
6) Ant. expl.
7) conf. Winckelm. Deſcr. des Pier. gr. etc. p. 273.

Vorrede.
thuͤmer des Hauſes Barberini, welche vor einiger Zeit verkauft
worden ſind.

Es faͤllt mir ein, daß ein anderer Franzos, Martin, ein
Menſch, welcher ſich erkuͤhnen koͤnnen zu ſagen, Grotius habe
die Siebenzig Dolmetſcher nicht verſtanden, entſcheidend und kuͤhn
vorgiebt 1), die beyden Genii an den alten Urnen koͤnnen nicht
den Schlaf und den Tod bedeuten; und der Altar, an welchem ſie
in dieſer Bedeutung mit der alten Ueberſchrift des Schlafs und des
Todes ſtehen, iſt oͤffentlich in dem Hofe des Pallaſtes Albani auf-
geſtellet 2). Ein anderer von ſeinen Landesleuten ſtraft den Juͤn-
geren Plinius Luͤgen, uͤber die Beſchreibung ſeiner Villa 3), von
deren Wahrheit uns die Truͤmmer derſelben uͤberzeugen.

Gewiſſe Vergehungen der Scribenten uͤber die Alterthuͤmer,
haben ſich durch den Beyfall und durch die Laͤnge der Zeit gleich-
ſam ſicher vor der Widerlegung gemacht. Ein rundes Werk von
Marmor in der Villa Giuſtiniani, dem man durch Zuſaͤtze die
Form einer Vaſe gegeben, mit einem Bacchanale in erhobener
Arbeit, iſt, nachdem es Spon zuerſt bekannt gemachet hat 4),
in vielen Buͤchern in Kupfer erſchienen, und zu Erlaͤuterungen
gebraucht worden. Ja man hat aus einer Eydexe, die an einem
Baume hinauf kriechet, muthmaßen wollen, daß dieſes Werk von
der Hand des Sauros ſeyn koͤnne 5), welcher mit einem Ba-
trachus den Portico des Metellus gebauet hat: gleichwohl iſt es
eine neue Arbeit. Man ſehe, was ich in den Anmerkungen
uͤber die Baukunſt
von dieſen beyden Baumeiſtern geſagt

habe.
1) Explic. des Monum. qui ont rapport à la relig. p. 36.
2) conf. Spanh. Obſ. in Callim. Hymn. in Del. p. 459.
3) conf. Lanciſ. Animadv. in Vil. Plin. p. 22.
4) Miſcell. ant. p. 28.
5) Stoſch Pref. Pier. gr. p. 8.

Vorrede.
habe. Eben ſo muß diejenige Vaſe neu ſeyn, von welcher Spon
in einer beſondern Schrift handelt 1), wie es der Augenſchein den
Kennern des Alterthums und des guten Geſchmacks giebt.

Die mehreſten Vergehungen der Gelehrten in Sachen der
Alterthuͤmer ruͤhren aus Unachtſamkeit der Ergaͤnzungen her:
denn man hat die Zuſaͤtze anſtatt der verſtuͤmmelten und verlohrnen
Stuͤcke von dem wahren Alten nicht zu unterſcheiden verſtanden.
Ueber dergleichen Vergehungen waͤre ein großes Buch zu ſchrei-
ben: denn die gelehrteſten Antiquarii haben in dieſem Stuͤcke ge-
fehlet. Fabretti wollte aus einer erhobenen Arbeit im Palla-
ſte Mattei, welche eine Jagd des Kaiſers Gallienus vorſtellet 2),
beweiſen, daß damals ſchon Hufeiſen, nach heutiger Art angena-
gelt, in Gebrauch gekommen 3); und er hat nicht gekannt, daß
das Bein des Pferdes von einem unerfahrnen Bildhauer ergaͤn-
zet worden. Die Ergaͤnzungen haben zu laͤcherlichen Auslegun-
gen Anlaß gegeben. Montfaucon, zum Exempel, deutet 4) ei-
ne Rolle, oder einen Stab, welcher neu iſt, in der Hand des
Caſtors oder Pollux, in der Villa Borgheſe, auf die Geſetze der
Spiele in Wettlaͤufen zu Pferde, und in einer aͤhnlichen neu an-
geſetzten Rolle, welche der Mercurius in der Villa Ludoviſi haͤlt,
findet derſelbe eine ſchwer zu erklaͤrende Allegorie; ſo wie Tri-
ſtan
auf dem beruͤhmten Agath zu St. Denis, einen Riem an
einem Schilde, welchen der vermeynte Germanicus haͤlt, fuͤr
Friedensartikel angeſehen 5). Das heißt, St. Michael eine

Ceres
1) Diſcours ſur une piece ant. du Cab. de Iac. Spon.
2) Bartoli Admirand. ant. Tab. 24.
3) Fabret. de Column. Traj. c. 7. p. 225. conf. Montfauc. Antiqu. explic.
T. 4. p.
79.
4) Idem Antiqu. expl. T. I. p. 297.
5) Comment. hiſt. T. I. p. 106.
c

Vorrede.
Ceres getauft 1). Wright haͤlt 2) eine neue Violin, die man
einem Apollo in der Villa Negroni in die Hand gegeben, fuͤr
wahrhaftig alt, und berufet ſich auf eine andere neue Violin, an
einer kleinen Figur von Erzt, zu Florenz, die auch Addiſon
anfuͤhret 3). Jener glaubet Raphaels Ehre zu vertheidigen, weil
dieſer große Kuͤnſtler, nach ſeiner Meynung, die Form der
Violin, welche er dem Apollo auf dem Parnaſſo im Vatican in
die Hand gegeben, von beſagter Statue werde genommen haben,
die allererſt uͤber anderthalb hundert Jahre nachher vom Bernini
iſt ergaͤnzet worden; man haͤtte mit eben ſo viel Grunde einen
Orpheus mit einer Violin, auf einem geſchnittenen Steine, anfuͤh-
ren koͤnnen 4). Eben ſo hat man an dem ehemaligen gemalten
Gewoͤlbe in dem alten Tempel des Bacchus vor Rom, eine kleine
Figur mit einer neuen Violin zu ſehen vermeynet 5): hieruͤber
aber hat ſich Santes Bartoli, welcher dieſelbe gezeichnet,
nachher beſſer belehren laſſen, und aus ſeiner Kupferplatte das
Inſtrument weggenommen, wie ich aus dem Abdrucke deſſelben
ſehe, welchen er ſeinen ausgemalten Zeichnungen von alten Ge-
maͤlden, in dem Muſeo des Herrn Cardinals Alexander Al-
bani,
beygefuͤget hat. Durch die Kugel in der Hand der Sta-
tue des Caͤſars im Campidoglio 6) hat der alte Meiſter derſelben,
nach der Auslegung eines neuern Roͤmiſchen Dichters 7), die
Begierde deſſelben nach einer unumſchraͤnkten Herrſchaft andeu-

ten
1) v. Hiſt. de l’Acad. des Inſcr. T. 3. p. 300.
2) Obſerv. made in Travels through France Ital. p. 265.
3) Remarks, p. 241.
4) Maffei Gemme, T. 4. p. 96.
5) Ciampini vet. Monum. T. 2. tab. 1. p. 2.
6) Maffei Stat. ant. tav. 15.
7) Concorſo dell’Acad. di S. Luca, a. 1738.

Vorrede.
ten wollen: er hat nicht geſehen, daß beyde Arme und Haͤnde
neu ſind. Herr Spence haͤtte ſich bey dem Zepter eines Jupi-
ters nicht aufgehalten 1), wenn er wahrgenommen, daß der Arm
neu, und folglich auch der Stab neu iſt.

Die Ergaͤnzungen ſollten in den Kupfern, oder in ihren
Erklaͤrungen, angezeiget werden: denn der Kopf des Ganyme-
des in der Gallerie zu Florenz muß nach dem Kupfer einen
ſchlechten Begriff machen 2), und er iſt noch ſchlechter im Ori-
ginale. Wie viel andere Koͤpfe alter Statuen daſelbſt ſind neu,
die man nicht dafuͤr angeſehen hat! wie der Kopf eines Apollo,
deſſen Lorbeerkranz vom Gori als etwas beſonders angefuͤhret
wird 3). Neue Koͤpfe haben der Narciſſus, der ſogenannte
Phrygiſche Prieſter, eine ſitzende Matrone, die Venus Gene-
trix 4): der Kopf der Diana, eines Bacchus mit dem Sa-
tyr zu deſſen Fuͤßen, und eines andern Bacchus, der eine
Weintraube in die Hoͤhe haͤlt, ſind abſcheulich ſchlecht 5). Die
mehreſten Statuen der Koͤniginn Chriſtina von Schweden, wel-
che zu St. Ildefonſe in Spanien ſtehen, haben ebenfalls neue
Koͤpfe, und die acht Muſen daſelbſt auch die Arme.

Viele Vergehungen der Scribenten ruͤhren auch aus un-
richtigen Zeichnungen her, welches zum Exempel die Urſache
davon in Cupers Erklaͤrung des Homerus iſt. Der Zeichner
hat die Tragoͤdie fuͤr eine Maͤnnliche Figur angeſehen, und es
iſt der Cothurnus, welcher auf dem Marmor ſehr deutlich iſt,

nicht
1) Polymet. Dial. 6. p. 46. not. 3.
2) Muſ. Flor. T. 3. tav. 5.
3) Ibid. alla tav. 10.
4) Ibid. tav. 71. 80. 88. 33.
5) Ibid. tav. 19. 47. 50.
c 2

Vorrede.
nicht angemerket. Ferner iſt der Muſe, welche in der Hoͤhle
ſteht, anſtatt des Plectrum eine gerollete Schrift in die
Hand gegeben. Aus einem heiligen Dreyfuße will der Er-
klaͤrer ein Aegyptiſches Tau machen, und an dem Mantel
der Figur vor dem Dreyfuße behauptet derſelbe drey Zipfel zu
ſehen, welches ſich ebenfalls nicht findet.

Es iſt daher ſchwer, ja faſt unmoͤglich, etwas gruͤndliches
von der alten Kunſt, und von nicht bekannten Alterthuͤmern, auſ-
ſer Rom zu ſchreiben: es ſind auch ein paar Jahre hieſiges Auf-
enthalts dazu nicht hinlaͤnglich, wie ich an mir ſelbſt nach einer
muͤhſamen Vorbereitung erfahren. Man muß ſich nicht wun-
dern, wenn jemand ſagt 1), daß er in Italien keine unbekannte
Inſchriften entdecken koͤnnen: dieſes iſt wahr, und alle, welche
uͤber der Erde, ſonderlich an oͤffentlichen Orten, ſtehen, ſind der
Aufmerkſamkeit der Gelehrten nicht entgangen. Wer aber Zeit
und Gelegenheit hat, findet noch allezeit unbekannte Inſchriften,
welche lange Zeit entdecket geweſen, und diejenigen, welche ich
in dieſem Werke ſowohl, als in der Beſchreibung der geſchnit-
tenen Steine des Stoßiſchen Muſei, angefuͤhret habe, ſind von
dieſer Art: aber man muß dieſelben zu ſuchen verſtehen, und ein
Reiſender wird dieſelben ſchwerlich finden.

Noch viel ſchwerer aber iſt die Kenntniß der Kunſt in den
Werken der Alten, in welchen man nach hundertmal wiederſe-
hen noch Entdeckungen machet. Aber die mehreſten gedenken
zu derſelben zu gelangen, wie diejenigen, welche aus Monaths-
ſchriften ihre Wiſſenſchaften ſammeln, und unterſtehen ſich vom
Laocoon, wie dieſe vom Homerus, zu urtheilen, auch im An-
geſichte desjenigen, der dieſen und jenen viele Jahre ſtudiret hat:

ſie
1) Chamillart Lettre 18. p. 101.

Vorrede.
ſie reden aber hingegen von dem groͤßten Dichter, wie Lamo-
the,
und von der vollkommenſten Statue, wie Arentino.
Ueberhaupt ſind die mehreſten Scribenten in dieſen Sachen, wie
die Fluͤße, welche aufſchwellen, wenn man ihr Waſſer nicht noͤthig
hat, und trocken bleiben, wenn es am Waſſer fehlet.

In dieſer Geſchichte der Kunſt habe ich mich bemuͤhet, die
Wahrheit zu entdecken, und da ich die Werke der alten Kunſt
mit Muße zu unterſuchen alle erwuͤnſchte Gelegenheit gehabt, und
nichts erſparet habe, um zu den noͤthigen Kenntniſſen zu gelan-
gen, ſo glaubte ich, mich an dieſe Abhandlung machen zu koͤn-
nen. Die Liebe zur Kunſt iſt von Jugend auf meine groͤßte
Neigung geweſen, und ohnerachtet mich Erziehung und Um-
ſtaͤnde in ein ganz entferntes Gleis gefuͤhret hatten, ſo meldere
ſich dennoch allezeit mein innerer Beruf. Ich habe alles, was
ich zum Beweis angefuͤhret habe, ſelbſt und vielmal geſehen,
und betrachten koͤnnen, ſo wohl Gemaͤlde und Statuen, als
geſchnittene Steine und Muͤnzen; um aber der Vorſtellung
des Leſers zu Huͤlfe zu kommen, habe ich ſowohl Steine, als
Muͤnzen, welche ertraͤglich in Kupfer geſtochen ſind, aus Buͤ-
chern zugleich mit angefuͤhret.

Man wundere ſich aber nicht, wenn man einige Werke der
alten Kunſt mit dem Namen des Kuͤnſtlers, oder andere, welche
ſich ſonſt merkwuͤrdig gemacht haben, nicht beruͤhret findet. Die-
jenigen, welche ich mit Stillſchweigen uͤbergangen habe, werden
Sachen ſeyn, die entweder nicht dienen zur Beſtimmung des
Stils, oder einer Zeit in der Kunſt, oder ſie werden nicht mehr
in Rom vorhanden, oder gar vernichtet ſeyn: denn dieſes Un-
gluͤck hat ſehr viel herrliche Stuͤcke in neueren Zeiten betroffen,
wie ich an verſchiedenen Orten angemerket habe. Ich wuͤrde den
Trunk einer Statue, mit dem Namen Apollonius des Ne-

ſtors
c 3

Vorrede.
ſtors Sohn aus Athen 1), welche ehemals in dem Palla-
ſte Maſſimi war, beſchrieben haben; er hat ſich aber verloh-
ren. Ein Gemaͤlde der Goͤttinn Roma, (nicht das bekannte im
Pallaſte Barberini) welches Spon beybringet 2), iſt auch nicht
mehr in Rom. Das Nymphaͤum, vom Holſtein beſchrieben 3),
iſt durch Nachlaͤßigkeit, wie man vorgiebt, verdorben, und wird
nicht mehr gezeiget. Die erhobene Arbeit, wo die Malerey das
Bild des Varro malete, welches dem bekannten Ciampini ge-
hoͤrete 4), hat ſich ebenfalls aus Rom verlohren, ohne die gering-
ſte weitere Nachricht. Die Herma von dem Kopfe des Speuſip-
pus 5), der Kopf des Xenocrates 6), und verſchiedene andere mit
dem Namen der Perſon, oder des Kuͤnſtlers, haben gleiches
Schickſal gehabt. Man kann nicht ohne Klagen die Nachrichten
von ſo vielen alten Denkmalen der Kunſt leſen, welche ſowohl in
Rom, als anderwerts, zu unſerer Vaͤter Zeiten vernichtet wor-
den, und von vielen hat ſich nicht einmal die Anzeige erhalten.
Ich erinnere mich einer Nachricht, in einem ungedruckten Schrei-
ben des beruͤhmten Peireſc an den Commendator del Pozzo,
von vielen erhobenen Arbeiten in den Baͤdern zu Pozzuolo bey
Neapel, welche noch unter Pabſt Paul III. daſelbſt ſtanden, auf
welchen Perſonen mit allerhand Krankheiten behaftet vorgeſtellet
waren, die in dieſen Baͤdern die Geſundheit erlanget hatten: die-
ſes iſt die einzige Nachricht, welche ſich von denſelben findet. Wer
ſollte glauben, daß man noch zu unſern Zeiten aus dem Sturze

einer
1) Spon. Miſcel. ant. p. 122. Dati Vite de’Pittori, p. 118.
2) Recherch. d’ Antiq. Diſſ. 13. p. 195.
3) Vet. pict. Nymph. referens, Rom. 1675. fol.
4) in fronte alle Pitture ant. di Bartoli.
5) Fulv. Vrſin. Imag. 137. conf. Montfauc. Palaeogr. Gr. L. 2. c. 6. p. 153.
6) Spon. Miſcel. ant. p. 136.

Vorrede.
einer Statue, von welcher der Kopf vorhanden iſt, zwo andere Fi-
guren gemachet? und dieſes iſt zu Parma in dieſem Jahre, da ich
dieſes ſchreibe, geſchehen, mit einem Coloſſaliſchen Sturze eines
Jupiters, von welchem der ſchoͤne Kopf in der Maleracademie da-
ſelbſt aufgeſtellet iſt. Die zwo neuen aus der alten gemeißelte Figu-
ren, von der Art, wie man ſich leicht vorſtellen kann, ſtehen in
dem Herzoglichen Garten. Dem Kopfe hat man die Naſe auf
die ungeſchickteſte Weiſe angeſetzet, und der neue Bildhauer hat
fuͤr gut gefunden, den Formen des alten Meiſters an der Stirne,
an den Backen und am Barte nachzuhelfen, und das, was ihm
uͤberfluͤßig geſchienen, hat er weggenommen. Ich habe vergeſſen
zu ſagen, daß dieſer Jupiter in der neulich entdeckten verſchuͤtteten
Stadt Velleja, im Parmeſaniſchen, gefunden worden. Auſ-
ſerdem ſind bey Menſchen Gedenken, ja ſeit meinem Aufenthalte
in Rom, viel merkwuͤrdige Sachen nach Engeland gefuͤhret wor-
den, wo ſie, wie Plinius redet, in entlegenen Landhaͤuſern ver-
bannet ſtehen.

Da die vornehmſte Abſicht dieſer Geſchichte auf die Kunſt
der Griechen geht, ſo habe ich auch in dem Capitel von derſelben
umſtaͤndlicher ſeyn muͤſſen, und ich haͤtte mehr ſagen koͤnnen,
wenn ich fuͤr Griechen, und nicht in einer neuern Sprache ge-
ſchrieben, welche mir gewiſſe Behutſamkeiten aufgeleget; in die-
ſer Abſicht habe ich ein Geſpraͤch uͤber die Schoͤnheit, nach Art
des Phaͤdrus des Plato, welches zur Erlaͤuterung der Theoreti-
ſchen Abhandlung derſelben haͤtte dienen koͤnnen, wiewohl unger-
ne, weggelaſſen.

Alle Denkmale der Kunſt, ſowohl von alten Gemaͤlden und
Figuren in Stein, als in geſchnittenen Steinen, Muͤnzen und
Vaſen, welche ich zu Anfang und zu Ende der Capitel, oder ih-
rer Abtheilungen, zugleich zur Zierde und zum Beweiſe, angebracht

habe,

Vorrede.
habe, ſind niemals vorher oͤffentlich bekannt gemachet worden, und
ich habe dieſelben zuerſt zeichnen und ſtechen laſſen.

Ich habe mich mit einigen Gedanken gewaget, welche nicht
genug erwieſen ſcheinen koͤnnen: vielleicht aber koͤnnen ſie andern,
die in der Kunſt der Alten forſchen wollen, dienen, weiter zu ge-
hen; und wie oft iſt durch eine ſpaͤtere Entdeckung eine Muthmaſ-
ſung zur Wahrheit geworden. Muthmaßungen, aber ſolche, die
ſich wenigſtens durch einen Faden an etwas Feſten halten, ſind
aus einer Schrift dieſer Art eben ſo wenig, als die Hypotheſes
aus der Naturlehre zu verbannen; ſie ſind wie das Geruͤſte zu ei-
nem Gebaͤude, ja ſie werden unentbehrlich, wenn man, bey dem
Mangel der Kenntniße von der Kunſt der Alten, nicht große
Spruͤnge uͤber viel leere Plaͤtze machen will. Unter einigen
Gruͤnden, welche ich von Dingen, die nicht klar wie die Sonne
ſind, angebracht habe, geben ſie einzeln genommen, nur Wahr-
ſcheinlichkeit, aber geſammelt und einer mit dem andern verbun-
den, einen Beweis.

Das Verzeichniß der Buͤcher, welches vorangeſetzet iſt, be-
greift nicht alle und jede, welche ich angefuͤhret habe; wie denn
unter denſelben von alten Dichtern nur der einzige Nonnus iſt,
weil in der erſten und ſeltenen Ausgabe, deren ich mich bedienet,
nur die Verſe einer jeden Seite, und nicht der Buͤcher in demſel-
ben, wie in den uͤbrigen Dichtern, gezaͤhlet ſind. Von den al-
ten Griechiſchen Geſchichtſchreibern ſind mehrentheils die Ausga-
ben von Robert und von Heinrich Stephanus angefuͤhret, welche
nicht in Capitel eingetheilet ſind, und dieſerwegen habe ich die Zeile
einer jeden Seite angemerket.

An Vollendung dieſer Arbeit hat mein wuͤrdiger und gelehr-
ter Freund, Herr Frank, ſehr verdienter Aufſeher der beruͤhmten

und

Vorrede.
und praͤchtigen Buͤnauiſchen Bibliothek, einen großen Antheil,
wofuͤr ich demſelben oͤffentlich hoͤchſt verbindlichen Dank zu ſagen
ſchuldig bin: denn deſſen guͤtiges Herz haͤtte mir von unſerer in
langer gemeinſchaftlicher Einſamkeit gepflogenen Freundſchaft kein
ſchaͤtzbareres Zeugniß geben koͤnnen.

Ich kann auch nicht unterlaſſen, da die Dankbarkeit an je-
dem Orte loͤblich iſt, und nicht oft genug wiederholet werden kann,
dieſelbe meinen ſchaͤtzbaren Freunden, Herrn Fueßli, zu Zuͤrich, und
Herrn Will, zu Paris, von neuem hier zu bezeugen. Ihnen
haͤtte mit mehrerem Rechte, was ich von den Herculaniſchen Ent-
deckungen bekannt gemachet habe, zugeſchrieben werden ſollen:
denn unerſucht, ohne mich zu kennen, und aus freyem gemein-
ſchaftlichen Triebe, aus wahrer Liebe zur Kunſt, und zur Erweite-
rung unſerer Kenntniſſe, unterſtuͤtzten ſie mich auf meiner erſten
Reiſe an jene Orte durch einen großmuͤthigen Beytrag. Men-
ſchen von dieſer Art ſind, vermoͤge einer ſolchen That allein, ei-
nes ewigen Gedaͤchtniſſes wuͤrdig, welches Sie ihre eigenen Ver-
dienſte verſichern.

Ich kuͤndige zugleich dem Publico ein Werk an, welches in
Welſcher Sprache, auf meine eigene Koſten gedruckt, auf Regal-
Folio, im kuͤnftigen Fruͤhlinge zu Rom erſcheinen wird. Es iſt
daſſelbe eine Erlaͤuterung niemals bekannt gemachter Denkmale
des Alterthums von aller Art, ſonderlich erhobener Arbeiten in
Marmor, unter welchen ſehr viele ſchwer zu erklaͤren waren, an-
dere ſind von erfahrnen Alterthumsverſtaͤndigen, theils fuͤr unauf-
loͤsliche Raͤtzel angegeben, theils voͤllig irrig erklaͤret worden.
Durch dieſe Denkmale wird das Reich der Kunſt mehr, als vor-
her geſchehen, erweitert; es erſcheinen in denſelben ganz unbe-
kannte Begriffe und Bilder, die ſich zum Theil auch in den Nach-
richten der Alten verlohren haben, und ihre Schriften werden

an
d

Vorrede.
an vielen Orten, wo ſie bisher nicht verſtanden worden ſind, auch
ohne Huͤlfe dieſer Werke nicht haben koͤnnen verſtanden werden,
erklaͤret, und in ihr Licht geſetzet. Es beſteht daſſelbe aus zwey-
hundert und mehr Kupfern, welche von dem groͤßten Zeichner in
Rom, Herrn Johann Caſanova, Sr. Koͤnigl. Majeſtaͤt in Pohlen
penſionirten Maler, ausgefuͤhret ſind, ſo daß kein Werk der Alter-
thuͤmer Zeichnungen aufzuweiſen hat, welche mit ſo viel Richtigkeit,
Geſchmack und Kenntniß des Alterthums ſich anpreißen koͤnnen.
Ich habe an der uͤbrigen Auszierung deſſelben nichts ermangeln
laſſen, und es ſind alle Anfangsbuchſtaben in Kupfer geſtochen.

Dieſe Geſchichte der Kunſt weihe ich der Kunſt, und der
Zeit, und beſonders meinem Freunde, Herrn Anton Raphael
Mengs.
Rom, im Julius, 1763.

[Abbildung]

Inhalt


Inhalt
der Geſchichte der Kunſt des Alterthums.
Erſter Theil.
Unterſuchung der Kunſt nach dem Weſen derſelben.


Erſtes Capitel.
Von dem Urſprunge der Kunſt, und den Urſachen ihrer

Verſchiedenheit unter vielen Voͤlkern.
Erſtes Stuͤck.
I. Allgemeiner Begriff dieſer Geſchichte.
II. Anfang der Kunſt mit der Bildhauerey.
III. Aehnlicher Urſprung derſelben bey verſchiedenen Voͤlkern.
IV. Alterthum derſelben in Aegypten.
V. Spaͤtere, aber urſpruͤngliche Kunſt bey den Griechen.
VI. Anwachſende Bildung einer Figur durch den Kopf.
VII. Durch Anzeige des Geſchlechts.
VIII. Durch Geſtalt der Beine, von dem Daͤdalus.
IX. Aehnlichkeit der erſten Figuren bey den Aegyptern, Hetruriern und Griechen.
X. Groͤßere Wahrſcheinlichkeit fuͤr die Mittheilung der Kunſt von den Phoͤniciern,
als von den Aegyptern, an die Griechen.
XI. Aehnlicher Gebrauch bey gedachten drey Voͤlkern, die Figuren mit Schrift
zu bezeichnen.
XII. Erklaͤrung der Aehnlichkeit der Aegyptiſchen und Griechiſchen aͤlteſten Figuren.
XIII. Eigenſchaft des aͤlteſten Stils der Zeichnung.
Zweytes Stuͤck.
I. Erſte Materie der Kuͤnſtler, der Thon.
II. Gemalte Gefaͤße von Thon.
III. Die
d 2
Inhalt
III. Die zwote Art Figuren von Holz.
IV. Ferner in Elfenbein.
V. Hierauf in Stein, und erſtlich in dem jedem Lande eigenen.
VI. In Marmor, und anfaͤnglich die aͤußern Theile der Figur. Von uͤbermal-
ten Statuen.
VII. Von Figuren in Erzt.
VIII. Von der Kunſt in Stein zu ſchneiden.
Drittes Stuͤck.
I. Einfluß des Himmels in die Bildung.
A. Ueberhaupt,
B. und beſonders in die Werkzeuge der Sprache.
C. Bildung der Aegypter.
D. Der Griechen und Italiener.
E. Bildung der Schoͤnheit unter einem warmen Himmel.
F. Vorzuͤgliche Schoͤnheiten unter den Griechen.
G. Beſonderer Beweis deſſelben.
II. Einfluß des Himmels in die Denkungsart.
A. Der Morgenlaͤndiſchen und Mittaͤgigen Voͤlker.
B. Der Griechen.
C. Verſchiedenheit der Erziehung, Verfaſſung und Regierung der Voͤlker.
D. Unter den Griechen.
E. In Rom.
F. Faͤhigkeit der Engelaͤnder zur Kunſt.
G. Naͤhere Beſtimmung dieſer Gedanken.
Das zweyte Capitel.
Erſter Abſchnitt. Von der Kunſt der Aegypter.
I. Urſachen der Kunſt dieſes Volks.
A. In ihrer Bildung.
B. In ihrer Gemuͤths- und Denkungsart, in ihren Geſetzen, Gebraͤuchen, und
in ihrer Religion.
C. In der Achtung ihrer Kuͤnſtler.
D. In der Wiſſenſchaft der Kuͤnſtler.
II. Stil der Kunſt der Aegypter.
A. Von dem aͤltern Stile.
a. In der Zeichnung des Nackenden.
Deren Eigenſchaften
aa. All-
des erſten Theils.
aa. Allgemein.
bb. Beſonders in verſchiedenen Theilen des Koͤrpers angezeiget.
α. Der Kopf.
β. Die Haͤnde.
γ. Die Fuͤße.
cc. Beſondere Geſtaltung ihrer goͤttlichen Figuren und beygelegten
Zeichen. Insbeſondere von Sphynxen.
b. Von der Bekleidung der Figuren des aͤltern Stils.
aa. Der Rock.
bb. Andere Stuͤcke der Kleidung und des Schmucks.
B. Von dem folgenden und ſpaͤteren Stile der Aegyptiſchen Kunſt.
a. In der Zeichnung des Nackenden.
aa. Deren Eigenſchaften.
bb. Beſondere allgemeine Anmerkungen.
b. Von der Bekleidung der Figuren dieſes Stils.
C. Von Nachahmung Aegyptiſcher Werke unter dem Kaiſer Hadrian.
a. Allgemein.
b. Beurtheilung beſonderer Werke.
aa. In Abſicht der Zeichnung.
bb. Der Bekleidung.
III. Das Mechaniſche Theil der Aegyptiſchen Kunſt.
A. Von Ausarbeitung ihrer Werke.
B. Von der Materie, in welcher die Aegyptiſchen Kuͤnſtler gearbeitet.
a. In Holz. Angezeigte Werke.
b. In Erzt, und Werke in dieſer Art.
c. In Stein.
aa. Granit.
bb. Baſalt.
cc. Alabaſter.
dd. Porphyr.
ee. Marmor.
IV. Schluß dieſes Abſchnittes von einer Muͤnze.
Zweyter Abſchnitt. Von der Kunſt der Phoͤnicier und Perſer.
I. Von der Kunſt der Phoͤnicier.
A. Von der Natur des Landes, der Bildung der Einwohner, von ihren Wiſ-
ſenſchaften, Pracht und Handel.
B. Von Bildung ihrer Gottheiten.
C. Von Werken ihrer Kunſt.
D. Von ihrer Kleidung.
E. Von der Kunſt unter den Juden.
II. Von
d 3
Inhalt
II. Von der Kunſt der Perſer.
A. Von Denkmalen ihrer Kunſt.
B. Von Bildung der Perſer.
C. Urſachen des geringen Wachsthums der Kunſt unter ihnen.
a. Aus ihrem Abſcheu nackende Koͤrper zu ſehen.
b. Aus ihrer Kleidung.
c. Aus ihrem Gottesdienſte.
D. Von der Kunſt bey den Parthern.
Allgemeine Erinnerungen uͤber die Kunſt dieſer drey Voͤlker.
Das dritte Capitel.
Von der Kunſt der Hetrurier und benachbarten Voͤlker.
Erſtes Stuͤck. Von den Hetruriern.
I. Die aͤußern Umſtaͤnde der Kunſt.
A. Die Freyheit dieſes Volks, welche der Kunſt befoͤrderlich war.
B. Die Gemuͤthsart der Hetrurier, in welcher die Eigenſchaften der Werke ihrer
Kunſt koͤnnen geſuchet werden.
C. Die ungluͤcklichen Kriege mit den Roͤmern, und der Fall ihrer Verfaſſung,
wodurch der Lauf der Kunſt bey ihnen gehemmet wurde.
II. Die Art und Weiſe der Vorſtellung ihrer Goͤtter und Helden.
A. Einige hatten ſie mit den Griechen gemein.
B. Ihre eigenthuͤmlichen Vorſtellungen derſelben waren zum Theil ſeltſam, wie
bey den aͤlteſten Griechen.
C. Bildung der Obern Goͤtter.
a. Mit Fluͤgeln.
b. Mit Donnerkeilen.
D. Beſondere Bildung einzelner Goͤtter.
a. Maͤnnlichen Geſchlechts.
b. Weiblichen Geſchlechts.
E. Vorſtellung der Helden auf Hetruriſchen Denkmalen.
III. Anzeige der vornehmſten Hetruriſchen Werke.
A. Kleine Figuren in Erzt und Thiere.
B. Statuen von Erzt und Marmor.
C. Erhobene Arbeiten.
D. Geſchnittene Steine.
E. Muͤnzen.
F. Zugabe. Von vermeynten Hetruriſchen Urnen von Porphyr.
Zweytes
des erſten Theils.
Zweytes Stuͤck. Von dem Stile der Hetruriſchen Kuͤnſtler.
I. Allgemeine Erinnerung uͤber denſelben.
II. Verſchiedene Stuffen und Zeiten deſſelben.
A. Von dem aͤltern Stile und deſſen Eigenſchaften.
B. Anzeige des Uebergangs aus dieſem Stile in den folgenden.
C. Von dem zweyten Stile der Hetrurier und deſſen Eigenſchaften.
D. Erlaͤuterung deſſelben.
E. Von dem ſpaͤtern Stile der Hetruriſchen Kuͤnſtler.
F. Von der Bekleidung Hetruriſcher Figuren.
Drittes Stuͤck. Von der Kunſt der mit den Hetruriern graͤnzenden
Voͤlker.
I. Der Samniter.
II. Der Volsker.
III. Der Campaner.
A. Muͤnzen.
B. Gemalte Gefaͤße.
IV. Anzeige einiger Figuren aus der Inſel Sardinien.
Beſchluß dieſes Capitels.
Das vierte Capitel.
Von der Kunſt unter den Griechen.
Erſtes Stuͤck. Von den Gruͤnden und Urſachen des Aufnehmens und des
Vorzugs der Griechiſchen Kunſt vor andern Voͤlkern.
I. Von dem Einfluſſe des Himmels.
II. Von der Verfaſſung und Regierung unter den Griechen, in welcher zu be-
trachten iſt
A. Die Freyheit.
B. Die Belohnung der Leibesuͤbungen und anderer Verdienſte mit Statuen.
C. Die aus der Freyheit gebildete Denkungsart.
III. Von der Achtung der Kuͤnſtler.
IV. Von Anwendung der Kunſt.
V. Von dem verſchiedenen Alter der Bildhauerey und Malerey.
Zweytes
Inhalt
Zweytes Stuͤck. Von dem Weſentlichen der Kunſt.
I. Von der Zeichnung des Nackenden, welche ſich gruͤndet auf die Schoͤnheit.
A. Von der Schoͤnheit allgemein, und zwar
a. Der verneinende Begriff derſelben.
b. Der bejahende Begriff, und zwar erſtlich allgemein.
aa. Die Bildung der Schoͤnheit in Werken der Kunſt.
α. Die Individuelle Schoͤnheit.
β. Die Idealiſche Schoͤnheit.
αα. Der Maͤnnlichen Jugendlichen Gottheiten.
א. Die verſchiedenen Stuffen der Jugend.
אא. Der Faune. Unrichtiger Begriff eines Scriben-
ten von deren Bildung.
בב. Die Jugend und Bildung des Apollo, und eines
ſchoͤnen Genius in der Villa Borgheſe.
ננ. Die Jugend anderer Goͤtter, ſonderlich des Mars.
Unrichtiger Begriff eines Scribenten von deſſen
Bildung.
דד. Die Jugend des Hercules.
הה. Die Jugend verſchnittener Naturen im Bac-
chus.
ββ. Schoͤnheit der Gottheiten Maͤnnlichen Alters, und der
Unterſchied eines Menſchlichen und vergoͤtterten
Hercules.
γγ. Begriff der Schoͤnheit in Figuren der Helden. Irriger
Begriff eines Scribenten von derſelben.
δδ. Begriff der Schoͤnheiten in Weiblichen Gottheiten.
γ. Allgemeine Betrachtung uͤber die Idealiſche Schoͤnheit.
bb. Von dem Ausdrucke in der Schoͤnheit, ſowohl in Gebaͤhrden, als in
der Handlung.
α. Im Vaticaniſchen Apollo.
β. Von dem Stande der Figuren Maͤnnlicher Gottheiten.
γ. Ausdruck in Figuren aus der Heldenzeit; insbeſondere an der
Niobe und am Laocoon betrachtet.
δ. Erinnerung uͤber den Ausdruck neuerer Kuͤnſtler.
cc. Von der Proportion.
α. Allgemein.
β. Genauere Beſtimmung derſelben.
γ. Sonderlich in Abſicht auf die Maaß des Fußes, wo die irrigen
Einwendungen einiger Scribenten widerleget werden.
δ. Beſtimmung der Proportion des Geſichts fuͤr Zeichner.
dd. Von
des erſten Theils.
dd. Von der Schoͤnheit einzelner Theile des Koͤrpers.
α. Des Geſichts, und insbeſondere
αα. Des Profils deſſelben.
ββ. Der Augenbranen.
γγ. Der Augen.
δδ. Der Stirn.
εε. Des Mundes.
ζζ. Des Kinns.
β. Der uͤbrigen aͤußern Theile, als der Haͤnde und der Fuͤße.
γ. Der Flaͤchen, als der Bruſt, des Unterleibes, ingleichen der
Schaam und der Knie.
ee. Allgemeine Erinnerung uͤber dieſe Abhandlung.
ff. Von der Zeichnung der Figuren der Thiere von Griechiſchen
Meiſtern.
II. Von der Zeichnung bekleideter Griechiſcher Figuren Weibliches Geſchlechts.
A. Von dem Zeuge der Kleidung.
a. Aus Leinewand und anderm leichten Zeuge.
b. Aus Baumwolle.
c. Aus Seide.
d. Aus Tuche.
B. Von den Arten und der Form Weiblicher Kleidung.
a. Von dem Unterkleide.
b. Von der Schnuͤrbruſt.
c. Von dem Rocke.
aa. Der viereckigte Rock.
bb. Mit engen genaͤheten Ermeln.
cc. Mit andern Ermeln.
dd. Von der Beſetzung des Rocks.
ee. Vom Aufſchuͤrzen des Rocks, und insbeſondere von dem Guͤrtel.
ff. Von dem Guͤrtel der Venus.
gg. Von Figuren ohne Guͤrtel.
d. Von dem Weiblichen Mantel, und beſonders von deſſen Zirkelrunder
Form.
aa. Von dem großen Mantel.
α. Von den Quaͤſtgen an demſelben.
β. Die Art den Mantel umzuwerfen.
γ. Von dem doppelten Mantel der Cyniker.
δ. Fernere Anzeige des Wurfs Weiblicher Maͤntel.
bb. Von den kurzen Maͤnteln der Griechiſchen Weiber.
e. Von dem Zuſammenlegen der Weiblichen Kleidung.
C. Von
e
Inhalt
C. Von der Zierlichkeit des Weiblichen Anzugs.
a. An der Kleidung allgemein.
b. Von dem Schmucke, insbeſondere
aa. Des Kopfs.
bb. Der Fuͤße.
cc. Der Arme.
c. Allgemeine Betrachtung uͤber die Zierlichkeit an Griechiſchen Weiblichen
Figuren.
Drittes Stuͤck. Von dem Wachsthume und dem Falle der Griechiſchen
Kunſt, in welcher vier Zeiten und eben ſo viel Stile koͤnnen ge-
ſetzet werden.
I. Der aͤltere Stil.
A. Denkmale deſſelben.
a. Auf Muͤnzen.
b. Auf einem geſchnittenen Steine.
c. Auf Werken von Marmor.
B. Eigenſchaften dieſes aͤltern Stils.
C. Vorbereitung dieſes Stils zum hohen Stile.
II. Der hohe Stil.
A. Deſſen Eigenſchaften.
B. Uebrige Werke aus demſelben.
III. Der ſchoͤne Stil.
A. Deſſen Eigenſchaften, und ſonderlich
B. Der Gratie.
C. Von der Kunſt in Kindern.
IV. Der Stil der Nachahmer, und die Abnahme und der Fall der Kunſt,
A. Durch die Nachahmung.
B. Durch Fleiß in Nebendingen.
C. Muthmaßung uͤber die Bemuͤhung einiger Kuͤnſtler, aus dem eingeriſſenen
Verderbniſſe in der Kunſt zuruͤck zu kehren.
D. Von der Behutſamkeit in Urtheilen uͤber Originale, oder uͤber ſchon vor Al-
ters nachgeahmte Werke.
E. Von Kennzeichen des Stils in der Abnahme der Kunſt.
F. Von der großen Menge Portraitkoͤpfe gegen wenig Statuen aus dieſer
Zeit.
G. Niedrige Begriffe von der Schoͤnheit in der letzten Zeit.
H. Von Begraͤbnißurnen, welche beynahe alle aus ſpaͤtern Zeiten ſind.
I. Von dem guten Geſchmacke, der ſich auch in dem Verfalle der Kunſt er-
halten hat.
K. Be-
des erſten Theils.
K. Beſchluß dieſes dritten Stuͤckes, von einem außerordentlichen Denkmale
fremder und ungeſtallter Kunſt, von Griechiſchen Kuͤnſtlern verfertiget.
L. Wiederholung des Inhalts dieſes Stuͤcks.
Viertes Stuͤck. Von dem Mechaniſchen Theile der Griechiſchen Bild-
hauerey.
I. Von der verſchiedenen Materie, in welcher die Griechiſchen Bildhauer gearbei-
tet, und insbeſondere
Von Marmor und deſſelben Arten.
II. Von der Ausarbeitung der Bildhauer.
A. Ueberhaupt.
B. Insbeſondere.
a. Von der Arbeit in Elfenbein.
b. Von der Arbeit in Stein.
aa. In Marmor.
bb. In Baſalt.
cc. In Porphyr.
c. Von der Arbeit in Erzt.
aa. An ſich ſelbſt.
bb. Von dem Loͤthen.
cc. Von den beſten Statuen in Erzt.
dd. Von der Vergoldung.
α. Allgemein.
β. Zwo Arten derſelben.
γ. Vergoldung auf Marmor.
d. Von der Arbeit auf Muͤnzen.
Fuͤnftes Stuͤck. Von der Malerey der alten Griechen.
I. Von der Malerey auf der Mauer allgemein.
II. Von uͤbriggebliebenen Gemaͤlden auf der Mauer.
A. Die ehemals in Rom entdecket worden.
B. Von den Herculaniſchen Gemaͤlden.
C. Beſchreibung von vier zuletzt gefundenen Gemaͤlden daſelbſt.
D. Von den Gemaͤlden in den Graͤbern bey Corneto.
E. Beſchreibung der Gemaͤlde, welche neulich außer Rom an einem noch un-
bekannten Orte gefunden worden.
III. Von der Zeit, in welcher die mehreſten von angezeigten Gemaͤlden ge-
machet ſeyn.
IV. Ob ſie von Griechiſchen oder Roͤmiſchen Meiſtern ſeyn.
V. Von der Art und Weiſe der Malerey auf der Mauer insbeſondere.
VI. Beſchluß dieſes Capitels.
Das
e 2
Inhalt des erſten Theils.
Das fuͤnfte Capitel.
Von der Kunſt unter den Roͤmern.
Erſtes Stuͤck. Unterſuchung des Roͤmiſchen Stils in der Kunſt.
I. Von Werken Roͤmiſcher Kuͤnſtler.
A. Mit Roͤmiſchen Inſchriften.
B. Wit dem Namen der Kuͤnſtler ſelbſt.
II. Von der Nachahmung Hetruriſcher und Griechiſcher Kuͤnſtler,
Insbeſondere in Abſicht der erſtern aus einer Vaſe von Erzt gezeiget.
III. Irrige Meynung von einem beſondern Roͤmiſchen Stile in der Kunſt.
A. Aus falſchen Erklaͤrungen.
B. Aus uͤbel verſtandener Ehrfurcht gegen die Griechiſchen Werke.
C. Widerlegung der irrigen Meynung.
IV. Geſchichte der Kunſt in Rom.
A. Unter den Koͤnigen.
B. In den erſten Zeiten der Republik.
C. Bis zu der CXX. Olympias.
D. Nach dem zweyten Puniſchen Kriege.
E. Nach dem Kriege mit dem Koͤnige Antiochus.
F. Nach Eroberung von Macedonien.
Zweytes Stuͤck. Von der Roͤmiſchen Maͤnnerkleidung.
I. Bekleidung des Leibes.
A. Das Unterkleid.
B. Die Toga.
C. Zierrathen der Kleidung.
II. Bekleidung der Theile des Koͤrpers.
A. Des Haupts.
B. Von Beinkleidern.
C. Von Schuhen.
D. Von Handſchuhen.
III. Bewafnung des Koͤrpers.
A. Von dem Panzer.
B. Von dem Helme.
C. Von der Beinruͤſtung.
Der
Der
Geſchichte der Kunſt des Alterthums
Zweyter Theil.
Nach den aͤußern Umſtaͤnden der Zeit unter den
Griechen betrachtet.


Vorbericht dieſes zweyten Theils.
I. Von der Kunſt der aͤlteſten Zeiten bis auf den Phidias.
A. Verzeichniß der beruͤhmteſten Kuͤnſtler dieſer Zeit.
B. Der Schulen der Kunſt, insbeſondere
a. Zu Sicyon.
b. Zu Corinth.
c. In der Inſel Aegina.
C. Von den Umſtaͤnden in Griechenland kurz vor dem Phidias.
a. In Abſicht der Verfaſſung.
b. Von den uͤbrigen aͤlteſten Werken der Kunſt aus dieſer Zeit.
D. Vorbereitung und Veranlaſſung zu dem Flor der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften
in Griechenland durch Athen.
a. Befreyung der Athenienſer von ihren Tyrannen.
b. Siege der Athenienſer uͤber die Perſer.
c. Wachsthum der Macht und des Muths der Athenienſer und anderer
Griechen.
d. Der hierdurch veranlaſſete Flor der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften.
e. Aufnehmen der Baukunſt und der Bildhauerey durch Wiederaufbauung
der verſtoͤrten Stadt Athen.
f. Kuͤnſtler aus dieſer Zeit.
II. Von der Kunſt, von den Zeiten des Phidias an, bis auf Alexander den
Großen.
A. Vor dem Peloponneſiſchen Kriege.
a. Allgemeine Betrachtung uͤber die Kunſt in dieſer Zeit.
b. Damalige Kuͤnſtler.
B. In
e 3
Inhalt
B. In dem Peloponneſiſchen Kriege.
a. Vergleichung damaliger Umſtaͤnde der Kunſt und der Theatraliſchen
Dichtkunſt.
b. Kuͤnſtler dieſer Zeit, und Anfuͤhrung einiger ihrer Werke.
aa. Sonderlich der Niobe.
bb. Widerlegung der Meynung, daß die Vergoͤtterung des Homerus
aus dieſer Zeit ſey.
C. Schickſale der Kunſt, durch das Ungluͤck von Athen in dieſem Kriege, und
in der wiederhergeſtellten Freyheit derſelben.
Kuͤnſtler aus dieſer Zeit.
D. Nach dem Peloponneſiſchen Kriege.
Kuͤnſtler dieſer Zeit, und vornehmlich
a. Praxiteles und deſſen Werke.
b. Lyſippus und deſſen faͤlſchlich vermeynte Werke.
E. Unter Alexander dem Großen.
a. Von der Statue des Laocoon.
b. Von vermeynten geſchnittenen Steinen des Pyrgoteles aus dieſer Zeit.
c. Von Bruſtbildern des Demoſthenes.
d. Von einer Statue des Jupiter Urins.
e. Von dem ſogenannten Farneſiſchen Ochſen.
III. Von der Kunſt nach Alexanders Zeiten, und von der Abnahme derſelben.
A. Unter den naͤchſten Nachfolgern deſſelben.
a. Umſtaͤnde der Griechen und der Athenienſer.
b. Muͤnzen aus dieſer Zeit.
c. Folgende Umſtaͤnde von Athen.
B. Abnahme der Kunſt in Griechenland, die hingegen anfieng zu bluͤhen
a. Unter den Seleucidern.
b. Unter den Ptolemaͤern.
C. Muthmaßung uͤber den verderbten Geſchmack in dieſer Zeit auch in der
Kunſt.
D. Von vermeynten Werken aus dieſer Zeit.
E. Fall der Kunſt in Aegypten und in Großgriechenland.
F. Und in Griechenland durch die innerlichen Kriege des Achaͤiſchen Bundes
mit den Aetoliern, in welche ſich die Roͤmer miſcheten, und nach er-
langtem Siege die Griechen fuͤr eine freye Nation erklaͤreten.
G. Neuer Flor der Kunſt in Griechenland durch die ertheilte Freyheit, aber
von kurzer Dauer.
H. Flor derſelben in Sicilien.
I. Beruͤhmte
des zweyten Theils.
I. Beruͤhmte Kuͤnſtler und Werke dieſer Zeit.
K. Insbeſondere die Beſchreibung des verſtuͤmmelten Hercules im Bel-
vedere.
L. Widerlegung uͤber vermeynte Statuen aus dieſer Zeit.
M. Der Roͤmer Raub der ſchoͤnſten Werke der Kunſt aus Griechenland.
N. Ende der Kunſt unter den Seleucidern.
O. Flor derſelben unter den Koͤnigen von Bithynien und von Pergamus.
P. Ende der Griechiſchen Kunſt in Aegypten, und Widerlegung des Vaillant
und anderer.
Q. Wiederherſtellung der Kunſt in Griechenland.
R. Nachtheil derſelben durch die Mithridatiſchen Kriege und Verſtoͤrung von
Griechenland, und in Großgriechenland und Sicilien.
IV. Von der Griechiſchen Kunſt unter den Roͤmern und unter den Roͤmiſchen
Kaiſern.
A. Unter dem Julius Caͤſar.
a. Namhafte Kuͤnſtler.
b. Werke der Kunſt aus dieſer Zeit.
B. Unter dem Auguſtus, und von Werken.
a. Deſſen Statuen und der Livia.
b. Von vermeynten Statuen der Cleopatra.
c. Von geſchnittenen Steinen dieſer Zeit.
d. Von einer Caryatide des Diogenes von Athen.
e. Von Werken der Baukunſt unter dem Auguſtus.
C. Unter dem Tiberius.
D. Unter dem Caligula.
E. Unter dem Claudius.
F. Unter dem Nero.
a. Umſtaͤnde von Griechenland unter demſelben.
b. Weggefuͤhrte Statuen aus Griechenland, unter welchen vermuth-
lich war
aa. Der Vaticaniſche Apollo. Beſchreibung deſſelben.
bb. Der ſogenannte Borgheſiſche Fechter. Beſchreibung deſſelben.
c. Von Koͤpfen des Nero, und von Statuen der Agrippina, und andern.
G. Unter dem Veſpaſianus, Titus und Domitianus.
a. Umſtaͤnde von Griechenland.
b. Uebrige Werke von dieſer Zeit.
c. Von einer Statue des Domitianus, und von einem Kopfe des Nerva.
H. Unter dem Trajanus.
I. Unter
Inhalt des zweyten Theils.
I. Unter dem Hadrianus.
a. Von deſſen Reiſen und Gebaͤuden.
b. Von der Beſchaffenheit und dem Stile der Kunſt ſeiner Zeit.
c. Beſchreibung des faͤlſchlich ſogenannten Antinous im Belvedere.
K. Unter den Antoninern.
a. Allgemeine Betrachtung uͤber die Kunſt.
b. Von einem Coloſſaliſchen Kopfe der Fauſtina.
c. Von andern Bruſtbildern dieſer Kaiſer.
d. Von des Marcus Aurelius Statue zu Pferde von Erzt.
e. Von der Statue des Ariſtides, und vom Herodes Atticus.
f. Misbrauch der Statuen in Perſonen ohne Verdienſte.
L. Unter dem Commodus.
V. Fall der Kunſt unter dem Septimius Severus.
A. Von Werken unter dieſem Kaiſer.
B. Unter dem Heliogabalus.
C. Unter dem Alexander Severus.
D. Von einer Statue des Pupienus.
E. Der gaͤnzliche Verfall der Kunſt unter dem Gallienus.
F. Von der Kunſt unter dem Conſtantin.
G. Erinnerung uͤber die Baukunſt dieſer Zeit.
H. Von dem veruͤbten Unfuge an Statuen uͤberhaupt, und von erhaltenen
Werken aus dieſer Zeit.
I. Von dem Verfalle der Stadt Athen, und von der Verſtoͤrung von
Rom.
K. Von vermeynten Statuen des Juſtinianus und des Beliſarius.
L. Letztes Schickſal der Statuen in Rom,
M. Und in Conſtantinopel.
Beſchluß dieſes zweyten Theils.
[Abbildung]

Ver-


Verzeichniß
angefuͤhrter Buͤcher
.


A.
[Spaltenumbruch]
Achillis Tatii Erotica, cum not. Cl. Sal-
maſii, Lugd. Bat.
1640. 12.
Achmetis Oneirocritica, c. not. Rigaltii.
acc. Artemidori Oneirocrit. c. ejusd.
not. Lutet.
1603. 4.
Aeneae Commentarius Tacticus c. not.
Caſauboni. acc. Polybio Caſaub.
Leand. Alberti Deſcrizione di tutta l’Ita-
lia, Bologna,
1550. 4.
Uliſſ. Aldrovandi Statue di Roma, Vi-
nez.
1558. 12.
Hieron. Alexandri Explicatio antiquae
tabulae marm. Solis effigie ſymbolis-
que exſculptæ, Lutet. Par.
1617. 4.
Proſp. Alpini Medicina Aegyptiorum,
Lugd. Bat.
1718. 4.
Ammianus Marcellinus, edit. Henr. Vale-
ſii, Pariſ. 1681. fol.
Anaſtaſius de Vitis Pontificum, Pariſ.
1649. fol.
Anthologia Epigrammatum Græc. Venet.
ap. Ald.
1521. 8.
Carl. Antonioli antica Gemma Etruſca
ſpiegata con due Diſſertazioni, Piſa,

1757. 4.
Apollodori Bibliotheca, Romæ, 1555. 8.
Appiani Alexandrini Hiſtoriæ, Lutet.
cura Car. Stephani, 1551. fol.
John Arburnot’s Tables of antient Coins,
Weights and Meaſures, Lond.
1727. 4.
Ariſtidis Rhetoris Opera, edit. Wechel.
1604. 8. Vol.
2.
[Spaltenumbruch]
Ariſtophanes, edit. Steph. Bergleri, Lug-
dun. Bat. 1760. 4. Vol.
2.
Ariſtotelis Opera, edit. Sylburgii, 4.
Vol.
5.
Politica, edit. Wechel. Francof.
1577. 4.
Poetica, edit. D. Heinſii, Lugd.
Bat.
1643. 12.
Arnobius contra gentes, Lugdun. Bat.
1651. 4.
Arrianus in Epictetum, edit. Vptoni,
4. Vol.
2.
Io. Ant. Aſtorii Commentariolum in an-
tiquam Alcmanis Poetæ Laconis mo-
numentum allatum e Græcia, Venet.
1697. fol.
B.
Franc. Baconis de Verulamio Hiſtoria
vitæ & mortis, Lond.
1623. 4.
Filip. Baldinucci Vite de’Pittori, Firenz.
1681. 4. Vol.
5.
Vita del Cav. Bernini, ib. 1682. 4.
Anſelm. Banduri Imperium Orientale,
ſive Antiquitates Conſtantinopolita-
næ, Pariſ. 1711. fol. Tom.
2.
Barthelemy Eſſai d’ une Paleographie
Numismatique. v. dans les Mem. de
l’Acad. des Inſcr. T.
24.
Santes Bartoli Admiranda, Rom. fol.
oblong.
Batteux Cours des belles Lettres, Paris,
12. Vol.
4.
Baudelot
f
Verzeichniß
[Spaltenumbruch]
Baudelot Dairval Vtilité des Voyages,
12. T.
2.
Epoque de la nudité des Athletes
dans les Jeux de la Grece. v. dans
les Mem. de l’Acad. des Inſcr. T.
1.
Theoph. Sigfr. Bayeri Hiſtoria Regni
Graecor. Bactriani, Petropoli,
1738. 4.
Laur. Begeri Spicilegium antiquitatis,
Colon. Brand. 1692. fol.
Pier. Belon Obſervations ſur pluſieurs
fingularitez & choſes memorables
trouvées en Grece, Aſie &c. Anvers,

1555. 8.
de Operum antiquorum præſtantia,
v. in Gronov. Theſ. Ant. Græc. T. 8.
p.
2529.
Rich. Bentley’s Diſſertation upon the
Epiſtles of Phalaris, Lond.
1699. 8.
Steph. Bergleri Notae in Ariſtophanem,
v. Ariſtophanes.
Domen. Bernini Vita del Cav. Bernini,
Roma,
4.
Franc. Bianchini Iſtoria Univerſale, Ro-
ma,
1697. 4.
de Lapide Antiate. v. in Gorii
Symb. Litt. T.
7.
Bimard de la Baſtie Notae ad Marmor
ſcriptura græca antiquiſſima, quæ
βομ-
ςροφηδὸν vocabatur, inſigne. præmiſſ.
Tom. I. Inſcript. Muratorii.
(Blackwall’s) Enquiry of the Life and
the Writings of Homer. Lond.
1736. 8.
Alphonſ. Borelli de motu animalium,
Romæ,
1680. 4.
du Bos Reflexions ſur la Poeſie & ſur la
Peinture, 4. edit. Paris, 1740. 12. Vol.
3.
Io. Bapt. Braſchius de tribus Statuis in
Capitolio, Rom.
1724. 4.
Io. Braunius de veſtitu Sacerdotum He-
bræorum, Amſt. 1680. 4. T.
2.
Iohn Breval’s Remarks on ſeveral Parts
of Europe, Lond. 1726. fol.
[Spaltenumbruch]
Io. Brodai Miſcellaneorum Libri VI.
v. in Gruteri Theſ. Crit. T. I. p.
452.
Corn. Bruyn Voyages au Levant, Paris,
1714. fol.
C.
Cabinet du Cardinal de Polignac, Paris,
1742. 8.
Callimachus edit. Spanhemii, 8. Vol. 2.
Gaetano Cambiagi Deſcrizione dell’Im-
perial giardino di Boboli a Firenze,
Firenz.
1757. 8.
Petr. Mar. Caneſſarii de Atramentis cu-
jusque generis, Roterod.
1718. 4.
Guil. Canteri Novarum lectionum Libri
IX. v. in Gruteri Theſ. Crit. T. 2.
p.
514.
Iuvenel de Carlencas Eſſai ſur l’hiſt. des
belles lettres, Par. 12. Vol.
4.
Franc. Carletti Viaggi nell’ Indie Occid.
e Orientali, Firenze,
1701. 8.
Iſ. Caſauboni Notæ & emendationes in
Scriptores Hiſtoriæ Auguſtæ. acc. Sal-
maſii edit. horum Scriptor.
Comte de Caylus Recueil d’Antiquités,
Paris, 4. Vol.
3.
ſur quelques paſſages de Pline, qui
concernent les Arts. v. dans les Mem.
de l’Acad. des Inſcr. T.
19.
Diſſertation ſur la Sculpture. v.
Ibid. T.
25.
Cedreni Hiſtoriae, edit. Regia, Par. fol.
Vol.
2.
Chamillart Diſſertations ſur pluſieurs
Medailles & Pierres gravées de ſon
Cabinet, & d’autres Monumens d’an-
tiquité, Par.
1711. 4.
Edm. Chishull Antiquitates Aſiaticæ,
Lond. 1728. fol.
Mich. Choniatæ hiſtoriæ fragmentum.
v. in Fabricii Bibl. Gr. T. 6. p.
406.
du Choul della religione degli antichi
Romani, in Lione,
1569. 4.
Io.
angefuͤhrter Buͤcher.
[Spaltenumbruch]
Jo. Ciampini Vetera Monimenta, Romæ,
1747. fol. Vol.
3.
Felice Ciatti Paradoſſo hiſtorico, Peru-
gia,
1631. 4.
Clementis Alexandrini Opera, edit. Pot-
teri, Oxon. 1715. fol. Vol.
2.
Geo. Codini delecta ex Originibus Con-
ſtantinopolitanis, edit. Geo. Douſæ,
Lugd.
1596. 8.
Fabii Columnæ Purpura, Romæ, 1676. 4.
Condivi Vita di Michel Angelo Buonar-
roti, Roma,
1553. 4.
Petr. Marcel. Corradini Vetus Latium
profanum & ſacrum, Romæ, 1704. 4.
T.
2.
Eduard. Corſini Herculis quies & expia-
tio in Farneſiano marmore expreſſa,
Romæ, fol.
Creſolii Theatrum Rhetorum, Pariſ.
1620. 8.
Gisb. Cuperi Obſervationum Libri III.
Ultraj.
1670. 12.
Apotheoſis Homeri, Amſt. 1683. 4.
Diſſert. de Elephantis. v. in Sal-
lengre Theſ. Antiq. T.
3.
Lettres, Amſt. 1743. 4.
D.
Olivier Dapper Afrique, Amſt. 1686. fol.
Demetrius Phalereus de elocutione, Pa-
riſ.
1555. 8.
Lud. Demontioſii Gallus Romæ hoſpes,
Romæ,
1585. 4.
Jean Bapt. Denis Recueil des Memoires
& Conferences qui ont été préſentées
au Dauphin, pendant l’an 1672. Pa-
ris,
1672. 4.
Deſcrizione delle Pitture, Statue, Buſti e
d’altre curioſità eſiſtenti in Inghilter-
ra a Wilton, nella Villa di Myl. Con-
te di Pembroke, tradotta dall’ Ingle-
ſe, Firenze,
1754. 8.
[Spaltenumbruch]
Dicœarchi Geographia, edit. Hœſchelii,
Aug. Vind.
1600. 8.
Edm. Dickinſon Delphi phœniſſantes.
v. in Crenii Opuſc. Faſc. I.
Dio Caſſius, edit. Hanov. 1606. fol.
Dio Chryſoſtomus, edit. Pariſ. 1694. fol.
Diodorus Siculus, edit. Wechel. Hanov.
1604. fol.
Diogenes Laertius, edit. Menagii, Amſt.
1692. 4. Vol.
2.
Dionyſii Halicarnaſſ. Opera, edit. Hudſo-
nii, Oxon. 1704. fol.
Diſſertations ſur diverſes matieres de re-
ligion & de Philologie reeuillies par
Tilladet, Par. 1712. 12. Vol.
2.
Lodov. Dolce Dialogo della Pittura, inti-
tolato l’Aretino, Vineg.
1557. 12.
Alex. Donati Roma vetus & recens,
Amſt.
1695. 4.
(Durand) Hiſtoire de la Peinture ancien-
ne extraite de Pline, Londres, 1725. fol.
E.
Jac. Elsner Diſſertation ſur les Dieux Pa-
taïques. v. dans les Mem. de l’Acad.
des Scienc. de Berlin, l’an 1746. p.
379.
Euſebii Præparatio Evangelica, edit. Rob.
Steph. Lutet. 1544. fol.
Euſtathius in Homerum, edit. Romana,
fol. Vol.
4.
Excerpta Conſtantini Auguſti Porphyro-
genetæ ex Polybio, Diodoro Siculo &c.
cum verſ. & not. Henr. Valeſii, Pariſ.

1634. 4.
Explication d’une Inſcription antique ſur
le retabliſſement de l’Odeum d’Athe-
nes. v. dans les Mem. de l’Acad. des
Inſcr. T.
23.
F.
Raph. Fabretti Inſcriptiones, Romæ,
1699. fol.
Petr. Fabri Agoniſticon, Lugd. 1595. 4.
Geo.
f 2
Verzeichniß
[Spaltenumbruch]
Geo. Fabricii Antiquitatum Libri III. ex
aere, marmoribus, ſaxis, membranisve
veteribus collecti. acc. Ejusd. Romæ,
Baſil.
1587. 8.
Etien. Falconet Reflexions ſur la Scul-
pture lues à l’Academie de Peinture
& de Sculpture, le 7. Juin 1760. Par.

1761. 12.
Lucii Fauni de Antiquitatibus Urbis Ro-
mæ, Venet.
1549. 8.
Felibien Hiſtoire des Architectes, Paris,
1687. 4.
Franc. Ficoroni Oſſervazioni ſopra il
Diario Italico del P. Montfaucon, Ro-
ma,
1709. 4.
Roma antica, ib. 1744. 4.
Memorie dell’ antico Labico,
1745. 4.
Tomas Fiortifiocca Tita di Cola di Rien-
zo, Bracciano,
1624. 12.
Fleury Hiſtoire eccleſiaſtique, edit. de
Paris,
4.
Juſti Fontanini Antiquitates Hortæ, Ro-
mæ,
1708. 4.
Nic. Franco Dialogo della bellezza, Ve-
nez.
1542. 8.
Charl. du Fresnoy Art de peinture enri-
chi de remarques de M. de Piles, Pa-
ris,
1673. 12.
G.
Galeni Opera, græce, edit. Baſil. fol. Vol. 5.
Gaſp. Gevartii Electorum Libri III. Lu-
tet.
1619. 4.
Alex. Gordon’s Eſſay towards explaining
the hieroglyphies of a Mumy, Lond.
1737. fol.
Jo. Gori Muſeum Etruſcum, Florent.
1737. fol. Vol.
2.
Dactyliotheca Zanettiana, Venez.
1750. fol.
Gravelle Recueil des Pierres gravées an-
tiqu. Paris, 1732. 4. T.
2.
[Spaltenumbruch]
Vincenz. Gravina della ragion poetica,
Libri II. Roma,
1708. 4.
John Greave Deſcription des Piramides,
dans le I. Tome du Recueil des Vo-
yag. de Thevenot.
Marq. Gudii Inſcriptiones antiquæ, Leo-
ward. 1731. fol.
H.
Hardion Diſſertation ſur l’ origine de la
Rhetorique. v. dans les Mem. de l’
Acad. des Inſcr. T.
14.
Dan. Heinſii Scholæ Theocriticæ. acc.
Theocrit. edit. Oxon.
1699. 8.
Heliodori Æthiopica, edit. Bourdelotii,
Lutet.
1619. 8.
Herodotus, edit. Henr. Steph. 1570. fol.
S. Hieronymi Opera, ed. Veron. fol. Vol. 5.
Hiſtoriae Auguſtæ Scriptores VI. Cl. Sal-
maſius recenſuit, addit. notis & emen-
dat. Iſ. Caſauboni, Pariſ. 1620. fol.
Luc. Holſtenii Notæ in Steph. Byzanti-
num, Lugd. Bat. 1684. fol.
Commentariolus in veterem pi-
cturam Nymphæum referentem, Ro-
mæ, 1676. fol.
Idem. v. in Grævii Theſ. ant.
Rom. T. 4. p.
1799.
John Horsley Britannia Romana, Lond.
1732. fol.
Dan. Huetii Demonſtratio Evangelica,
Pariſ. 1690. fol.
Dav. Hume Eſſays and Treatiſes on ſe-
veral ſubjects, Lond. 1735. 8. Vol.
4.
Thom. Hunt Diſſert. on the Proverbs
of Salomon, Oxford,
1743. 4.
de antiquitate, elegantia, utilitate
linguæ Arabicæ, ib.
1739. 4.
Thom. Hyde de religone vet. Perſarum,
Edit. ſecunda, Oxon.
1760. 4.
I.
Joſephi Opera, edit. Havercamp. Amſt.
1726. fol. Vol.
2.
Iſidori
angefuͤhrter Buͤcher.
[Spaltenumbruch]
Iſidori Origines & Etymologiæ. v. in
Gothofr. Auct. Lat. ling. p.
818.
Hadr. Junii Animadverſionum Libri VI.
Baſil.
1556. 8.
K.
Engelbr. Kampfer Hiſtoire du Japon, la
Haye, 1729. fol. Vol.
2.
Ant. Kerkoëtii (Petavii) Maſtigophorus,
ſive Elenchus confutationis quam Cl.
Salmaſius ſub Franci I. C. nomine
Animadverſis Kerkoëtianis oppoſuit,
Partes III. Pariſ.
1623. 8.
L.
Jo. Mar. Lanciſii Phyſiologicæ Animad-
verſiones in Plinianam Villam nuper
in Laurentino detectam. acc. Marſi-
lii Diſſ. de generatione fungorum,
Rom. 1714. fol.
Paul. Leopardi Emendationum & Miſcel-
laneorum Libri XX. Antv.
1568. 4.
Lettre ſur une pretendue Medaille d’Ale-
xandre le Grand, Paris,
1704. 12.
ſeconde Lettre ſur le meme ſu-
jet, ibid.
Fortun. Liceti Reſponſa de quæfitis per
epiſtolas, Bononiæ,
1640. 4.
Juſt. Lipſii Variar. Lectionum Libri III.
Antv.
1611. 4.
Paolo Lomazzo Trattato della Pittura,
Scoltura & Architett. Milano,
1585. 4.
Petr. Marcheſe Lucatelli Muſeum Capi-
tolinum, Roma,
1750. 4.
Luciani Opera, edit. Reizii, 4. Vol. 3.
Ant. Mar. Lupi Diſſ. & Animadv. ad nu-
perrimam Severæ Martyris Epita-
phium, Panormi,
1734. 4.
M.
Macrobius ed. Pontani, Lugd. Bat. 1597. 8.
Scip. Maffei Verona illuſtrata, Veron. fol.
Lorenzo Magalotti Lettere, Firenze,
1721. 4.
[Spaltenumbruch]
Hier. Magii Miſcellaneorum Libri VI.
Venet.
1564. 8.
Mangault Diſſ. ſur les honneurs divins
qui ont été rendues aux Gouverneurs
des Provinces pendant que la Republi-
que Romaine ſubſiſtoit. v. dans les
Mem. de l’Acad. des Inſcr. T.
1.
Jac. Manilli Deſcr. della Villa Borghe-
ſe, Rom.
1650. 8.
Jer. Marklandi Lectiones Lyſiacæ. acc.
Lyſiæ, Lond. 1739. 4. p.
673.
Barthol. Marliani Urbis Romæ Topo-
graphia, Rom. 1544. fol.
Jac. Martorelli Commentarius de Regia
Theca Calamaria, Neapoli,
4.
* Huius operis abſoluti & impreſſi edi-
tioni Regia auctoritate interdictum eſt.
Alex. Symm. Mazocchii Commentarii in
æneas tabulas Heracleenſes, Neapoli,
1754. fol.
Maximi Tyrii Diſſertationes, edit. Mark-
landi, Lond.
1740. 4.
Memoires de l’Academie des Inſcriptions
& des belles lettres, edit. de Paris,
4.
Memoire di varj eſcavazioni vivente San-
ti Bartoli, giunte all’ ult. ediz. della
Rom. ant. e mod.
Jo. Meurſii Roma luxurians, Hafniæ,
1631. 4.
Miſcell. Laconica, Amſt. 1661. 4.
Paolo Minucci Note al Malmantile riac-
quiſtato, v. Zipoli.
Miſcellanea Manuſcripta Bibliothecæ
Collegii Romani, Romæ, 1760. 8. T.
2.
Monconys Voyages, Lyon, 1665. 4. Vol. 2.
Domen. Montelatici Villa Borgheſe,
Rom.
1700. 8.
Motraye Voyages en Europe, Aſie &
Afrique, la Haye, 1727. fol. Vol.
3.
Muſœi de Herus & Leandri amoribus,
cum Comment. Dan. Parei, Francof.

1627. 4.
N.
f 3
Verzeichniß
[Spaltenumbruch]
N.
Famiano Nardini Roma antica, Roma,
1704. 4.
Nicomachi Geraſeni Arithmeticorum Li-
bri II. Pariſ.
1538. 4.
Nikon’s Eſſay on a sleeping Cupid, Lond.
1755. 4.
Nonni Dionyſiaca, edit. prima Falken-
burgii, Antv. ex offic. Plantin.
1569. 8.
Lewis Norden’s Drawings of ſome Ruins
and Coloſſal Statues at Thebes in E-
gypt, with an account of the ſame in a
letter to the Royal Society,
1741. 4.
Travels in Egypt and Nubia, en-
larged with obſervations from antient
and modern Authors, that have writ-
ten on the Antiquities of Egypt, by
Dr. Pet. Templeman, Lond. 1757. fol.
Vol.
2.
Henr. Norris Lettere, nel Tomo IV.
dell’Opere ſue.
Nouveau Traité de Diplomatique, Paris,
4. Vol.
4.
Nummi Pembrokiani, 1746. 4.
Numismata maximi moduli ex Muſeo
Card. Alex. Albani in Vaticanam Bi-
bliothecam translata, & a Rodulph.
Venuto notis illuſtrata, Romæ, 1739.
fol. Vol.
2.
Jo. Paul. Nurra Diſſ. de varia lectione
adagii Tinctura Sardiniaca, Florent.

1708. 4.
O.
Annib. Olivieri Marmora Piſaurenſia no-
tis illuſtrata, Piſanri, 1738. fol.
Diſſ. ſopra alc. Medaglie Sanni-
tiche. v. nelle Diſſert. dell’ Acad. di
Cortona, T. 2. p.
24.
Onoſandri Strategicus, ex edit. Nic. Ri-
galtii, Lutet.
1599. 4.
Jac. Phil. d’ Orville Animadv. in Chari-
tonem Aphrodiſienſem, T.
2. 4.
[Spaltenumbruch]
P.
Paul. Paciaudi Monumenta Peloponne-
ſia, Romæ, 1761. 4. Vol.
2.
Jac. Palmerii Exercitationes in Auctores
Græcos, Traj. ad Rhen.
1694. 4.
Jo. Bapt. Paſſeri Lettere Roncaglieſi.
v. negl’ Opuſc. Scientif. T.
22.
Pauſanias, edit. Kuhnii, Lipſ. 1699. fol.
Sam. Petiti Miſcellaneorum Libri IX.
Pariſ.
1630. 4.
Philonis Judæi Opera, edit. Mangey, fol.
Vol.
2.
Philoſtratorum Opera, edit. Olearii, Lipſ.
1709. fol.
Photii Bibliotheca, Rothomag. 1653. fol.
Laur. Pignorii Tabula Iſiaca, Amſtel.
1669. 4.
Symbolæ epiſtolicæ, Patav. 1629. 8.
Plato, edit. Serrani, fol. Vol. 3.
Plutarchi Opera, edit. Henr. Steph. 1572.
8. Vol.
6.
Polybius, edit. Caſauboni, Par. 1609. fol.
Franc. Mar. Pratilli della Via Appia, Li-
bri IV. Napoli, 1745. fol.
Procopii hiſtoriarum ſui temporis Libri
VIII. Pariſ. 1662. fol.
Q.
Quintiliani Inſtitutiones Oratoriæ, edit.
Lugd. Bat.
1665. 8.
R.
Nic. Cph. Radzivilii Ieroſolymitana pe-
regrinatio, Antv. 1614. fol.
Thom. Reineſii Inſcriptiones, 1682. fol.
Jo. Reinoldi Hiſtoria Litterarum Græca-
rum & Latinarum, Etonæ,
1752. 8.
Hadr. Relandi Antiquitates Hebræorum,
Traj. Bat.
1712. 12.
Renaudot Diſſ. ſur l’origine des Lettres
Grecques. v. dans les Mem. de l’A-
cad. des Inſcr. T.
2.
Riccobaldi Apologia del Diario Italico del
P. Montfaucon, Venez.
1710. 4.
Car.
angefuͤhrter Buͤcher.
[Spaltenumbruch]
Car. Riccoboni Commentarius de Hiſto-
ria, Venet.
1568. 8.
Paolo Ant. Rolli Poeſie, Londra, 1717. 8.
de la Roque Voyage dans la Paleſtine,
Amſt.
1718. 8.
le Roy Ruines des plus beaux Monumens
de la Grece, Paris, 1758. fol.
Alb. Rubenii de re veſtiaria veterum Li-
bri II. Antv.
1665. 4.
Phil. Rubenii Electorum Libri II. ibid.
1608. 4.
Juſt. Rycquii de Capitolio Commentarius,
Gandavi,
1617. 4.
S.
Cl. Salmaſii Exercitationes in Solinum,
Pariſ. 1629. fol. Vol.
2.
Notæ in Tertullianum de Pallio.
Confutatio Animadverſionum
Ant. Cercotii. (Petavii)
Rob. de Sarno Vita Jo. Joviani Pontani,
Neapoli,
1761. 4.
Jul. Cæſ. Scaligeri Poëtices Libri VII.
1561. fol.
Joſ. Scaligeri Opuſcula, Pariſ. 1610. 4.
Gian Griſoſt. Scarfò Lettera nella quale
vengono espreß in rami e dilucidati va-
rj antichi Documenti, Venez.
1739. 4.
Vincenz. Scamozzi Diſcorſi ſopra l’Anti-
chità di Roma, Venez. 1582. fol.
Franc. Schotti Itinerarium Italiæ Libri III.
Antverp.
1625. 12.
Chriſt. Gottl. Schwarzii Miſcellanea po-
litioris humanitatis, Norimb.
1721. 4.
Scylacis Periplus, cum not. Iſ. Voſſii,
Amſt.
1639. 4.
Car. Sigonii de antiquo Jure provincia-
rum Italiæ, Lutet. 1576. fol.
Jac. Sirmondi vetuſtiſſima Inſcriptio, qua
L. Corn. Scipionis elogium contine-
tur, Romæ nuper reperta & explica-
ta, Romæ,
1617. 4.
Spectator, Lond. 1724. 12. Voll. 10.
[Spaltenumbruch]
John Spence’s Polymetis, or an Enquiry
concerning the agreement between
the works of the Roman Poets, and
the remains of the antient Artiſts, in
Ten Books, London, 1747. fol.
Jacq. Spon Diſc. ſur une piece antique &
curieuſe de ſon Cabinet, Lyon,
1674. 12.
Henr. Stephani de abuſu linguæ Græcæ, 8.
Strabo cum Comment. Iſ. Caſauboni, Pa-
riſ. 1620. fol.
Jean Struys Voyages, Amſt. 1681. 4.
Suetonius cum Animadverſ. Iſ. Caſauboni,
Pariſ. 1610. fol.
T.
Tableaux du Cabinet du Roi, Statues,
Buſtes antiques des Maiſons Royales,
Paris, 1677. fol.
Joh. Taylor Comment. ad Marmor Sand-
vicenſe, Cantabr.
1743. 4.
Henr. Teſtelin Sentimens ſur la pratique
de la Peinture, Par. 1680. fol. oblong.
Hier. Tetii Ædes Barberinæ, Rom. fol.
Themiſtii Orationes, cum not. Petavii &
Harduini, Pariſ. 1684. fol.
Theodori Prodromi Epiſtolæ gr. & lat.
v. in Miſcell. MS. Bibl. Coll. Rom. T.I.
Theophraſti Ereſii Opera omnia, edit.
Dan. Heinſii, Lugd. Bat. 1613. fol.
Characteres Ethici cum Comment.
Caſauboni & Prælect. Duporti, ex edit.
Needham, Cantabr.
1712. 8.
Jean Thevenot Recueil de divers Voyages,
Part. III. Paris, 1666. fol. Vol.
3.
Jo. Aug. Thuani Hiſtoria ſui temporis,
edit. Londini, fol. Vol.
7.
Thucydides edit. Henr. Stephani, 1564. fol.
Jo. Phil. Tomaſini de Donariis & Tabulis
votivis, Utini,
1639. 4.
Dan. Wilh. Trilleri Obſervationes criti-
cæ, Francof.
1742. 8.
George Turnbull’s Treatiſe of antient
painting, Lond. 1740. fol.
Adr.
Verzeichniß angefuͤhrter Buͤcher.
[Spaltenumbruch]
Adr. Turnebi Adverſaria triginta libris
diſtincta, Argentorati, 1604. fol.
V.
Jo. Vaillant Selectiora Numismata in
aere maximi moduli, e Muſeo Franc.
de Camps, Paris.
1694. 4.
Pietro della Valle Viaggi, Roma, 1663.
4. Vol.
2.
Terent. Varro de re ruſtica, edit. Aldi-
na, Venet.
1533. 8.
Opera & in eum Conjectanea Joſ.
Scaligeri, exc. Henr. Stephanus,
1573. 8.
Georgio Vaſari Vite de’ Pittori, Firenz.
1568. 4. Vol.
3.
Andr. Veſalii de humani corporis fabrica
Libri VII. Baſil. 1555. fol.
Petri Victorii Variæ Lectiones, Florent.
1553. fol.
Jo. Vignola Diſſ. de anno Imp. Severi
Alexandri, quem præfert cathedra mar-
morea S. Hippolyti Epiſc. in Bibliothe-
ca Vaticana, Romæ,
1712.
Virgilii Catalecta & aliorum Poetarum
Latinorum vett. poematia, cum Com-
ment. Joſ. Scaligeri, Lugd. Bat.
1617. 8.
Vitruvii Architectura, edit. Philandri,
Lugduni,
1552. 4.
Vitruvio tradotto dal March. Be-
rardo Galiani, Napoli, 1758. fol.
Vincenz. Vittoria Oſſerv. ſopra il libro
della Felſina pittrice, per difeſa di Raf-
faelle da Urbino,
1703. 8.
Gerh. Jo. Voſſii Poeticarum Inſtitutionum
Libri III. Amſt.
1647. 4.
Fulv. Urſini Illuſtrium Imagines, Antv.
1606. 4.
Joſ. Roc. Vulpii Tabula Antiana e ruinis
veteris Antii effoſſa, Romæ,
1726. 4.
W.
Horace Walpole Catalogue of the Royal
[Spaltenumbruch] and noble Authors of England, with
Liſts of their Works, print. at Straw-
berry-hill,
1758. 8.
Warburthon Eſſai ſur les Hieroglyphes
des Egyptiens, Paris, 1744. 12. Vol.
2.
Watelet l’Art de peindre, Poeme avec
des reflexions ſur les differentes parties
de la Peinture, Paris,
1760. 12.
Dan. Webb’s Inquiry in to the beauties
of painting, and into the merits of the
moſt celebrated Painters antient and
modern, London,
1760. 8.
George Wheler’s Journey into Greece,
Lond. 1682. fol.
Jac. de Wilde Gemmæ antiquæ, Amſt.
1692. 4.
Jean Winckelmann Deſcription des Pier-
res gravées du Cabinet de Stoſch, Flo-
rence,
1760. 4.
Wiſe Nummi Bodlejani, Oxon. fol.
Herin. Witſii Ægyptiaca, Amſt. 1696. 4.
Marc. Wœldicke Meletema de lingua
Grœnlandica. v. in Script. Acad. Haf-
nienſis, T. 2. p.
137.
Edw. Wright’s Obſervations made in
travelling through France, Italy &c.
Lond.
1730. 4.
X.
Xenophontis Opera, e theatr. Sheld. 8.
Vol.
5.
Z.
Gio. Pietr. Zanotti Lettere familiari in
difeſa di Malvaſia, Bologna,
1705. 8.
Apoſtolo Zeno Lettere, Venez. 8. Vol. 3.
Perlone Zipoli Malmantile riacquiſtato
con le note di Lamoni e di Minucci,
Firenze,
4.
Feder. Zuccaro Idea de’ Pittori, Sculto-
ri ed Archit. in due Libri, Torino,

1607. 4.


Verzeich-


Verzeichniß und Erklaͤrung
der angebrachten Kupfer von niemals bekannt gemachten
Werken der Kunſt.


No. 1. Auf dem Titelblatte ſtehen die fuͤnf Helden von den beruͤhmten Sieben in dem
Feldzuge wider Theben, nach einem Carniole des Stoßiſchen Muſei p. 344.
gezeichnet. Dieſer Stein, welcher vielleicht der ſeltenſte und ſchaͤtzbarſte in der
Welt iſt, wird im Dritten Capitel erklaͤret.
No. 2. Ueber der Zuſchrift ſtehen die Koͤpfe des Diomedes und des Ulyſſes, von einer
alten Baſe in eben dem Muſeo genommen, und haben hier, als Bildniſſe des
kluͤgſten und des tapferſten Helden unter den Griechen vor Troja, ihre Deutung.
No. 3. Zu Ende der Zuſchrift iſt eine erhobene Arbeit von Figuren faſt in Lebensgroͤße,
und auf derſelben Bellerophon nebſt dem Pegaſus vorgeſtellet, als eine Deutung
auf einen Herrn, welcher die ſchoͤnen Kuͤnſte befoͤrdert, liebet und kennet. Die-
ſes Werk ſteht nebſt andern Sieben von gleicher Groͤße in dem Pallaſte Spada
zu Rom, und alle acht Stuͤcke waren in der Zeit der Blindheit, mit der gear-
beiteten Seite unterwerts gekehret, als Stufen der Treppe zu der Kirche St.
Agneſe außer Rom geleget, wo dieſelben bey Ausbeſſerung dieſer Treppe im
vorigen Jahrhunderte gefunden wurden.
No. 4. Zu Anfang der Vorrede ſteht eine erhobene Arbeit in der Villa des Herrn
Cardinals Alex. Albani, deren Figuren an zwo Spannen hoch ſind: es iſt daſ-
ſelbe im Vierten Capitel angefuͤhret. Dieſe Vorſtellung muß bey den Alten ſehr
beliebt geweſen ſeyn: denn es findet ſich dieſelbe mehrmals wiederholet, und in
gedachter Villa ſind drey andere jenem voͤllig aͤhnliche Stuͤcke.
No. 5. Zum Schluße der Vorrede ſteht ein Carniol des Stoßiſchen Muſei p. 315.
n.
6. und ſtellet den Prometheus vor, wie er einen Menſchen bildet, und zwar
eine Weibliche Figur, wie Heſiodus , und aus demſelben Lucianus ſagt.
Dieſer Stein deutet auf den Anfang der Kunſt, und iſt in dieſer Abſicht vor
dem Erſten Capitel vorher geſetzet.
* Theogon. v. 572.
** Dial. Prometh. et Iov. p. 204.
No. 6. Das Kupfer uͤber den Anfang des Erſten Capitels iſt kein altes Denkmal,
ſondern ein Entwurf von verſchiedenen derſelben zuſammen geſetzet, weil ſich
keine Vorſtellung fand, die zur Deutung auf dieſes Capitel bequem war. Es
ſind hier die aͤlteſten Stuͤcke der Bildhauerey und Baukunſt angedeutet. Das
Stuͤck Saͤule iſt von dem einen Tempel zu Peſto genommen, von welchen Ge-
baͤuden ich in der Vorrede zu den Anmerkungen uͤber die Baukunſt der Alten
die erſte Nachricht gegeben habe. Dieſe Tempel ſind vermuthlich nicht lange
nach
g
Verzeichniß und Erklaͤrung
nach der zwey und ſiebenzigſten Olympias gebauet, und allem Anſehen nach aͤl-
ter, als alles, was in Griechenland ſelbſt von Gebaͤuden uͤbrig iſt. Die Saͤule
ſollte Kegelmaͤßiger gehen, welches der Zeichner nicht beobachtet hat. Die lie-
gende Statue iſt von dem aͤlteſten Aegyptiſchen Stile, und der baͤrtige Maͤnn-
liche Sphinx iſt von einem erhabenen Werke von gebrannter Erde, im Pallaſte
Farneſe, genommen, wovon ich in der Beſchreibung der Stoßiſchen geſchnitte-
nen Steine geredet habe, Préf. p. XVII. Das Gefaͤß iſt von den ſogenann-
ten Hetruriſchen, und ſtellet zwo Perſonen bey einem Grabmale, oder bey ei-
nem Aſchengefaͤße vor, in dem Muſeo Herrn Anton Raphael Mengs.
No. 7. Iſt wiederum Prometheus, wie er die Glieder des Menſchen, welchen er bil-
det, zuſammen ſetzet, als eine Deutung auf den Anfang der Kunſt. Dieſer
Stein iſt auch in der Stoßiſchen Sammlung.
No. 8. Zu Anfang des Zweyten Capitels ſteht der Sphinx an der Spitze des Obelisks
der Sonnen, welchen Auguſtus nach Rom bringen ließ. Es liegt derſelbe zer-
brochen und vom Feuer ſehr beſchaͤdigt an dem Orte, wo er gefunden worden.
Dieſer Sphinx iſt hier als eins der aͤlteſten Werke der Aegyptiſchen Kunſt an-
gebracht, und iſt der einzige im ganzen Alterthume mit Menſchenhaͤnden; er
haͤlt einen Obelisk.
No. 9. Zu Ende dieſes Capitels ſteht ein Werk, welches eine Nachahmung der Ae-
gypter aus der Roͤmer Zeiten iſt. Das Werk ſelbſt iſt nicht mehr vorhanden,
und iſt von einer Zeichnung in dem Muſeo des Herrn Cardinals Alex. Albani
genommen: es iſt in dieſem Capitel erklaͤret.
No. 10. Zu Anfang des Dritten Capitels ſtehen drey erhabene Figuren, Apollo,
Diana und Mercurius, um einen runden Altar herum, im Campidoglio, und
dieſes iſt ein wahrhaftes Hetruriſches Denkmal, wie von demſelben in dieſem
Capitel angezeiget worden iſt.
No. 11. Iſt Tydeus, einer von den Sieben Helden in dem Feldzuge wider Theben,
von einem Carniole des Stoßiſchen Muſei p. 348. gezeichnet. So wie der Al-
tar fuͤr eins der aͤlteſten Hetruriſchen Werke gehalten werden kann, ſo iſt dieſer
Stein einer der allerſchoͤnſten Arbeiten ihrer Kuͤnſtler.
No. 12. Zu Anfang des Dritten Stuͤcks dieſes Capitels iſt ein ſehr ſeltenes Campani-
ſches Gefaͤß in dem Muſeo Herrn Anton Raphael Mengs, welches eine Paro-
die der Liebe des Jupiters und der Alcmena vorſtellet, und an ſeinem Orte er-
klaͤret iſt.
No. 13. Stellet die Form dieſes Gefaͤßes vor zum Schluſſe dieſes Capitels.
No. 14. Dem Vierten Capitel iſt ein geſchnittener Stein, und zwar einer der ſchoͤnſten
aus dem Alterthume, vorgeſetzet, zu einem allgemeinen Begriffe von der Griechi-
ſchen Kunſt. Es ſtellet derſelbe den Theſeus vor, welcher die von ihm erſchla-
gene Laja oder Phaya mit Reue und Mitleiden betrachtet. Plutarchus in deſſen
Leben gedenket dieſer That nur im Vorbeygehen, und ſonſt keiner von allen al-
ten Scribenten. Dieſer Carniol war in dem Farneſiſchen Muſeo zu Neapel,
und iſt ſeit zwanzig Jahren aus demſelben entwendet worden.
No. 14.
der angebrachten Kupfer.
No. 15. Zu Ende des Erſten Stuͤcks dieſes Vierten Capitels, ſteht der im vorigen
Capitel angefuͤhrte Carniol, welcher den Vater des Achilles Peleus vorſtellet,
wie er dem Fluße Sperchion in Theſſalien ein Geluͤbde machet, die Haare ſeines
Sohns demſelben zu geben, wenn jener geſund von Troja zuruͤck kommen wuͤrde.
Ich habe dieſen Stein zum Schluſſe dieſes Stuͤcks, als ein Denkmal der aͤlteſten
Kunſt der Griechen, geſetzt, obgleich die Arbeit Hetruriſch iſt, weil der Stil der
Kuͤnſtler beyder Voͤlker in den aͤlteſten Zeiten einander ſehr aͤhnlich war.
No. 16. Zu Anfang des Zweyten Stuͤcks des Vierten Capitels von der Zeichnung
und insbeſondere von der Schoͤnheit, ſteht ein erhaben geſchnittener Stein, wel-
cher ehemals in dem Farneſiſchen Muſeo zu Neapel war, und ſeit einiger Zeit
aus demſelben iſt entwendet worden. Es ſtellet derſelbe den Bacchus nebſt
der Ariadne vor, und ich hatte dieſe Koͤpfe als Muſter der Schoͤnheit gewaͤh-
let. Man hat aber in dem Kupfer die hohen Begriffe derſelben in dieſen Koͤ-
pfen nicht voͤllig erreichet, ohngeachtet dieſes das dritte Kupfer iſt, worinnen
ich dieſelben habe ſtechen laſſen.
No. 17. Zu Anfang des Dritten Stuͤcks dieſes Vierten Capitels, ſtehen zwo der aͤl-
teſten Syracuſiſchen Muͤnzen in Silber, von denen die eine in dem Stoßiſchen
Muſeo war; die andere beſitzet der Verfaſſer. Es zeigen dieſelben den aͤlteſten
Griechiſchen Stil, mit deſſen Erklaͤrung dieſes Stuͤck anfaͤngt.
No. 18. und 19. Sind zwey alte Gemaͤlde, welche vor der Abhandlung von der Malerey
der Griechen in dem Fuͤnften Stuͤcke dieſes Capitels ſtehen, wo dieſelben erklaͤrt ſind.
No. 20. Das Kupfer, welches dem Fuͤnften Capitel vorgeſetzet iſt, iſt ein Stuͤck von
der Arbeit auf dem angefuͤhrten Cylindriſchen Gefaͤße mit dem Namen des Roͤ-
miſchen Kuͤnſtlers, aus den aͤltern Zeiten der Republik. Auf dieſem Gefaͤße
iſt der Zug der Argonauten nach Colchis eingegraben, unter welchen auch Ca-
ſtor und Pollux war. Da dieſe Griechiſchen Helden in Bebrycien anlandeten,
foderte der Koͤnig Amycus daſelbſt einen von ihnen zum Zweykampf auf mit
Schlagriemen, wie er allen ankommenden Fremden zu thun pflegte. Pollux,
der in dieſer Art von Kampf vor andern geuͤbet war, nahm es auf mit dem
Amycus, und uͤberwand ihn. Die mehreſten Scribenten wollen , daß die-
ſer Koͤnig auf dem Platze geblieben ſey; der einzige Theocritus ſagt , Pol-
lux habe ihm das Leben geſchenket. Unſer Kuͤnſtler muß einer andern Nachricht
gefolget ſeyn, die verlohren gegangen iſt: denn Amycus wird hier vom Pollux
an einen Baum gebunden. Es findet ſich auch anderwerts nicht, daß Pallas
hier zugegen geweſen. Die Figur, welche ſitzet, iſt Caſtor mit einem Armbande,
und mit einem Kranze, welches derjenige ſeyn wird, der ihm eigen war, und
Stroppus genennet wurde. Die ſtehende Figur iſt einer von den Argo-
nauten. Ein Knabe liegt an dem Baume, welcher des Pollux Kleider verwah-
ret, und ſich aus Entſetzen vor der Strafe des Amycus in den Mantel eingehuͤl-
let hat. Man ſieht auf keinem alten Denkmale die Schlagriemen ſo ſchoͤn und
deutlich: man findet auch, was ſonſt nicht vorkommt, Schuhe mit Ledernen
Riemen uͤbergeſchnuͤret, welche am Knoͤchel vermoͤge derſelben enger und weiter
konnten
g 2
Verzeichniß und Erklaͤr. der angebrachten Kupfer.
konnten gezogen werden. An dem Ferſenleder der Schuhe des Caſtors ſtehen
Spitzen hervor, welches Sporne ſind: denn es liebete derſelbe zu reiten.
— — — — puerosque Ledae,
Hunc equis, illum ſuperare pugnis
Nobilem. Hor. L. I. Od. 12.

Halbe Stiefeln, wie des Amycus, ſind noch itzo von eben der Form bey denen,
welche um Rom auf die Jagd gehen, im Gebrauche.
*) Apollon. Argonaut. L. 2. v. 97. Valer. Flac. Argon. L. 4. Apollod. Bibl. L. I.
p. 30. b. l. 25. edit. Rom.
**) Idyl. 23.
***) Feſt. v. Stroppus.
No. 21. Zu Ende des Erſten Theils, ſcheint auf einem Deckelgefaͤße die Begebenheit
vorgeſtellt zu ſeyn, welche Homerus in der Ilias B. 18. v. 369-467. erzaͤhlt.
Als die Thetis zum Vulcan ins Haus kam, ihn um Waffen fuͤr den Achill zu
bitten, eilte Charis, ihren Gemahl herbey zu holen. Vulcanus legte ſogleich die
Werkzeuge weg, kleidete ſich an, und gieng, von zwo goldenen Sclavinnen,
welche er belebt hatte, und die ihm in ſeinen Arbeiten halfen, zu beyden Seiten
gefuͤhrt, zur Thetis. Dieſes erklaͤrt die drey oberſten Deckelfiguren. Die drey
unterſten ſcheinen Vulcan zu ſeyn, wie er, in Gegenwart ſeiner Gemahlinn, von
der Thetis gebeten und geliebkoſet wird.
No. 22. Auf dem Titel des Zweyten Theils, iſt eine Vorſtellung des Jupiters auf ei-
nem vierſpaͤnnigen Wagen, wie er zween Giganten, oder Rieſen, mit ſeinem
Blitze erſchlaͤgt. Der eine liegt ſchon darnieder; der andere aber, mit einem
Stammholze in der Hand, will ſich noch wehren. Die Giganten, welche allemal
anſtatt der Schenkel und Beine mit Schlangen gebildet werden, wollten die Tita-
nen an dem Jupiter raͤchen. (Apollod. Bibl. L. I. c. 6. Claudian. Gigantomach.)
Sie ſetzten Berge auf Berge, und ſtuͤrmten mit brennenden Eichen den Himmel.
(Ovid. Faſt. L. 5. v. 35. Virg. Aen. L. 6. v. 380.). Dieſes Werk iſt in Cameo, von
dem Kuͤnſtler Athenion, wie der Name unten zeigt, im Schatze der Farneſen.
No. 23. Vor dem Anfange des Zweyten Theils, ſteht eine erhobene Arbeit, deren Er-
klaͤrung meiſtens darunter ſteht, und ausfuͤhrlicher im Erſten Theile auf der
290. u. f. S. zu finden iſt.
No. 24. Zu Ende des Zweyten Theils, wird Mercurius Criophorus vorgeſtellt, mit
der Chlamys uͤber der linken Achſel, den Caduceum in der rechten, und einen
Widderkopf auf einer Schuͤſſel in der linken Hand haltend. Pauſanias in Bœot.
macht eine Beſchreibung ſeiner Bildſaͤule, und ſagt die Urſache von dieſem Beyna-
men Chriophorus. Denn man habe auf eine Nachricht deſſelben von einer Peſti-
lenz, welche die Schafe betroffen, ihm einen Widder geopfert, den man zuvor in
einem Umgange um die Stadt zur Verſohnung herumgetragen. Dieſes Feſt ſoll
darauf ihm zu Ehren beſtaͤndig geſeyert worden ſeyn. Iſt eine Sarda, oder Car-
niol, dem Mylord Carlisle gehoͤrig, von dem Kuͤnſtler Dioskorides gearbeitet, deſ-
ſen Name am Rande ſteht.



Geſchichte
Geſchichte der Kunſt.

[Abbildung]
Geſchichte
der Kunſt des Alterthums
.


Erſter Theil.
Unterſuchung der Kunſt nach dem Weſen derſelben.


Erſtes Capitel.
Von dem Urſprunge der Kunſt, und den Urſachen ihrer

Verſchiedenheit unter den Voͤlkern.

Die Kuͤnſte, welche von der Zeichnung abhaͤngen, haben, wie alle Er-Erſtes Stuͤck
I.
Allgemeiner
Begriff dieſer
Geſchichte.

findungen, mit dem Nothwendigen angefangen; nachdem ſuchte
man die Schoͤnheit, und zuletzt folgete das Ueberfluͤßige: dieſes ſind die
drey vornehmſten Stuffen der Kunſt.

Die
I Theil. Erſtes Capitel.

Die aͤlteſten Nachrichten lehren uns, daß die erſten Figuren vorgeſtellet,
was ein Menſch iſt, nicht wie er uns erſcheint, deſſen Umkreis, nicht deſſen
Anſicht. Von der Einfalt der Geſtalt gieng man zur Unterſuchung der
Verhaͤltniſſe, welche Richtigkeit lehrete, und dieſe machete ſicher, ſich in
das Große zu wagen, wodurch die Kunſt zur Großheit, und endlich unter
den Griechen ſtuffenweiſe zur hoͤchſten Schoͤnheit gelangete. Nachdem alle
Theile derſelben vereinigt waren, und ihre Ausſchmuͤckung geſuchet wurde,
gerieth man in das Ueberfluͤßige, wodurch ſich die Großheit der Kunſt ver-
lor, und endlich erfolgete der voͤllige Untergang derſelben.

Dieſes iſt in wenig Worten die Abſicht der Abhandlung dieſer Ge-
ſchichte der Kunſt. In dieſem Capitel wird zum erſten von der anfaͤng-
lichen Geſtalt der Kunſt allgemein geredet, ferner von der verſchiede-
nen Materie, in welcher die Bildhauerey arbeitete, und drittens von dem
Einfluſſe des Himmels in die Kunſt.

II.
Anfang der
Kunſt mit der
Bildhauerey.

Die Kunſt hat mit der einfaͤltigſten Geſtaltung, und vermuthlich mit
einer Art von Bildhauerey angefangen: denn auch ein Kind kann einer
weichen Maſſe eine gewiſſe Form geben, aber es kann nichts auf einer
Flaͤche zeichnen; weil zu jenem der bloße Begriff einer Sache hinlaͤnglich
iſt, zum Zeichnen aber viele andere Kenntniſſe erfordert werden: aber die
Malerey iſt nachher die Ziererinn der Bildhauerey geworden.

III.
Aehnlicher Ur-
ſprung derſel-
ben bey ver-
ſchiedenen
Voͤlkern.

Die Kunſt ſcheint unter allen Voͤlkern, welche dieſelbe geuͤbet haben,
auf gleiche Art entſprungen zu ſeyn, und man hat nicht Grund genug, ein
beſonderes Vaterland derſelben anzugeben: denn den erſten Saamen zum
Nothwendigen hat ein jedes Volk bey ſich gefunden. Aber die Erfindung
der Kunſt iſt verſchieden nach dem Alter der Voͤlker, und in Abſicht der
fruͤheren oder ſpaͤteren Einfuͤhrung des Goͤtterdienſtes, ſo daß ſich die Chal-
daͤer oder die Aegypter ihre eingebildeten hoͤheren Kraͤfte, zur Verehrung, zei-
tiger als die Griechen, werden ſinnlich vorgeſtellet haben. Denn hier ver-
haͤlt es ſich, wie mit andern Kuͤnſten und Erfindungen, dergleichen das

Purpur-

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Purpurfaͤrben iſt, welche in den Morgenlaͤndern eher bekannt und getrieben
wurden. Die Nachrichten der H. Schrift von gemachten Bildniſſen ſind 1)
weit aͤlter, als alles, was wir von den Griechen wiſſen. Die Bilder, wel-
che aufaͤnglich in Holz gearbeitet, und andere, welche gegoſſen wurden, haben
in der hebraͤiſchen Sprache, jedes 2) ſeine beſondere Benennung: die er-
ſteren wurden mit der Zeit 3) vergoldet, oder mit goldenen Blechen beleget.
Diejenigen aber, welche von dem Urſprunge eines Gebrauchs, oder
einer Kunſt, und deren Mittheilung von einem Volke auf das andere re-
den, irren insgemein darinnen, daß ſie ſich an einzelne Stuͤcke, die eine
Aehnlichkeit mit einander haben, halten, und daraus einen allgemeinen
Schluß machen; ſo wie 4) Dionyſius aus der Schaͤrfe um den Unterleib
der Ringer bey den Griechen, wie bey den Roͤmern, behaupten will, daß
dieſe von jenen hergekommen.

In Aegypten bluͤhete die Kunſt bereits in den aͤlteſten Zeiten, undIV.
Alterthum
derſelben in
Aegypten.

wenn 5) Seſoſtris an vierhundert Jahre vor dem Trojaniſchen Kriege gelebet
hat, ſo waren in dieſem Reiche die groͤßten Obelisken, die ſich in Rom
befinden, und Werke gemeldeten Koͤnigs ſind, nebſt den groͤßten Gebaͤu-
den zu Theben, bereits aufgefuͤhret, da uͤber die Kunſt bey den Griechen
annoch Dunkelheit und Finſterniß ſchwebeten.

Bey den Griechen hat die Kunſt, ob gleich viel ſpaͤter, alsV.
Spaͤtere aber
urſpruͤngliche
Kunſt bey den
Griechen.
Steine und
Saͤulen die
erſten Bilder.

in den Morgenlaͤndern, mit einer Einfalt ihren Anfang genommen,
daß ſie, aus dem was ſie ſelbſt berichten, von keinem andern Volke
den erſten Saamen zu ihrer Kunſt geholet, ſondern die erſten Erfinder ſchei-
nen koͤnnen. Denn es waren ſchon dreyßig Gottheiten ſichtbar verehret,
da man ſie noch nicht in menſchlicher Geſtalt gebildet hatte, und ſich be-

gnuͤgete,
1) Conf. Gerh. Voſſ. Inſtit. Poet. L. I. p. 31.
2) [fremdsprachliches Material]
3) Eſa. 30, 22.
4) Antiquit. Rom. L. 7. p. 458.
5) v. Not. ad Tacit. An. L. 2. c. 60. p. 251. edit. Gronov. Valeſ. Not. ad Ammian. L. 17. c. 4.
& Warburth. Eſſay ſur les Hierogl. p.
608.
A 3

I Theil. Erſtes Capitel.
gnuͤgete, dieſelben durch einen unbearbeiteten Klotz, oder durch viereckigt[e]
Steine, wie die 1) Araber und 2) Amazonen thaten, anzudeuten. So
war 3) die Juno zu Theſpis, und die Diana zu Icarus geſtaltet. Diana
Patroa, 4) und Jupiter Milichus zu Corinth waren, wie 5) die aͤlteſte
Venus zu Paphos, nichts anders, als eine Art Saͤulen. Bacchus wur-
de in Geſtalt 6) einer Saͤule verehret, und ſelbſt 7) die Liebe und 8) die
Gratien wurden bloß durch Steine vorgeſtellet. Daher bedeutete das Wort
Saͤule (κιών) auch noch 9) in den beſten Zeiten der Griechen eine Statue.
Caſtor und Pollux hatten bey den Spartanern die Geſtalt 10) von zwey
Parallel-Hoͤlzern, welche durch zwey Queer-Hoͤlzer verbunden waren; und
dieſe uralte Bildung derſelben erſcheint in 11) dem Zeichen II, wodurch dieſe
Zwillinge in dem Thierkreiſe angedeutet werden.

VI.
Anwachſende
Bildung einer
Figur durch
den Kopf.

Auf beſagte Steine wurden mit der Zeit Koͤpfe geſetzet; unter vielen
andern war ein ſolcher 12) Neptunus zu Tricoloni, und 13) ein Jupiter zu
Tegea, beyde in Arcadien: denn in dieſem Lande war man unter den Grie-
chen mehr als anderswo 14) bey der aͤlteſten Geſtalt in der Kunſt geblieben.
Es offenbaret ſich alſo in den erſten Bildniſſen der Griechen eine urſpruͤngli-
che Erfindung und Zeugung einer Figur. Auf Goͤtzen der Heiden, die

von
1) Maxim. Tyr. Diſſ. 8. §. 8. p. 87. Clem. Alex. Cohort. ad Gent. c. 4. p. 40.
2) Apollon. Argon. L. 2. v. 1176.
3) Pauſan. L. 7. p. 579. l. 32. conf. L. 8. p. 665. l. 28. p. 666. l. 27. p. 671. l. 21.
4) Id. L. 2. p. 132. l. 39.
5) Max. Tyr. & Clem. Alex. ll. cc.
6) Conf. Schwarz, Miſcel. polit. humanit. p. 67.
7) Pauſan. L. 9. p. 761. l. 31.
8) Id. L. 9. p. 786. l. 16.
9) Epigr. ap. Codin. Orig. Conſtant. p. 19.
10) Plutarch. de amore fraterno, init. p. 849. edit. Steph.
11) Conf. Palmer. Exercit. in Auct. Græc. p. 223.
12) Pauſan. L. 8. p. 671. l. 22.
13) Ibid. p. 698. l. 2.
14) Ibid. l. c.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
von der menſchlichen Geſtalt nur allein den Kopf gehabt haben, deutet auch
1) die H. Schrift. Viereckigte Steine mit Koͤpfen, wurden bey den Grie-
chen, wie bekannt iſt, Hermaͤ, das iſt, 2) große Steine genennet, und
von ihren Kuͤnſtlern beſtaͤndig beybehalten 3).

Von dieſem erſten Entwurfe und Anlage einer Figur koͤnnen wir derVII.
Durch Anzei-
ge des Ge-
ſchlechtes.

anwachſenden Bildung derſelben, aus Anzeigen der Scribenten und aus al-
ten Denkmaalen, nachforſchen. An dieſe Steine mit einem Kopfe merkete
man nur auf dem Mittel derſelben den Unterſchied des Geſchlechts an, wel-
ches ein ungeformtes Geſicht im Zweifel ließ. Wenn geſaget wird, daß
Eumarus von Athen 4) den Unterſchied des Geſchlechts in der Malerey zu
erſt gezeiget habe, ſo iſt dieſes vermuthlich von der Bildung des Geſichts im
jugendlichen Alter zu verſtehen: dieſer Kuͤnſtler hat vor dem Romulus,
und nicht lange nach Wiederherſtellung der olympiſchen Spiele durch den
Iphitus, gelebet.

Endlich fieng Daͤdalus an, wie die gemeineſte Meynung iſt, die un-VIII.
Durch Ge-
ſtaltung der
Beine durch
den Daͤdalus.

terſte Haͤlfte dieſer Bildſaͤulen in Geſtalt der Beine von einander zu ſondern;
und weil man nicht verſtand, aus Stein eine ganze menſchliche Figur hervor-
zubringen, ſo arbeitete dieſer Kuͤnſtler in Holz, und von ihm ſollen die erſten
Statuen den Namen Daͤdali bekommen haben. Von den Werken dieſes
Kuͤnſtlers giebt die Meynung der Bildhauer von Socrates Zeit, welche er
anfuͤhret, einigen Begriff; wenn Daͤdalus, ſaget er, wieder aufſtehen ſoll-
te, und arbeiten wuͤrde, wie die Werke ſind, die unter deſſen Namen gehen,
wuͤrde er, wie die Bildhauer ſagen, laͤcherlich werden.

Die
1) Pſ. 135. v. 16.
2) Scylac. Peripl. p. 52. l. 19. Suid. v. Ἕρμα. Der Name Hermes, Mercurius, dem der-
gleichen Steine, wie man vorgiebt, zuerſt ſollen geſetzt worden ſeyn, wuͤrde auch
nach deſſen Herleitung beym Plato Cratyl. p. 408. B. jenem nichts angehen.
3) Ἀνδριὰς Πανδίονος beym Ariſtoph. Pac. v. 1183. war eine ſolche Herma, und eine von
zwoͤlf andern zu Athen, an welche die Verzeichniſſe der Soldaten aufgehaͤnget
wurden, und kann alſo keine Saͤule bedeuten, wie es die Ueberſetzer gegeben haben.
4) Plin. l. 35. c. 34. p. 690.
I Theil. Erſtes Capitel.
IX.
Aehnlichk. der
erſten Figuren
bey den Aegy
ptern, Hetru-
riern und
Griechen.

Die erſten Zuͤge dieſer Geſtalten bey den Griechen waren einfaͤltig und
mehrentheils gerade Linien, und unter Aegyptern, Hetruriern und Griechen
wird beym Urſprunge der Kunſt unter jedem Volke kein Unterſchied geweſen
ſeyn; wie dieſes auch 1) die alten Scribenten bezeugen: und dieſes ſieht man 2)
an der aͤlteſten griechiſchen Figur von Erzt in dem Muſeo Nani zu Vene-
dig, mit der Schrift auf deſſen Baſe: [fremdsprachliches Material].
Auch in dieſer platten Art zu zeichnen lieget der Grund von der Aehnlichkeit
der Augen an Koͤpfen, auf den aͤltern griechiſchen Muͤnzen, und an aͤgypti-
ſchen Figuren; jene ſind wie dieſe platt und laͤnglich gezogen 3). Die erſten Ge-
maͤlde hat man ſich als Monogrammen, wie Epicurus die Goͤtter nennete,
das iſt, wie einlinichte Umſchreibungen des Schattens eines Menſchen vor-
zuſtellen.

X.
Groͤßere
Wahrſchein-
lichkeit fuͤr die
Mittheilung
der Kunſt von
den Phoͤni-
ciern als von
den Aegyptern
an die Grie-
chen.

Es fuͤhreten alſo die erſten Linien und Formen in der Kunſt ſelbſt, zur
Bildung einer Art Figuren, welche man insgemein Aegyptiſche nennet.
Es haͤtten auch die Griechen nicht viel Gelegenheit gehabt, in der Kunſt
etwas von den Aegyptern zu erlernen: denn vor dem Koͤnige Pſammeti-
chus war allen Fremden der Zutritt in Aegypten verſaget, und die Griechen
uͤbeten die Kunſt ſchon vor dieſer Zeit. Die Abſicht der Reiſen, welche die
Griechiſchen Weiſen nach Aegypten thaten, gieng vornehmlich 4) auf die Re-
gierungsform dieſes Landes. Es waͤre fuͤr diejenigen, welche alles aus den
Morgenlaͤndern herfuͤhren, mehr Wahrſcheinlichkeit auf Seiten der Phoͤ-

nicier,
1) Diodor. Sic. L. I. p. 87. l. 35. Strab. Geogr. L. 17. p. 806.
2) Paciaudi Monum. Pelopon. T. 2. p. 51.
3) Dergleichen Augen hat vermuthlich Diodorus Hiſt. L. 4. anzeigen wollen, wo er von
den Figuren des Daͤdalus redet: er ſaget, dieſer Kuͤnſtler habe dieſelben gebildet
ὄμμασι μεμυκότα, welches die Ueberſetzer gegeben haben; luminibus clauſis, mit zu-
geſchloſſenen Augen
. Dieſes iſt nicht wahrſcheinlich: denn wenn er hat Augen
machen wollen, wird er ſie offen gemachet haben. Es iſt auch die Ueberſetzung
ganz und gar wider die eigentliche und beſtaͤndige Bedeutung des Worts μεμυκὼς,
welches mit den Augen blinzen, nictare, und im Ital. ſbirciare heißt, und mit con-
niventibus oculis
muͤßte ausgedruͤcket werden. Μεμυκότα χάλεα beym Non. Dionyſ.
I. 4. p. 75. v.
8. ſind halb eroͤffnete Lippen.
4) Strab. L. 10. p. 482. C. Plutarch. Solon. p. 146. l. 28.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
ciern, mit welchen die Griechen ſehr zeitig Verkehr hatten, von welchen
dieſe auch durch den Cadmus ihre erſten Buchſtaben ſollen bekommen
haben. Mit den Phoͤniciern ſtanden in den aͤlteſten Zeiten, vor dem Cy-
rus, auch die Hetrurier, welche 1) maͤchtig waren zur See, in Buͤndniß,
wovon unter andern die gemeinſchaftliche Flotte, 2) welche ſie wider die
Phocaͤer ausruͤſteten, ein Beweis iſt.

Es war unter den Kuͤnſtlern dieſer Voͤlker ein gemeiner Gebrauch, ihreXI.
Aehnlicher
Gebrauch bey
gedachten drey
Voͤlkern die
Figuren mit
Schrift zu
bezeichnen.

Werke mit Schrift zu bezeichnen: die Aegypter ſetzten dieſelbe auf die Baſe
und an die Saͤule an welcher die Figuren ſtehen, die aͤlteſten Griechen aber,
wie die Hetrurier, auf die Figur ſelbſt. Auf 3) dem Schenkel der Statue
eines Olympiſchen Siegers zu Elis ſtanden zween Griechiſche Verſe, und
4) an der Seite eines Pferdes, an eben dieſem Orte, von einem Dionyſius
aus Argos verfertiget, war eine Inſchrift geſetzet; ſo gar Myron ſetzte
noch ſeinen Namen 5) auf dem Schenkel eines Apollo, mit eingelegten ſil-
bernen Buchſtaben; und im fuͤnften Capitel werde ich von einer noch vor-
handenen Statue in Erzt reden, welche ebenfalls auf dem Schenkel eine Roͤ-
miſche Inſchrift hat.

Die alleraͤlteſte Geſtalt der Figuren war bey den Griechen auch inXII.
Erklaͤrung der
Aehnlichkeit
der Aegypti-
ſchen und
Griechiſchen
aͤlteſten Figu-
ren.

Stand und Handlung den Aegyptiſchen aͤhnlich, und Strabo bezeichnet das
Gegentheil durch ein Wort, welches eigentlich 6) verdrehet heißt, und bey
ihm Figuren bedeutet, welche nicht mehr, wie in den aͤlteſten Zeiten, voͤl-
lig gerade, und ohne alle Bewegung waren, ſondern in mancherley Stel-

lungen
1) Pauſan. L. 10. p. 836. l. 2.
2) Herodot. L. 1. p. 43. l. 3.
3) Pauſan. L. 5. p. 450. l. 12.
4) Id. L. 5. p. 448.
5) Cic. Verr. 4. c. 43.
6) Geogr. L. 15. p. 948. ‒ ἐν παραλίᾳ τῆς νήσου Σάμου ‒ ἐν μἐν ἀρχαίοις (τῶν [fremdsprachliches Material]αῶν)
ἀρχαῖά ἐςι ξόανα, ἐν δὲ ταῖς ὕςερον Σκολιὰ ἔργα.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. B

I Theil. Erſtes Capitel.
lungen und Handlungen ſtanden. In dieſer Abſicht werden 1) die Statue
eines Ringers, mit Namen Arrachion, aus der 54. Olympias, und 2)
eine andere im Campidoglio, aus ſchwarzem Marmor, angefuͤhret, weil
an jener, ſo wie an dieſer, die Arme laͤngſt an den Huͤften herunter hiengen.
An jener Statue aber kan dieſer Stand, wie an einer, die dem beruͤhmten
Milo von Croton geſetzet war, ſeine beſondere Bedeutung gehabt haben;
und uͤberdem war dieſelbe in Arcadien gearbeitet, wo die Kunſt nicht ge-
bluͤhet hat. Die andere ſcheinet eine Iſis vorzuſtellen, und iſt eine von
den Figuren, welche Kaiſer Hadrian, in deſſen Villa bey Tivoli dieſelbe ge-
funden worden, als eine Nachahmung Aegyptiſcher Werke machen laſſen,
und von welcher im folgenden Capitel geredet wird.

XIII.
Eigenſchaft
des aͤlteſten
Stils der
Zeichnung.

Aus den geraden Linien der erſten Bildungen, bey welchen die Aegypter
blieben, lehrete die Wiſſenſchaft die Hetruriſchen und Griechiſchen Kuͤnſtler
herausgehen. Da aber die Wiſſenſchaft in der Kunſt vor der Schoͤnheit
vorausgehet, und als auf richtige ſtrenge Regeln gebauet, mit einer ge-
nauen und nachdruͤcklichen Beſtimmung zu lehren anfangen muß, ſo wurde
die Zeichnung regelmaͤßig, aber eckigt, bedeutend, aber hart, und vielmahls
uͤbertrieben; auf eben die Art, wie ſich die Bildhauerey in neuern Zeiten
durch Michael Angelo verbeſſert hat. Arbeiten in dieſem Stil haben ſich
auf erhabenen Werken in Marmor, und auf geſchnittenen Steinen erhal-
ten, welche an ihrem Orte angezeiget werden; und dieſes war der Stil,
welchen 3) die angefuͤhrten Scribenten mit dem Hetruriſchen vergleichen,
und welcher, wie es ſcheinet, der Aeginetiſchen Schule eigen blieb: denn
die Kuͤnſtler dieſer Inſel, welche 4) von Doriern bewohnet war, ſcheinen
bey dem aͤlteſten Stil am laͤngſten geblieben zu ſeyn.

Das
1) Pauſan. L. 8. p. 682.
2) Caylus Rec. d’Ant. T. 2. pl. 39.
3) Diod. Sic. & Strabo ll. cc.
4) Herodot. L. 8. p. 301. l. 39.
Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.

Das zweyte Stuͤck dieſes Capitels, die Materie, in welcher die Bild-Zweytes Stuͤck
hauerey gearbeitet, zeiget die verſchiedenen Stuffen derſelben, ſo wie die
Bildung und Zeichnung ſelbſt. Die Kunſt und die Bildhauerey fiengen
an mit Thon, hierauf ſchnitzete man in Holz, hernach in Elfenbein, und
endlich machte man ſich an Steine und Metall.

Die erſte Materie der Kunſt, den Thon, deuten ſelbſt die alten Spra-I.
Erſte Materie
der Kuͤnſtler,
der Thon.

chen an: denn die Arbeit des Toͤpfers und des Bilders wird 1) durch eben
daſſelbe Wort bezeichnet. Es waren noch zu Pauſanias Zeiten in ver-
ſchiedenen Tempeln Figuren der Gottheiten von Thon: als zu 2) Tritia
in Achaja, in dem Tempel der Ceres und Proſerpina; in einem Tempel
des Bacchus zu Athen war 3) Amphictyon, wie er nebſt andern Goͤttern den
Bacchus bewirthete, ebenfalls von Thon; und eben daſelbſt auf der Halle,
Ceramicus, von irrdenen Gefaͤßen oder Figuren alſo genannt, ſtand The-
ſeus, wie er den Sciron ins Meer ſtuͤrzete, und die Morgenroͤthe, welche
den Cephalus entfuͤhrete, beyde Werke 4) von Thon. Die Bilder aus
Thon wurden mit 5) rother Farbe bemalet, und zuweilen, wie ſich an ei-
nem alten 6) Kopfe von gebrannter Erde zeiget, ganz roth uͤberſtrichen:
von den Figuren 7) des Jupiters wird es ins beſondere geſaget, und in
Arcadien war ein ſolcher zu 8) Phigalia auch 9) Pan wurde roth bemalet.
Eben dieſes geſchiehet noch itzo 10) von den Indianern. Es ſcheinet, daß da-
her der Beyname der Ceres 11) φοινιϰόπεζα, die Rothfuͤßige, gekommen ſey.

Der Thon blieb auch nachher ſo wohl unter, als nach dem FlorII.
Gemalte Ge-
faͤße von Thon.

der Kunſt ein Vorwurf derſelben, theils in erhobenen Sachen, theils

in
1) v. Guſſet. Comment. L. Hebr. v. יזצד
2) Pauſan. L. 7. p. 580. l. 30.
3) Id. L. 1. p. 7. l. 15.
4) Ibid. p. 8. l. 10.
5) Plin. L. 35. c. 45.
6) Der Verfaſſer beſitzet dieſen Kopf, welcher in dem alten Tuſculo gefunden worden iſt.
7) Plin. L. 23. c. 3.
8) Pauſan. L. 8. p. 681. lin. ult.
9) Virg. Eclog. 19. v. 27.
10) Della Valle Viag. T. 1. p. 28.
11) Pind. Olymp. 6. v. 126.
B 2

I Theil. Erſtes Capitel.
in gemalten Gefaͤßen. Jene wurden nicht allein in die Frieſen der
Gebaͤude angebracht, ſondern ſie dieneten auch den Kuͤnſtlern zu
Modellen, und um ſie zu vervielfaͤltigen, wurden ſie in eine vorherzu-
bereitete Form abgedrucket; wovon die haͤufigen Ueberbleibſel einer und
eben derſelben Vorſtellung ein Beweis ſind. Dieſe Abdruͤcke wurden von
neuem mit dem Modellier-Stecken nachgearbeitet, wie man deutlich ſiehet,
und der Verfaſſer beſitzet ſelbſt einige Stuͤcke dieſer Art. Die Modelle
wurden zuweilen auf ein Seil gezogen, und in den Werkſtellen der Kuͤnſt-
ler aufgehaͤnget: denn einige haben ein dazu gemachtes Loch in der Mitten.
Man findet unter dieſen Modellen ganz beſondere Vorſtellungen. Die
1) vermeynte Pythiſche Prieſterinn iſt ein ſolches Werk in gebrannter Erde.
An den feyerlichen Feſten 2), die zum Gedaͤchtniſſe des Daͤdalus gehalten
wurden, in Boeotien ſo wohl, als in den Staͤdten um Athen, und na-
mentlich zu Plateaͤa, ſetzten die Kuͤnſtler dergleichen Modelle oͤffent-
lich aus.

Von der andern Art Denkmale der Arbeit in Thon, nemlich von der
Alten ihren bemalten Gefaͤßen, ſind uns ſo wohl Hetruriſche, als Griechi-
ſche uͤbrig, wie unten mit mehren wird gedacht werden. Der Gebrauch
irrdener Gefaͤße blieb von den aͤlteſten Zeiten her 3) in heiligen und Got-
tesdienſtlichen Verrichtungen, nachdem ſie durch die Pracht im buͤrgerlichen
Leben abgekommen waren. Jene gemalten Gefaͤße waren bey den Alten
an ſtatt des Porcellans, und dieneten zum Zierrath, nicht zum Gebrauch:
III.
Die zweyte
Art Figuren
in Holz.
denn es finden ſich einige, welche keinen Boden haben.

Aus Holz wurden, ſo wie die Gebaͤude, alſo auch 4) die Statuen, eher
als aus Stein und Marmor, gemachet. In Aegypten werden noch itzo von
ihren alten Figuren von Holz, welches Sycomorus iſt, gefunden; es fin-

den
1) v. Montfauc. Ant. expl. T. 2. pl. 2. n. 1.
2) Dicaearch. Geogr. p. 168. l. 15. conf. Meurſ. de Feſt. Graec.
3) conf. Brodaei Miſcel. L. 5. c. 19.
4) Pauſan. L. 2. p. 152. l. 32.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
den ſich dergleichen in vielen Muſeis. Pauſanias 1) machet die Arten von
Holz namhaft, aus welchen die aͤlteſten Bilder geſchnitzet waren; und es
waren noch zu deſſen Zeiten an den beruͤhmteſten Orten in Griechenland
Statuen von Holz. Unter andern war zu Megalopolis in Arcadien eine ſol-
che 2) Juno, Apollo und die Muſen, ingleichen 3) eine Venus, und ein
Mercurius von Damophon, einem der aͤlteſten Kuͤnſtler. Es iſt auch eine
Statue von Holz aus einem Stuͤcke, in dem Tempel des Apollo zu De-
los, davon 4) Pindarus gedenket, anzufuͤhren. Beſonders ſind zu
merken Hilaira und Phoebe zu Theben, nebſt den Pferden des Caſtor
und Pollux 5) aus Ebenholz und Elfenbein, vom Dipoenus und Scyllis,
des Daͤdalus Schuͤlern, und 6) eine ſolche Diana zu Tegea in Arcadien,
aus der aͤlteſten Zeit der Kunſt, und ingleichen 7) eine Statue des Ajax zu
Salamis. Pauſanias glaubet, daß ſchon vor dem Daͤdalus Sta-
tuen von Holz 8) Daͤdala genennet worden. Zu Sais und zu Theben
in Aegypten waren 9) Coloſſaliſche Statuen von Holz. Wir finden, daß
noch Siegern in der ein und ſechzigſten Olympias 10) hoͤlzerne Statuen
aufgerichtet worden; ja der beruͤhmte Myron zur Zeit des Phidias, machte
11) eine Hecate von Holz zu Aegina. Diagoras, welcher unter den Got-
tesverlaͤugnern des Alterthums beruͤhmt iſt, kochete ſich ſein Eſſen bey einer
Figur des Hercules, da es ihm an Holze fehlete 12). Mit der Zeit vergol-
dete man die Figuren, wie 13) unter den Aegyptern ſo wohl, als unter den
Griechen geſchahe; von Aegyptiſchen Figuren, welche vergoldet geweſen,
hat 14) Gori zwo beſeſſen. Zu Rom wurde eine 15) Fortuna Virilis,

die
1) L. 8. p. 633. l. 32.
2) Ibid. 8. p. 665.
3) Id. L. 8. p. 665. l. 15.
4) Pyth. 5. v. 53.
5) Pauſan. L. 2. p. 161. l. 34.
6) Id. L. 8. p. 708. ad fin.
7) Idem L. 1. p. 85. l. 24.
8) Id. L. 9. p. 616.
9) Herodot. L. 2. p. 95. l. 35.
10) Pauſan. L. 6. p. 497. l. 15.
11) Pauſan. L. 2. p. 180. l. 30.
12) Schol. ad ariſtoph. Nub. v. 828.
13) Herodot. L. 2. p. 71. l. 28.
14) v. Muſ. Etr. T. I. p. 51.
15) Dionyſ. Halic. Ant. R. L. 4. p. 234. l. 31.
B 3

I Theil. Erſtes Capitel.
die von Zeiten Koͤnigs Servius Tullius, und vermuthlich von einem Hetru-
riſchen Kuͤnſtler war, noch unter den erſten Roͤmiſchen Kaiſern verehret.

III.
Ferner
in Elfenbein.

In Elfenbein wurde ſchon in den aͤlteſten Zeiten der Griechen ge-
ſchnitzet, und Homerus redet von 1) Degengriffen, von Degenſcheiden,
ja von Betten, und von vielen andern Sachen, welche daraus gemacht
waren. Die 2) Stuͤhle der erſten Koͤnige und Conſuls in Rom waren
gleichfalls von Elfenbein, und ein jeder Roͤmer, welcher zu derjenigen Wuͤr-
de gelanget war, die dieſe Ehre genoß, hatte 3) ſeinen eigenen Stuhl
von Elfenbein; und auf ſolchen Stuͤhlen 4) ſaß der ganze Rath, wenn
von den Roſtris auf dem Markte zu Rom eine Leichenrede gehalten wurde.
Es waren ſo gar 5) die Leyern der Alten aus Elfenbein gemachet. In Grie-
chenland waren an hundert Statuen von Elfenbein und Golde, die meh-
reſten aus der aͤlteren Zeit, und uͤber Lebensgroͤße: ſo gar in einem gerin-
gen Flecken in Arcadien war 6) ein ſchoͤner Aeſculapius, und 7) auf der
Landſtraße ſelbſt, nach Pellene, in Achaja, war in einem Tempel der Pal-
las, ihr Bild, beyde von Elfenbein und Golde. In einem Tempel zu
Cyzicum, an welchem die Fugen der Steine mit goldenen Leiſtgen gezieret
waren, ſtand 8) ein Jupiter von Elfenbein, den ein Apollo von Marmor
kroͤnete; auch zu 9) Tivoli war ein ſolcher Hercules. Herodes Atticus,
der beruͤhmte und reiche Redner zur Zeit der Antoniner, ließ zu Corinth in
dem Tempel des Neptunus einen Wagen mit vier vergoldeten Pferden ſe-
tzen, an welchen der Huf von 10) Elfenbein war. Von Elfenbein von

Statuen
1) Conf. Pauſan. L. 1. p. 30. Caſaub. ad Spartian. p. 20. E.
2) Dionyſ. Halic. Ant. R. L. 3. p. 187. l. 25. L. 4. p. 257. l. 29.
3) Liv. L. 5. c. 41.
4) Polyb. L. 6. p. 495. lin. ult.
5) Dionyſ. Hal. l. c. L. 7. p. 458. l. 39.
6) Strab. Geogr. L. 8. p. 337. D.
7) Pauſan. L. 7. p. 594. l. 29.
8) Plin. L. 36. c. 22.
9) Propert. L. 4. el. 7. v. 82.
10) Panſan. L. 2. p. 113. l. 1.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Statuen hat ſich niemals, in ſo vielen Entdeckungen, die geringſte Spur
gefunden, einige ganz kleine Figuren ausgenommen, weil Elfenbein ſich in
der Erde calciniret, wie Zaͤhne von andern Thieren, nur die Wolfszaͤhne
nicht 1). Zu Tyrinthus in Arcadien war eine Cybele von Gold, das Ge-
ſicht aber war aus Zaͤhnen 2) vom Hippopotamus zuſammen geſetzet.

Der erſte Stein, aus welchem man Statuen machete, ſcheinet ebenV.
Hierauf in
Stein, und
erſtlich in dem
jedem Lande
eigenen.

derjenige geweſen zu ſeyn, wovon man die aͤlteſten Gebaͤude in Griechen-
land, wie 3) der Tempel des Jupiters zu Elis war, auffuͤhrete, nemlich
eine Art Toff-Stein, welcher weißlicht war. Plutarchus gedenket 4) eines
Silenus in dieſem Steine. Zu Rom gebrauchete man auch den Travertin
hierzu, und es findet ſich eine Conſulariſche Statue in der Villa des Hrn.
Cardiuals Alex. Albani, eine andere in dem Pallaſte Altieri, in Campi-
telli,
welche ſitzet, und auf dem Knie eine Tafel haͤlt, und eine weibliche
Figur, ſo wie jene in Lebensgroͤße, mit einem Ringe am Zeigefinger, in der
Villa des Marcheſe Belloni. Dieſes ſind die drey Figuren aus dieſem
Steine in Rom. Figuren von ſolchen geringen Steinen pflegten um die
Graͤber zu ſtehen.

Aus Marmor machete man anfaͤnglich zu erſt Kopf, Haͤnde und FuͤßeVI.
In Marmor,
und anfaͤng-
lich die aͤußern
Theile der Fi-
gur. Von
uͤbermalten
Statuen.

an Figuren von Holz, wie 5) eine Juno, und 6) Venus von Damophon,
einem der aͤlteſten beruͤhmten Kuͤnſtler, waren; und dieſe Art war noch zu
des Phidias Zeiten in Gebrauch: denn 7) ſeine Pallas zu Plateaͤa war
alſo gearbeitet. Solche Statuen, an welchen nur die aͤuſſerſten Theile von
Stein waren, wurden 8) Acrolithi genennet: dieſes iſt die Bedeutung
dieſes Worts, welche 9) Salmaſius und 10) andere nicht gefunden haben.

Plinius
1) Es hat jemand in Rom einen Wolfszahn, auf welchem die zwoͤlf Goͤtter gearbeitet ſind.
2) Pauſan. L. 8. p. 694. l. 32.
3) Id. L. 5. p. 397. lin. ult.
4) Vit. Rhet. Andocid. p. 1535. l. 14.
5) Pauſan. L. 7. p. 582. l. 33.
6) Id. L 8. p. 665. l. 16.
7) Pauſan. L. 8. p. 665. l. 16.
8) Vitruv. L. 2. c. 8. p. 59. l. 19.
9) Not. ad Script. Hiſt. Aug. p. 322. E.
10) Triller. Obſerv. Crit. L. 4. c. 6. Paciaud. Monum. Pelop. Vol. 2. p. 44.

I Theil. Erſtes Capitel.
Plinius merket an, 1) daß man allererſt in der funfzigſten Olympias ange-
fangen habe, in Marmor zu arbeiten, welches vermuthlich von ganzen
Figuren zu verſtehen iſt. Zuweilen wurden auch marmorne Statuen mit
wirklichem Zeuge bekleidet, wie eine 2) Ceres war, zu Bura in Achaja;
ein ſehr alter Aeſculapius 3) zu Sicyon hatte gleichfalls ein Gewand. Dieſes
gab nachher Gelegenheit, daß man an Figuren von Marmor die Beklei-
dung ausmalete, wie eine Diana zeiget, welche im Jahre 1760. im Her-
culano gefunden worden. Es iſt dieſelbe vier Palme und dritthalb Zoll
hoch, mit einem Kopfe, welcher nicht Idealiſch iſt, ſondern eine beſtimm-
te Perſon vorſtellet. Die Haare von derſelben ſind blond, die Veſte weiß,
ſo wie der Rock, an welchen unten drey Streifen umher laufen; der un-
terſte iſt ſchmal und goldfarbig, der andere breiter, von Lack-Farbe, mit
weißen Blumen und Schnirkeln auf demſelben gemalet; der dritte Streif
iſt von eben der Farbe. Die Statue, welche Corydon beym 4) Vir-
gilius der Diana gelobete, ſollte von Marmor ſeyn, aber mit rothen Stiefeln.
In ſchwarzen Steinen, es ſey Marmor oder Baſalt, arbeiteten bereits die
aͤlteſten Griechiſchen Bildhauer: eine Diana 5) zu Ambryßus in der Land-
ſchaft Phocis, von einem Aeginetiſchen Kuͤnſtler, war aus ſolchem Steine.
In wirklichen Baſalt arbeiteten die Griechen ſo wohl, als die Aegypter;
wovon unten wird gehandelt werden.

VII.
In Erzt.

In Erzt muͤßte man in Italien weit eher, als in Griechenland, Sta-
tuen gearbeitet haben, wenn man dem Pauſanias folgen wllote. Dieſer
6) machet die erſten Kuͤnſtler in dieſer Art Bildhauerey, einen Rhoecus und
Theodorus aus Samos, namhaft. Dieſer letzte hatte den beruͤhmten
Stein des Polycrates geſchnitten, welcher zur Zeit des Croeſus, alſo etwa

um
1) L. 36. c. 4. p. 724. l. 15.
2) Pauſan. L. 7. p. 590. l. 15.
3) Id. L. 2. p. 137. l. 4.
4) Eclog. 7. v. 31.
5) Id. L. 10. p. 891. l. 1.
6) L. 8. p. 629. l. 2. L. 9. p. 796. l. 1. L. 10. p. 896. l. 19.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
um die ſechzigſte Olympias, Herr von der Inſel Samos war. Die
Scribenten der Roͤmiſchen Geſchichte aber berichten, daß bereits 1) Romu-
lus ſeine Statue, von dem Siege gekroͤnet, auf einem Wagen mit vier
Pferden, alles von Erzt, ſetzen laſſen: der Wagen mit den Pferden war
eine Beute aus der Stadt Camerinum. Dieſes ſoll nach dem Triumph
uͤber die Fidenater, im ſiebenten Jahre deſſen Regierung, und alſo in der
achten Olympias, geſchehen ſeyn. Die Inſchrift dieſes Werks war, wie
2) Plutarchus angiebt, in Griechiſchen Buchſtaben: da aber, wie 3) Dio-
nyſius bey anderer Gelegenheit meldet, die Roͤmiſche Schrift der aͤlteſten
Griechiſchen aͤhnlich geweſen, koͤnnte es eine Arbeit eines Hetruriſchen Kuͤnſt-
lers ſeyn. Ferner wird von einer Statue von Erzt gemeldet, welche
4) dem Horatius Cocles, und von einer andern zu Pferde, welche der be-
ruͤhmten 5) Cloelia, zu Anfang der Roͤmiſchen Republic, aufgerichtet wor-
den; und da Spurius Caſſius wegen ſeiner Unternehmungen wider die
Freyheit geſtrafet wurde, ſo ließ man aus ſeinem eingezogenen Vermoͤgen
6) der Ceres Statuen von Erzt ſetzen. Auf der andern Seite aber wiſſen
wir aus andern Nachrichten, daß von den Griechen ſchon zur Zeit des
Croeſus in Lydien ungeheuer große Werke in allerhand Metalle gearbeitet
wurden: die große Vaſe 7) von Silber, die beſagter Koͤnig in dem Tempel
zu Delphos ſchenkete, enthielt ſechshundert Eimer, und oben gedachter
Theodorus war der Meiſter derſelben. Die Spartaner ließen eine Vaſe von
Metall, als ein Geſchenk fuͤr den Croeſus, machen, welche 8) dreyhundert
Eimer faſſete, und dieſelbe war mit allerhand Thieren gezieret.

Eine
1) Dionyſ. Halic. Ant. R. L. 2. p. 112. l. 39.
2) In Romulo, p. 33. l. 8.
3) L. 4. p. 221. l. 46.
4) Dionyſ. Halic. Ant. R. L. 4. p. 221. l. 46.
5) Id. L. 5. p. 284. l. 43. p. 291. l. 39. Plutarch. in Public. p. 195 l 6.
6) Dionyſ. Halic. L. 8. p. 524. l. 38.
7) Herodor. L. 1. p. 12. l. 27.
8) Ib. L. 18. l. 9.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. C

I Theil. Erſtes Capitel.
Eine geraume Zeit zuvor waren 1) drey Coloſſaliſche Figuren zu Samos
gemachet, jede von ſechs Ellen hoch, welche auf einen Knie ſaßen, und
eine große Vaſe trugen, die ſo, wie die Figuren, von Erzt war: es war der
Zehente des Gewinns von der Schifffahrt der Samier nach Tarteſſus, jen-
ſeits der Saͤulen des Hercules. Den erſten Wagen mit vier Pferden von
Erzt, von welchem unter den Griechen 2) Meldung geſchiehet, ließen die
Athenienſer nach dem Tode des Piſiſtratus, das iſt, nach der ſieben und
ſechzigſten Olympias machen, und er wurde vor dem Tempel der Pallas
aufgeſtellet. Die Statuen von Erzt hatten vielmals 3) ihre Baſe auch aus
Metall. Statuen von Gold wurden im Alterthum einigen Gottheiten,
haͤufiger aber 4) den Roͤmiſchen Kaiſern geſetzet, wie, außer den Scriben-
ten, einige Inſchriften bezeugen.

VIII.
Von der
Kunſt in
Stein zu
ſchneiden.

Die Kunſt in Stein zu ſchneiden muß ſehr alt ſeyn, und war
auch unter ſehr entlegenen Voͤlkern bekannt. Die Griechen, ſagt man,
ſollen anfaͤnglich mit 5) Holz vom Wurm durchloͤchert geſiegelt haben,
und es iſt 6) in dem Stoßiſchen Muſeo ein Stein, welcher nach Art der
Gaͤnge eines ſolchen Holzes geſchnitten iſt, und zum ſiegeln ſcheinet gedie-
net zu haben; wir wiſſen aber nicht, wie lange dieſer Gebrauch gedauret
hat. Die Aegypter ſind in dieſem Theile der Kunſt zu einer großen Voll-
kommenheit gelanget, wie die Iſis im beſagten Muſeo, von welcher im
folgenden Capitel Meldung geſchiehet, beweiſen kann; auch 7) die Aethio-
pier hatten Siegel in Stein gearbeitet, welche ſie mit einem andern harten
Stein ſchnitten. Von dieſer Art der Kunſt aber wird unter jedem der fol-
genden Capitel insbeſondere gehandelt. Wie haͤufig bey den Alten die

Arbeit
1) Herodot. L. 4. p. 171. l. 26. conf. p. 174. l. 35.
2) Id. L. 5. p. 199. l. 6.
3) Pauſan. L. 5. p. 445. l. 22.
4) Conf. Rycq. de Capit. c. 26. p. 108.
5) Heſych. v. Θριπόβρωτος. conf. Selden. ad Marm. Arund. 11. p. 177.
6) Deſcr. des pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 513.
7) Herodot. L. 7. p. 258. l. 25.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Arbeit in koſtbaren Steinen geweſen, ſiehet man nur allein, ohne andere
dergleichen Nachrichten zu beruͤhren, aus den 1) zwey tauſend Trink-
Geſchirren, welche Pompejus in dem Schatze des Mithridates fand.

Nach angezeigtem Urſprunge der Kunſt und der Materie, worinn ſie ge-Drittes Stuͤck.
Von den
Urſachen der
Verſchieden-
heit der Kunſt
unter den
Voͤlkern.
I.
Einfluß des
Himmels in
die Bildung.

wirket, fuͤhret die Abhandlung von dem Einfluſſe des Himmels in die Kunſt,
als das dritte Stuͤck dieſes Capitels, naͤher zu der Verſchiedenheit der
Kunſt unter den Voͤlkern, welche dieſelbe geuͤbet haben. Durch den Ein-
fluß des Himmels bedeuten wir die Wirkung der verſchiedenen Lage der
Laͤnder, der beſonderen Witterung und Nahrung in denſelben, in die Bil-
dung der Einwohner, wie nicht weniger in ihre Denkungs-Art. Das
Clima, ſagt Polybius 2), bildet die Sitten der Voͤlker, ihre Geſtalt und
Farbe.

In Abſicht des Erſtern, nemlich der Bildung der Menſchen uͤberzeu-A.
Ueber-haupt.

get uns unſer Auge, daß in dem Geſichte allezeit, ſo wie die Seele, alſo
auch vielmals der Character der Nation gebildet ſey: und wie die Natur
große Reiche und Laͤnder durch Berge und Fluͤſſe von einander geſondert,
ſo hat auch die Mannigfaltigkeit derſelben die Einwohner ſolcher Laͤnder
durch ihre eigene Zuͤge unterſchieden; und in weit entlegenen Laͤndern iſt
die Verſchiedenheit auch in anderen Theilen des Koͤrpers, und in der Statur.
Die Thiere ſind in ihren Arten, nach Beſchaffenheit der Laͤnder, nicht ver-
ſchiedener, als es die Menſchen ſind, und es haben einige bemerken wollen,B.
Und in die
Werkzeuge
der Sprache.

daß die Thiere die Eigenſchaft der Einwohner ihrer Laͤnder haben. Die
Bildung des Geſichts iſt ſo verſchieden, wie die Sprachen, ja wie die
Mundarten derſelben; und dieſe ſind es vermoͤge der Werkzeuge der Rede
ſelbſt, ſo daß in kalten Laͤndern die Nerven der Zunge ſtarrer und weniger
ſchnell ſeyn muͤſſen, als in waͤrmern Laͤndern; und wenn 3) den Groͤnlaͤn-

dern
1) Appian. Mithridat. p. 159. l. 35.
2) L. 4. p. 290. E.
3) Wöldicke de ling. Groenl. p. 144.
C 2

I Theil. Erſtes Capitel.
dern und verſchiedenen Voͤlkern in America Buchſtaben mangeln, muß
dieſes aus eben dem Grunde herruͤhren. Daher kommt es, daß alle Mitter-
naͤchtige Sprachen mehr einſylbige Worte haben, und mehr mit Conſonan-
ten uͤberladen ſind, deren Verbindung und Ausſprache andern Nationen
ſchwer, ja zum Theil unmoͤglich faͤllt. In dem verſchiedenen Gewebe und
Bildung der Werkzeuge der Rede ſuchet ein beruͤhmter Seribent 1) ſo gar
den Unterſchied der Mundarten der Italieniſchen Sprache. Aus ange-
fuͤhrtem Grunde, ſaget er, haben die Lombarder, welche in kaͤltern Laͤn-
dern von Italien gebohren ſind, eine rauhe und abgekuͤrzte Ausſprache;
die Toſcaner und Roͤmer reden mit einem abgemeſſenern Tone; die Neapoli-
taner, welche einen noch waͤrmern Himmel genießen, laſſen die Vocale
mehr als jene hoͤren, und ſprechen mit einem voͤlligern Munde. Diejeuigen,
welche viel Nationen kennen lernen, unterſcheiden dieſelbe eben ſo rich-
tig und untruͤglich aus der Bildung des Geſichts, als aus der Sprache.
Da nun der Menſch allezeit der vornehmſte Vorwurf der Kunſt und der
Kuͤnſtler geweſen iſt, ſo haben dieſe in jedem Lande ihren Figuren die Ge-
ſichts-Bildung ihrer Nation gegeben; und daß die Kunſt im Alterthume eine
Geſtalt nach der Bildung der Menſchen angenommen, beweiſet ein gleiches
Verhaͤltniß einer zu der andern in neuern Zeiten. Deutſche, Hollaͤnder
und Franzoſen, wenn ſie nicht aus ihrem Lande und aus ihrer Natur gehen,
ſind, wie die Sineſer und Tatern, in ihren Gemaͤhlden kenntlich: Rubens
hat nach einem vieljaͤhrigen Aufenthalt in Italien ſeine Figuren beſtaͤndig
gezeichnet, als wenn er niemals aus ſeinem Vaterlande gegangen waͤre.

C.
Bildung der
Aegypter.

Die Bildung der heutigen Aegypter wuͤrde ſich noch itzo in Figuren
ihrer ehemaligen Kunſt zeigen: dieſe Aehnlichkeit aber zwiſchen der Natur
und ihrem Bilde iſt nicht mehr eben dieſelbe, welche ſie war. Denn wenn
die mehreſten Aegypter ſo dick und fett waͤren, als die 2) Einwohner von

Cairo
1) Gravina ragion poet. L. 2. p. 148.
2) Dapper Afriq. p. 94.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Cairo beſchrieben werden, wuͤrde man nicht von ihren alten Figuren auf
die Beſchaffenheit ihrer Koͤrper in alten Zeiten ſchließen koͤnnen, als welche
das Gegentheil von der heutigen ſcheinet geweſen zu ſeyn: es iſt aber zu
merken, daß die Aegypter auch ſchon von den Alten als dicke fette Koͤrper
beſchrieben worden 1). Der Himmel iſt zwar allezeit derſelbe, aber das
Land und die Einwohner koͤnnen eine veraͤnderte Geſtalt annehmen. Denn
wenn man erweget, daß die heutigen Einwohner in Aegypten ein fremder
Schlag von Menſchen iſt, welche auch ihre eigene Sprache eingefuͤhret ha-
ben, daß ihr Gottesdienſt, Negierungsform und Lebensart der ehemali-
gen Verfaſſung ganz und gar entgegen ſtehet, ſo wird auch die verſchiedene
Beſchaffenheit der Koͤrper begreiflich ſeyn. Die unglaubliche Bevoͤlkerung
machte die alten Aegypter maͤßig und arbeitſam; ihre vornehmſte Abſicht
gieng 2) auf den Ackerbau; ihre Speiſe beſtand mehr in Fruͤchten, als in
Fleiſch, und es konnten alſo die Koͤrper ſich nicht mit vielem Fleiſche behaͤn-
gen. Die heutigen Einwohner in Aegypten aber ſind in der Faulheit ein-
geſchlaͤfert, und ſuchen nur zu leben, nicht zu arbeiten, welches den ſtarken
Anſatz ihrer Koͤrper verurſachet.

Eben dieſe Betrachtung laͤßet ſich uͤber die heutigen Griechen machen.D.
Der Grie-
chen und Ita-
liener.

Denn nicht zu gedenken, daß ihr Gebluͤt einige Jahrhunderte hindurch mit
dem Saamen ſo vieler Voͤlker, die ſich unter ihnen niedergelaſſen haben,
vermiſchet worden, ſo iſt leicht einzuſehen, daß ihre itzige Verfaſſung, Er-
ziehung, Unterricht und Art zu denken, auch in ihre Bildung einen Einfluß
haben koͤnne. In allen dieſen nachtheiligen Umſtaͤnden iſt noch itzo das
heutige Griechiſche Gebluͤt wegen deſſen Schoͤnheit beruͤhmt, und je mehr
ſich die Natur dem Griechiſchen Himmel naͤhert, deſto ſchoͤner, erhabner
und maͤchtiger iſt dieſelbe in Bildung der Menſchenkinder. Es finden ſich
daher in den ſchoͤnſten Laͤndern von Italien wenig halb entworfene, unbe-

ſtimmte
1) Achil. Tat. Erot. L. 3. p. 177. l. 8.
2) Lucian. Icaromenip. p. 771.
C 3

I Theil. Erſtes Capitel.
ſtimmte und unbedeutende Zuͤge des Geſichts, wie haͤufig jenſeits der Alpen,
ſondern ſie ſind theils erhaben, theils geiſtreich, und die Form des Geſichts
iſt mehrentheils groß und voͤllig, und die Theile derſelben in Uebereinſtim-
mung. Dieſe vorzuͤgliche Bildung iſt ſo augenſcheinlich, daß der Kopf des
geringſten Mannes unter dem Poͤbel in dem erhabenſten hiſtoriſchen Gemaͤl-
de koͤnnte angebracht werden, und unter den Weibern dieſes Standes wuͤrde
es nicht ſchwer ſeyn, auch an den geringſten Orten ein Bild zu einer Juno
zu finden. Neapel, welches mehr, als andere Laͤnder von Italien, einen ſanf-
ten Himmel, und eine gleichere und gemaͤßigtere Witterung genießet, weil
es dem Himmelsſtriche, unter welchem das eigentliche Griechenland lieget,
ſehr nahe iſt, hat haͤufig Formen und Bildungen, die zum Modell eines
ſchoͤnen Ideals dienen koͤnnen, und welche in Abſicht der Form des Ge-
ſichts, und ſonderlich der ſtark bezeichneten und harmoniſchen Theile deſſel-
ben, gleichſam zur Bildhauerey erſchaffen zu ſeyn ſcheinen.

E.
Bildung
der Schoͤnheit
unter einem
waͤrmeren
Himmel.

Wer auch niemals dieſe Nation geſehen, kann aus der zunehmenden
Feinheit derſelben, je waͤrmer das Clima iſt, von ſelbſt und gruͤndlich auf
die geiſtreiche Bildung derſelben ſchließen: die Neapolitaner ſind feiner und
ſchlauer noch, als die Roͤmer, und die Sicilianer mehr, als jene; die Grie-
chen aber uͤbertreffen ſelbſt die Sicilianer. Je reiner und duͤnner die Luft
iſt, ſagt Cicero 1), deſto feiner ſind die Koͤpfe.

Es findet ſich alſo die hohe Schoͤnheit, die nicht bloß in einer ſanften
Haut, in einer bluͤhenden Farbe, in leichtfertigen oder ſchmachtenden Au-
gen, ſondern in der Bildung und in der Form beſtehet, haͤufiger in Laͤn-
dern, die einen gleichguͤtigen Himmel genießen. Wenn alſo nur die Italie-
ner die Schoͤnheit malen und bilden koͤnnen, wie ein Engliſcher Scribent von
Stande ſaget, ſo lieget in den ſchoͤnen Bildungen des Landes ſelbſt zum Theil der
Grund zu dieſer Faͤhigkeit, welche durch eine anſchauliche taͤgliche Erkennt-
niß leichter erlanget werden kann. Unterdeſſen war die vollkommene

Schoͤn-
1) De nat. deor. L. 2. c. 16.

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Schoͤnheit auch unter den Griechen ſelten, und Cotta beym Cicero 1) ſagt,
daß unter der Menge von jungen Leuten zu Athen nur einzelne zu ſeiner
Zeit wahrhaftig ſchoͤn geweſen. Wie viel ein gluͤckliches Clima zu Bildung
der Schoͤnheit beytrage, zeiget auch das weibliche Geſchlecht zu Malta von
beſonderer Schoͤnheit: denn auf dieſer Inſel iſt kein Winter.

Das ſchoͤnſte Gebluͤt der Griechen aber, ſonderlich in Abſicht der Far-F.
Vorzuͤgliche
Schoͤnheiten
der Griechen.

be, muß unter dem Joniſchen Himmel in Klein-Aſien, unter dem Himmel,
welcher den Homerus erzeuget und begeiſtert hat, geweſen ſeyn. Dieſes
bezeuget 2) Hippocrates und 3) Lucianus; und ein aufmerkſamer 4) Rei-
ſender des ſechszehenden Jahrhunderts kann die Schoͤnheit des weiblichen
Geſchlechts daſelbſt, die ſanfte und milchweiße Haut, und die friſche und
geſunde Roͤthe deſſelben, nicht genugſam erheben. Denn der Himmel iſt
in dieſem Lande und in den Inſeln des Archipelagi, wegen deſſen Lage,
viel heiterer, und die Witterung, welche zwiſchen Waͤrme und Kaͤlte abge-
wogen iſt, beſtaͤndiger und gleicher, als ſelbſt in Griechenland, ſonderlich
in den Gegenden am Meere, welche dem ſchwuͤlen Winde aus Africa, ſo
wie die ganze mittaͤgige Kuͤſte von Italien, und andere Laͤnder, welche dem
heißen Striche von Africa gegen uͤber liegen, ſehr ausgeſetzet ſind. Dieſer
Wind, welcher bey den Griechen λίψ, bey den Roͤmern Africus, und
itzo Scirocco heißt, verdunkelt und verfinſtert die Luft durch brennende
ſchwere Duͤnſte, machet dieſelbe ungeſund, und entkraͤftet die ganze Natur
in Menſchen, Thieren und Pflanzen. Die Verdauung wird gehemmet,
wenn derſelbe regieret, und der Geiſt ſowol, als der Koͤrper, wird verdroſſen
und unkraͤftig zu wirken; daher es ſehr begreiflich iſt, wie viel Einfluß die-
ſer Wind in die Schoͤnheit der Haut und der Farbe habe. An den naͤch-
ſten Einwohnern der See-Kuͤſte verurſachet derſelbe eine truͤbe und gelbliche
Farbe, welche den Neapolitanern, ſonderlich in der Hauptſtadt, wegen

der
1) De nat. deor. L. 1. c. 28.
2) Περὶ τόπων, p. 288.
3) Immag. p. 472.
4) Belon Obſervat. L. 2. ch. 34. p. 350. b.

I Theil. Erſtes Capitel.
der engen Straßen und hohen Haͤuſer, mehr gemein iſt, als den Einwoh-
nern auf dem Lande daſelbſt. Eben dieſe Farbe haben die Einwohner der
Orte auf den Kuͤſten der Mittellaͤndiſchen See, im Kirchenſtaate, zu Ter-
racina, Nettuno, Oſtia, u. ſ. w. Die Suͤmpfe aber, welche in Italien
eine uͤble und toͤdliche Luft verurſachen, muͤſſen in Griechenland keine ſchaͤd-
lichen Ausduͤnſtungen gehabt haben: denn Ambracia, zum Exempel, wel-
ches eine ſehr wohlgebauete und beruͤhmte Stadt war, lag 1) mitten in
Suͤmpfen, und hatte nur einen einzigen Zugang.

G.
Beſonderer
Beweis der-
ſelben.

Der begreiflichſte Beweis von der vorzuͤglichen Form der Griechen
und aller heutigen Levantiner iſt, daß ſich gar keine gepletſchte Naſen unter
ihnen finden, welches die groͤßte Verunſtaltung des Geſichts iſt. Sca-
liger 2) hat dieſes von den Juden bemerket; ja die Juden in Portugall
muͤſſen mehrentheils Habichts-Naſen haben; daher dergleichen Naſe da-
ſelbſt eine Juͤdiſche Naſe genennet wird. Veſalius 3) merket an, daß die
Koͤpfe der Griechen und der Tuͤrken ein ſchoͤneres Oval haben, als der
Deutſchen und Niederlaͤnder. Es iſt auch hier in Erwegung zu ziehen,
daß die Blattern in allen warmen Laͤndern weniger gefaͤhrlich ſind, als in
kalten Laͤndern, wo es epidemiſche Seuchen ſind, und wie die Peſt wuͤten.
Daher wird man in Italien unter tauſend kaum zehen Perſonen, mit un-
vermerklichen wenigen Spuren von Blattern bezeichnet finden; den alten
Griechen aber war dieſes Uebel unbekannt.

Eben
1) Polyb. L. 4. p. 326 B.
2) in Scaligeran.
3) de corp. hum. fabr. L. 1. c. 5. p. 23.
Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.

Eben ſo ſinnlich und begreiflich, als der Einfluß des Himmels in dieII.
Einfluß des
Himmels in
die Denkungs-
art

Bildung, iſt zum zweyten der Einfluß derſelben in die Art zu denken, in
welche die aͤußern Umſtaͤnde, ſonderlich die Erziehung, Verfaſſung und
Regierung eines Volks mit wirken. Die Art zu denken ſo wohl der Mor-A. Der Mor-
genlaͤndiſchen
und Mittaͤgi-
gen Voͤlker.

genlaͤnder und Mittaͤgigen Voͤlker, als der Griechen, offenbaret ſich in
den Werken der Kunſt. Bey jenen ſind die figuͤrlichen Ausdruͤcke ſo warm
und feurig, als das Clima, welches ſie bewohnen, und der Flug ihrer
Gedanken uͤberſteiget vielmals die Graͤnzen der Moͤglichkeit. In ſolchen
Gehirnen bildeten ſich die abentheuerlichen Figuren der Aegypter und der
Perſer, welche ganz verſchiedene Naturen und Geſchlechter der Geſchoͤpfe
in eine Geſtalt vereinigten, und die Abſicht ihrer Kuͤnſtler gieng mehr auf
das außerordentliche, als auf das Schoͤne.

Die Griechen hingegen, welche unter einem gemaͤßigtern HimmelB. Der Gie-
chen.

und Regierung lebeten, und ein Land bewohneten, welches die Pallas, 1)
ſagt man, wegen der gemaͤßigten Jahreszeiten, vor allen Laͤndern, den
Griechen zur Wohnung angewieſen, hatten, ſo wie ihre Sprache maleriſch
iſt, auch maleriſche Begriffe und Bilder. Ihre Dichter vom Homerus
an reden nicht allein durch Bilder, ſondern ſie geben und malen auch
Bilder, die vielmals in einem einzigen Worte liegen, und durch den Klang
deſſelben gezeichnet, und wie mit lebendigen Farben entworfen werden.
Ihre Einbildung war nicht uͤbertrieben, wie bey jenen Voͤlkern, und ihre
Sinne, welche durch ſchnelle und empfindliche Nerven in ein feingewebtes
Gehirn wirketen, entdecketen mit einmal die verſchiedenen Eigenſchaften
eines Vorwurfs, und beſchaͤftigten ſich vornehmlich mit Betrachtung des
Schoͤnen in demſelben.

Unter
1) Plato Tim. p. 475. l. 43.
Winckelm Geſch. der Kunſt. D
I Theil. Erſtes Capitel.

Unter den Griechen in Klein-Aſien, deren Sprache, nach ihrer Wan-
derung aus Griechenland hierher, reicher an Selbſtlauten, (Vocalen,) ſanf-
ter und mehr Muſicaliſch wurde, weil ſie daſelbſt einen gluͤcklichern Him-
mel noch, als die uͤbrigen Griechen, genoſſen, erweckete und begeiſterte eben
dieſer Himmel die erſten Dichter; die Griechiſche Weltweisheit bildete ſich
auf dieſem Boden; ihre erſten Geſchichtſchreiber waren aus dieſem Lande;
ja Apelles, der Maler der Gratie, war unter dieſem wolluͤſtigen Himmel er-
zeuget. Dieſe Griechen aber, welche ihre Freyheit vor der angraͤnzenden
Macht der Perſer nicht vertheidigen konnten, waren nicht im Stande, ſich
in maͤchtige freye Staaten, wie die Athenienſer, zu erheben, und die
Kuͤnſte und Wiſſenſchaften konnten daher in dem Joniſchen Aſien ihren
vornehmſten Sitz nicht nehmen. In Athen aber, wo nach Verjagung der
Tyrannen ein Democratiſches Regiment eingefuͤhret wurde, an welchem
das ganze Volk Antheil hatte, erhob ſich der Geiſt eines jeden Buͤrgers,
und die Stadt ſelbſt uͤber alle Griechen. Da nun der gute Geſchmack
allgemein wurde, und bemittelte Buͤrger durch praͤchtige oͤffentliche Gebaͤu-
de und Werke der Kunſt ſich Anſehen und Liebe unter ihren Buͤrgern er-
wecketen, und den Weg zur Ehre bahneten, floß in dieſer Stadt, bey
ihrer Macht und Groͤße, wie ins Meer die Fluͤſſe, alles zuſammen.
Mit den Wiſſenſchaften ließen ſich hier die Kuͤnſte nieder; hier nahmen ſie
ihren vornehmſten Sitz, und von hier giengen ſie in andere Laͤnder aus.
Daß in angefuͤhrten Urſachen der Grund von dem Wachsthume der Kuͤn-
ſte in Athen liege, bezeugen aͤhnliche Umſtaͤnde in Florenz, da die Wiſ-
ſenſchaften und Kuͤnſte daſelbſt in neueren Zeiten nach einer langen Finſter-
ſterniß anfiengen beleuchtet zu werden.

Man
Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.

Man muß alſo in Beurtheilung der natuͤrlichen Faͤhigkeit der Voͤlker,C.
Verſchieden-
heit der Erzie-
hung, Verfaſ-
ſung und Re-
gierung der
Boͤlker.

und hier insbeſondere der Griechen, nicht bloß allein den Einfluß des
Himmels, ſondern auch die Erziehung und Regierung in Betrachtung
ziehen. Denn die aͤußeren Umſtaͤnde wirken nicht weniger in uns, als die
Luft, die uns umgiebt, und die Gewohnheit hat ſo viel Macht uͤber uns,
daß ſie ſo gar den Koͤrper und die Sinne ſelbſt, von der Natur in uns ge-
ſchaffen, auf eine beſondere Art bildet; wie unter andern ein an Franzoͤſi-
ſche Muſic gewoͤhntes Ohr beweiſet, welches durch die zaͤrtlichſte Italieni-
ſche Muſic nicht geruͤhret wird.

Eben daher ruͤhret die Verſchiedenheit auch unter den GriechiſchenD.
Der Gꝛiechen.

Voͤlkern in Griechenland ſelbſt, welche 1) Polybius in Abſicht der Fuͤhrung
des Krieges und der Tapferkeit anzeiget. Die Theſſalier waren gute Krieger,
wo ſie mit kleinen Haufen angreifen konnten, aber in einer foͤrmlichen
Schlacht-Ordnung hielten ſie nicht lange Stand: bey den Aetoliern war
das Gegentheil. Die Cretenſer waren unvergleichlich im Hinterhalt, oder
in Ausfuͤhrungen, wo es auf die Liſt ankam, oder ſonſt dem Feinde Ab-
bruch zu thun; ſie waren aber nicht zu gebrauchen, wo die Tapferkeit al-
lein entſcheiden mußte: bey den Achajern hingegen und Macedoniern war
es umgekehrt. Die Arcadier waren durch ihre aͤlteſten Geſetze verbunden,
alle die Muſic zu lernen, und dieſelbe bis in das dreyßigſte Jahr ihres
Alters beſtaͤndig zu treiben, um die Gemuͤther und Sitten, welche wegen
des rauhen Himmels in ihrem gebuͤrgigten Lande, ſtoͤrriſch und wild ge-
weſen ſeyn wuͤrden, ſanft und liebreich zu machen; und ſie waren daher
die redlichſten und wohlgeſittetſten Menſchen unter allen Griechen. Die
Cynaͤther allein unter ihnen, welche von dieſer Verfaſſung abgiengen, und

die
D 2

I Theil. Erſtes Capitel.
die Muſic nicht lernen und uͤben wollten, verfielen wiederum in ihre natuͤr-
liche Wildheit, und wurden von allen Griechen verabſcheuet.

E. Der Roͤ-
mer.

In Laͤndern, wo nebſt dem Einfluſſe des Himmels einiger Schatten
der ehemaligen Freyheit mit wirket, iſt die gegenwaͤrtige Denkungsart
der ehemaligen ſehr aͤhnlich; dieſes zeiget ſich noch itzo in Rom, wo der
Poͤbel unter der Prieſterlichen Regierung eine ausgelaſſene Freyheit ge-
nießet. Es wuͤrde noch itzo aus dem Mittel deſſelben ein Haufen der
ſtreitbarſten und unerſchrockenſten Krieger zu ſammlen ſeyn, die, wie ihre
Vorfahren, dem Tode trotzeten, und Weiber unter dem Poͤbel, deren Sit-
ten weniger verderbt ſind, zeigen noch itzo Herz und Muth, wie die alten
Roͤmerinnen; welches mit ausnehmenden Zuͤgen zu beweiſen waͤre, wenn
es unſer Vorhaben erlaubete.

F. Faͤhigkeit
der Engellaͤn-
der zur Kunſt.

Das vorzuͤgliche Talent der Griechen zur Kunſt zeiget ſich noch
itzo in dem großen faſt allgemeinen Talente der Menſchen in den waͤrmſten
Laͤndern von Italien; und in dieſer Faͤhigkeit herrſchet die Einbildung,
ſo wie bey den denkenden Britten die Vernunft uͤber die Einbildung.
Es hat jemand nicht ohne Grund geſagt, daß die Dichter jenſeits der Ge-
buͤrge durch Bilder reden, aber wenig Bilder geben; man muß auch ge-
ſtehen, daß die erſtaunenden theils ſchrecklichen Bilder, in welchen Mil-
tons Groͤße mit beſtehet, kein Vorwurf eines edlen Pinſels, ſondern ganz
und gar ungeſchickt zur Malerey ſind. Die Miltoniſchen Beſchreibungen
ſind, die einzige Liebe im Paradieſe ausgenommen, wie ſchoͤn gemalte
Gorgonen, die ſich aͤhnlich und gleich fuͤrchterlich ſind. Bilder vieler an-
dern Dichter ſind dem Gehoͤre groß, und klein dem Verſtande. Im

Homero

Von dem Urſprunge und Anfange der Kunſt.
Homero aber iſt alles gemalet, und zur Malerey erdichtet und geſchaffen.
Je waͤrmer die Laͤnder in Italien ſind, deſto groͤßere Talente bringen ſie
hervor, und deſto feuriger iſt die Einbildung, und die Sicilianiſchen
Dichter ſind voll von ſeltenen, neuen und unerwarteten Bildern. Dieſe
feurige Einbildung aber iſt nicht aufgebracht und aufwallend, ſondern wie
das Temperament der Menſchen, und wie die Witterung dieſer Laͤnder iſt,
mehr gleich, als in kaͤlteren Laͤndern: denn ein gluͤckliches Phlegma wirket
die Natur haͤufiger hier, als dort.

Wenn ich von der natuͤrlichen Faͤhigkeit dieſer Nation zur KunſtG. Naͤhere
Beſtimmung
dieſer Gedan-
ken.

rede, ſo ſchließe ich dadurch dieſe Faͤhigkeit in einzelnen oder vielen unter
andern Voͤlkern nicht aus, als welches wider die offenbare Erfahrung
ſeyn wuͤrde. Denn Holbein und Albrecht Duͤrrer, die Vaͤter der Kunſt
in Deutſchland, haben ein erſtaunendes Talent in derſelben gezeiget, und
wenn ſie, wie Raphael, Correggio und Titian, aus den Werken der Alten
haͤtten lernen koͤnnen, wuͤrden ſie eben ſo groß, wie dieſe, geworden ſeyn, ja
dieſe vielleicht uͤbertroffen haben. Denn auch Correggio iſt nicht, wie es
insgemein heißt, ohne Kenntniß des Alterthums zu ſeiner Groͤße gelan-
get: deſſen Meiſter Andreas Mantegna kannte daſſelbe, und es finden
ſich von deſſen Zeichnungen nach alten Statuen, in der großen Samm-
lung des Herrn Cardinal Alexander Albani; daher ihm 1) Felicianus
eine Sammlung alter Inſchriften zueignete. Mantegna war in dieſer
Nachricht 2) dem aͤlteren Burmann ganz und gar unbekannt. Ob der
Mangel der Maler unter den Engellaͤndern, welche keinen einzigen beruͤhm-

ten
1) Pignor. Symbol. epiſt. p. 19.
2) Præf. ad Inſer. Grut. p. 3.
D 3

I Theil. Erſtes Capitel.
ten Mann aufzuweiſen haben, und den Franzoſen, ein Paar ausgenom-
men, welche, nach vielen aufgewendeten Koſten, faſt in gleichen Um-
ſtaͤnden ſind, aus angezeigten Gruͤnden herruͤhren, laſſe ich andere be-
urtheilen.

Ich glaube, den Leſer durch allgemeine Kenntniſſe der Kunſt, und die
Gruͤnde von der Verſchiedenheit derſelben in ihren Laͤndern, zur Abhandlung
der Kunſt unter beſondern Voͤlkern, zubereitet zu haben.

[Abbildung]
Das

[Abbildung]
Das zweyte Capitel.
Von der Kunſt unter den Aegyptern, Phoeniciern
und Perſern.


Erſter Abſchnitt.
Von der Kunſt unter den Aegyptern.

Die Aegypter haben ſich nicht weit von ihrem aͤlteſten Stil in derI.
Urſachen der
Kunſt der
Aegypter.

Kunſt entfernet, und dieſelbe konnte unter ihnen nicht leicht zu
der Hoͤhe ſteigen, zu welcher ſie unter den Griechen gelanget iſt; wovon
die Urſache theils in der Bildung ihrer Koͤrper, theils in ihrer Art zu den-
ken, und nicht weniger in ihren, ſonderlich Gottesdienſtlichen, Gebraͤuchen
und Geſetzen, auch in der Achtung und in der Wiſſenſchaft der Kuͤnſtler,
kann geſuchet werden. Dieſes begreift das erſte Stuͤck dieſes Abſchnitts
in ſich; das zweyte Stuͤck handelt von dem Stil ihrer Kunſt, das iſt,

von

I Theil. Zweytes Capitel.
von der Zeichnung und Bekleidung ihrer Figuren; und in dem dritten
Stuͤcke wird von der Ausarbeitung ihrer Werke geredet.

A. In ihrer
Bildung.

Die erſte von den Urſachen der Eigenſchaft der Kunſt unter den
Aegyptern lieget in ihrer Bildung ſelbſt, welche nicht diejenige Vorzuͤge
hatte, die den Kuͤnſtler durch Ideen hoher Schoͤnheit reizen konnten.
Denn die Natur war ihnen weniger, als den Hetruriern und Griechen, guͤn-
ſtig geweſen; welches eine Art 1) Sineſiſcher Geſtaltung, als die ihnen
eigenthuͤmliche Bildung, ſo wohl an Statuen, als auf Obelisken, und
geſchnittenen Steinen, beweiſet 2): es konnten alſo ihre Kuͤnſtler das Man-
nigfaltige nicht ſuchen. Eben dieſe Bildung findet ſich an Koͤpfen der auf
Mumien gemalten Perſonen, welche, ſo wie bey 3) den Aethiopiern, genau
nach der Aehnlichkeit des verſtorbenen werden gemachet ſeyn worden, da
die Aegypter in Zurichtung der todten Koͤrper alles, was dieſelben kenntlich
machen konnte, ſo gar 4) die Haare der Augenlieder, zu erhalten ſucheten.
Vielleicht kam auch unter den Aethiopiern der Gebrauch, die Geſtalt der
Verſtorbenen auf ihre Koͤrper zu malen, von den Aegyptern her: denn
unter dem Koͤnige Pſammetichus giengen 240,000. Einwohner aus
Aegypten nach Aethiopien, welche hier 5) ihre Sitten und Gebraͤuche ein-
fuͤhreten. Es dienet auch hier zu bemerken, daß Aegypten 6) von acht-
zehen Aethiopiſchen Koͤnigen beherrſchet worden, deren Regierung in die
aͤlteſten Zeiten von Aegypten faͤllt. Die Aegypter waren außerdem 7)

von
1) Dieſe Bemerkung haͤtten diejenigen, welche neulich viel von Uebereinſtimmung der Sineſen
mit den alten Aegyptern geſchrieben haben, anwenden koͤnnen.
2) Aus Kupfern kann man ſich keinen beſſern Vegriff machen, von Bildung der Aegyptiſchen
Koͤpfe, als aus einer Mumie beym Beger Theſ. Brand. T. 3. p. 402. und aus einer
andern, welche Gordon beſchreibet: Eſſay towards explaning the hieroglyphical figu-
res on the Coffin of an antient Mummy, London, 1737. fol.
3) Herodot. L. 3. p. 108. l. 20.
4) Diod. Sic. L. 1. p. 82. l. 26.
5) Herodot. L. 2. p. 63. l. 25.
6) Ibid. p. 79. l. 19. conf. Diod. Sic. L. 1. p. 41. l. 36.
7) Herodot. L. 2. p. 70. l. 31.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
von dunkelbrauner Farbe, ſo wie man dieſelbe den Koͤpfen auf gemalten
Mumien gegeben hat 1).

Man will auch aus einer Anmerkung 2) des Ariſtoteles behaupten,
daß die Aegypter 3) auswerts gebogene Schienbeine gehabt haben: die
mit den Aethiopiern graͤnzeten, hatten vielleicht, wie dieſe 4), eingebogene Na-
ſen. Ihre weiblichen Figuren haben, bey aller ihrer Duͤnnheit, die Bruͤſte mit
einem gar zu großen Ueberfluſſe behaͤnget; und da die Aegyptiſchen Kuͤnſt-
ler, nach dem Zeugniſſe eines 5) Kirchen-Vaters, die Natur nachgeahmet
haben, wie ſie dieſelbe fanden, ſo konnte man auch aus ihren Figuren auf
das Geſchoͤpfe des weiblichen Geſchlechts daſelbſt ſchließen. Mit der Bil-
dung der Aegypter kann eine große Geſundheit, welche ſonderlich die Ein-
wohner in Ober-Aegypten, nach dem 6) Herodotus, vor allen Voͤlkern
genoſſen, ſehr wohl beſtehen, und dieſes kann auch daraus geſchloſſen wer-
den, daß an unzaͤhligen Koͤpfen Aegyptiſcher Mumien, welche Prinz Rad-
zivil geſehen, kein Zahn gemangelt, ja nicht einmal angefreſſen geweſen 7).
Die angefuͤhrte Mumie in Bologna kann auch darthun, daß es außeror-
dentliche große Gewaͤchſe unter ihnen gegeben: denn dieſer Koͤrper hat eilf
Roͤmiſche Palmen in der Laͤnge.

Was zum zweyten die Gemuͤths- und Denkungsart der Aegypter be-B.
In ihrer Ge-
muͤths- und
Denkungsaꝛt;
in ihren Ge-
ſetzen, Ge-
braͤuchen und
Religion.

trifft, ſo waren ſie ein Volk, welches zur Luſt und Freude 8) nicht er-

ſchaffen
1) Eine von ſolchen Mumien wurde von dem Herrn Cardinal Alexander Albani dem In-
ſtituto zu Bologna geſchenket; eine andere iſt zu London; und beyde haben ihren alten
Sarg von friſch jerhaltenem Sycomoro, welcher, ſo wie der Koͤrper, bemalet iſt. Die
dritte bemalte Mumie iſt zu Dreßden unter den Koͤniglichen Alterthuͤmern. Da alſo die
Geſichter auf allen dieſen Mumien einerley Farbe haben, ſo iſt nicht zu behaupten, wie
Gordon will, daß die Londonſche Mumie eine Perſon aus Nubien geweſen ſey.
2) Problem. Sect. 14. p. 113. l. 1. ed. Sylburg.
3) Pignor. Tab. Iſ. p. 53.
4) Conf. Bochart. Hieroz. P. 1. p. 969.
5) S. Theodoret. Serm. 3.
6) L. 3. p. 74. l. 27.
7) Radzivil. Peregrin. p. 190.
8) Ammian. Marcel. L. 22. c. 16. p. 346.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. E

I Theil. Zweytes Capitel.
ſchaffen ſchien. Denn die Muſic, durch welche die aͤlteſten Griechen 1) die
Geſetze ſelbſt annehmlicher zu machen ſuchten, und in welcher ſchon vor den
Zeiten des Homerus 2) Wettſpiele angeordnet waren, wurde in Aegypten
nicht geuͤbet; ja es wird vorgegeben, es ſey dieſelbe verbothen geweſen,
wie man es auch 3) von der Dichtkunſt verſichert. Weder in ihren Tempeln,
noch bey ihren Opfern wurde, nach dem 4) Strabo, ein Inſtrument ge-
ruͤhret. Dieſes aber ſchließet die Muſic uͤberhaupt, bey den Aegyptern,
nicht aus, oder muͤßte nur von ihren aͤlteſten Zeiten verſtanden werden:
denn wir wiſſen, daß die Weiber den Apis mit Muſic auf den Nil fuͤhre-
ten, und es ſind Aegypter auf Inſtrumenten ſpielend vorgeſtellet, ſo wohl
auf dem Muſaico des Tempels des Gluͤcks zu Paleſtrina, als 5) auf zwey
Herculaniſchen Gemaͤlden.

Dieſe Gemuͤthsart verurſachete, daß ſie ſich 6) durch heftige Mittel
die Einbildung zu erhitzen, und den Geiſt zu ermuntern ſucheten. Die Me-
lancholie dieſer Nation brachte daher die erſten Eremiten hervor, und 7)
ein neuerer Scribent will irgendwo gefunden haben, daß zu Ende des
dierten Jahrhunderts in Unter-Aegypten allein uͤber ſiebenzig tauſend
Moͤnche geweſen.

Die Aegypter wollten unter ſtrengen Geſetzen gehalten ſeyn, und 8)
konnten gar nicht ohne Koͤnig leben, welches vielleicht Urſach iſt, warum
Aegypten vom Homerus 9) das bittere Aegypten genennet wird. Ihr
Denken gieng das Natuͤrliche vorbey, und beſchaͤfftigte ſich mit dem Ge-
heimnißvollen.

In
1) Plutarch. Lycurg. p. 75. & Pericl. p. 280.
2) Thucyd. L. 3. c. 104. conf. Taylor. ad Marm. Sandv. p. 13.
3) Dio Chryſoſt. p. 162.
4) L. 17. p. 814. C.
5) Pitt. Erc. T. 2. tav. 59. 60.
6) Bont. de Medic. Aegypt. p. 6
7) Fleury Hiſt. Ecel. T. 5. l. 20. p. 29.
8) Herodot. L. 2. p. 93. l. 15.
9) Od. P. 448. conf. Blackwall’s Enquiry of the Life of Homer, p. 245.
Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.

In ihren Gebraͤuchen und Gottesdienſte beſtanden die Aegypter auf
eine ſtrenge Befolgung der uralten Anordnung derſelben, 1) noch unter den
Roͤmiſchen Kaiſern, und die Feindſchaft einer Stadt gegen die andere uͤber
ihre Goͤtter 2) daurete noch damals. Was einige Neuere auf ein dem
Herodotus und Diodorus angedichtetes Zeugniß vorgeben, daß Camby-
ſes den Goͤtterdienſt der Aepypter, und ihre Art die Todten zu balſamiren,
gaͤnzlich aufgehoben, iſt ſo falſch, daß ſo gar die Griechen nach dieſer Zeit
ihre Todten auf Aegyptiſche Art zurichten laſſen, wie 3) anderwerts ange-
zeiget habe, aus derjenigen Mumie mit dem Worte εΥ+ΥΧΙ 4) auf der
Bruſt, die ehemals in dem Hauſe Della Valle zu Rom war, und itzo
unter den Koͤniglichen Alterthuͤmern in Dreßden iſt. Da ſich die Aegypter
unter dem Darius, des Cambyſes Nachfolger 5), empoͤreten, ſo wuͤrden ſie
auch ſchon damals, wenn auch obiges Vorgeben Grund haͤtte, zu dieſem
Gebrauche zuruͤck gekehret ſeyn.

Daß die Aegypter noch unter den Kaiſern uͤber ihren alten Gottes-
dienſt gehalten haben, kann auch 6) die Statue des Antinous im Campi-
doglio bezeugen, welche nach Art Aegyptiſcher Statuen gebildet iſt, und
ſo, wie derſelbe, in dieſem Lande, ſonderlich in der Stadt, die von demſelben
den Namen 7) Antinoea fuͤhrete, verehret worden. Eine aͤhnliche Figur
von Marmor, ſo wie jene, etwas uͤber Lebensgroͤße, befindet ſich in dem
Garten des Pallaſtes Barbarini, und eine dritte, etwa von drey Palmen

hoch,
1) Conf. Walton ad Polyglot. Proleg. 2. §. 18.
2) Plutarch. de Is. & Oſir. p. 677. l. 1.
3) Gedanken uͤber die Nachahmung der Griechiſchen Werke, p. 90.
4) Das Griechiſche Tau hatte bey den Griechen in Aegypten die Form eines Kreuzes,
wie man in einer ſehr ſchaͤtzbaren alten Handſchrift des Syriſchen Neuen Teſtaments auf
Pergamen, in der Bibliothek der Auguſtiner zu Rom, ſieht. Dieſe Handſchrift in Folio
iſt im Jahre 616. verfertiget, und hat Griechiſche Randgloſſen. Unter andern merke ich
hier das Wort [fremdsprachliches Material] an ſtatt HTAIPE an.
5) Herodot. L. 6. p. 243. l. 2. & 5.
6) Muſ. Capit. T. 3. tab. 75.
7) Pauſan. L. 8. p. 617. l. 16. conf. Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 73.
E 2

I Theil. Zweytes Capitel.
hoch, iſt in der Villa Borgheſe: dieſe haben den ſteifen Stand mit ſenkrecht
haͤngenden Armen, nach Art der aͤlteſten Aegyptiſchen Figuren. Man
ſieht alſo, Hadrian mußte dem Bilde des Antinous, ſollte er den Aegyptern
ein Vorwurf der Verehrung werden, eine ihnen annehmliche und allein
beliebte Form geben; und ſo, wie dieſer Antinous, welcher zu Tivoli ge-
ſtanden, gebildet iſt, werden es auch die Statuen deſſelben in Aegypten
geweſen ſeyn.

Hierzu kam der Abſcheu dieſes Volks gegen alle fremde, ſonderlich
1) Griechiſche Gebraͤuche, vornehmlich ehe ſie von den Griechen beherrſchet
wurden, und dieſer Abſcheu mußte ihre Kuͤnſtler ſehr gleichguͤltig gegen die
Kunſt unter andern Voͤlkern machen; dieſes hemmete den Lauf der Wiſ-
ſenſchaft ſo wohl, als der Kunſt. So wie ihre Aerzte keine andere Mittel,
als die in den heiligen Buͤchern verzeichnet waren, vorſchreiben durften,
eben ſo war auch ihren Kuͤnſtlern nicht erlaubt, von dem alten Stil abzu-
gehen: denn ihre Geſetze ſchraͤnketen den Geiſt auf die bloße Nachfolge ih-
rer Vorfahren ein, und unterſagten ihnen alle Neuerungen. Daher be-
richtet 2) Plato, daß Statuen, die zu ſeiner Zeit in Aegypten gemalet wor-
den, weder in der Geſtalt, noch ſonſt, von denen, welche tauſend und mehr
Jahre aͤlter waren, verſchieden geweſen 3). Dieſes iſt zu verſtehen von
Werken, welche vor der Zeit der Griechiſchen Regierung in Aegypten von
ihren eingebohrnen Kuͤnſtlern gearbeitet worden.

C.
In der Ach-
tung ihrer
Kuͤnſtler.

Endlich lieget eine von den Urſachen der angezeigten Beſchaffenheit
der Kunſt in Aegypten in der Achtung und in der Wiſſenſchaft ihrer Kuͤnſt-
ler. Denn dieſe waren den Handwerkern gleich, und zu dem niedrigſten

Stande
1) Herodot. L. 2. c. 78. 91.
2) Leg. L. 2. p. 656. C. D. E.
3) Daß nur in einem Theile von Aegypten Menſchliche Figuren gearbeitet worden, daher
die Einwohner deſſelben Menſchenbilder [Ἀνϑρωπόμορφοι] genennet worden, wie ein
Griechiſcher Seribent der mittlern Zeit [Codin. Orig. Conſtant. p. 48.] vorgiebt, hat
keinen Grund.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Stande gerechnet. Es waͤhlete ſich niemand die Kunſt aus eingepflanzter
Neigung, und aus beſonderm Antriebe, ſondern der Sohn folgete, wie in
allen ihren Gewerken und Staͤnden, der Lebensart ſeines Vaters, und
einer ſetzte den Fuß in die Spur des andern, ſo daß niemand ſcheinet einen
Fußſtapfen gelaſſen zu haben, welcher deſſen eigener heißen konnte. Folg-
lich kann es keine verſchiedene Schulen der Kunſt in Aegypten, wie unter
den Griechen, gegeben haben. In ſolcher Verfaſſung konnten die Kuͤnſtler
weder Erziehung, noch Umſtaͤnde haben, die faͤhig waren, ihren Geiſt zu
erheben, ſich in das Hohe der Kunſt zu wagen; es waren auch weder Vor-
zuͤge, noch Ehre fuͤr dieſelben zu hoffen, wenn ſie etwas außerordentliches
hervorgebracht hatten. Den Meiſtern der Aegyptiſchen Statuen kommt
daher das Wort Bildhauer in ſeiner eigentlichen erſten Bedeutung zu:
ſie meißelten ihre Figuren nach einer feſtgeſetzten Maaß und Form aus,
und das Geſetz, nicht davon abzugehen, wird ihnen alſo nicht hart geweſen
ſeyn. Der Name eines einzigen Aegyptiſchen Bildhauers hat ſich nach
Griechiſcher Ausſprache erhalten; er hieß Memnon 1), und hatte drey
Statuen am Eingange eines Tempels zu Theben gemachet, von welchen
die eine die groͤßte in ganz Aegypten war.

Was die Wiſſenſchaft der Aegyptiſcheu Kuͤnſtler betrifft, ſo muß esD.
In der Wiſ-
ſenſchaft der
Kuͤnſtler.

ihnen an einem der vornehmſten Stuͤcke der Kunſt, nehmlich an Kenntniß
in der Anatomie, gefehlet haben; einer Wiſſenſchaft, welche in Aegypten,
ſo wie in China, gar nicht geuͤbet wurde, auch nicht bekannt war: denn die
Ehrfurcht gegen die Verſtorbenen wuͤrde auf keine Weiſe erlaubet haben,
eine Zergliederung todter Koͤrper anzuſtellen; ja es wurde, wie Diodorus
berichtet, als ein Mord angeſehen, nur einen Schnitt in dieſelbe zu thun.
Daher auch der Paraſchiſtes, wie ihn die Griechen nennen, oder derjenige,
welcher die Koͤrper zum Balſamiren durch einige Schnitte oͤffnete, unmit-

telbar
1) Diod. Sic. L. 1. p. 44. l. 24.
E 3

I Theil. Zweytes Capitel.
telbar nach dieſer Verrichtung ploͤtzlich davon laufen mußte, um ſich zu ret-
ten vor den Verwandten des Verſtorbenen, und vor andern Umſtehenden,
welche jenen mit Fluͤchen und mit Steinen verfolgeten. Es zeiget ſich auch
in der That die wenige Kenntniß der Aegyptiſchen Bildhauer in der Ana-
tomie, nicht allein in einigen unrichtig angegebenen Theilen, ſondern man
koͤnnte auch aus den wenig angezeigten Muskeln und Knochen, wovon ich
unten reden werde, auf den Mangel der Kenntniß derſelben ſchließen.
Die Anatomie erſtreckete ſich in Aegypten nicht weiter, als auf die innern
Theile, oder die Eingeweide; und auch dieſe eingeſchraͤnkte Wiſſenſchaft,
welche in der Zunft dieſer Leute vom Vater auf den Sohn fortgepflanzet
wurde, blieb vermuthlich fuͤr andere ein Geheimniß: denn bey Zurichtung
der todten Koͤrper war niemand außer ihnen zugegen. Man bemerket
an Aegyptiſchen Figuren auch gewiſſe Abweichungen von den natuͤrlichen
Verhaͤltniſſen, wie die Ohren an einigen Koͤpfen ſind, welche hoͤher, als
die Naſe, ſtehen, wie unter andern an den Sphinxen zu ſehen iſt: an einem
unten angefuͤhrten Kopfe in der Villa Altieri mit eingeſetzten Augen, ſte-
hen die Ohren mit den Augen gerade, das iſt, das Ohrlaͤppgen ſtehet faſt
in gerader Linie mit den Augen.



II.
Von dem
Stil der
Kunſt der
Aegypter.

Das zweyte Stuͤck dieſes Abſchnitts von dem Stil der Kunſt unter
den Aegyptern, welcher die Zeichnung des Nackenden, und die Bekleidung
ihrer Figuren in ſich begreift, iſt in drey Abſaͤtze zu faſſen. In den
zween erſten derſelben wird gehandelt von dem aͤlteren, und nachher von
dem folgenden und ſpaͤtern Stil der Aegyptiſchen Bildhauer, und in dem
dritten Abſatze von den Nachahmungen Aegyptiſcher Werke, durch Griechi-
ſche Kuͤnſtler gemacht. Ich werde unten darzuthun ſuchen, daß die wahren
alten Aegyptiſchen Werke von zweyfacher Art ſind, und daß man in ihrer
eigenen Kunſt zwo verſchiedene Zeiten ſetzen muͤſſe: die erſte hat vermuth-

lich

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
lich gedauert, bis Aegypten durch den Cambyſes erobert wurde, und die
zweyte Zeit, ſo lange eingebohrne Aegypter, unter der Perſiſchen, und nach-
her unter der Griechiſchen Regierung, in der Bildhauerey arbeiteten; die
Nachahmungen aber der Aegyptiſchen Werke ſind vermuthlich alle unter
dem Kaiſer Hadrian gemachet. In einem jeden von dieſen dreyen Abſaͤtzen
iſt zum erſten von der Zeichnung des Nackenden, und zum zweyten von
der Bekleidung ihrer Figuren zu reden.

In dem aͤltern Stil hat die Zeichnung des Nackenden deutliche undA.
Der aͤltere
Stil.

begreifliche Eigenſchaften, welche dieſelbe nicht allein von der Zeichnung
anderer Voͤlker, ſondern auch von dem ſpaͤtern Stil der Aegypter unter-
ſcheiden; und dieſe finden ſich und ſind zu beſtimmen ſo wohl in dem Um-
kreiſe, oder in der Umſchreibung und dem Conturn des Ganzen der Figur,
als in der Zeichnung und Bildung eines jeden Theils insbeſondere. Diea. in der
Zeichnung des
Nackenden.

allgemeine und vornehmſte Eigenſchaft der Zeichnung in dieſem Stil des
Nackenden, iſt das Gerade, oder die Umſchreibung der Figur in wenigaa. deſſen
Eigenſchaften
allgemein.

ausſchweifenden und maͤßig gewoͤlbten Linien. Eben dieſer Stil findet ſich
in ihrer Baukunſt, und in ihren Verzierungen; daher fehlet ihren Figuren
die Gratie (Gottheiten, die den Aegyptern 1) unbekannt waren) und das
Maleriſche, welches Strabo 2) von ihren Gebaͤuden ſaget. Der Stand
der Figuren iſt ſteif und gezwungen; aber parallel dichtzuſammen ſtehende
Fuͤße, wie ſie einige alte Scribenten anzuzeigen ſcheinen, und wie die-
ſelben an einigen Hetruriſchen Figuren ſind, hat keine einzige uͤbrig gebliebe-
ne Aegyptiſche Figur, auch die zwo Coloſſaliſchen Statuen ohnweit den
Ruinen von Theben nicht, wie die neueſten und beglaubten Berichte dar-
thun. Die Fuͤße, welche wahrhaftig alt ſind, ſtehen parallel, und nicht
auswerts, aber wie ein geſchobenes Parallel-Lineal; einer ſtehet voraus
vor dem andern. An einer Maͤnnlichen Aegyptiſchen Figur von vierzehen

Palmen
1) Herodot. L. 2. p. 69. l. 12.
2) Geogr. L. 17. p. 806. A.

I Theil. Zweytes Capitel.
Palmen hoch in der Villa Albani, iſt die Weite von einem Fuße zum an-
dern uͤber drey Palme. Die Arme haͤngen gerade herunter laͤngſt den
Seiten, an welche ſie, wie feſt angedruͤcket, vereinigt liegen, und folglich
haben dergleichen Figuren gar keine Handlung, welche durch Bewegung
der Arme und der Haͤnde ausgedrucket wird. Dieſe Unbeweglichkeit der-
ſelben iſt ein Beweis, nicht der Ungeſchicklichkeit ihrer Kuͤnſtler, ſondern
von einer in Statuen geſetzten und angenommenen Regel, nach welcher
ſie, wie nach einem und eben demſelben Muſter, gearbeitet haben: denn die
Handlung, welche ſie ihren Figuren gegeben, zeiget ſich an Obelisken, und
auf andern Werken. Verſchiedene Figuren ſitzen auf untergeſchlagenen
Beinen, oder auf dem Knie, welche man daher Engonaſes 1) nennen
koͤnnte, und in dieſer Stellung waren die drey Dii Nixi, 2) welche vor
den drey Capellen des Olympiſchen Jupiters zu Rom ſtanden.

In der großen Einheit der Zeichnung ihrer Fuguren ſind die Knochen
und Muskeln wenig, Nerven und Adern aber gar nicht angedeutet: die
Knie, die Knoͤchel des Fußes, und eine Anzeige vom Ellenbogen zeigen
ſich erhaben, wie in der Natur. Der Ruͤcken iſt wegen der Saͤule, an
welche ihre Statuen aus einem Stuͤcke mit derſelben geſtellet ſind, nicht
ſichtbar. Der angefuͤhrte Antinous hat den Ruͤcken frey. Die wenig
ausſchweifende Umriſſe ihrer Figuren ſind zugleich eine Urſache der engen
und zuſammengezogenen Form derſelben, durch welche Petronius 3) den
Aegyptiſchen Stil in der Kunſt bedeutet. Es unterſcheiden ſich auch
Aegyptiſche, ſonderlich maͤnnliche Figuren, durch den ungewoͤhnlich ſchma-
len Leib uͤber der Huͤfte.

Dieſe angegebene Eigenſchaften und Kennzeichen des Aegyptiſchen
Stils, ſo wohl die Umſchreibung und die Formen in faſt geraden Linien,
als die wenige Andeutung der Knochen und Muskeln, leiden eine Aus-

nahme
1) Cic. de nat. deor. L. 2. c. 52.
2) v. Feſt. Dii Nixi.
3) Satyr. c. 2. p. 13. edit. Burm.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
nahme in den Thieren der Aegyptiſchen Kunſt. Unter dieſen ſind ſonder-
lich anzufuͤhren 1) ein großer Syhinx von Baſalt, in der Villa Borgheſe,
ein anderer großer Sphinx von Granit unter den Koͤniglichen Alterthuͤ-
mern zu Dreßden 2), zween Loͤwen am Aufgange zum Campidoglio, und
3) zween andere an der Fontana Felice. Dieſe Thiere ſind mit vielem Ver-
ſtaͤndniſſe, mit einer zierlichen Mannigfaltigkeit ſanft ablenkender Umriſſe,
und fluͤßig unterbrochener Theile gearbeitet. Die großen Umdreher, wel-
che an den Menſchlichen Figuren unbeſtimmt uͤbergangen ſind, erſcheinen
an den Thieren, nebſt der Roͤhre der Schenkel, und andern Gebeinen,
mit nachdruͤcklicher Zierlichkeit ausgefuͤhret; und gleichwohl ſind die Hiero-
glyphen auf der Baſe des Sphinx zu Dreßden, und die Loͤwen an beſag-
ter Fontana deutliche Anzeigen Aegyptiſcher Werke. Die Sphinxe an dem
Obelisko der Sonnen, welcher im Campo Marzo lieget, ſind in eben
dem Stil, und in den Koͤpfen iſt eine große Kunſt und Fleiß. Aus dieſer
Verſchiedenheit des Stils zwiſchen den Figuren und Thieren iſt zu ſchließen,
daß, da jene Gottheiten, oder heilige Perſonen vorſtellen, die Bildung der-
felben allgemein beſtimmet geweſen, und daß in Thieren die Kuͤnſtler meh-
rere Freyheit gehabt, ſich zu zeigen. Man ſtelle ſich das Syſtema der alten
Kunſt der Aegypter, in Abſicht der Figuren, wie das Syſtema der Re-
gierung zu Creta und zu Sparta vor, wo von den alten Verordnungen
ihrer Geſetzgeber keinen Fingerbreit abzuweichen war; die Thiere waͤren in
dieſem vernuͤnftigen Zirkel nicht begriffen geweſen.

Zum zweyten ſind in der Zeichnung des Nackenden vornehmlich diebb. Beſon-
ders an ver-
ſchiedenen
Theilen des
Koͤrpers an-
gezeiget.
α. der Kopf.

aͤußern Theile Aegyptiſcher Figuren zu betrachten, das iſt, der Kopf, die
Haͤnde, und die Fuͤße. An dem Kopf ſind die Augen platt und ſchraͤg ge-

zogen,
1) Kircher. Oedip. Aeg. T. 3. p. 469
2) Dieſes ſchaͤtzbare Werk der Aegyptiſchen Kunſt war ehemals in dem Pallaſte Chigi zu Rom.
3) Kircher. l. c. p. 463.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. F

I Theil. Zweytes Capitel.
zogen, welche insgemein nicht tief, wie an Griechiſchen Statuen, ſondern
mit der Stirne gleich liegen; daher auch der Augenknochen, auf welchem
die Augenbranen mit einer erhobenen Schaͤrfe angedeutet ſind, platt iſt.
Die Augenbranen, die Augenlieder, und der Rand der Lippen, ſind meh-
rentheils durch eingegrabene Linien angedeutet. An einem der aͤlteſten
Weiblichen Koͤpfe uͤber Lebensgroͤße, von gruͤnlichem Baſalt, in der Villa
Albani, welcher hohle Augen hat, ſind die Augenbranen durch einen erho-
benen platten Streif, in der Breite des Nagels am kleinen Finger, ge-
zogen, und dieſer erſtrecket ſich bis in die Schlaͤfe, wo derſelbe eckigt ab-
geſchnitten iſt; von dem untern Augenknochen gehet eben ſo ein Streif bis
dahin, und endiget ſich eben ſo abgeſchnitten. Von dem ſanften Profil an
Griechiſchen Koͤpfen hatten die Aegypter keine Kenntniß, ſondern es iſt
der Einbug der Naſe, wie in der gemeinen Natur; der Backen-Knochen
iſt ſtark angedeutet und erhoben; das Kinn iſt allezeit kleinlich, und das
Oval des Geſichts iſt dadurch unvollkommen. Der Schnitt des Mundes,
oder der Schluß der Lippen, welcher ſich in der Natur, wenigſtens der
Griechen und Europaͤer, gegen die Winkel des Mundes mehr unterwerts
ziehet, iſt an Aegyptiſchen Koͤpfen hingegen aufwerts gezogen. Von al-
len Maͤnnlichen Figuren in Stein, hat nur eine einzige einen Bart. Die-
ſes iſt ein Kopf uͤber Lebensgroͤße, mit der Bruſt von Baſalt, in der Villa
Ludoviſi; es iſt derſelbe ziegelfoͤrmig und ganz platt gearbeitet, und die
Locken deſſelben ſind durch verſchiedene gleichlaufende Bogen angedeutet.

β die Haͤnde.

Die Haͤnde haben eine Form, wie ſie an Menſchen ſind, welche nicht
uͤbelgebildete Haͤnde verdorben oder vernachlaͤßiget haben. Die Fuͤße un-
terſcheiden ſich von Fuͤßen Griechiſcher Figuren dadurch, daß jene platter
und ausgebreiteter ſind, und daß die Zehen, welche voͤllig platt liegen,
einen geringen Abfall in ihrer Laͤnge haben, und, wie die Finger, ohne An-
deutung der Glieder ſind. Es iſt auch die kleine Zehe nicht gekruͤmmet,

noch

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
noch einwerts gedruͤcket, wie an Griechiſchen Fuͤßen: alſo werden auch
die Fuͤße des Memnons, ſo wie Pococke 1) dieſelben zeichnen laſſen, nicht
beſchaffen und gebildet ſeyn. Die Kinder in Aegypten giengen zwar bar-
fuß 2), und ihre Zehen litten keinen Zwang; aber die angezeigte Form der
Fuͤße entſtehet nicht durch gehen mit bloßen Fuͤßen, ſondern es muß auch
dieſelbe als eine von ihren erſten Figuren beybehaltene Bildung angeſehen
werden. Die Naͤgel ſind nur durch eckigte Einſchnitte angedeutet, ohne
alle Rundung und Woͤlbung.

An den Aegyptiſchen Statuen im Campidoglio, an welchen ſich dieγ die Fuͤße.
Fuͤße erhalten haben, ſind dieſelben, wie ſelbſt am Apollo im Belvedere,
von ungleicher Laͤnge; der tragende und rechte Fuß iſt an einer von jenen
um drey Zolle eines Roͤmiſchen Palms laͤnger, als der andere. Dieſe
Ungleichheit der Fuͤße aber iſt nicht ohne Grund: denn man hat dem tra-
genden und hinterwerts ſtehenden Fuße, ſo viel mehr geben wolten, als er
in der Anſicht durch das Zuruͤckweichen verliehren koͤnnte. Der Nabel iſt
an Maͤnnern ſo wohl, als Weibern, ungewoͤhnlich tief und hohl gearbeitet.
Ich wiederhole hier, was in der Vorrede allgemein erinnert worden, daß
man nicht aus Kupfern urtheilen koͤnne: denn an den Aegyptiſchen Fi-
guren beym Boißard, Kircher, Montfaucon und anderen, findet ſich kein
einziges von den angegebenen Kennzeichen des Aegyptiſchen Stils. Ferner
iſt genau zu beobachten, was an Aegyptiſchen Statuen wahrhaftig alt, und
was ergaͤnzet iſt. Das Untertheil des Geſichts an der vermeynten Iſis 3)
im Campidoglio (welche die einzige unter den vier groͤßten Statuen da-
ſelbſt von ſchwarzem Granite iſt) iſt nicht alt, ſondern ein neuer Anſatz;
welches ich anzeige, weil es wenige wiſſen und finden koͤnnen: es ſind auch
an dieſer, und an den zwo andern Statuen von rothem Granite, Arme und

Beine
1) Deſer. of the Eaſt, T. 1. p. 104.
2) Diod. Sic. L. 1. p. 72. l. 40.
3) Montfauc. Ant. expl. Suppl. 1. pl. 36. Muſ. Capit. T. 3. tav. 76.
F 2

I Theil. Zweytes Capitel.
Beine ergaͤnzet. Eine ſitzende Weibliche Statue in dem Pallaſte Barberini,
welche nach Art einer andern Maͤnnlichen Figur 1) beym Kircher 2), einen
kleinen Anubis in einem Kaſten vor ſich haͤlt, hat einen neuen Kopf.

bb. beſondere
Geſtaltung
ihrer goͤttli-
chen Figuren,
und beygeleg-
te Zeichen.

An dieſes Stuͤck von der Zeichnung des Nackenden wuͤrde am be-
quemſten dasjenige anzuhaͤngen ſeyn, was zum Unterricht derer, welche
die Kunſt ſtudiren, von der beſondern Geſtaltung Goͤttlicher Figuren bey
den Aegyptern, und von den ſinnlich gemachten Eigenſchaften und Ver-
richtungen derſelben zu ſagen waͤre. Weil hiervon aber zum Ueberfluß
von andern gehandelt worden, ſo will ich mich auf einige Anmerkungen
einſchraͤnken.

Von Gottheiten, welchen man einen Kopf der Thiere gegeben, in
welchen die Aegypter jene verehreten, haben ſich wenige in Statuen er-
halten. Es ſind dieſelbe eine oben angefuͤhrte Statue in Lebensgroͤße 3)
mit einem Sperber-Kopfe, welche den Oſiris vorſtellet, im Pallaſte Bar-
berini; eine andere Statue von gleicher Groͤße mit einem Kopfe, welcher
etwas von einem Loͤwen, von einer Katze, und vom Hunde hat, in der
Villa Albani; und eine kleine ſitzende Figur mit einem Hunds-Kopfe, in
eben dieſer Villa: alle dreye ſind von ſchwaͤrzlichem Granite. Der Kopf
der zweyten von dieſen Figuren iſt auf deſſen Hintertheile mit der gewoͤhn-
lichen Aegyptiſchen Haube bedecket, welche in viele Falten geleget, rundlich
vorne, und hinten uͤber die Achſeln an zween Palme lang herunter haͤngt.
Auf dem Kopfe erhebet ſich ein ſogenannter Limbus ſenkrecht uͤber einen
Palm in die Hoͤhe: mit einem Limbo wurden nachher die Bildniſſe 4) der

Goͤtter,
1) Oed. Aeg. T. 3. p. 496. 497.
2) Dieſe kniende Statue von ſchwaͤrzlichem Granite ſtand zu Rignano auf der Straße von
Rom nach Loreto, und befindet ſich in der Villa Albani. Es iſt dieſelbe beym Kircher
ganz falſch gezeichnet: denn man ſieht bey ihm in dem Kaſten nur eine Figur, und es
ſind deren drey neben einander.
3) Kirch. Oed. Aeg. T. 3. p. 501. Donati Roma, p. 60.
4) Pitt. Ercol. T. 2. tav. 10.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Goͤtter, der Kaiſer und der Heiligen vorgeſtellet. Denenjenigen, welche,
wie Warburthon, unter den Goͤttlichen Figuren die von dieſer Art fuͤr
juͤnger, als die ganz Menſchlichen Figuren, halten wollen, kann man verſi-
chern, daß die angefuͤhrten Figuren eben ſo alt, wo nicht aͤlter ſcheinen,
als die aͤlteſten Figuren im Campidoglio, an welchen die Menſchliche Ge-
ſtalt nicht geaͤndert iſt. Der Anubis 1) von ſchwarzem Marmor, im Cam-
pidoglio, iſt kein Werk Aegyptiſcher Kunſt, ſondern zur Zeit des Kaiſer
Hadrianus gemachet.

Strabo 2), nicht Diodorus, nach dem Pococke, berichtet von einem
Tempel zu Theben, daß innerhalb demſelben keine Menſchlichen Figuren,
ſondern bloß Thiere geſetzet geweſen, und dieſe Bemerkung will Pococke 3)
auch bey andern daſelbſt erhaltenen Tempeln gemachet haben. Unterdeſſen
finden ſich itzo mehr Aegyptiſche Figuren, welche aus ihren beygelegten Zei-
chen, Gottheiten ſcheinen, in voͤlliger Menſchlichen Geſtalt, als mit dem
Kopfe eines Thieres vorgeſtellet, wie dieſes unter andern die bekannte
Iſiſche Tafel, die in dem Muſeo des Koͤnigs von Sardinien, zu Turin, iſt,
beweiſen kann. Iſis 4) mit Hoͤrnern auf dem Kopfe findet ſich auf keinem
alten Denkmale dieſes Volkes 5). Die Weiblichen Figuren im Campidoglio
aber koͤnnen am fuͤglichſten auf dieſe Goͤttinn gedeutet werden. Prieſterin-
nen derſelben koͤnnen es nicht ſeyn, weil kein Weib 6) dieſes Amt in Aegy-
pten fuͤhrete. Die Maͤnnlichen Figuren an eben dem Orte koͤnnen auch
Statuen der Hohenprieſter zu Theben ſeyn, welche alle daſelbſt ſtanden.
Von den Fluͤgeln der Aegyptiſchen Gottheiten wird in dem dritten Abſatze
dieſes zweyten Stuͤckes geredet. Es kann auch hier bemerket werden, daß
das Siſtrum keiner Figur, auf irgend einem alten Aegyptiſchen Werke in

Rom,
1) Muſ. Capit. T. 3. tav. 85.
2) L. 17. p. 1158. 1159. ed. Amſt.
3) Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 95.
4) Diod. L. 1. p. 11. l. 12.
5) Es finden ſich zween Koͤpfe der Iſis mit Hoͤrnern auf geſchnittenen Steinen in dem
Stoßiſchen Muſeo, (p. 11. no. 40. 41.) aber dieſe ſind von ſpaͤterer Zeit, und Roͤmiſche
Arbeiten.
6) Herodot. L. 2. p. 64. l. 42.
F 3

I Theil. Zweytes Capitel.
Rom, in die Hand gegeben iſt, ja man ſieht dieſes Inſtrument auf den-
ſelben, außer auf dem Rande der Iſiſchen Tafel, gar nicht vorgeſtellet,
und diejenigen irren ſich, welche, wie Bianchini 1), es auf mehr, als auf einem
Obelisko, wollen gefunden haben. Hievon habe ich ſchon 2) an einem an-
deren Orte geredet. Die Staͤbe der Gottheiten haben insgemein, an ſtatt
des Knopfs, einen Vogel-Kopf, nach der Art, wie die Aegypter und andere
Voͤlker dieſelben ziereten, wie die ſitzenden Figuren auf beyden Seiten 3)
einer großen Tafel von rothem Granite in dem Garten des Pallaſtes Bar-
berini, und nicht da, wo man dem Pococke ſchrieb. Dieſer Vogel iſt
vermuthlich derjenige, welchen die Einwohner itzo Abukerdan 4) nennen,
in der Groͤße eines kleinen Krannigs. Auch die Griechen 5) trugen Staͤbe,
oben mit Voͤgeln gezieret. Bey den Aſſyriern war, nach dem Herodotus,
ein Apfel, Roſe, Lilie, Adler, oder ſonſt etwas oben darauf geſchnitzet.
Es war alſo der Adler oben auf dem Stabe des Jupiters, welchen Pinda-
rus 6) beſchreibet, und wie man ihn an einem ſchoͤnen Altare in der Villa
Albani ſiehet, aus dem gemeinen Gebrauche genommen.

Die Sphinxe der Aegypter haben beyderley Geſchlecht, das iſt, ſie
ſind vorne Weiblich, und haben einen Weiblichen Kopf, und hinten Maͤnn-
lich, wo ſich die Hoden zeigen. Dieſes iſt noch von niemand angemerket.
Ich gab dieſes 7) aus einem Steine des Stoßiſchen Muſei an, und ich
zeigete dadurch die Erklaͤrung der bisher nicht verſtandenen Stelle 8) des
Poeten Philemon, welcher von Maͤnnlichen Sphinxen redet, ſonderlich
da auch die Griechiſchen Kuͤnſtler 9) Sphinxe mit einem Barte bildeten.

Dieſes
1) de Siſtr. p. 17.
2) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, Pref. p. XVII.
3) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, Vol. 2. pl. XCI.
4) Voy. de Monconys, T. I. p. 198.
5) Schol. Av. Ariſtoph. v. 510. conf. Bergler. not. ad h. l.
6) Pyth. l. v. 10.
7) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, Pref. p. 8. n. 31. conf. p. 4. n. 7.
8) ap. Athen. Deipnoſ. L. 14. p. 659. B.
9) Pref. à la Deſcript. cit. p. XVII.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Dieſes fand ich auf einer Zeichnung in der großen Sammlung der Zeich-
nungen des Herrn Card. Alex. Albani, und ich glaubete, das Stuͤck, wo-
von dieſe Zeichnung genommen war, ſey verlohren gegangen. Es kam
daſſelbe aber nachher in der Garderobe des Farneſiſchen Pallaſtes zum Vor-
ſchein, und iſt eine erhobene Arbeit von gebrannter Erde. Damals hatte
ich die Hoden der Aegyptiſchen Sphinxe noch nicht bemerket. Herodotus,
wenn er die Sphinxe 1) ἀνδρόσφιγγες nennet, hat nach meiner Mey-
nung die beyden Geſchlechter derſelben andeuten wollen. Beſonders zu
merken ſind die Sphinxe an den vier Seiten der Spitze des Obelisks der
Sonnen, welche Menſchen-Haͤnde haben, mit ſpitzigen einwerts gekruͤm-
meten Naͤgeln reißender Thiere. Es iſt derſelbe zu Anfang des Capitels in
Kup[f]er vorgeſtellet.

In dem zweyten Abſatze des aͤltern Aegyptiſchen Stils von der Be-b. Von der
Bekleidung
der Figuren
des aͤltern
Stils.

kleidung ihrer Figuren, merke ich zuerſt an, daß dieſelbe vornehmlich 2)
von Leinen war, welches in dieſem Lande 3) haͤufig gebauet wurde, und
ihr Rock, Calaſiris genannt, an welchem unten 4) ein gekraͤuſelter Streifaa. Der
Rock.

oder Rand mit vielen Falten genaͤhet war, gieng ihnen 5) bis auf die
Fuͤße, uͤber welchen die Maͤnner einen weißen Mantel von Tuch ſchlugen.
Die Maͤnnlichen Figuren aber ſind alle nackend, ſo wohl in Statuen, als
an Obelisken, und auf andern Werken, bis auf einen Schurz, welcher
uͤber die Huͤften angeleget iſt, und den Unterleib bedecket. Dieſer Schurz
iſt in ganz kleine Falten gebrochen. Da dieſes aber vermuthlich Goͤttliche
Figuren ſind, ſo kann, wie bey den Griechen, dieſelben nackend vorzuſtel-

len,
1) L. 2. p. 100. l. 17.
2) Plutarch. de Is. & Oſir. p. 628. conf. Barneſ. ad Eurip. Troad. v. 128.
3) Salmaſius (Exercit. in Solin. p. 998. B.) will aus einer Stelle des Dichters Gratius
ſchließen, daß das Leinen in Aegypten kaum zugereichet habe, die Prieſter zu kleiden.
Unterdeſſen gedenket Plinius vier Arten von Aegyptiſchen Leinen, und der Dichter
ſcheinet nur die Menge der Prieſter haben anzeigen wollen.
4) Herodot. L. 2. p. 75. l. 11.
5) Bochart. Phal. & Can. p. 416. l. 24.

I Theil. Zweytes Capitel.
len, angenommen ſeyn; oder es waͤre als eine Vorſtellung der aͤlteſten
Tracht daſelbſt anzuſehen, welche bey den Arabern noch lange hernach ge-
blieben war: denn dieſe hatten nichts 1), als einen Schurz, um den Leib,
und Schuhe an Fuͤßen.

In dieſem aͤltern Stil iſt die Bekleidung ſonderlich an Weiblichen
Figuren nur durch einen hervorſpringenden oder erhobenen Rand, an den
Beinen und am Halſe, angedeutet, wie an einer vermeynten Iſis im
Campidoglio, und an zwo andern Statuen daſelbſt zu ſehen iſt. Um den
Mittelpunct der Bruͤſte von der einen, wo die Warzen ſtehen wuͤrden, iſt
ein kleiner Zirkel eingegraben angedeutet, und von demſelben gehen viel
dicht neben einander liegende Einſchnitte, wie Radii eines Zirkels, an
zween Finger breit auf den Bruͤſten herum. Und dieſes koͤnnte fuͤr einen
ungereimten Zierrath angeſehen werden. Ich bin aber der Meynung,
daß hierdurch die Falten eines duͤnnen Schleyers, welcher die Bruͤſte be-
decket, angedeutet werden ſollten. Denn an einer Aegyptiſchen Iſis, aber
vom ſpaͤteren und ſchoͤneren Stil, in der Villa Albani, ſind auf den Bruͤ-
ſten derſelben, welche dem erſten Anblicke entbloͤßet zu ſeyn ſcheinen, faſt
unmerkliche erhobene Falten gezogen, welche in eben der Richtung ſich von
dem Mittelpuncte der Bruͤſte ausbreiten. An dem Leibe jener Figuren
muß die Kleidung bloß gedacht werden. In eben dieſer Form iſt eine
bekleidete Iſis 2) auf einer Mumie gemalet, und die zwanzig Coloſſaliſche
Statuen der Beyſchlaͤferinnen Koͤnigs Mycerinus, von Holz, welche He-
rodotus 3) fuͤr nackend angeſehen, werden vielleicht eine aͤhnliche Anzei-
gung der Kleidung gehabt haben; wenigſtens findet ſich itzo keine einzige
voͤllig nackte Aegyptiſche Figur. Eben dieſes bemerket Pococke 4) an
einer ſitzenden Iſis, welche, ohne einen hervorſpringenden Rand uͤber die

Knoͤchel
1) Strabo Geogr. L. 16. p. 784. A. conf. Valeſ. ad Ammian. L. 14. c. 4. p. 14.
2) Gordon Eſſay &c. l. c.
3) L. 2. p. 95. l. 36.
4) l. c. p. 212.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Knoͤchel des Fußes, fuͤr ganz nackend zu halten waͤre; daher er ſich dieſe
Bekleidung als ein feines Neſſeltuch vorſtellet, wovon noch itzo die Wei-
ber im Orient, wegen der großen Hitze, Hemden tragen.

In einer beſondern Art iſt die vorher angefuͤhrte ſitzende Figur in der
Gallerie Barberini gekleidet: es erweitert ſich der Rock von oben bis un-
ten, wie eine Glocke, ohne Falten. Man kann ſich davon aus einer Fi-
gur, welche Pococke 1) beybringet, einen Begriff machen. Eben auf dieſe
Art iſt der Rock einer ſehr alten Weiblichen Figur, von ſchwaͤrzlichem
Granite, drey Palme hoch, in dem Muſeo Hrn. Urbano Rolandi zu Rom
gemachet; und weil ſich derſelbe unten nicht erweitert, ſieht das Unter-
theil dieſer Figur einer Saͤule aͤhnlich. Es haͤlt dieſelbe einen ſitzenden
Cynocephalus, auf einem Kaͤſtgen, mit vier ſaͤulenweis geſetzten Reihen
von Hieroglyphen, vor der Bruſt. Die Fuͤße an derſelben ſind nicht
ſichtbar.

Die erhabenen uͤbermalten Figuren, welche ſich zu Theben erhalten
haben, ſollen 2), wie des Oſiris Kleidung gemalet war, 3) ohne Abwei-
chung, und ohne Licht und Schatten ſeyn. Dieſes aber muß uns nicht ſo ſehr,
als dem, der es berichtet, befremden: denn alle erhobene Werke bekommen
Licht und Schatten durch ſich ſelbſt, ſie moͤgen in weißem Marmor, oder
von einer andern einzigen Farbe ſeyn, und es wuͤrde alles an ihnen ver-
worren werden, wenn man im Uebermalen derſelben, mit dem Erhobenen
und Vertieften es, wie in der Malerey, halten wollte. Es finden ſich
uͤbrigens in Aegypten auch 4) andere Stuͤcke von uͤbermalten erhobenen
Arbeiten.

Es iſt auch von den uͤbrigen Stuͤcken der Aegyptiſchen Kleidungbb. Andere
Stuͤcke der
Kleidung
und des
Schmucks.

etwas zu reden. Die Maͤnner giengen insgemein mit unbedecktem Haupte,

und
1) l. c. p. 284.
2) Plut. de Iſ. & Oſir. p. 680.
3) Norden’s Travels in Egypt, Pref. p. XX. XXII. T. 2. p. 51.
4) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 77.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. G

I Theil. Zweytes Capitel.
und waren hierinn das Gegentheil der Perſer, wie Herodotus uͤber die ver-
ſchiedene Haͤrte der Hirnſchaͤdel der auf beyden Seiten in der Schlacht mit
den Perſern gebliebenen, anmerket. Die Maͤnnlichen Figuren der Ae-
gypter haben den Kopf entweder mit einer Haube, oder Muͤtze bedecket, als
Goͤtter oder Koͤnige. Die Haube haͤngt an etlichen in zwey breiten, oder
auch auswerts rundlichen Streifen, uͤber die Achſeln, ſowohl gegen die
Bruſt, als auf den Ruͤcken herunter. Die Muͤtze gleichet theils einer Bi-
ſchofs-Muͤtze, (Mitra) theils iſt ſie oben platt, nach der Art, wie man ſie
vor zweyhundert Jahren trug, wie z. E. die Muͤtze des aͤlteren Aldus ge-
ſtaltet iſt. Die Haube nebſt der Mitra haben auch Thiere; jene ſieht man
am Sphinxe, und dieſe am Sperber. Ein großer Sperber von Baſalt,
mit einer Mitra, ohngefehr drey Palme hoch, befindet ſich in dem Muſeo
gedachten Rolandi. Die oben platte Muͤtze wurde mit zwey Baͤndern
unter dem Kinne gebunden, wie man an einer einzigen ſitzenden Figur von
vier Palmen, in ſchwarzem Granite, in eben dieſem Muſeo ſieht. Auf
dieſer Muͤtze erhebet ſich, einen Palm in die Hoͤhe, derjenige Zierrath, welcher
unter andern auf der Muͤtze einer Figur an der Spitze des Barberiniſchen
Obeliſci ſtehet. Man will dieſen Zierrath fuͤr das Geſtraͤuch 1) des Dio-
dorus halten, welches ein Haupt-Schmuck der Koͤnige war. Einige Fi-
guren, ſowohl Maͤnnliche als Weibliche, haben vier Reihen, welche Stei-
ne, Perlen und dergleichen vorſtellen, als eine Mantille, uͤber die Bruſt
haͤngen, welcher Zierrath ſich ſonderlich an Canopen und Mumien findet.

Weibliche Figuren haben allezeit den Kopf mit einer Haube bedecket,
und dieſelbe iſt zuweilen in faſt unzaͤhliche kleine Falten geleget, wie ſie
der angefuͤhrte Kopf von gruͤnem Baſalt in der Villa Albani hat. An
dieſer Haube iſt auf der Stirn ein laͤnglich eingefaſſeter Stein vorgeſtellet,
und an dieſem Kopfe allein iſt der Anfang von Haaren uͤber der Stirn
angedeutet.

Von
1) Warburthon Eſſay des Hierogl.
Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.

Von beſonderem Haupt-Putze will ich hier nur dasjenige beruͤhren,
was von andern nicht bemerket iſt. Es finden ſich Aufſaͤtze von fremden
Haaren, wie ich an einem der aͤlteſten Weiblichen Aegyptiſchen Koͤpfe in
der Villa Altieri zu ſehen glaube. Dieſe Haare ſind in unzaͤhlige ganz
kleine geringelte Locken geleget, und haͤngen vorwerts von der Achſel her-
unter: es ſind, glaube ich, an tauſend kleine Loͤckgen, welche jedesmal
an eignen Haaren zu machen, zu muͤhſam geweſen waͤre. Umher gehet
da, wo der Haarwachs auf der Stirne anfaͤngt, ein Band, oder Diadema,
welches vorne auf dem Kopfe gebunden iſt. Mit dieſem Haar-Putze kann
ein Weiblicher Kopf im Profil von erhobener Arbeit verglichen werden,
welcher auf dem Campidoglio, außen an der Wohnung des Senators von
Rom, unter andern Koͤpfen und erhobenen Arbeiten, eingemauert iſt.
Die Haare deſſelben ſind in viel hundert Locken geleget, vorgeſtellet. Die-
ſer Kopf wird auch unten im dritten Stuͤcke beruͤhret. Ein aͤhnlicher Auf-
ſatz 1) beym Pococke, deſſen innere Seite glatt iſt, beſtaͤtiget meine Mey-
nung; hier zeiget ſich, was wir itzo nennen, das Netz, worauf die Haare
genaͤhet ſind. Ich weis alſo nicht, ob ein ſolcher Aufſatz an einer Aegy-
ptiſchen Statue im Campidoglio aus Federn gemachet iſt, wie 2) in der
Beſchreibung derſelben angegeben wird. Da es gewiß iſt, daß den Car-
thaginenſen Aufſaͤtze von fremden Haaren bekannt waren, welche Hannibal 3)
auf ſeinem Zuge durch das Land der Ligurier trug, ſo wird der Gebrauch
derſelben bey Aegyptern auch dadurch wahrſcheinlich. Eine andere beſon-
dere Tracht war die einzige Locke, welche man an dem beſchornen Kopfe
einer Statue von ſchwarzem Marmor 4) im Campidoglio, auf der rechten
Seite, an dem Ohr, haͤngen ſiehet: es iſt eine Aegyptiſche Nachahmung,
und wird unten angefuͤhret. Dieſe Locke iſt weder in dem Kupfer, noch in
der Beſchreibung derſelben, angezeiget. Von einer ſolchen einzigen Locke

an
1) l. c. p. 212.
2) Muſ. Capit. T. 3. alla Tav. 76.
3) Polyb. L. 3. p. 229. D. Liv. L. 22. c. 1.
4) Muſ. Capit. T. 3. tav. 87.
G 2

I Theil. Zweytes Capitel.
an dem beſchornen Kopfe eines Harpocrates habe ich in der Beſchreibung
der Stoßiſchen geſchnittenen Steine geredet, wo auch eine ſolche Locke an
einer Figur eben dieſer Gottheit, welche Herr Graf Caylus 1) bekannt ge-
machet, angezeiget habe. Hierdurch wird Macrobius 2) erklaͤret, welcher
berichtet, daß die Aegypter die Sonne mit beſchornem Haupte vorſtelleten,
außer den Locken auf der rechten Seite. Cuper 3), welcher, ohne dieſes be-
merket zu haben, will, daß die Aegypter unter dem Harpocrates auch die
Sonne verehreten, irret alſo nicht, wie ihm ein neuerer Scribent 4) vor-
wirft. In dem Muſeo des Collegii S. Ignatii zu Rom findet ſich ein klei-
ner Harpocrates, nebſt zwo andern kleinen wahrhaftig Aegyptiſchen Figuren
von Erzt, mit dieſer Locke.

Schuhe und Sohlen hat keine einzige Aegyptiſche Figur, außer daß
man an der vorher beruͤhrten Statue beym Pococke unter dem Knoͤchel des
Fußes einen eckigten Ring angeleget ſieht, von welchem wie ein Riem
zwiſchen der großen und der folgenden Zehe herunter gehet, wie zu Be-
feſtigung der Sohlen, welche aber nicht ſichtbar iſt. Dieſes iſt, was ich
uͤber den aͤltern Stil der Aegypter zu betrachten gefunden habe.

B.
Von dem
folgenden und
ſpaͤteren Stil
der Aegypti-
ſchen Kunſt

Der zweyte Abſatz des zweyten Stuͤcks dieſes Abſchnitts, welcher von
dem folgenden und ſpaͤteren Stil der Kuͤnſtler dieſes Volks handelt, hat,
wie in dem vorigen Abſatze, zuerſt die Zeichnung des Nackenden, und zum
zweyten die Bekleidung der Figuren zum Vorwurfe. Beydes laͤßt ſich
a. in der
Zeichnung des
Nackenden.
an zwo Figuren von Baſalt, und, was den Stand und die Bekleidung be-
trifft, an einer Figur in der Villa Albani, aus eben dem Steine, zeigen.
aa deren
Eigenſchaft.
(Dieſe hat nicht ihren alten Kopf, Arme und Beine.)

Das Geſicht 5) der einen von den erſteren hat eine der Griechiſchen
aͤhnliche Form, bis auf den Mund, welcher aufwerts gezogen iſt, und das

Kinn
1) Recueil d’Ant. T. 2. pl. 4. n. 1.
2) Saturn. L. 1. c. 21. p. 248.
3) Harpocr. p. 32.
4) Pluche Hiſt. du Ciel, T. 1. p. 95.
5) Muſ. Capit. l. c. tav. 79.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Kinn iſt zu kurz; zwey Kennzeichen, welche die aͤlteren Aegyptiſchen Koͤpfe
haben. Die Augen ſind ausgehoͤhlt, welche vor Alters von anderer Ma-
terie eingeſetzet geweſen. Das Geſicht 1) der anderen kommt der Griechi-
ſchen Form noch naͤher; das Ganze der Figur aber iſt ſchlecht gezeichnet,
und die Proportion iſt zu kurz. Die Haͤnde ſind zierlicher, als an den aͤl-
teſten Aegyptiſchen Figuren; die Fuͤße aber ſind geformet, wie an jenen,
nur daß ſie etwas auswerts ſtehen. Der Stand und die Handlung der
erſteren Figur ſowohl, als der dritten, iſt wie an den aͤlteſten Aegyptiſchen:
ſie haben ſenkrecht haͤngende Arme, welche, außer einer durchbohrten Oef-
nung an der erſtern, faſt an der Seite anliegen, und hinten ſtehen ſie an
eine eckigte Saͤule, wie jene alten Figuren. Die zweyte hat freyere Arme,
und mit der einen Hand haͤlt ſie ein Horn des Ueberfluſſes mit Fruͤchten:
dieſe hat den Ruͤcken frey und ohne Saͤule.

Dieſe Figuren koͤnnen von Aegyptiſchen Meiſtern, aber unter der Re-bb. Beſondere
algemeine An-
merkungen.

gierung der Griechen, gemacht ſeyn, die ihre Goͤtter, und alſo auch ihre
Kunſt in Aegypten einfuͤhreten, ſo wie ſie wiederum Aegyptiſche Gebraͤuche
annahmen. Denn da die Aegypter zur Zeit des Plato, das iſt, da ſie
von den Perſern beherrſchet wurden, Statuen machen laſſen, wie die oben
angefuͤhrte Nachricht deſſelben bezeuget, ſo wird auch unter den Ptolemaͤern
die Kunſt von ihren eigenen Meiſtern geuͤbet worden ſeyn, welches die fort-
daurende Beobachtung ihres Goͤtterdienſtes um ſo viel wahrſcheinlicher
machet. Die Figuren dieſes letztern Stils unterſcheiden ſich auch dadurch,
daß ſie keine Hieroglyphen haben, welche ſich an den mehreſten aͤlteſten
Aegyptiſchen Figuren, theils an deren Baſe, theils an der Saͤule, an wel-
cher ſie ſtehen, finden. Der Stil aber iſt hier allein das Kennzeichen, nicht
die Hieroglyphen: denn ob ſich gleich dieſelben auf keiner Nachahmung
Aegyptiſcher Figuren, von welchen in dem naͤchſten dritten Abſatze zu reden

iſt,
1) Muſ. Capit. l. c. tav. 80.
G 3

I Theil. Zweytes Capitel.
iſt, finden, ſo ſind hingegen auch wahrhaftig alte Aegyptiſche Figuren ohne
das geringſte von ſolchen Zeichen; unter denſelben ſind zween Obelisken,
der vor St. Peter, und der bey St. Maria Maggiore, und Plinius 1)
merket dieſes von zween andern an. An den Loͤwen am Aufgange zum
Campidoglio, und an zween andern von Granit, unter den Koͤniglichen
Alterthuͤmern zu Dreßden, ſind keine Hieroglyphen, auch an zwo Figu-
ren in der Gallerie Barberini nicht, von welchen die eine einen Sperber-
Kopf hat, und oben angefuͤhret iſt. Eben dieſes iſt von einer kleinen
Aegyptiſchen Figur im aͤltern Stil in der Villa Altieri zu merken.

b. von der
Bekleidung
der Figuren.

Was die Bekleidung anbetrifft, ſo bemerket man an allen drey oben
angefuͤhrten Weiblichen Statuen zwey Unterkleider, einen Rock, und einen
Mantel. Dieſes aber widerſpricht dem Herodotus nicht, welcher ſaget 2),
daß die Weiber nur ein einziges Kleid haben: denn dieſes iſt vermuthlich
von dem Rocke, oder dem Oberkleide derſelben, zu verſtehen. Das eine
Unterkleid iſt an den zwo Statuen im Campidoglio in kleine Falten gele-
get, und haͤnget vorwerts bis auf die Zehen, und ſeitwerts auf die Baſe
derſelben herunter; an der dritten Statue in der Villa Albani iſt es, weil
die alten Beine fehlen, nicht zu ſehen. Dieſes Unterkleid, welches, allem
Anſehen nach, von Leinewand ſcheinet geweſen zu ſeyn, war etwa uͤber die
Huͤfte angeleget. Das andere Unterkleid, welches offenbar eine ſehr feine
Leinewand vorſtellet, war wie ein Oberhemde; es bedeckete die Weibliche
Bruſt bis an den Hals, und war mit kurzen Ermeln, welche nur bis an
das Mittel des Obertheils des Armes reichen. An dieſen Ermeln, welche
durch einen erhabenen Rand und Vorſprung angezeiget ſind, iſt dieſes Un-
terkleid an den zwo erſteren Statuen nur allein ſichtbar; die Bruͤſte ſchei-
nen voͤllig bloß zu ſeyn, ſo durchſichtig und fein muß man ſich dieſes Zeug
vorſtellen. Auf der dritten Statue aber erſcheinet es deutlicher auf den

Bruͤſten,
1) L. 36. p. 293. ed. Hard. in 4.
2) L. 2. p. 65. l. 11.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
Bruͤſten, durch ganz ſanfte und faſt unmerkliche Faͤltgen, welche ſich von
der Warze derſelben ſehr gelinde nach allen Seiten ziehen, wie auch oben
bereits bemerket iſt.

Der Rock iſt an der erſten und an der dritten Statue ſehr aͤhnlich,
und lieget dicht am Fleiſche, außer einigen ſehr flachen Falten, welche ſich
ziehen. Der Rock gehet allen dreyen bis unter die Bruͤſte, und bis dahin
wird derſelbe durch den Mantel hinaufgezogen und gehalten.

Der Mantel iſt an zween ſeiner Zipfel uͤber beyde Achſeln gezogen, und
durch dieſe Zipfel iſt der Rock unter die Bruͤſte gebunden; das uͤbrige von
den Enden haͤngt unter den gebundenen Knoten von der Bruſt herunter;
auf eben die Art, wie der Rock mit den Enden des Mantels geknuͤpfet iſt
an der ſchoͤnen Iſis in Lebensgroͤße im Campidoglio, und an einer groͤßeren
Iſis im Pallaſte Barberini, welche beyde von Marmor, und Griechiſche
Arbeiten ſind. Hierdurch wird der Rock in die Hoͤhe gezogen, und die
ſanften Falten, welche ſich auf den Schenkeln der Beine werfen, gehen alle
zugleich mit aufwerts, und von der Bruſt haͤnget zwiſchen den Beinen bis
auf die Fuͤße herunter, eine einzige gerade Falte. An der dritten Statue
in der Villa Albani iſt ein kleiner Unterſchied: es gehet nur einer von den
Zipfeln des Mantels uͤber die Achſel heruͤber, der andere iſt unter der lin-
ken Bruſt herumgenommen, und beyde Zipfel ſind zwiſchen den Bruͤſten
mit dem Rocke geknuͤpfet. Weiter iſt der Mantel nicht ſichtbar, und da
derſelbe hinten haͤngen ſollte, iſt er gleichſam durch die Saͤule bedecket,
an welche die erſte und die dritte ſtehen: die zweyte hat den Ruͤcken frey,
und ohne Saͤule, und hat dem Mantel vor dem Unterleib herumgenommen.

Der dritte Abſatz dieſes zweyten Stuͤcks handelt von Figuren, welcheC.
Von der
Nachahmung
Aegyptiſcher
Werke unter
dem Kaiſer
Hadriano.
a. allgemein.

den alten Aegyptiſchen Figuren aͤhnlicher, als jene, kommen, und weder in
Aegypten, noch von Kuͤnſtlern dieſes Landes, gearbeitet worden, ſondern
Nachahmungen Aegyptiſcher Werke ſind, welche Kaiſer Hadrian machen

laſſen,

I Theil. Zweytes Capitel.
laſſen, und, fo viel mir wiſſend iſt, ſind dieſelben alle in deſſen Villa zu
Tivoli gefunden. An einigen ließ er die aͤlteſten Aegyptiſchen Figuren ge-
nau nachahmen; an andern vereinigte er die Aegyptiſche Kunſt mit der
Griechiſchen.

In beyden Arten finden ſich einige, welche in Stand und Richtung
den aͤlteſten Aegyptiſchen Figuren voͤllig aͤhnlich ſind, das iſt, ſie ſtehen
voͤllig gerade, und ohne Handlung, mit ſenkrecht haͤngenden, und an der
Seite und den Huͤften feſt anliegenden Armen; ihre Fuͤße gehen parallel,
und ſie ſtehen, wie die Aegyptiſchen, an einer eckigten Saͤule. Andere haben
zwar eben denſelben Stand, aber nicht die Arme unbeweglich, ſondern ſie
tragen oder zeigen mit derſelben. Dieſe Figuren haben nicht alle ihre alten
Koͤpfe, ſo wie auch die im vorigen Capitel angefuͤhrte Iſis einen neuen
Kopf hat. Dieſes iſt wohl zu merken, weil es denen, die uͤber dieſe Sta-
tuen geſchrieben haben, nicht allezeit bekannt geweſen, und Bottari 1)
haͤlt ſich bey dem Kopfe gedachter Iſis viel auf. Die Haarflechten, welche
auf der Achſel liegen, hatten ſich erhalten, und nach Anweiſung derſelben
ſind die Locken an dem neuen Kopfe gearbeitet. Nach der Ergaͤnzung die-
ſer Statue fand ſich der alte wahre Kopf derſelben, welchen der Cardinal
Polignac kaufte, deſſen Muſeum der Koͤnig in Preußen erſtanden 2). Ich
will hier die verſchiedenen Gattungen der Werke in dieſer Art, und unter
denſelben die betraͤchtlichſten Stuͤcke, mit einer Beurtheilung ihrer Zeich-
nung und Form anzeigen, und hernach die Bekleidung in dieſem Abſatze
beruͤhren.

b. Beurthei-
lung beſonde-
rer Werke
aa. in Ab-
ſicht der
Zeichnung.

Von Statuen ſind insbeſondere 3) zwo von roͤthlichem Granite, welche
an der Wohnung des Biſchoffs zu Tivoli ſtehen, und der angefuͤhrte Aegy-

ptiſchen
1) Muſ. Capit. T. 3. Fig. 81. p. 152.
2) Dieſer Kopf wurde in der Villa Hadriani bey Tivoli, nebſt verſchiedenen andern Koͤpfen,
welche gedachter Cardinal ebenfalls an ſich brachte, unter vielen mit der Hacke zerſchla-
genen Statuen, in einem mit Marmor ausgemauerten und belegten Teiche gefunden.
3) Maffei Raccolta di Statue Fol. 148.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
ptiſche Antinous von Marmor im Campidoglio, zu merken. Jene ſind bey-
nahe noch einmal ſo groß, als die Natur, und dieſe iſt ebenfalls uͤber Lebeus-
groͤße. Jene haben den Stand, wie die aͤlteſten Aegyptiſchen Figuren, und
ſtehen, wie dieſe, an einer eckigten Saͤule, aber ohne Hieroglyphen. Die
Huͤften und der Unterleib ſind mit einem Schurze bedecket, und der Kopf
hat ſeine Haube mit zween herunter haͤngenden Streifen. Dieſe Aehn-
lichkeit verurſachet, daß ſie von allen unter die aͤlteſten Werke der Aegypter
gerechnet werden. Auf dem Kopfe tragen ſie einen Korb nach Art der
Caryatiden, aus einem Stuͤcke mit der Figur. Das Ganze hat eine
Aegyptiſche Geſtalt, aber die Theile haben nicht die Aegyptiſche Form.
Die Bruſt, welche an den aͤlteſten Maͤnnlichen Figuren platt lieget, iſt
hier maͤchtig und heldenmaͤßig erhaben: die Rippen unter der Bruſt, wel-
che an jenen gar nicht ſichtbar ſind, erſcheinen hier voͤllig angegeben: der
Leib uͤber den Huͤften, welcher dort ſehr enge iſt, hat hier ſeine rechte Fuͤlle:
die Glieder und Knorpel der Knie ſind hier deutlicher, als dort, gearbeitet:
die Muskeln an den Armen, und an andern Theilen, liegen voͤllig vor
Augen: die Schulterblaͤtter, welche dort wie ohne Anzeige ſind, erheben
ſich hier mit einer ſtarken Rundung, und die Fuͤße kommen der Griechi-
ſchen Form naͤher. Die groͤßte Verſchiedenheit aber lieget in dem Geſichte:
welches weder auf Aegyptiſche Art gearbeitet, noch ſonſt ihren Koͤpfen
aͤhnlich iſt. Die Augen liegen nicht, wie in der Natur, und wie an den
aͤlteſten Aegyptiſchen Koͤpfen, faſt in gleicher Flaͤche mit dem Augen-Kno-
chen, ſondern ſie ſind nach dem Syſtema der Griechiſchen Kunſt tief geſen-
ket, um den Augen-Knochen zu erheben, und Licht und Schatten zu er-
halten. Die Form des Geſichts iſt vielmehr Griechiſch, und es iſt dem
Aegyptiſchen Antinous voͤllig aͤhnlich. Daher muthmaße ich, daß auch
dieſe Statuen eine Vorſtellung deſſelben auf Aegyptiſche Art ſeyn koͤnnen.
An beſagtem Aegyptiſchen Antinous von Marmor, iſt der Griechiſche Stil
noch deutlicher; es ſtehet auch derſelbe frey, und an keine Saͤule.

Zu
Winckelm. Geſch der Kunſt. H

I Theil. Zweytes Capitel.
Zu den Statuen koͤnnen die Sphinxe gerechnet werden, und es ſind viere
derſelben von ſchwarzem Granite in der Villa Albani, deren Koͤpfe eine
Bildung haben, die muthmaßlich in Aegypten nicht kann entworfen und
gearbeitet ſeyn. Die Statuen der Iſis in Marmor gehoͤren nicht hierher:
ſie ſind von der Kaiſer Zeiten; denn zu des Cicero Zeiten 1) war der Got-
tesdienſt der Iſis in Rom noch nicht angenommen.

Von erhobenen Arbeiten, welche zu dieſen Nachahmungen gehoͤren, iſt
vornehmlich diejenige von gruͤnem Baſalt anzufuͤhren, welche in dem Hofe
des Pallaſtes Maltei ſtehet 2), und eine Proceſſion eines Aegyptiſchen
Opfers vorſtellet. Ein anderes Werk von dieſer Art iſt zu Ende dieſes
Capitels in Kupfer vorgeſtellet, und iſt bereits anderwerts von mir
beruͤhret. Die Iſis auf demſelben iſt gefluͤgelt, und die Fluͤgel ſind von
hinten vorwerts herunter geſchlagen, und bedecken den ganzen Unterleib.
Die Iſis auf der Iſiſchen Tafel hat ebenfalls große Fluͤgel, welche aber
uͤber den Huͤften ſtehen, und vorwerts ausgeſtrecket ſind, um gleichſam die
Figur zu beſchatten, nach Art der Cherubinen. Eben ſo ſieht man 3) auf
einer Muͤnze der Inſel Maltha zwo Figuren, wie Cherubine, und welches
zu merken iſt, mit Ochſen-Fuͤßen, wie jene geſtaltet, welche gegen einan-
der ſtehen, und die Fluͤgel von den Huͤften herunter eine gegen die andere
ausdehnen. Auch auf einer Mumie 4) findet ſich eine Figur mit Fluͤgeln
an den Huͤften, welche ſich erheben, um eine andere ſitzende Gottheit zu
beſchatten.

Ich kann nicht unberuͤhret laſſen, daß die Iſiſche oder Bembiſche
Tafel von Erzt mit eingelegten Figuren von Silber, von Warburthon 5)

fuͤr
1) De nat. deor. L. 3. c. 19.
2) Bartoli Admir.
3) Motraye Voy. T. 1. pl. 14. n. 13. Gronov. Præf. ad T. 6. Antiq. Graec. p. 8. Num.
Pembrock. P. 2. tab. 96.
4) Gordon. l. c.
5) Eſſay ſur les Hierogl. p. 294.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
fuͤr eine Arbeit gehalten wird, welche zu Rom gemacht worden. Dieſes
Vorgeben aber ſcheinet keinen Grund zu haben, und iſt nur zum Behuf
ſeiner Meynung angenommen. Ich habe die Tafel ſelbſt nicht unterſuchen
koͤnnen; die Hieroglyphen aber auf derſelben, die ſich an keinen von den
Roͤmern nachgemachten Werken finden, geben einen Grund zur Behaup-
tung des Alterthums derſelben, und zur Widerlegung jener Meynung.

Nebſt den angefuͤhrten Statuen und erhobenen Werken gehoͤren hier-
her die Canopi in Stein, welche ſich erhalten haben, und geſchnittene
Steine mit Aegyptiſchen Figuren und Zeichen. Von den Canopen ſpaͤte-
rer Zeiten, beſitzet der Herr Card. Alex. Albani die zween ſchoͤnſten, in gruͤ-
nem Baſalt, von welchen der beſte 1) bereits bekannt gemacht iſt; ein an-
derer aͤhnlicher Canopus aus eben dem Steine, ſtehet im Campidoglio, und
iſt, wie jene, in der Villa Hadriani zu Tivoli gefunden. Die Zeichnung
und Form der Figuren auf denſelben, und ſonderlich des Kopfs, laſſen kei-
nen Zweifel uͤber die Zeit, in welcher ſie gemachet worden. Unter den
geſchnittenen Steinen ſind alle diejenigen Scarabei, deren erhobene runde
Seite einen Kaͤfer, die flache aber eine Aegyptiſche Gottheit vorſtellet, von
ſpaͤteren Zeiten. Die Scribenten, welche dergleichen Steine 2) fuͤr ſehr
alt halten, haben kein anderes Kennzeichen vom hohen Alterthume, als
die Ungeſchicklichkeit, und von Aegyptiſcher Arbeit gar keins. Ferner ſind
alle geſchnittene Steine mit Figuren oder Koͤpfen des Serapis und Anu-
bis von der Roͤmer Zeit. Serapis hat nichs Aegyptiſches, und man ſagt
auch, daß der Dienſt dieſer Gottheit aus Thracien gekommen, und aller-
erſt 3) durch den erſten Ptolemaͤus in Aegypten eingefuͤhret worden. Von
Steinen mit dem Anubis ſind funfzehen in dem Stoßiſchen Muſeo, und
alle von ſpaͤterer Zeit. Die geſchnittenen Steine, welche man Abraxas

nennet,
1) Monum. a Borion. collect. n. 3.
2) Natter Pier. grav. fig. 3.
3) Macrob. Saturn. L. 1. c. 7. p. 179. conf. Huet. Dem. Evang. Prop. 4. c. 7. p. 100.
H 2

I Theil. Zweytes Capitel.
nennet, ſind itzo durchgehends fuͤr Gemaͤchte der Gnoſtiker und Baſilidianer
aus den erſten Chriſtlichen Zeiten erklaͤret, und ſind nicht wuͤrdig, in Ab-
ſicht der Kunſt, in Betrachtung gezogen zu werden.

[ – 1 Zeichen fehlt]b. in Abſicht
der Beklei-
dung.

In der Bekleidung der Figuren, welche Nachahmungen der aͤlteſten
Aegyptiſchen ſind, verhaͤlt es ſich allgemein, wie mit der Zeichnung und
der Form derſelben. Einige Maͤnnliche Figuren ſind, wie die wahren Aegy-
ptiſchen, nur mit einem Schurze angethan, und diejenige, welche, wie
ich gedacht habe, an dem befchornen Kopfe eine Locke auf der rechten Seite
haͤngen hat, iſt ganz nackend, wie ſich keine alte Maͤnnliche Figur der
Aegypter findet. Die Weiblichen ſind, wie jene, ganz bekleidet, auch ei-
nige nach der im erſten Abſatze dieſes Stuͤcks angezeigten aͤlteſten Art, ſo
daß die Bekleidung durch einen kleinen Vorſprung an den Beinen, und
durch einen Rand am Halſe, und oben auf den Armen angedeutet worden.
Von dem Unterleibe haͤnget an einigen dieſer Figuren eine einzige Falte
zwiſchen den Beinen herunter; an dem Leibe muß die Bekleidung nur ge-
dacht worden. Ueber eine ſolche Bekleidung haben die Weiblichen Figu-
ren einen Mantel, welcher von den Schultern herunter vorne auf der Bruſt
zuſammen gebunden iſt, ſo wie ihn auch die Griechiſche Iſis insgemein
hat; weiter aber iſt nichts von dem Mantel zu ſehen. Als etwas beſon-
ders iſt eine Maͤnnliche Figur von ſchwarzem Marmor, in der Villa Albani,
von welcher der Kopf verlohren gegangen iſt, anzumerken, welche eben auf
die Art, wie die Weiber, gekleidet iſt; das Geſchlecht aber iſt durch die
unter dem Gewande erhobene Anzeige deſſelben kenntlich. Eine Iſis in
Marmor 1), in der Gallerie Barberini, um welche ſich eine Schlange ge-
wickelt hat, traͤgt eine Haube, wie Aegyptiſche Figuren, und ein Gehaͤng
von einigen Schnuͤren 2) uͤber der Bruſt 3), nach Art der Canopen.

Dieſes
1) Maffei Raccolt. di Stat. n. 95.
2) Der Zierrath, welcher unter dem Halſe uͤber die Bruſt herunter hieng, hieß bey den Grie-
chen ῞Ορμος; was um den Hals gieng, περιτραχήλιος. v. Schol. ad Odyſſ. Σ, 299.
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 10.
Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.

Dieſes ſind die drey Abſaͤtze dieſes zweyten Stuͤcks von dem Stil der
Aegyptiſchen Kunſt: der erſte von dem aͤlteſten Stil, der andere von dem
folgenden und ſpaͤtern Stil, und der dritte von den Nachahmungen
Aegyptiſcher Werke.



Das dritte Stuͤck des zweyten Abſchnittes dieſes Capitels, betrifftIII.
Das Mecha-
niſche Theil
der Aegypti-
ſchen Kunſt.

das Mechaniſche Theil derſelben, und zwar erſtlich die Ausarbeitung ihrer
Werke, und zweytens die Materie, in welcher ſie gearbeitet ſind.

In Abſicht der Ausarbeitung berichtet Diodorus 1), daß die Aegy-A.
Von Ausar-
beitung ihrer
Werke.

ptiſchen Bildhauer den noch unbearbeiteten Stein, nach dem ſie ihre feſt-
geſetzte Maaß auf denſelben getragen, auf deſſen Mittel von einander ge-
ſaͤget, und daß ſich zween Meiſter in die Arbeit einer Figur getheilet.
Nach eben der Art ſollen Telecles und Theodorus aus Samos, eine Sta-
tue des Apollo von Holz, zu Samos in Griechenland, gemachet haben;
Telecles die eine Haͤlfte zu Epheſus, Theodorus die andere Haͤlfte zu Samos.
Dieſe Statue war unter der Huͤfte bis an die Schaam herunter, auf ihr
Mittel getheilet, und hernach wiederum an dieſem Orte zuſammengeſetzet,
ſo daß beyde Stuͤcke vollkommen aufeinander paſſeten 2). So und nicht
anders kann der Geſchichtſchreiber verſtanden werden. Denn iſt es glaub-
lich, wie es alle Ueberſetzer nehmen, daß die Statue von dem Wirbel bis
auf die Schaam getheilet geweſen, ſo wie Jupiter 3), nach der Fabel, das
erſte Geſchlecht doppelter Menſchen von oben mitten durch geſchnitten?

Die
1) Lib. 1. ad fin.
2) Man leſe an ſtatt κατὰ τὴν ὀροφὴν, κκτὰ τὴν ὀσφὺν, und bedenke, daß κατὰ nie-
mals von einer Bewegung von etwas an, ſondern vom Verhaͤltniſſe und von Folge
gebrauchet wird. Rhodomanus und Weſſelings Muthmaſſung auf κερυφὴν kann gar
nicht ſtatt finden; die alte Leſart ὀροφὴν kommt der wahrſcheinlichen Richtigkeit naͤher.
(†) Ariſtot. Hiſt. Anim. L. 1. p. 19. l. 4. ed. Sylburg. Ἐχόμενα τούτων γαϛὴρ καὶ
ὀσφὺς, καὶ αἰδοῖον καὶ ἰσχίον. conf. Herodot. L. 2. p. 66. l. 14.
3) Plato Conviv. p. 190. D.
H 3

I Theil. Zweytes Capitel.
Die Aegypter wuͤrden ein ſolches Werk eben ſo wenig, als den Menſchen,
den ihnen der erſte Ptolemaͤus ſehen ließ, welcher auf dieſe Art 1) halb
weiß und halb ſchwarz war, geſchaͤtzet haben. Zum Beweis meiner Erklaͤ-
rung kann ich eine auf Aegyptiſche Art, ohne Zweifel von einem Griechiſchen
Kuͤnſtler, gearbeitete Statue, von Marmor, anfuͤhren. Es iſt mehrmal
erwehnter Antinous, wie er in Aegypten verehret worden, welches die
Aehnlichkeit deſſelben mit den wahren Koͤpfen dieſes Lieblings beweiſen
kann: es ſtand derſelbe vermuthlich unter den Aegyptiſchen Gottheiten in
dem ſo genannten Canopo in der Villa des Kaiſers Hadrianus zu Tivoli,
wo er gefunden worden. Nichts deſto weniger hat dieſe Statue nicht die
Aegyptiſche Form: denn der Leib iſt kuͤrzer und breiter, und außer dem
Stande iſt dieſelbe voͤllig nach den Regeln der Griechiſchen Kunſt gearbeitet.
Es beſtehet dieſelbe aus zwo Haͤlften, welche unter der Huͤfte, und unter
dem Rande des Schurzes zuſammengeſetzet ſind: ſie waͤre alſo als eine
Nachahmung der Aegypter auch in dieſem Stuͤcke anzuſehen. Dieſer Weg
zu arbeiten aber, welchen Diodorus angiebt, muͤßte nur bey einigen Coloſ-
ſaliſchen Statuen gebrauchet worden ſeyn, weil alle andere Aegyptiſche
Statuen aus einem Stuͤcke ſind. Eben dieſer Scribent redet unterdeſſen
von vielen Aegyptiſchen Coloſſen 2) aus einem Stuͤcke, von denen ſich
noch bis itzo 3) einige erhalten haben: unter jenen war die Statue Koͤnigs
Oſymanthya, deren Fuͤße ſieben Ellen in der Laͤnge hatten.

Alle uͤbrig gebliebene Aegyptiſche Figuren ſind mit unendlichem Fleiße
geendiget, geglaͤttet und geſchliffen, und es iſt keine einzige mit dem bloßen
Eiſen voͤllig geendiget, wie einige der beſten Griechiſchen Statuen in Mar-
mor; weil auf dieſem Wege dem Granite und dem Baſalte keine glatte
Flaͤche zu geben war. Die Figuren an der Spitze der hohen Obelisken

ſind
1) Lucian. Prometh. c. 4. §. 28.
2) L. 1. p. 44. l. 37. p. 44. l. 17. p. 45. l. 20. p. 33. l. 6.
3) Pococke’s Deſer. of the Eaſt, T. 1. p. 106.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
ſind wie Bilder, die in der Naͤhe muͤſſen betrachtet werden, ausgefuͤhret;
welches an dem Barberiniſchen, und ſonderlich an dem Obelisko der Son-
nen, welche beyde liegen, zu ſehen iſt. An dieſem iſt ſonderlich das Ohr
eines Sphinx mit ſo großem Verſtaͤndniſſe und Feinheit ausgearbeitet,
daß ſich an Griechiſchen erhobenen Arheiten in Marmor kein ſo vollkommen
geendigtes Ohr findet. Eben dieſen Fleiß ſieht man an einem wirklich
alten Aegyptiſchen geſchnittenen Steine des 1) Stoßiſchen Muſei, welcher
in der Ausarbeitung den beſten Griechiſchen geſchnittenen Steinen nichts
nachgiebt. Es ſtellet dieſer Stein, welches ein außerordentlich ſchoͤner
Onyx iſt, eine ſitzende Iſis vor; es iſt derſelbe hohl, nach Art der Arbeit
auf den Obelisken, geſchnitten, und da unter der oberen ſehr duͤnnen Lage
von braͤunlicher und eigener Farbe des Steins, ein weißes Blaͤdgen lieget,
ſo ſind bis dahin Geſicht, Arme und Haͤnde, nebſt dem Stuhle, tiefer ge-
arbeitet, um dieſes weiß zu haben.

Die Augen hoͤhleten die Aegyptiſchen Kuͤnſtler zuweilen aus, um
einen Augapfel von beſonderer Materie hineinzuſetzen, wie man an einem
angefuͤhrten Kopfe von gruͤnlichem Baſalte in der Villa Albani, und an
einem anderen abgebrochenen Kopfe in der Villa Altieri ſieht. An einem
anderen Kopfe nebſt der Bruſt in dieſer letzten Villa ſind die Augen aus
einem Steine ſo genau eingepaſſet, daß ſie hineingegoſſen ſcheinen.

Was zum zweyten die Materie betrifft, in welcher die AegyptiſchenB.
Von der Ma-
terie, in welche
die Aegypti-
ſchen Kuͤnſtler
gearbeitet.

Werke gearbeitet ſind, ſo finden ſich Figuren in Holz, in Erzt, und in
Stein. Holzerne Figuren, nach Art der Mumien geſtaltet, von Cedern,
ſind drey in dem Muſeo des Collegii St. Ignatii zu Rom, von welchen die
eine uͤbermalet iſt. Der Granit, welches 2) der Aethiopiſche Marmor

des
1) Deſer. des Pier. grav. du Cab. de Stoſch, p. 13.
2) Pococke l. c. p. 45.

I Theil. Zweytes Capitel.
des Herodotus, oder der 1) Thebaniſche Stein ſeyn ſoll 2), iſt von zwie-
facher Art, ſchwaͤrzlicher und roͤthlicher; und von dieſer letzten Art Stein
ſind drey der groͤßten Statuen im Campidoglio. Aus ſchwaͤrzlichem Granite
iſt die große Iſis an eben dem Orte, und nebſt dieſer iſt die groͤßte Figur
ein angefuͤhrter vermeynter Anubis, groß wie die Natur, in der Villa
Albani. Jene Art von groͤberen Koͤrnern dienete zu Saͤulen.

Von Baſalt ſind ebenfalls zwo Arten, der ſchwarze und der gruͤnli-
che: aus jenen ſind ſonderlich Thiere gearbeitet, als die Loͤwen am Auf-
gange zum Campidoglio, und die Sphinxe in der Villa Borgheſe. Die
zween groͤßten Sphinxe aber, einer im Vaticano, der andere in der Villa
Giulia, beyde von zehen Palme lang, ſind von roͤthlichem Granite. Der
Kopf derſelben iſt zween Palme lang. Aus ſchwarzem Baſalte ſind unter
andern die zwo angefuͤhrten Statuen des folgenden und ſpaͤtern Aegyptiſchen
Stils im Campidoglio, und einige kleinere Figuren. Von Figuren aus
gruͤnlichem Baſalte, finden ſich Schenkel und die untergeſchlagene Beine
in der Villa Altieri, nebſt einer ſchoͤnen Baſe mit Hieroglyphen, und den
Fuͤßen einer Weiblichen Figur auf derſelben, in dem Muſeo des Collegii
St. Ignatii zu Rom. Aus eben dieſem Steine ſind Nachahmungen
Aegyptiſcher Werke in ſpaͤtern Zeiten gemachet, wie die Canopi ſind, und
ein kleiner ſitzender Anubis im Campidoglio.

Außer dieſen gewoͤhnlichen Steinen finden ſich auch Figuren in Ala-
baſter, Porphir, Marmor, und Plaſma von Smaragd. Der Alabaſter
wurde 3) bey Theben in großen Stuͤcken gebrochen, und es findet ſich eine

ſitzende
1) Pococke l. c. p. 117.
2) Es iſt uͤberfluͤßig anzumerken, daß ein großer Gelehrter, und ein neuerer Rei-
ſender ſich haben traͤumen laſſen, daß der Granit durch Kunſt gemacht ſey. In Spanien
iſt ein Ueberfluß von allerhand Art Granite, und es iſt der gemeinſte Stein daſelbſt.
(*) Scalig. in Scaligeran.
(**) Motraye Voy. T. 2. p. 224.
3) Theophraſt. Eres. de Lapid. p. 392. l. 24.

Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.
ſitzende Iſis, mit dem Oſiris auf ihrem Schooße, von etwa zween Palmen
hoch, nebſt einer andern kleineren ſitzenden Figur, in dem Muſeo des Col-
legii St. Ignatii. Von Statuen aus Alabaſter iſt nur die einzige angefuͤhr-
te uͤbrig, die ſich in der Villa Albani befindet 1). Das Obertheil derſel-
ben, welches fehlete, iſt aus einem koſtbaren Alabaſter ergaͤnzet worden.

Von Porphir finden ſich zwo Arten, der rothe und der gruͤnliche,
welches der ſeltenſte, und zuweilen wie mit Gold beſpritzet iſt, welches
Plinius 2) von dem Thebaniſchen Steine ſaget. Von dieſer Art ſind keine
Figuren, aber Saͤulen uͤbrig, welches die allerkoſtbarſten ſind; viere wa-
ren in dem Pallaſte Farneſe, welche nach Neapel gefuͤhret worden, und
in der Gallerie zu Portici dienen ſollen. Zwo ſtehen vor der Porta St.

Paolo
1) Dieſe Statue wurde vor ohngefehr vierzig Jahren gefunden, da man den Grund zu
dem Seminario Romano der Jeſuiten grub, in welcher Gegend vor Alters der Tempel
der Iſis im Campo Martio war, und eben daſeibſt , aber auf einem den Dominica-
nern zuſtehenden Boden, wurde der oben angefuͤhrte Oſiris mit einem Sperber-Kopfe,
im Pallaſte Barberini, gefunden. Der Alabaſter jener Statue iſt heller und weißer,
als insgemein der andere Orientaliſche, wie Plinius von dem Aegyptiſchen Alabaſter
anzeiget. Der Verfaſſer einer Abhandlung von koſtbaren Steinen hat dieſe Nach-
richt nicht gehabt, weil er glaubet, daß ſich keine Aegyptiſche Statue in Alabaſter finde.
Es wird außer dem deſſen Meynung, daß, wenn irgend die Aegypter Statuen aus Ala-
baſter gemacht haͤtten, muͤßten ſie ſehr ſchmal und in Geſtalt der Mumien geweſen ſeyn,
durch die Statue eingeſchraͤnket. Die Baſe derſelben hat vier und einen halben Roͤmi-
ſchen Palm in der Laͤnge, und eben ſo viel betraͤgt die Hoͤhe des Stuhls, auf welcher die
Figur ſitzet, die Baſe mit begriffen, bis an die Huͤften dieſer ſitzenden Figur. Wer da
weis, daß der Alabaſter ſich aus einer verſteinerten Feuchtigkeit erzeuget, und von den
großen Vaſen in der Villa Albani von zehen Palmen im Durchmeſſer gehoͤret hat, kann
ſich noch groͤßere Stuͤcke vorſtellen. Es wird auch Alabaſter in alten Waſſerleitungen zu
Rom gebildet, und da man vor einigen Jahren einen derſelben ausbeſſerte, welcher vor
einigen Jahrhunderten durch einen Pabſt nach St. Peter war gefuͤhret worden, fand ſich
ein angeſetzter Tarter in demſelben, welcher ein wahrer Alabaſter iſt, und der Hr. Cardi-
nal Girolamo Colonna hat Tiſch-Blaͤtter aus demſelben ſaͤgen laſſen. Dieſe Erzeugung
des Alabaſters kann man auch in den Gewoͤlbern der Baͤder des Titus ſehen.
(*) Donati Roma, p. 60.
(**) L. 36. c. 12.
(***) Ioan. de S. Laurent Diſſ. ſopra le pietre pref. digl’ant. P. 2. c. 2. p. 29.
2) L. 36. c. 12.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. J

I Theil. Zweytes Capitel.
Paolo in der Kirche Alle Tre Fontane genannt, und zwo andere in der
Kirche St. Lorenzo außer der Stadt, eingemauert, ſo daß nur eine Spur
von denſelben ſichtbar iſt. Zwo große neugearbeitete Vaſen aus dieſem
Steine ſind in dem Pallaſte Veroſpi, und eine kleinere, aber alte, in der Villa
Albani. Aus rothem Porphir, welcher, wie Ariſtides 1) berichtet, in
Arabien gebrochen wird, (und von welchem Steine große Gebuͤrge ſind,
zwiſchen dem rothen Meere und dem Berge Sinai, wie Herr Aſſemanni,
Cuſtos der Vaticaniſchen Bibliothec, verſichert) finden ſich Statuen, aber
ſie ſind nicht Aegyptiſch, und die mehreſten ſind zu der Kaiſer Zeit gemacht:
einige ſtellen gefangene Koͤnige vor, von welchen zween in der Villa Borg-
heſe, und zween andere in der Villa Medicis ſind. Aus eben dieſer Zeit
iſt eine ſitzende Weibliche Figur in dem Pallaſte Farneſe, deren Kopf und
Haͤnde, welche ſehr ſchlecht ſind, aus Erzt von Guil. Della Porta gemacht
zu ſeyn ſcheinen. Das Obertheil einer geharniſchten Statue im Pallaſte
Farneſe, iſt in Rom gearbeitet: denn es wurde, wie es itzo iſt, nicht voͤl-
lig geendiget, im Campo Marzo gefunden, wie Pirro Ligorio in ſeinen
Handſchriften der Vaticaniſchen Bibliothec berichtet. Von hoͤherer Zeit
und Kunſt ſind eine Pallas in der Villa Medicis; die ſchoͤne ſogenannte
Juno in der Villa Borgheſe mit dem unnachahmlichen Gewande, welche
beyde Kopf, Haͤnde und Fuͤße von Marmor haben; und ein Sturz von
einer bekleideten Goͤttinn am Aufgange zum Campidoglio; und dieſe koͤn-
nen vielleicht Werke Griechiſcher Kuͤnſtler in Aegypten ſeyn, wie ich im
zweyten Theile dieſer Geſchichte anfuͤhren werde. Von den aͤlteſten Aegy-
ptiſchen Figuren aus Porphir, iſt zu unſern Zeiten nur eine einzige mit dem
Kopfe eines Chimaͤriſchen Thieres bekannt, welche aber aus Rom nach
Sicilien gegangen iſt. In dem Labyrinthe zu Theben waren Statuen 2)
aus dieſem Steine.

In
1) v. Greave Deſcr. des Pyram.
2) Geave Deſcr. des Pyram. d’ Egypte.
Von der Kunſt unter den Aegyptern ꝛc.

In Marmor finden ſich, außer einem einzigen Kopfe, auf dem Cam-
pidoglio eingemauert, welcher oben angefuͤhret iſt, keine alten Aegyptiſchen
Werke in Rom; von weißem Marmor aber waren in Aegypten große Ge-
baͤude aufgefuͤhret, wie die langen Gaͤnge und Saͤle 1) in der großen Py-
ramide ſind 2). Man ſieht noch itzo daſelbſt von einem gelblichen Marmor
Stuͤcke von Obelisken 3), von Statuen 4), und Sphinxe, von welchen der
eine zwey und zwanzig Fuß in der Laͤnge hat, ja Coloſſaliſche Statuen,
von weißem Marmor 5). Man hat auch ein Stuͤck von einem Obelisko in
ſchwarzem Marmor 6) gefunden. Aus Roſſo antico iſt in der Villa Albani
der Obertheil einer großen Statue; dieſelbe aber iſt, wie der Stil giebt,
vermuthlich unter dem Kaiſer Hadrian gemacht, in deſſen Villa zu Tivoli
dieſes Stuͤck entdecket worden. Aus Plaſma von Smaragd befindet ſich
eine einzige kleine ſitzende Figur, in Geſtalt der Statue von Alabaſter, in
eben dieſer Villa.

Ich ſchließe dieſe Abhandlung uͤber die Kunſt der Aegypter mit der
Anmerkung, daß niemals Muͤnzen dieſes Volks entdecket worden, aus
welchen die Kentniß ihrer Kunſt haͤtte koͤnnen erweitert werden, und man
koͤnnte daher zweifeln, ob die alten Aegypter gepraͤgte Muͤnzen gehabt
haͤtten, wenn ſich nicht einige Anzeige bey den Scribenten faͤnde, wie der
ſogenannte Obolus iſt, welcher den Todten in den Mund geleget wurde;
und dieſerwegen iſt an Mumien, ſonderlich den uͤbermalten, wie die zu Bo-

logna
1) Greave Deſcr. des Pyram. d’ Egypte.
2) Der beruͤhmte Peireſc gedenket in einem ſeiner ungedruckten Briefe an Menetrier
von 1632. welche ſich in der Bibliothee des Hrn. Card. Alhani befinden, zweyer wie Mu-
mien geſtalteter Werke, von welchen das eine von Probierſtein war, das andere von einem
weißen und etwas weicheren Steine, als der Marmor. Dieſe waren hinterwerts hohl, ſo
daß es Deckel auf Saͤrge balſamirter Koͤrper geweſen zu ſeyn ſchienen. Beyde Stuͤcke
waren voller Hieroglyphen. Es waren dieſelben aus Aegypten nach Marſeille gebracht, und
der Kaufmann, dem ſie gehoͤreten, forderte tauſend fuͤnfhundert Piſtolen dafuͤr.
3) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 15.
4) Ibid. p. 21.
5) Ibid. p. 93.
6) Ibid. p. 33.
J 2

I Theil. Zweytes Capitel.
logna iſt, der Mund verdorben, weil man in demſelben nach Muͤnzen geſuchet.
Pococke 1) redet von drey Muͤnzen, deren Alter er nicht anzeiget; das Ge-
praͤge derſelben aber ſcheinet nicht vor der Perſiſchen Eroberung von Aegypten
gemacht zu feyn. Vor einiger Zeit iſt eine ſilberne Muͤnze in Rom zum
Vorſchein gekommen, welche auf der einen Seite in einem vertieften viereckig-
ten Felde einen Adler im Fluge vorſtellet; auf der andern Seite iſt ein Ochſe,
uͤber welchen ein gewoͤhnliches heiliges Zeichen der Aegypter ſtehet, nemlich
eine Kugel mit zween langen Fluͤgeln, und Schlangen, die aus der Kugel her-
ausgehen. Vor den Vorderfuͤßen ſtehet das ſogenannte Aegyptiſche Tau,
aber etwas verſchieden von dem ſonſt bekannten [fremdsprachliches Material]. Unter dem Ochſen
iſt ein Donnerkeil. Das beſonderſte iſt ein Werk auf dem linken hinteren
Schenkel des Ochſen, und dieſes iſt ein Griechiſches a der aͤlteſten Form Λ.
Dieſe Muͤnze befindet ſich in dem Muſeo Hrn. Joh. Caſanova, Sr. Koͤnigl.
Maj. in Pohlen Penſionarii in Rom, und wird hier in Kupfer bekannt gema-
chet. Ich laſſe dem Leſer daruͤber urtheilen; meine Meynung uͤber dieſelbe
werde ich an einem andern Orte geben. Dieſe Muͤnze iſt unterdeſſen nie-
manden vorher zu Geſicht bekommen.

Die Geſchichte der Kunſt der Aegypter iſt, nach Art des Landes derſelben,
wie eine große veroͤdete Ebene, welche man aber von zween oder drey hohen
Thuͤrmen uͤberſehen kann. Der ganze Umfang der alten Aegyptiſchen Kunſt
hat zween Perioden, und aus beyden ſind uns ſchoͤne Stuͤcke uͤbrig, von wel-
chen wir mit Grunde uͤber die Kunſt ihrer Zeit urtheilen koͤnnen. Mit der
Griechiſchen und Hetruriſchen Kunſt hingegen verhaͤlt es ſich, wie mit ihrem
Lande, welches voller Gebuͤrge iſt, und alſo nicht kann uͤberſehen werden. Und
daher glaube ich, daß in gegenwaͤrtiger Abhandlung von der Aegyptiſchen
Kunſt, derſelben das noͤthige Licht gegeben worden.

Der
1) Deſer. of the Eaſt, T. 1. p. 92.
Von der Kunſt unter den Phoͤniciern ꝛc.
Der Zweyte Abſchnitt.
Von der Kunſt unter den Phoͤniciern und Perſern.

Von der Kunſt dieſer beyden Voͤlker iſt, außer hiſtoriſchen Nachrichten,
und einigen allgemeinen Anzeigen, nichts beſtimmtes nach allen ein-
zelnen Theilen ihrer Zeichnung und Figuren zu ſagen; es iſt auch wenig
Hoffnung zu Entdeckungen großer und betraͤchtlicher Werke der Bildhaue-
rey, aus welchen mehr Licht und Kenntniß zu ſchoͤpfen waͤre. Da ſich
aber von den Phoͤniciern Muͤnzen, und von den Perſiſchen Kuͤnſtlern er-
hobene Arbeiten erhalten haben, ſo konnten dieſe Voͤlker in dieſer Geſchich-
te nicht gaͤnzlich mit Stillſchweigen uͤbergangen werden.



Die Phoͤnicier bewohneten die ſchoͤnſten Kuͤſten von Aſien und AfricaI.
Von der
Kunſt der
Phoͤnieier.

am Mittellaͤndiſchen Meere, außer andern eroberten Laͤndern, und Carthago,
ihre Pflanzſtadt, welche, wie 1) einige wollen, ſchon funfzig Jahre vor der
Eroberung von Troja gebauet geweſen, lag unter einem ſo immer gleichenA.
Von der Na-
tur des Lan-
des, Bildung
der Einwoh-
ner, von ihren
Wiſſenſchaf-
ten, Pracht
und Handel.

Himmel, daß, nach dem Berichte 2) der neuern Reiſenden, zu Tunis, wo
ehemals jene beruͤhmte Stadt lag, der Thermometer allezeit auf den neun
und zwanzigſten oder dreyßigſten Grad ſtehet. Daher muß die Bildung
dieſes Volks, welches, wie Herodotus 3) ſaget, die geſuͤndeſten unter allen
Menſchen waren, ſehr regelmaͤßig, und folglich die Zeichnung ihrer Figu-
ren dieſer Bildung gemaͤß geweſen ſeyn. Livius 4) redet von einem auſ-
ſerordentlich ſchoͤnen jungen Numidier, welchen Scipio in der Schlacht
mit dem Asdrubal bey Baͤcula in Spanien gefangen nahm, und die be-
ruͤhmte Puniſche Schoͤnheit, Sophonisba, des Asdrubals Tochter, welche
zu erſt mit dem Syphax, und nachher mit dem Maſiniſſa vermaͤhlet war,
iſt in allen Geſchichten bekannt.

Dieſes
1) Appian. Libye. p. 13. l. 3.
2) Shaw. Voy. T. I.
3) L. 4. p. 178. l. 30.
4) L. 27. c. 19.
J 3
I Theil. Zweytes Capitel.

Dieſes Volk war, wie Mela 1) ſaget, arbeitſam, und hatte ſich in
Kriegs- und Friedens-Geſchaͤften ſo wohl, als in Wiſſenſchaften und in
Schriften uͤber dieſelben, hervorgethan. Die Wiſſenſchaften bluͤheten ſchon
bey ihnen, da die Griechen noch ohne Unterricht waren, und Moſchus 2)
aus Sidon ſoll ſchon vor dem Trojaniſchen Kriege die Atomen gelehret ha-
ben. Die Aſtronomie und Rechenkunſt wurde bey ihnen, wo nicht erfun-
den, doch hoͤher, als anderwerts, gebracht. Vornehmlich aber ſind die
Phoͤnicier wegen vieler Erfindungen in den Kuͤnſten 3) beruͤhmt, und Ho-
merus 4) nennet daher die Sidonier große Kuͤnſtler. Wir wiſſen, daß
Salomon Phoͤniciſche Meiſter kommen ließ, den Tempel des Herrn und
das Haus des Koͤnigs zu bauen, und noch bey den Roͤmern wurden die
beſten Geraͤthe von Holz, von Puniſchen Arbeitern gemachet; daher ſich bey
ihren alten Scribenten von 5) Puniſchen Betten, Fenſtern, Preſſen und
Fugen Meldung findet.

Der Ueberfluß naͤhrete die Kuͤnſte: denn es iſt bekannt, was die Pro-
pheten von dem Pracht zu Tyrus reden: es waren daſelbſt, wie Strabo
an angefuͤhrtem Orte berichtet, noch zu ſeiner Zeit hoͤhere Haͤuſer, als ſelbſt
in Rom; und Appianus 6) ſaget, daß in der Byrſa, dem inneren Theile
der Stadt Carthago, die Haͤuſer von ſechs Geſtock geweſen. In ihren
Tempeln waren vergoldete Statuen, wie ein 7) Apollo zu Carthago war;
ja man redet von goldenen Saͤulen, und von Statuen von Smaragd.
Livius 8) meldet von einem ſilbernen Schilde von hundert und dreyßig
Pfund, auf welchem das Bildniß des Asdrubals, eines Bruders des
Hannibals, gearbeitet war. Es war derſelbe im Capitolio aufgehaͤnget.

Ihr
1) L. 1. c. 12.
2) Strab. Geogr. L. 16. p. 757. D.
3) conf. Bochart. Phal. & Can. L. 4. c. 35.
4) Il. ψ̛, 743.
5) conf. Scal. in Varron. de re ruſt. p. 261. 262.
6) Libyc. p. 58. l. 2.
7) Ibid. p. 57. l. 40.
8) L. 25. c. 39.
Von der Kunſt unter den Phoͤniciern ꝛc.

Ihr Handel gieng durch alle Welt, und es werden die Arbeiten ihrer
Kuͤnſtler allenthalben umher gefuͤhret worden ſeyn. Selbſt in Griechenland
auf den Inſeln, welche die Phoͤnicier in den aͤlteſten Zeiten beſaßen, hatten ſie
Tempel gebauet: auf der Inſel Thaſos 1) den Tempel des Hercules, welcher
noch aͤlter war, als der Griechiſche Hercules. Es waͤre daher wahrſchein-
lich, daß die Phoͤnicier, welche unter die Griechen 2) die Wiſſenſchaften
eingefuͤhret, auch die Kuͤnſte, die bey ihnen zeitiger mußten gebluͤhet haben,
in Griechenland gepflanzet haͤtten, wenn andere oben gegebene Nachrichten
damit beſtehen koͤnnten. Beſonders zu merken iſt, daß Appianus von 3)
Joniſchen Saͤulen am Arſenale im Hafen zu Carthago Meldung thut. Mit
den Hetruriern hatten die Phoͤnicier noch groͤßere 4) Gemeinſchaft, und jene
waren unter andern mit den Carthaginenſern verbunden, da dieſe zur See
vom Koͤnige Hiero zu Syracus geſchlagen wurden.

Bey jenem ſo wohl als dieſem Volke ſind die gefluͤgelten Gottheiten ge-B.
Von Bildung
ihrer Gott-
heiten.

mein, doch ſind die Phoͤniciſchen Gottheiten vielmehr nach Aegyptiſcher Art
gefluͤgelt, das iſt, mit Fluͤgeln unter den Huͤften, welche von da bis auf die
Fuͤße die Figuren uͤberſchatten, wie wir auf Muͤnzen der Inſel Maltha 5)
ſehen, welche die Carthaginenſer 6) beſaßen: ſo daß es ſcheinen koͤnnte, die
Phoͤnicier haͤtten von den Aegyptern gelernet. Die Carthaginenſiſchen
Kuͤnſtler aber koͤnnen auch durch die Griechiſchen Werke der Kunſt, welche
ſie aus Sicilien wegfuͤhreten, erleuchtet ſeyn; dieſe ließ Scipio 7) nach der
Eroberung von Carthago wiederum zuruͤck ſchicken.

Von Werken der Phoͤniciſchen Kunſt aber iſt uns nichts uͤbrig geblie-C.
Von Werken
ihrer Kunſt.

ben, als Carthaginenſiſche Muͤnzen, welche in Spanien, Maltha und Si-
cilien gepraͤget worden. Von den erſten Muͤnzen befinden ſich zehen Stuͤcke

von
1) Herodot. L. 2. p. 67. l. 34.
2) Ibid. L. 5. p. 194. l. 22.
3) Libyc. p. 45. l. 8.
4) Herodot. L. 6. p. 214. l. 22.
5) v. Deſcript. des pier. grav. du Cab. de Stoſch, Pref. p. XVIII.
6) Liv. L. 21. c. 51.
7) Appian. Libyc. p. 59. l. 38.

I Theil. Zweytes Capitel.
von der Stadt Valentia im Großherzoglichen Muſeo zu Florenz, die mit den
ſchoͤnſten Muͤnzen von Groß-Griechenland verglichen werden 1). Ihre
Muͤnzen in Sicilien gepraͤget, ſind ſo auserleſen, daß ſie ſich von den be-
ſten Griechiſchen Muͤnzen dieſer Art, nur durch die Puniſche Schrift unter-
ſcheiden. Einige 2) in Silber haben den Kopf der Proſerpina, und einen
Pferde-Kopf, nebſt einem Palmbaum auf der Ruͤckſeite: auf andern 3) ſtehet
ein ganzes Pferd an einer Palme. Es findet ſich ein Carthaginenſiſcher
Kuͤnſtler mit Namen Boethus 4), welcher in dem Tempel der Juno zu Elis
Figuren von Elfenbein gearbeitet hat. Von geſchnittenen Steinen ſind
mir nur zween Koͤpfe bekannt, mit dem Namen der Perſon in Phoͤniciſcher
Schrift, uͤber welche ich in der Beſchreibung der Stoßiſchen geſchnittenen
Steine 5) geredet habe.

D.
Von ihrer
Kleidung.

Von der beſondern Kleidung ihrer Figuren geben uns die Muͤnzen
ſo wenig, als die Scribenten von der Kleidung der Nation, Nachricht.
Ich entſinne mich nicht, daß man viel mehr wiſſe, als daß die Phoͤniciſche
Kleidung 6) beſonders lange Ermel hatte; daher die Perſon eines Africa-
ners in den Comoͤdien zu Rom 7) mit ſolchem Rocke vorgeſtellet wurde: und
man glaubet, daß die Carthaginenſer 8) keine Maͤntel getragen. Geſtreiftes
Zeug muß bey ihnen, wie bey den Galliern, ſehr uͤblich geweſen ſeyn, wie
der Phoͤniciſche Kaufmann unter den gemalten Figuren des Vaticaniſchen
Terentius zeiget.

E.
Von der
Kunſt unter
den Juden.

Von der Kunſt unter den Juden, als Nachbarn der Phoͤnicier, wiſ-
ſen wir noch weniger, als von dieſen, und da die Kuͤnſtler dieſes letztern

Volks
1) Norris Lett. 68. p. 213.
2) Golz. Magn. Graec. tab. 12. n. 56.
3) Von dieſer letztern Art, welche ſich im Kaiſerl. Muſeo zu Florenz, und im Koͤniglichen
Farneſiſchen zu Neapel befunden, ſind keine im Golzius.
4) Pauſan. L. 5. p. 419. l. 29.
5) Deſer. des pier. gr. de Stoſch, p. 415. Pref. p. XXVI.
6) Ennius ap. Gell. Noct. Att. L. 7. c. 12.
7) conf. Scalig. Poet. L. 1. c. 13. p. 21. C.
8) Salmaſ. ad Tertull. de Pallio, p. 53.

Von der Kunſt unter den Perſern ꝛc.
Volks von den Juden auch in ihren bluͤhenden Zeiten gerufen wurden, ſo
koͤnnte es ſcheinen, daß die ſchoͤnen Kuͤnſte, welche uͤberfluͤßig im Menſchli-
chen Leben ſind, bey ihnen nicht geuͤbet worden. Es war auch die Bild-
hauerey durch die Moſaiſchen Geſetze, wenigſtens in Abſicht der Bildung
der Gottheit in Menſchlicher Geſtalt, den Juden unterſaget. Ihre
Bildung wuͤrde unterdeſſen, wie bey den Phoͤniciern, zu ſchoͤnen
Ideen geſchickt geweſen ſeyn; und Scaliger 1) merket von ihren Nachkom-
men unter uns an, daß ſich kein Jude mit einer gepletſchten Naſe finde,
und ich habe dieſe Anmerkung richtig befunden. Bey dem gemeinen ſchlech-
ten Begriffe von der Kunſt unter dieſem Volke, muß dieſelbe gleichwohl,
ich will nicht ſagen in der Bildhauerey, ſondern in der Zeichnung und in kuͤnſt-
licher Arbeit, zu einem gewiſſen hohen Grade geſtiegen ſeyn. Denn Nebucad-
nezar fuͤhrete, unter andern Kuͤnſtlern, tauſend 2), welche eingelegte Arbeit
macheten, nur allein aus Jeruſalem mit ſich weg: eine ſo große Menge
wird ſich ſchwerlich in den groͤßten Staͤdten heut zu Tage finden. Das
hebraͤiſche Wort, welches beſagte Kuͤnſtler bedeutet, iſt insgemein nicht ver-
ſtanden, und von den Auslegern ſowohl, als in den Woͤrterbuͤchern, unge-
reimt uͤberſetzet und erklaͤret, auch theils gar uͤbergangen.



Die Kunſt unter den Perſern verdienet einige Aufmerkſamkeit, daII.
Von der
Kunſt der
Perſer.

ſich Denkmale in Marmor und auf geſchnittenen Steinen erhalten haben.
Dieſe letzteren ſind walzenfoͤrmige Magnetſteine, auch Chalcedonier, undA.
Von Denk-
malen ihrer
Kunſt.

auf ihrer Axe durchboret. Unter andern, welche ich in verſchiedenen Samm-
lungen geſchnittener Steine geſehen habe, finden ſich zween 3) in dem Mu-
ſeo des Hrn. Grafen Caylus zu Paris, welcher dieſelben bekannt gemachet
hat: auf dem einen ſind fuͤnf Figuren geſchnitten, auf dem andern aber zwo,

und
1) In Scaligeran.
2) 2 Reg. c. 24. v. 16.
3) Caylus Rec. d’Antiq. T. 3. pl. 12. n. 2. pl. 35. n. 4.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. K

I Theil. Zweytes Capitel.
und mit alter Perſiſcher Schrift, Saͤulenweis untereinander geſetzet. Drey
dergleichen Steine beſitzet der Herr Duca Caraffa Noya zu Neapel, welche
ehemahls in dem Stoßiſchen Muſeo waren, und auf dem einem iſt eben-
falls Saͤulenweis geſetzte alte Schrift. Dieſe Buchſtaben ſind denen, wel-
che an den Truͤmmern von Perſepolis ſtehen, voͤllig aͤhnlich. Von andern
Perſiſchen Steinen habe ich in der Beſchreibung des Stoßiſchen Muſei ge-
redet, und denjenigen angefuͤhret, welchen Bianchini 1) bekannt gemacht
hat. Aus Unwiſſenheit des Stils der Perſiſchen Kunſt, ſind einige Steine
ohne Schrift fuͤr alte Griechiſche Steine angeſehen worden; und Wilde 2)
hat auf einem die Fabel des Ariſteas, und auf einem andern einen Thraci-
ſchen Koͤnig zu ſehen vermeynet.

B.
Von der
Bildung der
Perſer.

Daß die Perſer, wie die aͤlteſten Griechiſchen Scribenten bezeugen,
wohlgebildete Menſchen geweſen, beweiſet auch ein Kopf mit einem Helme,
erhaben geſchnitten, und von ziemlicher Groͤße, mit alter Perſiſcher Schrift
umher, auf einer Paſte im Stoßiſchen Muſo 3). Dieſer Kopf hat eine
regelmaͤßige und den Abendlaͤndern aͤhnliche Bildung, ſo wie die vom
Bruyn 4) gezeichneten Koͤpfe der erhoben gearbeiteten Figuren zu Perſe-
polis 5), welche uͤber Lebensgroͤße ſind; folglich hatte die Kunſt von Sei-
ten der Natur alle Vortheile. Die Parther, welche ein großes Land des
ehemaligen Perſiſchen Reichs bewohneten, ſahen beſonders auf die Schoͤn-
heit in Perſonen, welche uͤber andere geſetzet waren, und Surenas 6), der
Feldherr des Koͤnigs Orodes, wird, außer andern Vorzuͤgen, wegen ſeiner
ſchoͤnen Geſtalt geruͤhmet, und dem ohngeachtet 7) ſchminkte er ſich.

C.
Urſachen
des geringen
Wachsthums
der Kunſt
unter ihnen.

Da aber unbekleidete Figuren zu bilden, wie es ſcheinet, wider die
Begriffe des Wohlſtandes der Perſer war, und die Entbloͤßung bey ihnen
eine 8) uͤble Bedeutung hatte, wie denn uͤberhaupt kein Perſer 9) ohne

Klei-
1) Iſt. Vniv. p. 537.
2) Gem. ant. n. 66. 67.
3) p 28.
4) Voyag.
5) Greave Deſer. des ant. de Perſep.
6) Appian. Parth. p. 96. l. 9.
7) Appian. Parth. p. 97. l. 39.
8) Achmet Oneirocr. L. 1. c. 117.
9) Herodot. L. 1. p. 3. l. 33. L. 9. p. 329. l. 30. Xenoph. Ageſil. p. 655. D.

Von der Kunſt unter den Perſern ꝛc.
Kleidung geſehen wurde, (welches auch von den Arabern 1) kann geſageta. Aus ihrem
Abſcheu, nack-
te Koͤrper zu
ſehen.

werden) und alſo von ihren Kuͤnſtlern der hoͤchſte Vorwurf der Kunſt,
die Bildung des Nackenden, nicht geſuchet wurde, folglich der Wurf der
Gewaͤnder nicht die Form des Nackenden unter denſelben, wie bey den
Griechen, mit zur Abſicht hatte, ſo war es genug, eine bekleidete Figur
vorzuſtellen. Die Perſer werden vermuthlich in der Kleidung von ande-b. aus ihrer
Kleidung.

ren Morgenlaͤndiſchen Voͤlkern, nicht viel verſchieden geweſen ſeyn: dieſe
trugen 2) ein Unterkleid von Leinen, und uͤber daſſelbe einen Rock von wol-
lenem Zeuge; uͤber den Rock warfen ſie einen weißen Mantel. Der Rock
der Perſer, welcher 3) viereckt geſchnitten war, wird wie der ſogenannte
viereckigte Rock der Griechiſchen Weiber geweſen ſeyn: es hatte derſelbe,
wie Strabo 4) ſagt, lange Ermel, welche bis an die Finger reicheten, in
welche ſie 5) die Haͤnde hinein ſtecketen. Die Maͤnnlichen Figuren auf ih-
ren geſchnittenen Steinen haben entweder ganz enge Ermel, oder garkeine.
Da aber ihren Figuren keine Maͤntel, welche nach Belieben geworfen wer-
den koͤnnen, gegeben ſind, welche etwa in Perſien nicht uͤblich geweſen
ſcheinen, ſo ſind die Figuren wie nach einem und eben demſelben Modelle
gebildet: diejenigen, welche man auf geſchnittenen Steinen ſieht, ſind de-
nen an ihren Gebaͤuden voͤllig aͤhnlich. Der Perſiſche Maͤnner-Rock,
(Weibliche Figuren finden ſich nicht auf ihren Denkmalen) iſt vielmahls
ſtuffenweis in kleine Falten geleget, und auf einem angefuͤhrten Steine in
dem Muſeo des Duca Noya zaͤhlet man acht dergleichen Abſaͤtze von Falten,
von der Schulter an bis auf die Fuͤße: auch der Ueberzug des Geſaͤßes
eines Stuhls auf einem andern Steine in dieſem Muſeo haͤnget in ſolche
Abſaͤtze von Falten, oder Frangen, auf das Geſtell des Stuhls herunter.
Ein Kleid mit großen Falten wurde von den alten Perſern 6) fuͤr Wei-
biſch gehalten.

Die
1) La Roque Moeurs des Arab. p. 177.
2) Herodot. L. 1. p. 50. l. 41.
3) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 3. p. 187. l. 28.
4) L. 15. p. 734. C.
5) Xenoph. Hiſt. Graec. L. 2. c. 6.
6) Plutarch. Apophth. p. 301. l. 24. edit. H. Steph.
K 2
I Theil. Zweytes Capitel.

Die Perſer ließen 1) ihre Haare wachſen, welche an einigen Maͤnn-
lichen Figuren, wie an den Hetruriſchen, in Strippe oder in Flechten 2) uͤber
die Achſeln vorwerts herunter haͤngen, und ſie banden insgemein ein feines
Tuch 3) um dem Kopf. Im Kriege trugen ſie gewoͤhnlich einen Hut 4), wie
ein Cylinder oder Thurm geſtaltet; auf geſchnittenen Steinen finden ſich auch
Muͤtzen mit einem hinaufgeſchlagenen Rande, wie an Pelz-Muͤtzen.

c. aus ihrem
Gottesdienſte.

Eine andere Urſache von dem geringen Wachsthume der Kunſt unter
den Perſern, iſt ihr Gottesdienſt, welcher der Kunſt ganz und gar nicht vor-
theilhaft war: denn die Goͤtter, glaubeten ſie, koͤnnten oder muͤßten 5) nicht
in Menſchlicher Geſtalt gebildet werden; der ſichtbare Himmel nebſt dem
Feuer waren die groͤßten Gegenſtaͤnde ihrer Verehrung; und die aͤlteſten
Griechiſchen Scribenten behaupten ſo gar, daß ſie weder Tempel, noch Altaͤre
gehabt. Man findet zwar den Perſiſchen Gott Mithras an verſchiedenen
Orten in Rom, als in der Villa Borgheſe, Albani, und am Pallaſte Della
Valle, aber es findet ſich keine Nachricht, daß die Perſer denſelben alſo vor-
geſtellet haben. Es iſt vielmehr zu glauben, daß die angezeigten und ihnen
aͤhnlichen Vorſtellungen des Mithras von der Kaiſer Zeiten ſind, wie der Stil
der Arbeit zeiget, und daß die Verehrung dieſer Gottheit etwa von den Par-
thern hergenommen ſey, als welche 6) nicht bey der Reinigkeit ihrer Vorfah-
ren blieben, und ſich etwa Symboliſche Bilder von demjenigen macheten,
was die Perſer nicht ſinnlich verehreten. Man ſieht unterdeſſen aus ihren
Arbeiten, daß das Dichten und Bilder der Einbildung hervorbringen, auch
unter einem Volke, wo die Einbildung nicht viel Nahrung gehabt hat, den-
noch auch daſelbſt der Kunſt eigen geweſen iſt. Denn es finden ſich auf
Perſiſchen geſchnittenen Steinen Thiere mit Fluͤgeln und Menſchlichen Koͤ-
pfen, welche zuweilen zackigte Kronen haben, und andere erdichtete Geſchoͤpfe

und
1) Herod. L. 6. p. 214. l. 37. conf. Id. L. 9. p. 329. l. 23. Appian. Parth. p. 97. l. 40.
2) Greave Deſcr. des antiq. de Perſepol.
3) Strabo. L. 15. p. 734. C.
4) Ibid.
5) Herodot. L. 1. c. 131.
6) conf. Hyde de relig. Perſ. c. 4. p. 111.

Von der Kunſt unter den Parthern ꝛc.
und Geſtalten. Aus der Baukunſt der Perſer ſieht man, daß ſie haͤufige
Zierrathen liebeten, wodurch die an ſich praͤchtigen Stuͤcke an ihren Gebaͤuden
viel von ihrer Groͤße verliehren. Die großen Saͤulen zu Perſepolis haben
vierzig hohle Reifen, aber nur von drey Zoll breit, da die Griechiſchen Saͤu-
len nur vier und zwanzig haben, welche aber zuweilen mehr, als eine ſtarke
Spanne, halten. Die Reifen ſchienen ihren Saͤulen nicht Zierlichkeit genug
zu geben; ſie arbeiteten uͤber dem noch erhobene Figuren an dem Obertheile
derſelben. Aus dem wenigen, was von der Kunſt der alten Perſer beyge-
bracht und geſaget worden, kann ſo viel geſchloſſen werden, daß fuͤr die Kunſt
uͤberhaupt nicht viel unterrichtendes wuͤrde gelehret werden koͤnnen, wenn
ſich auch mehrere Denkmale erhalten haͤtten.

In folgenden Zeiten, da in Parthien, einem Theile des ehemaligen Per-D.
Von der
Kunſt bey den
Parthern.

ſiſchen Reichs, ſich Koͤnige aufwarfen, und ein beſonderes maͤchtiges Reich
ſtifteten, hatte auch die Kunſt unter ihnen eine andere Geſtalt bekommen.
Die Griechen, welche ſchon von Alexanders Zeiten ſo gar in Cappadocien 1)
ganze Staͤdte bewohneten, und ſich in den aͤlteſten Zeiten 2) in Colchis nie-
dergelaſſen hatten, wo ſie Scythiſche Achaͤer hießen, breiteten ſich auch in
Parthien aus, und fuͤhreten ihre Sprache ein, ſo daß die Koͤnige daſelbſt,
wie Orosdes, an ihrem Hofe 3) Griechiſche Schauſpiele auffuͤhren ließen.
Artabazes, Koͤnig in Armenien, mit deſſen Tochter Pacorus, des Orodes
Sohn, vermaͤhlt war, hatte ſo gar Griechiſche Trauerſpiele, Geſchichte und
Reden hinterlaſſen. Dieſe Neigung der Parthiſchen Koͤnige gegen die Grie-
chen und gegen ihre Sprache, erſtreckete ſich auch auf Griechiſche Kuͤnſtler,
und die Muͤnzen dieſer Koͤnige mit Griechiſcher Schrift muͤſſen von Kuͤnſt-
lern dieſer Nation gearbeitet ſeyn. Dieſe aber ſind vermuthlich in dieſen
Laͤndern erzogen und gelehret worden: denn das Gepraͤge dieſer Muͤnzen
hat etwas fremdes, und man kann ſagen, barbariſches.

Ueber
1) Appian. Mithridat. p. 116. l. 16.
2) Ibid. p. 139. l. 25. p. 153. l. 26.
3) Id. Parth. p. 194. l. 17. ſeq.
K 3
I Theil. Zweytes Capitel.


Allgemeine
Erinnerun-
gen uͤber die
Kunſt dieſer
drey Voͤlker.

Ueber die Kunſt dieſer Mittaͤgigen und Morgenlaͤndiſchen Voͤlker zu-
ſammen genommen, koͤnnen noch ein paar allgemeine Anmerkungen beyge-
fuͤget werden. Wenn wir die Monarchiſche Verfaſſung in Aegypten ſo
wohl, als bey den Phoͤniciern und Perſern, erwegen, in welcher der unum-
ſchraͤnkte Herr die hoͤchſte Ehre mit niemanden im Volke theilete, ſo kann man
ſich vorſtellen, daß das Verdienſt keiner andern Perſon um ſein Vaterland,
mit Statuen belohnet worden, wie in freyen, ſo wohl alten als neuen, Staa-
ten geſchehen. Es findet ſich auch keine Nachricht von dieſer einem Unter-
than dieſer Reiche wiederfahrnen Dankbarkeit. Carthago war zwar in dem
Lande der Phoͤnicier ein freyer Staat, und regierete ſich nach ſeinen eigenen
Geſetzen, aber die Eiferſucht zwoer maͤchtigen Partheyen gegen einander
wuͤrde die Ehre der Unſterblichkeit einem jeden Buͤrger ſtreitig gemacht haben.
Ein Heerfuͤhrer ſtand in Gefahr, ein jedes Verſehen mit ſeinem Kopfe zu be-
zahlen; von großen Ehren-Bezeugungen bey ihnen meldet die Geſchichte
nichts. Folglich beſtand die Kunſt bey dieſen Voͤlkern mehrentheils bloß
auf die Religion, und konnte aus dem buͤrgerlichen Leben wenig Nutzen und
Wachsthum empfangen. Die Begriffe der Kuͤnſtler waren alſo weit ein-
geſchraͤnkter, als bey den Griechen, und ihr Geiſt war durch den Aberglau-
ben an angenommene Geſtalten gebunden.

Dieſe drey Voͤlker hatten in ihren bluͤhenden Zeiten vermuthlich wenig
Gemeinſchaft unter einander: von den Aegyptern wiſſen wir es, und die
Perſer, welche ſpaͤt einen Fuß an den Kuͤſten des Mittellaͤndiſchen Meers er-
langeten, konnten vorher mit den Phoͤniciern wenig Verkehr haben. Die
Sprachen dieſer beyden Voͤlker waren auch in Buchſtaben gaͤnzlich von einan-
der verſchieden. Die Kunſt muß alſo unter ihnen in jedem Lande eigen-
thuͤmlich geweſen ſeyn. Unter den Perſern ſcheinet die Bildung den gering-
ſten Wachsthum erlanget zu haben; in Aegypten gieng dieſelbe auf die Groß-
heit; und bey den Phoͤniciern wird man mehr die Zierlichkeit und Einheit

der

Von der Kunſt unter den Aegypt. Phoͤniciern ꝛc.
der Arbeit geſuchet haben, welches aus ihren Muͤnzen zu ſchließen iſt. Denn
ihr Handel wird auch mit Werken der Kunſt in andere Laͤnder gegangen
ſeyn, welches bey den Aegyptern nicht geſchah; und daher iſt zu glauben,
daß die Phoͤniciſchen Kuͤnſtler ſonderlich in Metall, und Werke von der Art
gearbeitet haben, welche allenthalben gefallen konnten. Daher kann es ge-
ſchehen, daß wir einige kleine Figuren in Erzt, fuͤr Griechiſch halten, wel-
che Phoͤniciſch ſind.

Es ſind keine Statuen aus dem Alterthume mehr zertruͤmmert, als die
Aegyptiſchen, und zwar von ſchwarzen Steinen. Von Griechiſchen Sta-
tuen hat die Wuth der Menſchen ſich begnuͤget, den Kopf und die Arme ab-
zuſchlagen, und das uͤbrige von der Baſe herunter zu werfen, welches im umſtuͤr-
zen zerbrochen iſt. Die Aegyptiſchen Statuen aber, welche im umwerfen nichts
wuͤrden gelitten haben, ſind mit großer Gewalt zerſchlagen, und die Koͤpfe,
die durch abwerfen und im wegſchlaͤudern unverſehrt geblieben ſeyn wuͤrden,
werden in viele Stuͤcken zertruͤmmert gefunden. Dieſe Wuth veranlaſſete
vermuthlich die ſchwarze Farbe dieſer Statuen, und der daraus erwachſene
Begriff von Werken des Fuͤrſten der Finſterniß, und von Bildern boͤſer Gei-
ſter, die man ſich in ſchwarzer Geſtalt einbildete. Zuweilen, ſonderlich an
Gebaͤuden, iſt es geſchehen, daß dasjenige zerſtoͤhret worden, was die Zeit
nicht haͤtte verwuͤſten koͤnnen, und dasjenige, was leichter durch allerhand
Zufaͤlle Schaden nehmen koͤnnen, iſt ſtehen blieben, wie Scamozzi 1) bey
dem ſogenannten Tempel des Nerva anmerket.

Zuletzt ſind, als etwas beſonders, einige kleine Figuren in Erzt anzuzei-
gen, welche auf Aegyptiſche Art geformet, aber mit Arabiſcher Schrift be-
zeichnet ſind. Es ſind mir von denſelben zwo bekannt: die eine beſitzet
Hr. Aßemanni, Cuſtos der Vaticaniſchen Bibliothec, und die andere iſt in der
Gallerie des Collegii S. Ignatii zu Rom: beyde ſind etwa einen Palm hoch,
und ſitzend, und die letztere hat Schrift auf beyden Schenkeln, auf dem Ruͤ-
cken, und oben auf der platten Muͤtze. Es ſind dieſelben bey den Druſen,

Voͤlkern
1) Antich. di Rom. alla Tav. 7.

I Theil. Zweytes Capitel.
Voͤlkern, welche auf dem Gebirge Libanon wohnen, gefunden. Dieſe
Druſen, welche man fuͤr Nachkoͤmmlinge der Franken haͤlt, die in den
Creuz-Zuͤgen dahin gefluͤchtet ſind, wollen Chriſten heißen, verehren aber
ganz insgeheim, aus Furcht vor den Tuͤrken, gewiſſe Goͤtzenbilder, der-
gleichen die angezeigten ſind, und da ſie dieſelben ſchwerlich zum Vorſchein
kommen laſſen, ſo ſind dieſe Figuren fuͤr eine Seltenheit in Europa zu
halten.

[Abbildung]
Das

[Abbildung]
Das dritte Capitel.
Von der Kunſt unter den Hetruriern, und unter ihren
Nachbarn.


Die Abhandlung uͤber die Kunſt der Hetrurier iſt in drey Stuͤcke zuInhalt dieſes
Capitels.

faſſen: das erſte und vorlaͤufige begreift diejenige Kenntniſſe, welche
das Verſtaͤndniß des zweyten und weſentlichen Stuͤcks erlaͤutern und er-
leichtern; und dieſes zweyte Stuͤck handelt von der Kunſt ſelbſt, von den
Eigenſchaften, Kennzeichen, und von den verſchiedenen Zeiten derſelben;
das dritte Stuͤck iſt eine Betrachtung uͤber die Kunſt unter den Nachbarn
der Hetrurier.

In
Winckelm. Geſch. der Kunſt. L
I Theil. Drittes Capitel.
Erſtes Stuͤck.
Von den
Hetruriern.

In dem erſten Stuͤcke ſind drey Saͤtze begriffen: der erſte enthaͤlt
eine Betrachtung uͤber die aͤußern Umſtaͤnde, und Urſachen von den Eigen-
ſchaften der Hetruriſchen Kunſt; der zweyte handelt von der Abbildung
ihrer Goͤtter und Helden; und im dritten Satze iſt eine Anzeige der vor-
nehmſten Werke der Hetruriſchen Kunſt.

I.
Die aͤußeren
Umſtaͤnde der
Kunſt bey den
Hetruriern.

Der erſte Satz beruͤhret vorher die der Kunſt vortheilhaften Umſtaͤnde
unter dieſem Volke, und ſuchet hernach eine wahrſcheinliche Urſache von
der Beſchaffenheit ihrer Kunſt zu geben. Was die Umſtaͤnde betrifft, in
A.
Die Freyheit
dieſes Volks,
welche der
Kunſt befoͤr-
derlich war.
welchen ſich die Kunſt unter den Hetruriern befunden, ſo iſt gewiß, da die
Verfaſſung und Regierung in allen Laͤndern einen großen Einfluß in die-
ſelbe gehabt hat, daß in der Freyheit, welche dieſes Volk unter ihren Koͤ-
nigen genoß, die Kunſt, ſo wie ihre Kuͤnſtler, das Haupt erheben, und
zu einem großen Wachsthume gelangen koͤnnen. Die Koͤnigliche Wuͤrde
deutete bey ihnen keinen eigenmaͤchtigen Herrn, ſondern ein Haupt und ei-
nen Heerfuͤhrer an, deren zwoͤlfe waren 1), nach der Anzahl der Provinzen
dieſes Volks, und dieſe wurden von den zwoͤlf Staͤnden 2) gemeinſchaft-
lich gewaͤhlet. Dieſe zwoͤlf Regenten erkannten ein beſonderes Oberhaupt
uͤber ſich, welchen, wie jene, nur die Wahl zur hoͤchſten Wuͤrde erhoben
hatte. Die Hetrurier waren ſo eiferſuͤchtig uͤber die Freyheit, und ſo
große Feinde der Koͤniglichen Macht, daß dieſe ihnen auch unter Voͤlkern,
die nur mit ihnen in Buͤndniß ſtanden, verhaßt und unertraͤglich war.
Daher waren ſie hoͤchſt empfindlich uͤber die Vejenter, welche unter ſich eine
Aenderung in der Regierung machten, und an ſtatt der Haͤupter derſelben,
welche bisher bey dieſen 3) alle Jahre gewechſelt waren, ſich einen Koͤnig
waͤhleten. Dieſes geſchah im vierhunderten Jahre der Stadt Rom.
Die Hetrurier hatten noch zur Zeit des Marſiſchen Krieges ihre Freyheit
nicht vergeſſen: denn 4) ſie traten nebſt andern Voͤlkern in Italien wider

die
1) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 6. p. 384. l. 27.
2) Liv. L. 1. c. 7. conf. L. 7. c. 21.
3) Id. L. 5. c. 1.
4) Appian. Bel. Civ. L. 1. p. 179. l. 26. & 32.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
die Roͤmer in Buͤndniß, und ſie befriedigten ſich, da ihnen das Roͤmiſche
Buͤrgerrecht ertheilet wurde. Dieſe Freyheit, die Pflegerinn der Kuͤnſte,
und der große Handel der Hetrurier zu Waſſer und zu Lande, welcher jene
beſchaͤftigte und naͤhrete, muß unter ihnen eine Nacheiferung mit Kuͤnſtlern
anderer Voͤlker erwecket haben, ſonderlich da der Kuͤnſtler in allen freyen
Staaten mehr wahre Ehre zu hoffen und zu erlangen hat.

Da aber die Kunſt unter dieſem Volke die Hoͤhe der Griechi-B.
Die Gemuͤths-
Art der Hetru-
rier in welcher
die Eigenſchaf-
ten der Werke
ihrer Kunſt
koͤnnen geſu-
chet werden.

ſchen Kunſt nicht erreichet hat, und da in den Werken aus ihrer beſten
Zeit das Uebertriebene herrſchet, ſo muͤßte die Urſache hiervon in der Faͤ-
higkeit dieſes Volks ſelbſt zu ſuchen ſeyn. Einige Wahrſcheinlichkeit giebt
uns die Gemuͤthsart der Hetrurier, welche mehr, als das Griechiſche Ge-
bluͤt, mit Melancholie ſcheinet vermiſcht geweſen zu ſeyn, wie wir aus ihrem
Gottesdienſte, und aus ihren Gebraͤuchen ſchließen koͤnnen. Ein ſolches
Temperament, wovon die groͤßten Leute, wie Ariſtoteles ſagt, ihr Theil
gehabt haben, iſt zu tiefen Unterſuchungen geſchickt, aber es wirket zu hef-
tige Empfindungen, und die Sinne werden nicht mit derjenigen ſanften
Regung geruͤhret, welche den Geiſt gegen das Schoͤne vollkommen em-
pfindlich macht. Dieſe Muthmaßung gruͤndet ſich zum erſten auf die
Wahrſagerey, welche in den Abendlaͤndern unter dieſem Volke zuerſt er-
dacht wurde; daher heißt Hetrurien, die Mutter und Gebaͤhrerinn des
Aberglaubens 1), und die Schriften dieſer Wahrſagung erfuͤlleten diejenigen,
welche ſich in denſelben Raths erholeten, mit Furcht und Schrecken 2); in
ſo fuͤrchterlichen Bildern und Worten waren ſie abgefaſſet. Von ihren
Prieſtern koͤnnen diejenigen ein Bild geben, welche im 399. Jahre der
Stadt Rom, an der Spitze der Tarquinier 3), mit brennenden Fackeln und
Schlangen die Roͤmer anfielen. Auf dieſe Gemuͤthsart koͤnnte man ferner

ſchließen
1) Arnob. contr. gent. L. 7. p. 232.
2) Cic. de divinat. L. 1. c. 12. p. 25. ed. Daviſ.
3) Liv. L. 7. c. 17.
L 2

I Theil. Drittes Capitel.
ſchließen aus den blutigen Gefechten bey Begraͤbniſſen und auf Schauplaͤ-
tzen, welche bey ihnen 1) zuerſt uͤblich waren, und nachher auch von den
Roͤmern eingefuͤhret wurden; dieſe waren den geſitteten Griechen 2) ein
Abſcheu. Auch in neuern Zeiten wurden die eigenen Geißelungen 3) in
Toſcana zuerſt erdacht. Man ſieht daher auf Hetruriſchen Begraͤbniß-
Urnen insgemein blutige Gefechte uͤber ihre Todten vorgeſtellet, die unter
den Griechen niemals geſchehen ſind. Die Roͤmiſchen Begraͤbniß-Urnen,
weil ſie mehrentheils von Griechen werden gearbeitet ſeyn, haben vielmehr
angenehme Bilder: die mehreſten ſind Fabeln, welche auf das menſchliche
Leben deuten; liebliche Vorſtellungen des Todes, wie der ſchlafende En-
dymion auf ſehr vielen Urnen iſt; Najaden 4), die den Hyllus entfuͤhren;
Taͤnze der Bacchanten, und Hochzeiten, wie die ſchoͤne Vermaͤhlung 5)
des Peleus und der Thetis in der Villa Albani iſt. Scipio Africanus
verlangete 6), daß man bey ſeinem Grabe trinken ſollte; und man tanzete 7)
bey den Roͤmern vor der Leiche her 8).

Die
1) Dempſt. Etrur. T. 1. L. 3. c. 42. p. 340.
2) Plato Politico, p. 315. B.
3) Minuc. Not. al Malmant. riacquiſt. (ex Sigonio) p. 497.
4) Fabret. Inſcript. c. 6. p. 432. Eben dieſes Bild befindet ſich aus vielfarbigen Steinen zuſam-
mengeſetzet (Commeſſo genannt in dem Pallaſte Albani. Hierauf deutet auch eine
noch nicht bekannt gemachte Inſchrift, welche auf der Flaͤche der einen Haͤlfte einer von
einander geſaͤgten Saͤule, im Hauſe Capponi zu Rom, ſtehet, aus welcher ich nur den
Vers, der dieſe Vorſtellung betrift, anfuͤhren will:
ΗΡΠΑϹΑΝ ωϹ ΤϵΡΠΝΗΝ ΝΑΙΑΔϵϹ ΟΥ ΘΑΝΑΤΟϹ
Dulcem hanc rapuerunt Nymphae, non mors.

*) Ciampini vet. Monum. T. 1. tab. 24.
5) Montfauc. Ant. expl. T. 5. pl. 51. p. 123. welcher, wie andere, die wahre Vorſtellung
dieſer Urne nicht gefunden hat.
6) Plutarch. Apophth. p. 346.
7) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 7. p. 460. l. 14.
8) Auf einem großen erhobenen Werke, von einer Begraͤbniß-Urne abgeſaͤget, in der Villa
Albani, iſt eine ſitzende Frau und ein ſtehendes Maͤdgen in einer Speiſe-Kammer, neben
aufgehaͤngten ausgeweideten Thieren und Eßwaaren, vorgeſtellet, demjenigen aͤhnlich, welches
in der Gallerie Giuſtiniani geſtochen iſt, und oben daruͤber lieſt man aus dem Virgilius:
In
Von der Kunſt unter den Hetruriern.

Die Natur aber und ihren Einfluß in die Kunſt zu uͤberwinden, wa-C.
Die ungluͤck-
lichen Kriege
mit den Roͤ-
mern, und der
Verfall ihrer
Verfaſſung,
wodurch der
Lauf der Kunſt
bey ihnen ge-
hemmet wur-
de.

ren die Hetrurier nicht lange genug gluͤcklich: denn es erhoben ſich bald
nach Einrichtung der Republic zu Rom blutige, und fuͤr die Hetrurier un-
gluͤckliche Kriege mit den Roͤmern, und einige Jahre nach Alexanders
des Großen Tode wurde das ganze Land von ihren Feinden uͤberwaͤltiget,
und ſo gar ihre Sprache, nachdem ſich dieſelbe nach und nach in die Roͤmi-
ſche verkleidet hatte, verlohr ſich. Hetrurien wurde in eine Roͤmiſche Pro-
vinz verwandelt, nachdem der letzte Koͤnig Aelius Volturrinus in der
Schlacht bey dem See Lucumo geblieben war; dieſes geſchah im 474.
Jahre nach Erbauung der Stadt Rom, und in der 124. Olympias. Bald
nachher, nemlich im 489. Jahre der Roͤmiſchen Zeitrechnung, und in der
129. Olympias, wurde Volſinium, itzo Bolſena, „eine Stadt der
Kuͤnſtler„
, nach der Bedeutung des Namens, welchen einige 1) aus dem
Phoͤniciſchen herleiten, vom Marcus Flavius Flaccus erobert, und es
wurden aus dieſer Stadt alleine zweytauſend Statuen 2) nach Rom gefuͤh-
ret; und eben ſo werden auch andere Staͤdte ausgeleeret worden ſeyn. Unter-
deſſen wurde die Kunſt unter den Hetruriern noch damals, als ſie den Roͤ-
mern unterthaͤnig waren, wie unter den Griechen, da dieſe einerley Schick-
ſaal mit jenen hatten, geuͤbet, wie im folgenden wird angefuͤhret werden.
Von Hetruriſchen Kuͤnſtlern finden wir namentlich keine Nachricht, den
einzigen Mneſarchus, des Pythagoras Vater, ausgenommen, welcher in
Stein gegraben hat, und aus Thuſcien oder Hetrurien geweſen ſeyn ſoll.

Der
In freta dum fluvii current, dum montibus umbrae
Luſtrabunt convexa, polus dum ſidera paſcet:
Semper honos, nomenque tuum, laudesque manebunt.

Ehemals war eine Begraͤbniß-Urne in Rom, auf welcher ſo gar eine ſogenannte unzuͤchti-
ge Spintriſche Vorſtellung war, und von der Inſchrift auf derſelben hatten ſich die Worte
erhalten: ΟΥ ΜΕΛΕΙ ΜΟΙ, „es liegt mir nichts daran.„
1) Hiſt. Vniv. des Anglois, T. 14. p. 218. Traduct. Franc.
2) Plin. L. 34. p. 646. l. 3.
L 3
I Theil. Drittes Capitel.


II.
Die Art und
Weiſe der Voꝛ-
ſtellung ihrer
Goͤtter und
Helden.

Der zweyte Satz dieſes Stuͤcks von der Vorſtellung der Hetruriſchen
Goͤtter und Helden begreift nicht den ganzen Umfang aller Nachrichten,
ſondern nur das Nuͤtzliche, und Anmerkungen, welche zum Theil nicht ge-
macht ſind, und naͤher zu meinem Zwecke dienen.

A.
Einige hatten
ſie mit den
Griechen ge-
mein.

Es finden ſich unter den Bildern der Goͤtter einige dieſem Volke allein
eigene Vorſtellungen; die mehreſten aber hat daſſelbe mit den Griechen ge-
mein: welches zugleich anzeiget, daß die Hetrurier und Griechen einerley
Urſprung haben, und zwar von den Pelasgern, wie die alten Scribenten
berichten, und die Neueren 1) in gelehrten Unterſuchungen beſtaͤtigen, und
daß dieſe Voͤlker beſtaͤndig in einer gewiſſen Gemeinſchaft geſtanden ſeyn.

B.
Ihre eigen-
thumlichen
Vorſtellungen
waren zum
Theil ſeltſam,
wie bey den
aͤlteſten Grie-
chen.

Die Abbildung verſchiedener Hetruriſchen Gottheiten ſcheinet uns
ſeltſam; es waren aber auch unter den Griechen fremde und auſſerordent-
liche Geſtalten, wie die Bilder auf dem Kaſten des Cypſelus, bezeugen,
welche Pauſanias beſchreibet. Denn ſo wie die erhitzte und ungebundenen
Einbildung der erſten Dichter, theils zu Erweckung der Aufmerkſamkeit
und Verwunderung, theils zu Erregung der Leidenſchaften, fremde Bilder
ſucheten, und die den damals ungeſitteten Menſchen, mehr Eindruck als
zaͤrtliche Bilder, machen konnten, eben ſo und aus einerley Gruͤnden bil-
dete auch die Kunſt dergleichen Geſtalten. Der Jupiter in Pferdemiſt ein-
gehuͤllet, welchen ſich der Dichter Pampho 2), vor dem Homerus, einbildete,
iſt nicht fremder vorgeſtellet, als in der Kunſt der Griechen, Jupiter
Apomyos, oder Muſcarius, in Geſtalt einer Fliege, deren Fluͤgel den
Bart bilden, der Leib das Geſicht, und auf dem Kopfe iſt an der Stelle
der Haare, der Kopf der Fliege: ſo findet ſich derſelbe auf geſchnittenen
Steinen 3).

Die
1) Conf. Scalig. Not. in Varr. de re ruſt. p. 218.
2) ap. Philoſtr. Heroic. p. 693.
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 45.
Von der Kunſt unter den Hetruriern.

Die obern Goͤtter haben ſich die Hetrurier mit Wuͤrdigkeit vorgeſtel-C.
Bildung der
obern Goͤtter.
a. mit Fluͤ-
geln.

let und gebildet, und es iſt von den ihnen beygelegten Eigenſchaften erſtlich
allgemein, und hernach insbeſondere zu reden. Jupiter 1) auf einer alten
Paſte; und auf einem Carniole des Stoßiſchen Muſei, wie er in ſeiner
Herrlichkeit der Semele erſcheinet, iſt mit Fluͤgeln vorgeſtellet. Diana iſt,
wie bey den aͤlteſten Griechen 2), alſo auch bey den Hetruriern gefluͤgelt,
und die Fluͤgel, welche man den Nymphen der Diana auf einer Begraͤb-
niß-Urne, im Campidoglio, gegeben, ſind vermuthlich von den aͤlteſten
Bildern derſelben genommen. Minerva hat bey den Hetruriern nicht
allein Fluͤgel auf den Achſeln 3), ſondern auch an den Fuͤßen 4); und ein
Brittiſcher Scribent 5) irret ſehr, wenn er vorgiebt, es finde ſich keine ge-
fluͤgelte Minerva, auch nicht einmal von Scribenten angefuͤhret. Venus
findet ſich ebenfalls mit Fluͤgeln 6). Andern Gottheiten ſetzten die He-
trurier Fluͤgel an dem Kopfe, wie der Liebe, der Proſerpina, und den
Furien. Es finden ſich ſo gar Wagen mit Fluͤgeln 7); aber auch dieſes
hatten ſie mit den Griechen gemein: denn auf Eleuſiniſchen Muͤnzen 8)
ſitzet Ceres auf einem ſolchen Wagen von zwo Schlangen gezogen.

Es gaben auch die Hetrurier neun Gottheiten den Donnerkeil, wieb. mit Don-
nerkeilen.

Plinius 9) lehret; er ſaget aber nicht, welche dieſelben ſind, und nie-
mand nach ihm. Wenn wir die bey den Griechen alſo bewaffnete Goͤtter
ſammlen, finden ſich eben ſo viel. Unter den Goͤttern war, außer dem Ju-
piter, dem Apollo 10) zu Heliopolis in Aſſyrien verehret, der Donnerkeil
beygeleget, auch auf einer Muͤnze 11) der Stadt Thyrria in Arcadien;

Mars
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 54. 55.
2) Pauſan. L. 5. p. 424. l. 27.
3) Dempſt. Etrur. tab. 6.
4) Cic. de Nat. deor. L. 3. c. 33.
5) Horsley Brit. Rom. p. 353.
6) Gori Muſ. Etr. tab. 83.
7) Dempſt. Etr. tab. 47.
8) Haym Teſ. Brit. T. 2. p. 219.
9) H. N. L. 2. c. 53.
10) Macrob. Saturn. L. 1. c. 24. p. 254.
11) Golz. Graec. tab. 61.

I Theil. Drittes Capitel.
Mars im Streite wider die Titanen hat denſelben 1) auf einer alten Paſte,
und Bacchus 2) auf einem geſchnittenen Steine, beyde im Stoßiſchen
Muſeo, und dieſer auch auf einer Hetruriſchen Patera 3). Ferner Vul-
canus 4); Pan in zwo kleinen Figuren von Erzt, im Collegio St. Ignatii
zu Rom, und Hercules auf einer Muͤnze von Naxus. Von Goͤttinnen
hatte den Donnerkeil Cybele 5), und Pallas 6), nach dem Servius, und
auf den Muͤnzen des Pyrrhus 7), auch auf andern Muͤnzen, und an einer
kleinen Figur derſelben in Marmor, in der Villa Negroni. Ich koͤnnte
auch der Liebe 8) auf dem Schilde des Alcibiades gedenken, welche den
Donnerkeil hielt.

D.
Bildung ein-
zelner Goͤtter.
a. Maͤnnlichen
Geſchlechts.

Von beſondern Vorſtellungen einzelner Gottheiten iſt unter den
Maͤnnlichen zu merken Apollo 9), mit einem Hute von dem Kopfe herunter
auf die Schulter geworfen, ſo wie Zethus 10), der Bruder des Amphion,
auf zwo erhobenen Arbeiten in Rom, vorgeſtellet iſt; vermuthlich auf
deſſen Schaͤfer-Stand bey dem Koͤnige Admetus zu deuten: denn die das
Feld baueten 11), oder Land-Leute waren, trugen Huͤte. Und ſo wuͤrden
die Griechen den Ariſteas, des Apollo und der Cyrene Sohn, welcher die
Bienen-Zucht 12) gelehret, gebildet haben: denn Heſiodus nennet ihn den
Feld-Apollo 13). Die Huͤte waren weiß 14). Mercurius hat auf einigen
Hetruriſchen Werken einen ſpitzigen und vorwerts gekruͤmmeten Bart,
welches die aͤlteſte Form ihrer Baͤrte iſt; und ſo ſieht man dieſen Gott

auf
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 51. n. 116.
2) Ibid. p. 234. n. 1459.
3) Dempſt. Etr. tab. 3.
4) Serv. ad Aen. 1. p. 177. H.
5) Bellori Imag. & du Choul della relig. de Rom. p. 92.
6) l. c.
7) Golz. Graec. tab. 36. n. 5. conf. Spanh. de praeſt. Num. T. 1. p. 432.
8) Athen. Deipn. L. 12. p. 534.
9) Dempſt. Etr. tab. 32. conf. Buonar. expl. p. 12. §. 6.
10) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 97.
11) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 10. p. 615. l. 14.
12) Iuſtin. L. 13. c. 7.
13) conf. Serv. in Virg. Georg. L. 1. v. 14. & Schol. Apoll. Rhod. L. 2. v. 500.
14) Dempſt. Etrur. tab. 32.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
auf dem zu Anfang dieſes Capitels in Kupfer geſtochenen Altare, im Cam-
pidoglio, und auf einem großen dreyeckigten Altare, in der Villa Borgheſe.
Eben ſo werden auch die aͤlteſten Griechiſchen Mercurii geſtaltet geweſen
ſeyn: denn es blieb dergleichen Bart, aber keilfoͤrmig, das iſt, breit und
ſpitz, wie ein Keil, an ihren Hermen. Es findet ſich auch Mercurius, auf
ungezweifelten Hetruriſchen Steinen, mit einem Helme auf dem Kopfe,
und unter andern ihm beygelegten Zeichen iſt auch ein ſichelfoͤrmiges kurzes
Schwert, ſo wie dasjenige iſt, welches Saturnus insgemein haͤlt, wo-
mit dieſer ſeinen Vater Uranus entmannete; und ſo war das Schwert,
womit die Lycier und Carier 1) in dem Heere des Xerxes bewafnet waren.
Dieſes Schwert des Mercurius deutete auf das dem Argus abgeſchnittene
Haupt: denn auf einem Steine 2) des Stoßiſchen Muſei, mit Hetruri-
ſcher Schrift, haͤlt er, nebſt dem Schwerte in der rechten Hand, das
Haupt des Argus in der linken, aus welchem Blutstropfen herunter fal-
len. Ferner iſt ein Mercurius mit einer ganzen Schildkroͤte an ſtatt des
Huts 3) auf einem Hetruriſchen Scarabaͤo beſagten Muſei zu merken;
ich habe in der Beſchreibung deſſelben einen Kopf dieſer Gottheit in Mar-
mor angefuͤhret, mit der Schaale einer Schildkroͤte auf dem Kopfe, und
nachher habe ich gefunden, daß auch zu Theben 4) in Aegypten eine Figur
mit ſolcher Bedeckung des Haupts vorgeſtellet iſt.

Unter den Goͤttinnen iſt beſonders eine Juno, auf dem angefuͤhrtenb. Weiblichen
Geſchlechts.

Hetruriſchen Altare in der Villa Borgheſe, zu merken, welche mit beyden
Haͤnden eine große Zange haͤlt, und ſo wurde dieſelbe auch von den Grie-
chen 5) vorgeſtellet. Dieſes war eine Juno Martialis, und die Zange

deutete
1) Herodot. L. 7. p. 261. l. 26. & l. 30.
2) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 93.
3) Ibid. p. 97.
4) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 108.
5) Codin. de Orig Conſtantinop. p. 44. conf. Pref. à la Deſcr. des Pier. gr. &c. p. XIV.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. M

I Theil. Drittes Capitel.
deutete vermuthlich auf eine beſondere Art von Schlacht-Ordnung im An-
griffe, welche eine Zange (Forceps) hieß, und man ſagte, nach Art
einer Zange fechten
1), (Forcipe & Serra proeliari) wenn ein Heer im
fechten ſich alſo theilete, daß es den Feind in die Mitten faſſete, und eben
dieſe Oeffnung machen konnte, wenn es vorwerts im Gefechte begriffen,
im Ruͤcken ſollte angefallen werden. Venus wurde mit einer Taube in
der Hand 2) gebildet, und eben ſo ſtehet ſie bekleidet auf vorerwehntem
Altare. Auf eben dieſem Werke ſtehet eine andere bekleidete Goͤttinn,
mit einer Blume in der Hand, welches eine andere Venus bedeuten koͤnnte:
denn ſie haͤlt eine Blume auf einem unten beſchriebenen runden Werke, im
Campidoglio; auch auf einem der zween ſchoͤnen dreyſeitigen Leuchter von
Marmor, im Pallaſte Barberini, iſt unter den ſechs Gottheiten auf beyden
Venus alſo vorgeſtellet: dieſe ſind aber von Griechiſcher Arbeit. Eine
Statue aber, welche Herr Spence 3) nicht lange vor meiner Zeit will in
Rom geſehen haben, mit einer Taube, iſt itzo wenigſtens nicht mehr vor-
handen: er iſt geneigt, dieſelbe fuͤr einen Genius von Neapel zu halten,
und fuͤhret ein paar Stellen eines Dichters hieruͤber an. Man bringet
auch eine kleine vermeynte Hetruriſche Venus, in der Gallerie zu Florenz,
bey, mit einem Apfel in der Hand; wo es nicht etwa mit dem Apfel be-
ſchaffen iſt, wie mit der Violin des einen kleinen Apollo daſelbſt von Erzt,
uͤber deren Alter Addiſon nicht haͤtte zweifelhaft ſeyn duͤrfen: denn es iſt
dieſelbe ein offenbarer neuer Zuſatz. Die drey Gratien ſieht man beklei-
det, wie bey den aͤlteſten Griechen, auf mehrmal erwehntem Borgheſiſchen
Altare; ſie haben ſich angefaſſet, und ſind wie im Tanze: Gori vermeynet,
dieſelben entkleidet auf einer Patera 4) zu finden.

Ich
1) Feſt. v. Serra proeliari. Valeſ. Not. in Ammian. L. 16. c. 12. p. 135. a.
2) Gori Muſ. Etr. tab. 15.
3) Polymet. p. 244.
4) Muſ. Flor. tab. 92.
Von der Kunſt unter den Hetruriern.

Ich wiederhole, wie ich mich vorher erklaͤret habe, daß ich keine Ge-E.
Der Helden
auf Hetruri-
ſchen Denk-
maalen.

ſchichte der Hetruriſchen Goͤtter geben will: die von ihren Kuͤnſtlern vor-
geſtelleten Helden aber, finden ſich bis itzo in geringer Anzahl, und dieſelben
ſind nicht von ihrem Volke, ſondern von den Griechen genommen. Die
bekannten ſind fuͤnf von den ſieben Helden, welche vor Theben zogen;
ferner Tydeus, einer unter denſelben, beſonders vorgeſtellet; Peleus, des
Achilles Vater, und Achilles: dieſe Figuren haben ihre Namen in Hetru-
riſcher Sprache beygeſetzet, und die Steine ſelbſt ſind im folgenden Satze
beſchrieben. Dieſe Abbildung der Helden von einem andern Volke genom-
men, giebt Anlaß zu muthmaßen, daß es ſich, in Abſicht der Heldengeſchich-
te, mit den Griechen und Hetruriern verhalten habe, wie mit den Proven-
zalen und Italienern. So wie in der Provenza in Frankreich die erſten
Romane, oder Helden- und Liebes-Gedichte, in der mittlern Zeit gemacht
wurden, aus welchen andere Voͤlker, auch ſelbſt die Italiener, die ihrigen
zogen, eben ſo ſcheinen die Hetrurier dieſes Theil der Dichtkunſt nicht vor-
zuͤglich geuͤbet zu haben; daher die Helden der Griechen vorzuͤglich vor den
ihrigen, Vorwuͤrfe der Hetruriſchen Kuͤnſtler wurden. Ihre Goͤtter ha-
ben ihre eigenen Hetruriſchen Namen, die Helden aber ihre Griechiſchen
Namen behalten, welche nach ihrer Ausſprache dieſer Worte in etwas ge-
aͤndert ſind.

Der dritte Satz dieſes erſten vorlaͤufigen Stuͤcks giebt eine AnzeigeIII.
Anzeige der
vornehmſten
Hetruriſchen
Werke der
Kunſt.

der vornehmſten Werke der Hetruriſchen Kunſt, und ihrer Ausarbeitung,
welche Hiſtoriſch iſt, das iſt, die Werke werden nach ihrer Beſchaffenheit
und den Figuren beſchrieben; die beſondere Unterſuchung und Beurtheilung
derſelben aber in Abſicht der Kunſt, gehoͤret zu dem folgenden zweyten
Stuͤcke. Ich muß aber hier unſere mangelhafte Kenutniß beklagen, die
ſich nicht allezeit wagen kann, das Hetruriſche von dem aͤlteſten Griechiſchen zu
unterſcheiden. Denn auf der einen Seite machet uns die Aehnlichkeit der
Hetruriſchen Werke mit den Griechiſchen, von welcher im erſten Capitel

gehan-
M 2

I Theil. Drittes Capitel.
gehandelt worden, ungewiß; auf der andern Seite ſind es einige Werke,
welche in Toſcana entdecket worden, und den Griechiſchen von guten Zei-
ten aͤhnlich ſehen.

Die Werke, welche anzuzeigen ſind, beſtehen in Figuren und Statuen,
in erhobenen Arbeiten, in geſchnittenen Steinen, Muͤnzen, und irrdenen
gemalten Gefaͤßen; und von dieſen wird in dem dritten und letzten Stuͤ-
cke dieſes Capitels geredet.

A.
Kleine Figuren
in Erzt, und
Thiere.

Unter dem Worte Figur begreife ich die kleinern in Erzt, und die Thiere.
Jene ſind in den Muſeis nicht ſelten, und der Verfaſſer ſelbſt beſitzet ver-
ſchiedene. Unter denſelben finden ſich Stuͤcke von der aͤlteſten Zeit der He-
truriſchen Kunſt, wie aus deren Geſtalt und Bildung im folgenden Stuͤcke
angezeiget wird. Von Thieren iſt das betraͤchtlichſte und groͤßte eine Chi-
maͤra 1) von Erzt, in der Gallerie zu Florenz, welche aus einem Loͤwen in
natuͤrlicher Groͤße, und aus einer Ziege zuſammen geſetzet iſt; die Hetruri-
ſche Schrift an derſelben iſt der Beweis von dem Kuͤnſtler dieſes Volks.

B.
Statuen von
Erzt und
Marmor.

Die Statuen, das iſt, Figuren unter oder in Lebensgroͤße, ſind
theils von Erzt, theils von Marmor. Von Erzt finden ſich zwo Statuen,
welche Hetruriſch ſind, und zwo werden dafuͤr gehalten. Jene haben hier-
von ungezweifelte Kennzeichen; eine iſt in dem Pallaſte Barberini, etwa vier
Palme hoch, und vermuthlich ein Genius: denn er haͤlt in dem linken Arme
ein Horn des Ueberfluſſes, und wenn eine Maͤnnliche nackte Figur, mit
oder ohne Bart, dieſes und kein anderes Attribut hat, iſt dieſelbe auch
in Griechiſchen Werken allezeit ein Genius. Die andere iſt ein vermeynter
Haruſpex 2), wie ein Roͤmiſcher Senator gekleidet, in der Gallerie zu
Florenz, und auf dem Saume des Mantels ſtehet Hetruriſche Schrift ein-
gegraben. Jene Figur iſt ohne Zweifel aus ihren erſten Zeiten; dieſe aber
aus der ſpaͤtern Zeit, welches ich aus dem glatten Kinne derſelben muth-

maße:
1) Gori Muſ. Etr. tab. 155.
2) Dempſt. Etrur. tab. 40.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
maße: denn da dieſe Statue, wie man ſieht, nach dem Leben gebildet iſt,
und eine beſtimmte Perſon vorſtellet, wuͤrde dieſelbe in aͤltern Zeiten einen
Bart haben, da die Baͤrte damals unter den Hetruriern, ſo wie unter
den erſten Roͤmern 1), eine allgemeine Tracht geweſen. Die andern zwo
Statuen in Erzt, uͤber welche das Urtheil zwiſchen der Griechiſchen und
Hetruriſchen Kunſt zweifelhaft ſeyn koͤnnte, ſind eine Minerva, und ein ver-
meynter Genius, beyde in Lebensgroͤße. Die Minerva 2) iſt an der
untern Haͤlfte ſehr beſchaͤdiget, der Kopf aber hat ſich nebſt der Bruſt voll-
kommen erhalten, und die Geſtalt deſſelben iſt der Griechiſchen voͤllig aͤhn-
lich. Der Ort, wo dieſe Statue gefunden iſt, nemlich Arezzo in Toſcana,
iſt der einzige Grund zur Muthmaßung, daß dieſelbe von einem Hetruri-
ſchen Kuͤnſtler ſey. Der Genius 3) ſtellet einen jungen Menſchen in Le-
bensgroͤße vor, und wurde im Jahre 1530. zu Peſaro am Hadriatiſchen
Meere gefunden. Man vermuthet aber daſelbſt eher Hetruriſche, als Grie-
chiſche Statuen, ohngeachtet dieſe Stadt eine Colonie der Griechen war.
Gori vermeynet, in der Arbeit der Haare einen Hetruriſchen Kuͤnſtler zu er-
kennen, und er vergleichet die Lage derſelben etwas unbequem mit Fiſch-
ſchuppen; es ſind aber auf eben die Art die Haare an einigen Koͤpfen in
hartem Steine und in Erzt zu Rom, und an einigen Herculaniſchen Bruſt-
bildern, gearbeitet. Dieſe Statue iſt unterdeſſen eine der ſchoͤnſten in Erzt,
welche ſich aus dem Alterthume erhalten haben.

Die vornehmſten Hetruriſchen Statuen in Marmor ſind, meines Er-
achtens, die ſogenannte Veſtale 4), im Pallaſte Giuſtiniani, ein vermeynter
Prieſter, in der Villa Albani, eine Statue, welche eine hoch ſchwangere
Frau vorſtellet, in der Villa Mattei, zwo Statuen des Apollo, die eine

im
1) Liv. L. 5. c. 41.
2) Gori l. c. tab. 28.
3) Olivieri Marm. Piſaur. p. 4. Gori Muſ. Etr. tab. 87.
4) Gall. Giuſtin. T. 1. tav. 17.
M 3

I Theil. Drittes Capitel.
im Campidoglio 1), die andere im Pallaſte Conti, und eine Hetruriſche
Diana, in dem Herculaniſchen Muſeo zu Portici.

Was die erſte betrifft, ſo iſt nicht glaublich, daß man eine ſolche Fi-
gur, an welcher nicht einmal die Fuͤße ſichtbar ſind, aus Griechenland nach
Rom gefuͤhret habe, da aus Nachrichten des Pauſanias erhellet, daß in
Griechenland die alleraͤlteſten Werke unberuͤhrt geblieben ſeyn. Die Fal-
ten ihres Rocks ſind in ſenkrechter Linie gezogen. Die zwote Statue iſt
uͤber Lebensgroͤße, und zehen Palme hoch; die Falten des Rocks ohne Er-
mel gehen alle parallel, und liegen wie geplaͤttet auf einander; die Ermel
des Unterkleides ſind in kreppigte gepreſſete Falten geleget, wie ich zu Ende
des folgenden Stuͤcks, und im folgenden Capitel, bey der Weiblichen Klei-
dung anzeige. Die Haare uͤber der Stirne liegen in kleinen geringelten
Locken, nach Art der Schneckenhaͤuſer, ſo wie ſie mehrentheils an den Koͤ-
pfen der Herme gearbeitet ſind, und vorne uͤber den Achſeln herunter haͤn-
gen, auf jeder Seite, vier lange geſchlaͤngelte Strippen Haare; hinten haͤn-
gen dieſelben, ganz gerade abgeſtutzt, lang von dem Kopfe gebunden, unter
dem Bande, in fuͤnf langen Locken herunter, welche zuſammen liegen, und
einigermaßen die Form eines Haarbeutels machen, von anderthalb Palme
lang. Die Stellung dieſer Statue iſt voͤllig gerade, wie an Aegyptiſchen
Figuren. Die dritte Statue ſtellet vielleicht eine Vorſteherinn der
Schwangern und Gebaͤhrerinnen vor, wie auch Juno war. Sie ſtehet
mit parallel geſchloſſenen Fuͤßen in gerader Linie, und haͤlt mit beyden uͤber-
einander gelegten Haͤnden ihren Leib; die Falten ihrer Kleidung gehen
ſchnurgerade, und ſind nicht hohl gearbeitet, wie an der erſteren, ſondern
nur durch Einſchnitte angedeutet. Die beyden Apollo ſind etwas uͤber
Lebensgroͤße, mit einem Koͤcher, welcher an dem Stamme des Baums
haͤnget, woran die Statuen ſtehen: ſie ſind beyde in einerley Stile gear-
beitet, nur mit dem Unterſcheide, daß die erſte aͤlter ſcheinet, wenigſtens

ſind
1) Muſ. Capit. T. 3. tav. 14.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
ſind die Haare uͤber der Stirne, welche an dieſem klein geringelt ſind, an
dem andern freyer gearbeitet. Der Apollo im Pallaſte Conti wurde vor
etwa vierzig Jahren, unter dem Pabſte dieſes Hauſes, auf dem Vorgebuͤrge
Circeo, itzo Monte Circello genannt, zwiſchen Rettuno und Terracina
gelegen, entdecket 1). Dieſes Vorgebuͤrge beſaßen die Roͤmer bereits un-
ter den Koͤnigen: denn Tarquinius Superbus ſchickte eine Colonie 2) da-
hin: und in dem erſten Buͤndniſſe zwiſchen Rom und Carthago, welches
unter den erſten Conſuls, L. Junius Brutus, und Marcus Horatius, ge-
ſchloßen wurde, ſind die Circejer 3) unter den vier Staͤdten der Roͤmer am
Meere benennet, welche ſie von den Carthaginenſern nicht beunruhiget ha-
ben wollten: dieſes iſt 4) mit eben denſelben Worten in einem naͤchſtfol-
genden Buͤndniſſe zwiſchen beyden Theilen wiederholet. Cluverius, Cel-
larius, und andere haben dieſes unberuͤhrt gelaſſen. Das erſte Buͤndniß
wurde acht und zwanzig Jahre vor dem Feldzuge des Xerxes wider die
Griechen geſchloſſen, und beſagte Statue muͤßte, wenn ſie Griechiſch ſeyn
koͤnnte, vermoͤge der Kenntniß der Griechiſchen Kunſt, vor dieſer Zeit ge-
macht ſeyn. Das Vorgebuͤrge Circeum aber, welches die Volsker 5) be-
wohneten, hatte mit den Griechen, ſonderlich zu derſelben Zeit, keine Ge-
meinſchaft, noch Verkehr, wohl aber mit den Hetruriern, ihren Nachbarn;
ſo daß auch in Abſicht der Zeit und des Orts dieſer Apollo fuͤr ein Hetru-

riſches
1) Dieſe Statue wurde in einem kleinen Tempel, an dem Ufer eines Sees, Lago di Soreſſa
genannt, gefunden. Dieſer See, welcher dem Hauſe der Prinzen Gaetani gehoͤrete,
war ehemals ins Meer abgefloſſen, durch einen Canal, welcher ſich verſtopfet hatte, wo-
durch das Waſſer in dem See ſeit langer Zeit ſehr hoch angewachſen war. Um denſelben
zur Fiſcherey bequem zu machen, war es noͤthig, das Waſſer ablaufen zu laſſen. Der
alte Canal wurde geraͤumet. In demſelben fanden ſich einige verſchlemmete Schiffgen
der Alten, die mit Naͤgeln von Metall zuſammen geſchlagen waren, und da das Waſſer
in dem See ſelbſt geſunken war, kam gedachter Tempel zum Vorſchein, worinn ſich der
Apollo fand. Man ſieht noch itzo die Niſche von Marmor, mit ſehr fein gearbeiteten
Zierrathen, in welcher die Statue ehemals geſtanden.
2) Liv. L. 1. c. 56.
3) Polyb. L. 3. p. 177. D.
4) Polyb. L. 3. p. 180. B.
5) Conf. Liv. L. 2. c. 39.

I Theil. Drittes Capitel.
riſches Werk zu halten iſt. Die ſechſte angezeigte Statue in Marmor, die
Diana, im Laufen vorgeſtellet, iſt halb Lebensgroͤße, das iſt, an fuͤnf
Palme hoch, bekleidet und bemalet. Die Winkel des Mundes ſind auf-
werts gezogen, und das Kinn iſt kleinlich; aber man ſieht ſehr wohl, daß
es kein Portrait oder beſtimmte Perſon ſeyn ſoll, ſondern es iſt eine unvoll-
kommene Bildung der Schoͤnheit. Ihre Haare haͤngen uͤber der Stirn in
kleinen Locken, und die Seiten-Haare in langen Strippen auf den Achſeln
herunter; hinten ſind dieſelben lang vom Kopfe gebunden. Um die Haare
liegt ein Diadema, wie ein Ring, auf welchem acht erhobene rothe Roſen
ſtehen. Ihre Kleidung iſt weiß angeſtrichen. Das Hembde, oder Unter-
kleid, hat weite Ermel, welche in gekreppte oder gekniffene Falten geleget
ſind, und die Weſte, oder der kurze Mantel, in geplattete parallel Falten,
ſo wie der Rock. Der Saum derſelben iſt an dem aͤußeren Rande mit ei-
nem kleinen goldgelben Streifen eingefaſſet, und unmittelbar uͤber demſel-
ben gehet ein breiter Streifen von Lack-Farbe, mit weißem Blumenwerke,
Stickerey anzudeuten; uͤber dieſem gehet ein dritter Streifen, gleichfalls
von Lack; eben ſo iſt der Saum des Rocks gemalet. Der Riem des Koͤ-
chers auf der Schulter iſt roth, wie die Riemen der Sohlen. Es iſt auch
im erſten Capitel dieſer Statue Meldung geſchehen. Es ſtand dieſelbe in
einem kleinen Tempel, oder Capelle, welche zu einer Villa der alten ver-
ſchuͤtteten Stadt Pompeji gehoͤrete.

C.
Erhobene
Arbeiten.

Von erhoben gearbeiteten Werken will ich mich begnuͤgen, drey zu
waͤhlen, und zu beſchreiben. Das eine und das aͤlteſte nicht allein von He-
truriſchen, ſondern auch uͤberhaupt von allen erhobenen Arbeiten in Rom,
ſtehet in der Villa Albani, und ſtellet etwa die Juno Lucina, oder die
Goͤttinn Rumilia vor, die uͤber ſaͤugende Kinder die Obſicht hatte: denn
der Schemmel ihrer Fuͤße zeiget an, daß dieſe Figur uͤber den gemeinen
Stand der Menſchen erhaben ſeyn ſoll. Sie haͤlt ein kleines angezogenes
Kind, welches auf ihrem Schooße ſtehet, an deſſen Gaͤngel-Bande, an

welches

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
welches die Mutter deſſelben faſſet, welche vor ihr ſtehet, und neben dieſer
ihre zwo Toͤchter von ungleichem Alter und Groͤße. Das andere iſt ein
rundes Werk im Campidoglio, in Geſtalt eines Altars, mit den Figuren
der zwoͤlf obern Goͤtter, welche auch auf einem Altare zu Athen 1) in
erhobener Arbeit waren. Unter denſelben iſt ein jugendlicher Vulcanus
ohne Bart, in Begriff, dem Jupiter, gegen welchen er eine Axt aufhebet,
die Stirn zu oͤffnen, aus welcher Minerva hervor ſpringen ſoll. Vulca-
nus wurde in den aͤlteſten Zeiten, ſo wie Jupiter und Aeſculapius 2),
ohne Bart vorgeſtellet, ſo wohl auf Hetruriſchen Opfer-Schaalen 3) und
Steinen 4), als auf Griechiſchen Muͤnzen der Stadt Lipari, in dem Muſeo
des Hrn. Duca Noja-Caraffa zu Neapel, ingleichen auf Roͤmiſchen
Muͤnzen 5), und Lampen 6). Die Muthmaßung, auf welche ſich die He-
truriſche Kunſt in dieſem Werke zum Theil mit gruͤndet, iſt die Form und
der ehemalige Gebrauch dieſes Werks: denn es iſt hohl, (welches itzo durch
die oben darauf geſetzte Vaſe von Marmor nicht ſichtbar iſt) und kann alſo
kein Altar ſeyn, ſondern muß zu Einfaſſung oder zur Muͤndung eines Brun-
nens (Bocca di pozzo) gedienet haben, wie dergleichen verſchiedene in
Rom ſind, und im Herculano gefunden worden, ſonderlich da an dem in-
neren Rande deſſelben, wie an jenen, hohle Einſchnitte ſind, welche das
Seil des Eimers gemacht hat: folglich wird dieſes Werk ſchwerlich in
Griechenland gearbeitet ſeyn. Ich muß aber hier erinnern, daß Cicero
Einfaſſungen von Brunnen mit erhobener Arbeit fuͤr ſich in Athen arbeiten
laſſen, wenn wir der angenommenen Leſart 7) in einem Briefe an ſeinen
Freund den Atticus folgen. Andere alte Einfaſſungen der Brunnen, von
welchen zwo in der Villa Albani ſtehen, ſind mit zierlich gearbeiteten Blu-

men-
1) Pauſan. L. 1. p. 23.
2) Idem. L. 8. p. 658. l. 20.
3) Dempſt. Etrur. T. 2. tab. 1. Montfaue. Ant. expl. T. 3. p. 62. n. 1.
4) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 123.
5) Vaillant T. 1. tab. 25. n. 8. Num. Pembroch. P. 2. tab. 3.
6) Paſſeri Lucern. tab. 52.
7) ad Attic. L. 1. ep. 10. putealia ſigillata.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. N

I Theil. Drittes Capitel.
men-Kraͤnzen, mit irrendem Epheu, und mit Gefaͤßen, woraus Waſſer laͤuft,
gezieret. Pauſanias 1) redet von einer Ceres, welche auf einem Brunnen
ſitzend, wie nach Entfuͤhrung der Proſerpina, ihrer Tochter, von Pam-
phus
, einem der aͤlteſtèn Kuͤnſtler, vorgeſtellet war: dieſes war vermuthlich
eine erhobene Arbeit auf der Einfaſſung des Brunnens 2). Das dritte
erhobene Werk, iſt ein runder Altar im Campidoglio, welcher zu Anfang
dieſes Capitels vorgeſtellet iſt. Auf demſelben ſind drey Gottheiten, Apollo
mit ſeinem Bogen, und mit einem Pfeile in der rechten Hand, ein baͤrtiger
Mercurius mit dem Caduceo, und Diana mit Bogen und Koͤcher, und
mit einer Fackel in der Hand. Man beobachte hier beylaͤufig die Form des
Bogens, welcher ſich nur an den Enden kruͤmmet, und im uͤbrigen faſt
ganz gerade gehet. So iſt derſelbe auch auf Griechiſchen Werken geſtaltet,
und wo ſich Apollo und Hercules, jeder mit einem Bogen, beyſammen finden,
wie da 3), wo dieſer jenem den Dreyfuß zu Delphos wegtraͤgt, zeiget ſich
der Unterſcheid: denn Hercules hatte einen Seythiſchen Bogen, welcher
ſtark gekruͤmmet oder geſchlaͤngelt war, wie das 4) aͤlteſte Griechiſche Sigma 5).
Das vierte erhobene Werk, iſt ein viereckigter Altar, welcher ehemals auf

dem
1) L. 1. p. 94. l. 2.
2) In dem Muſeo Capitolino des Marcheſe Lucatelli p. 23. wird irrig vorgegeben, daß
dieſes Werk zu Nettuno an der See gefunden worden: dieſes hat der Herr Cardinal Alex.
Albani in einer eigenhaͤndigen Anmerkung zu dieſer Schrift widerleget. Es ſtand ehe-
mals in einer Villa vor der Porta del Popolo, die dem Hauſe Medicis gehoͤrete, und
der Großherzog Coſmus III. beſchenkte gedachten Herrn Cardinal damit, durch welchen
es mit deſſen ehemals gemachter Sammlung von Alterthuͤmern in das Campidoglio ge-
ſetzet worden.
3) Pauciaudi Monum. Pelopon. Vol. 1. p. 114.
4) conf. Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch.
5) Vielleicht hieß ein ſolcher Bogen patulus:
Impoſita patulus calamo ſinuaverat arcus.
Ovid. L. 1. Metam. v. 30.

Der andere Sinuoſus:
Lunavitque genu ſinuoſum fortiter arcum.
Id. L. 1. Amor. eleg. 1.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
dem Markte zu Albano ſtand, und itzo im Campidoglio iſt, mit den zwoͤlf
Arbeiten des Hercules. Man koͤnnte einwenden, daß an dieſem Hercules
die Theile vielleicht nicht empfindlicher und ſchwuͤlſtiger, als an dem Far-
neſiſchen Hercules, vorgeſtellet ſind, und daß hieraus auf die Hetruriſche
Arbeit deſſelben nicht zu ſchließen ſey: ich muß dieſes eingeſtehen, und habe
kein anderes Kennzeichen, als deſſen Bart, welcher ſpitzig iſt, und wor-
an die Locken durch kleine Ringeln, oder vielmehr Kuͤgelchen, Reihenweis
angedeutet ſind. Dieſes war die aͤlteſte Art der Form und der Arbeit der
Baͤrte, aber ſie war es nicht mehr, da die Griechiſchen Kuͤnſte in Rom ein-
gefuͤhret wurden, und an Werken dieſer Kuͤnſtler wurde der Bart nicht
ſpitzig, ſondern freyer gekraͤuſelt, und ſo, wie derſelbe dem Griechiſchen
Hercules eigen iſt.

Unter den geſchnittenen Steinen habe ich theils die aͤlteſten, theilsD.
Geſchnittene
Steine.

die ſchoͤnſten gewaͤhlet, damit das Urtheil aus denſelben richtiger und ge-
gruͤndeter ſeyn koͤnne. Wenn der Leſer augenſcheinlich Arbeiten von der
hoͤchſten Hetruriſchen Kunſt vor Augen hat, und die bey aller ihrer Schoͤn-
heit Unvollkommenheiten haben, ſo wird dasjenige, was ich im folgenden
Stuͤcke uͤber dieſelbe anmerken werde, um ſo vielmehr von geringeren Wer-
ken gelten koͤnnen. Die drey Steine, welche ich zum Grunde des folgenden
Beweiſes ſetzen werde, ſind, wie die mehreſten Hetruriſchen geſchnittenen
Steine, Scarabei, das iſt, auf der erhobenen und gewoͤlbten Seite der-
ſelben iſt ein Kaͤfer gearbeitet; ſie ſind durchboret, weil dieſelben vermuth-
lich, als ein Amulet, am Halſe getragen wurden. Einer der aͤlteſten ge-
ſchnittenen Steine, nicht allein unter den Hetruriſchen, ſondern uͤberhaupt
unter allen, die bekannt ſind, iſt ohne Zweifel derjenige Carniol im Stoßiſchen
Muſeo, welcher eine Berathſchlagung von fuͤnf Griechiſchen Helden zu dem
Zuge wider Theben vorſtellet, und welcher auf dem Titel-Blatte dieſes er-
ſten Theils in Kupfer ſtehet. Die zu den Figuren geſetzte Namen zeigen den
Polynices, Parthenopaͤus, Adraſtus, Tydeus, und Amphiaraus;

und
N 2

I Theil. Drittes Capitel.
und von dem hohen Alterthume deſſelben zeiget ſo wohl die Zeichnung, als
die Schrift. Denn bey einem unendlichen Fleiße, und einer großen Fein-
heit der Arbeit, nebſt der zierlichen Form einiger Theile, als der Fuͤße,
Beweiſe von einem geſchickten Meiſter, deuten die Figuren auf eine Zeit,
wo der Kopf kaum der ſechſte Theil derſelben geweſen ſeyn wird, und die
Schrift kommt ihrem Pelasgiſchen Urſprunge, und der aͤlteſten Griechiſchen
Schrift naͤher, als auf andern Hetruriſchen Werken. Durch dieſen Stein
kann unter andern das ungegruͤndete Vorgeben eines Scribenten wider-
leget werden, daß die Hetruriſchen Denkmaale der Kunſt aus ihren ſpaͤ-
tern Zeiten ſind 1). Die andern zween Steine ſind die ſchoͤnſten unter
allen Hetruriſchen Steinen: der eine in Carniol befindet ſich auch im Stoſ-
ſiſchen Muſeo 2); den andern in Agat beſitzet Herr Chriſtian Dehn in
Rom. Jener ſtellet den Tydeus mit deſſen Namen vor, wie er, in einem
Hinterhalte von funfzig angefallen, ſie bis auf einen erlegte, aber ver-
wundet wurde, und ſich einen Wurfſpieß aus dem Beine ziehet. Es
giebt dieſe Figur ein Zeugniß von dem richtigen Verſtaͤndniſſe des Kuͤnſt-

lers
1) Dieſen Stein hat der P. Carl Antonioli, Profeſſor zu Piſa, in zwo Abhandlungen
beſchrieben, das iſt, er erzehlet uns von neuem die ganze Geſchichte dieſer und anderer
Helden aus dieſer Zeit, mit allen Stellen der alten Scribenten, außer derjenigen, welche
ich aus dem Statius anfuͤhren werde. Von der Kunſt hatte er nichts zu ſagen.
2) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 348.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
lers in der Anatomie, an den genau angegebenen Knochen und Muskeln,
aber auch zugleich von der Haͤrte des Hetruriſchen Stils. Es iſt derſelbe
zu Anfang des zweyten Theils dieſer Schrift vorgeſtellet 3). Der andere
Stein bildet den Peleus, des Achilles Vater, mit deſſen Namen, ab,
wie er ſich die Haare an einem Brunnen waͤſcht, welcher den Fluß Sper-
chion
in Theſſalien vorſtellen ſoll 1), dem er die Haare ſeines Sohns
Achilles abzuſchneiden und zu weihen gelobete, wenn er geſund von Troja
zuruͤck kommen wuͤrde. So ſchnitten ſich die Knaben zu Phigala 2) die
Haare ab, und weiheten dieſelben dem Fluſſe daſelbſt, und Leucippus 3)
ließ ſeine Haare fuͤr den Fluß Alpheus wachſen. Man merke hier, in Ab-
ſicht der Griechiſchen Helden auf Hetruriſchen Werken, was Pindarus
insbeſondere vom Peleus ſagt 4), daß kein ſo entlegenes Land, und von ſo ver-
ſchiedener Sprache ſey, wohin nicht der Ruhm dieſes Helden, des Schwie-
gerſohns der Goͤtter gekommen.

Unter den Muͤnzen ſind einige die alleraͤlteſten Denkmaale der Hetru-E.
Muͤnzen.

riſchen Kunſt, und ich habe zwo derſelben vor Augen, welche ein Kuͤnſt-
ler in Rom, in einem Muſeo von ausgeſuchten ſeltenen Griechiſchen Muͤn-
zen, beſitzet. Sie ſind von einem zuſammengeſetzten weißlichen Metalle,
und ſehr wohl erhalten; die eine hat auf einer Seite ein Thier, welches ein
Hirſch zu ſeyn ſcheinet, und auf der andern ſind zwo vorwerts geſtellete Figu-
ren, welche einander gleich ſind, und einen Stab halten. Dieſes muͤſſen die
erſten Verſuche ihrer Kunſt ſeyn. Die Beine ſind zwo Linien, welche ſich

in
3) Es koͤnnte faſt ſcheinen, Statius habe dieſen Stein geſehen, oder alle Figuren des Ty-
deus
muͤſſen eben ſo gezeichnet geweſen ſeyn, das iſt, mit ſtarken und ſichtbaren Knochen,
und mit knotenmaͤßigen Muskeln: denn die Beſchreibung des Dichters ſcheinet den Stein
zu malen, und zu erklaͤren, ſo wie der Stein wiederum den Dichter erlaͤutern kann:
— — — — quamquam ipſe videri
Exiguus, gravia oſſa tamen, nodisque lacerti
Difficiles: numquam hunc animum natura minori
Corpore, nec tantas auſa eſt includere vires.

Theb. L. 6. v. 840.
1) Il. ψ᾽, 144. Pauſan. L. 1. p. 90. l. 8.
2) Id. L. 8. p. 683. l. 32.
3) Ibid. p. 638. l. 21. conf. Victor. Var. Lect. L. 6. c. 22.
4) Nem. 6. v. 34. ſeq.
N 3

I Theil. Drittes Capitel.
in einem runden Punct endigen, wodurch die Fuͤße bezeichnet ſind; der
linke Arm, welcher nichts haͤlt, iſt eine von der Schulter ab wenig ge-
kruͤmmete gerade geſenkte Linie, und reichet faſt bis auf die Fuͤße; ein we-
nig kuͤrzer iſt das Gemaͤchte, welches auch an Thieren auf den aͤlteſten
Muͤnzen und Steinen ungewoͤhnlich lang iſt; das Geſicht iſt wie ein Fie-
gen-Kopf geſtaltet. Die andere Muͤnze hat auf einer Seite einen Kopf,
auf der andern ein Pferd.

Dieſe Anzeige Hetruriſcher Werke iſt nach ihren Arten gegeben,
welches das leichteſte, und an kein Syſtema gebundenes Verzeichniß iſt;
in Abſicht der Kunſt aber, und der Zeit ihrer Arbeit, nach welcher dieſelben
im folgenden Stuͤcke betrachtet werden, iſt folgende Ordnung zu ſetzen.
Aus der aͤlteſten Zeit, und in dem erſten Stile, ſind die kurz zuvor ange-
zeigten Muͤnzen, die erhobene Arbeit, nebſt der Statue, in der Villa Albani,
der Genius von Erzt, im Pallaſte Barberini, und die ſchwangere Frau,
in der Villa Mattei. Aus der folgenden Zeit, die beyden Apollo, im Cam-
pidoglio, und im Palaſte Conti, der Brunnen mit den zwoͤlf Gottheiten, im
Campidoglio, der runde Altar mit drey Gottheiten, nebſt dem viereckigten
Altare mit den Arbeiten des Hercules, eben daſelbſt, und der große drey-
eckigte Altar in der Villa Borgheſe, ingleichen die beſchriebenen geſchnit-
tenen Steine. Aus der letzten Zeit der Hetruriſchen Kunſt, ſcheinen die
Statuen von Erzt, in der Gallerie zu Florenz, zu ſeyn. Das Gegentheil
von dieſem Range, und von dieſer Ordnung, iſt ſchwerlich darzuthun, ob
ich mich gleich geirret haben koͤnnte: aber ſo viel iſt gewiß, das diejenigen
Werke, welche ich in die erſte Claſſe geſetzet, Kennzeichen von einem aͤl-

tern

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
tern und einfaͤltigern Stile, als die in der zwoten Claſſe, haben, und die
von der dritten Claſſe, uͤbertreffen jene.

Eine Zugabe dieſes Satzes mag eine Unterſuchung ſeyn uͤber eineF.
Zugabe von
vorgegebenen
Hetruriſchen
Urnen von
Porphir.

Nachricht von zwoͤlf Urnen von Porphir, welche zu Chiuſi, in Toſca-
na, ſollen geweſen ſeyn, die aber itzo weder an dieſem Orte, noch ſonſt
in ganz Toſcana und Italien, befindlich ſind. Es waͤre beſonders merk-
wuͤrdig, wenn man darthun koͤnnte, daß die Hetrurier in Porphir ge-
arbeitet haͤtten; es koͤnnte ein demſelben aͤhnlicher Stein ſeyn, wie Le-
ander Alberti
einen ſolchen Stein Porphir nennet 1), welcher bey
Volterra gefunden wird. Gori, welcher dieſes aus einer Handſchrift
der Bibliothec des Hauſes Strozzi zu Florenz anfuͤhret 2), theilet auch
eine Inſchrift auf einer dieſer Urnen mit: da mir aber dieſe Nachricht
verdaͤchtig ſchien, habe ich dieſelbe aus dem Originale vollſtaͤndig abſchrei-
ben laſſen. Den Verdacht giebt die Sache ſelbſt, und das Alter der
Handſchrift. Denn es iſt nicht glaublich, daß die Großherzoge von
Toſcana, welche alle ſehr aufmerkſam geweſen auf das, was die Kuͤnſte
und das Alterthum betrifft, ſolche ſeltene Stuͤcke aus dem Lande gehen
laſſen, zumal da die Urnen etwa um die Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts
wuͤrden gefunden worden ſeyn. Denn die Briefe, aus welchen die Strozziſche
Handſchrift beſtehet, ſind alle zwiſchen 1653. und 1660. geſchrieben, und
derjenige, welcher dieſe Nachricht enthaͤlt, iſt von 1657. von einem Moͤn-
che an einen andern Moͤnch geſchrieben, und ich halte daher dieſelbe fuͤr
eine Moͤnchs-Legende. Gori ſelbſt hat hier Aenderungen gemacht: er

hat
1) Deſcr. d’Ital. p. 50. a.
2) Muſ. Etrur. Praef. p. 20.

I Theil. Drittes Capitel.
hat erſtlich das angezeigte Maas derſelben nicht richtig angegeben: der
Brief redet von zwo Braccia in der Hoͤhe, (eine Florentiniſche Brac-
cia haͤlt drittehalb Roͤmiſche Palme) und von eben ſo viel in der Laͤnge;
Gori aber giebt nur drey Palme an. Ferner ſieht die Inſchrift in
dem Originale nicht ſehr Hetruriſch aus, welche Form und Geſtalt ihr
im Drucke gegeben worden.

Zweytes Stuͤck.
Von dem Stile Hetruriſcher Kuͤnſtler.
Zweytes Stuͤck.

Nach den gegebenen vorlaͤufigen Kenntniſſen des erſten Stuͤcks dieſes Ca-
Von dem
Stile Hetru-
riſcher Kuͤnſt-
ler.
pitels von den aͤußeren Umſtaͤnden und Urſachen der Hetruriſchen
Kunſt, von der Abbildung ihrer Goͤtter und Helden, und nach der Anzeige
I.
Allgemeine
Erinnerung
uͤber denſel-
ben.
der Werke der Kunſt, fuͤhre ich die Betrachtungen des Leſers zu den Ei-
genſchaften und Kennzeichen der Kunſt dieſes Volks und ihrer Werke, das
iſt, zu den Stil der Hetruriſchen Kuͤnſtler, wovon dieſes zweyte Stuͤck
handelt.

Hier iſt allgemein zu erinnern, daß die Kennzeichen zum Ueterſchiede
des Hetruriſchen, und des aͤlteſten Griechiſchen Stils, welche außer der
Zeichnung von zufaͤlligen Dingen, als von Gebraͤuchen, und von der Klei-
dung moͤchten genommen werden, trieglich ſeyn koͤnnen. Die Athenien-
ſer, ſagt Ariſtides 1), machten die Waffen der Pallas in eben der Form,
wie ihnen die Goͤttin dieſelbe angegeben hatte: man kann aber von einem
Griechiſchen Helme der Pallas, oder anderer Figuren, auf keine Griechiſche
Arbeit ſchließen. Denn ſogenannte Griechiſche Helme finden ſich auch auf
unſtreitigen Hetruriſchen Werken, wie ihn eine Minerva hat auf dem mehr-
mal angefuͤhrten dreyeckigten Altare der Villa Borgheſe, und auf einer

Schaa-
1) Panathen. p. 107. l. 4.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
Schaale 1), mit Hetruriſcher Schrift, in dem Muſeo des Collegii St. Igna-
tii zu Rom.

Der Stil der Hetruriſchen Kuͤnſtler iſt ſich ſelbſt nicht beſtaͤndig gleichII.
Von den
verſchiedenen
Stuffen und
Zeiten daſelbſt.

geblieben, ſondern hat, wie der Aegyptiſche und Griechiſche, verſchiedene
Stuffen und Zeiten, von den einfaͤltigen Geſtaltungen ihrer erſten Zeiten
an, bis zu dem Flor ihrer Kunſt, welche ſich endlich nachher durch Nach-
ahmung Griechiſcher Werke, wie ſehr wahrſcheinlich iſt, verbeſſert, und
eine von den aͤltern Zeiten verſchiedene Geſtalt angenommen hat. Dieſe
verſchiedene Stuffen der Hetruriſchen Kunſt ſind wohl zu merken, und ge-
nau zu unterſcheiden, um zu einem Syſtema in derſelben zu gelangen.
Endlich nachdem die Hetrurier eine geraume Zeit den Roͤmern unterthaͤnig
geweſen, fiel ihre Kunſt, welches ſich an neun und zwanzig Schaalen von
Erzt, in dem Muſeo des Collegii St. Ignatii zu Rom, zeiget, unter wel-
chen diejenigen, deren Schrift ſich der Roͤmiſchen Schrift und Sprache naͤ-
hert, ſchlechter, als die aͤlteren, gezeichnet und gearbeitet ſind. Aus dieſen
kleinen Stuͤcken aber iſt weiter nicht viel beſtimmtes anzugeben, und da der
Fall der Kunſt kein Stil in derſelben iſt, ſo bleibe ich bey den vorher ge-
ſetzten drey Zeiten.

Wir koͤnnen alſo drey verſchiedene Stile der Hetruriſchen Kunſt, wie
bey den Aegyptern, ſetzen, den Aeltern, den Nachfolgenden, und drittens
denjenigen, welcher ſich durch Nachahmung der Griechen verbeſſert hat.
In allen drey Stilen waͤre zuerſt von der Zeichnung des Nackenden, und
zum zweyten von Bekleideten Figuren zu reden: da aber die Bekleidung
in ihren Arten von der Griechiſchen nicht ſehr verſchieden iſt, ſo koͤnnen
einige wenige Anmerkungen, welche beſonders uͤber dieſelben, und uͤber ihren
Schmuck zu machen waͤren, zu Ende dieſes zweyten Stuͤcks zuſam-
mengenommen werden.

Die
1) Dempſt. Etrur. tab. 4.
Winckelm Geſch. der Kunſt. O
I Theil. Drittes Capitel.
A.
Von dem
aͤlteren Stile,
und deſſen Ei-
genſchaften.

Die Eigenſchaften des aͤltern und erſten Stils der Hetruriſchen Kuͤnſt-
ler, ſind erſtlich die geraden Linien ihrer Zeichnung, nebſt der ſteifen Stel-
lung und der gezwungenen Handlung ihrer Figuren, und zweytens der
unvollkommene Begriff der Schoͤnheit des Geſichts. Die erſte Eigenſchaft
beſtehet darinn, daß der Umriß der Figuren ſich wenig ſenket und erhebet,
und dieſes verurſachet, daß dieſelben duͤnne und ſpillenmaͤßig ausſehen,
(ob gleich Catullus ſagt, der dicke Hetrurier 1,) weil die Muskeln wenig
angedeutet ſind; es fehlet alſo in dieſem Stile die Mannigfaltigkeit. In
dieſer Zeichnung lieget zum Theil die Urſache von der ſteifen Stellung, vor-
nehmlich aber in der Unwiſſenheit der erſten Zeiten: denn die Mannigfal-
tigkeit in Stellung und Handlung kann ohne hinlaͤngliche Kenntniß des
Koͤrpers, und ohne Freyheit in der Zeichnung, nicht ausgedruckt und ge-
bildet werden; die Kunſt faͤngt, wie die Weisheit, mit Erkenntniß unſer
ſelbſt an. Die zweyte Eigenſchaft, nemlich der unvollkommene Begriff
der Schoͤnheit des Geſichts, war, wie in der aͤlteſten Kunſt der Griechen,
auch bey den Hetruriern. Die Form der Koͤpfe iſt ein laͤnglich gezogenes
Oval, welches durch ein ſpitziges Kinn kleinlich ſcheinet; die Augen ſind
entweder platt, oder ſchraͤg aufwerts gezogen, und liegen mit dem Augen-
knochen gleich.

Dieſe Eigenſchaften ſind eben dieſelben, welche wir bey den aͤlteſten
Aegyptiſchen Figuren beſtimmet haben, und hierdurch wird Stuͤckweis deut-
licher, was im erſten Capitel aus alten Scribenten von der Aehnlichkeit
der Aegyptiſchen und der Hetruriſchen Figuren angezeiget worden. Man
hat ſich die Figuren dieſes Stils als einen einfaͤltig geſchnittenen Rock aus
geraden Theilen vorzuſtellen, bey welchem, die ihn machten und trugen,
eine Zeitlang blieben; jene kuͤnſtelten nicht, und dieſen war es zur Bede-
ckung genug; der erſte hatte eine Figur ſo gezeichnet, und andere zeichneten
ihm nach. Es war auch ein gewiſſer Schlag von Geſichtern angenommen,

wovon

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
wovon man um ſo weniger abgieng, da die erſten Bilder Gottheiten wa-
ren, von denen eine jede der andern aͤhnlich ſehen ſollte. Die Kunſt war
damals wie ein ſchlechtes Lehrgebaͤude, welches blinde Nachfolger macht,
und nicht zweifeln, noch unterſuchen laͤßt; und die Zeichnung, wie des Anaxa-
goras Sonne, welche die Schuͤler, wie ihr Meiſter, fuͤr einen Stein hiel-
ten, wider alle empfindliche Augenſcheinlichkeit. Die Natur haͤtte die
Kuͤnſtler lehren ſollen, aber die Gewohnheit war ihnen zur Natur gewor-
den, und daher war von dieſer die Kunſt verſchieden.

Dieſer erſte Stil findet ſich in vielen kleinen Figuren von Erzt, und
einige ſind den Aegyptiſchen vollkommen aͤhnlich, durch die an den Seiten
dicht anliegende herunter haͤngenden Arme, und durch die parallel ſtehenden
Fuͤße. Die Statue in der Villa Mattei, nebſt der erhobenen Arbeit in der
Villa Albani, haben alle Eigenſchaften dieſes Stils. Die Zeichnung des
Genius im Pallaſte Barberini iſt ſehr platt, und ohne beſondere Andeutung
der Theile. Die Fuͤße ſtehen in gleicher Linie, und die hohlen Augen ſind
platt geoͤffnet, und etwas aufwerts gezogen. Das Gewand an der Statue
in der Villa Mattei, und an den Figuren des erhobenen Werks, kann nicht
einfaͤltiger gedacht werden, und die nur eingeſchnittenen Falten ſind wie mit
einem Kamme gezogen. Ein aufmerkſamer Beobachter des weſentlichen in
den Alterthuͤmern, wird dieſen erſten Stil auch an einigen andern Werken
finden, die nicht an gleich beruͤhmten und gewoͤhnlich beſuchten Orten in
Rom ſtehen; z. E. an einer Maͤnnlichen Figur, welche auf einem Stuhle
ſitzet, auf einer kleinen erhobenen Arbeit, in dem Hofe des Hauſes Capponi.

Dieſen Stil aber verließen die Hetruriſchen Kuͤnſtler, da ſie zu groͤße-B.
Anzeige des
Uebergangs
aus dieſem
Stile in den
folgenden.

rer Wiſſenſchaft gelangeten, und an ſtatt daß ſie, wie die aͤlteſten Griechen,
in den erſten Zeiten mehr bekleidete, als nackte Figuren, ſcheinen gemacht zu
haben, ſo fiengen ſie an, das Nackte mehr vorzuſtellen. Denn es ſcheinet
aus einigen kleinen Figuren in Erzt, welche nackend ſind bis auf die

Schaam,
O 2

I Theil. Drittes Capitel.
Schaam, die in einem Beutel ſtecket, welcher mit Baͤndern um die Huͤften
gebunden iſt, daß man es wider den Wohlſtand gehalten habe, ganz nackte
Figuren vorzuſtellen.

Wenn man aus den aͤlteſten geſchnittenen Steinen der Hetrurier ur-
theilen wollte, ſo wuͤrde man glauben, der erſte Stil ſey nicht allgemein,
wenigſtens nicht unter Steinſchneidern, geweſen. Denn an den Figuren
auf Steinen iſt alles knolligt und Kugelmaͤßig, welches das Gegentheil
von den angegebenen Kennzeichen des erſten Stils waͤre: eins aber wi-
derſpricht dem andern nicht. Denn wenn ihre Steine, wie itzo, mit dem
Rade geſchnitten worden, wie der Anblick ſelbſt zu geben ſcheinet, ſo war
der leichteſte Weg, im Drehen durch Rundungen eine Figur auszuarbeiten,
und hervor zu bringen, und vermuthlich verſtanden die aͤlteſten Steinſchnei-
der nicht, mit ſehr ſpitzigen Eiſen zu arbeiten: die kugelichten Formen waͤ-
ren alſo kein Grundſatz der Kunſt, ſondern ein Mechaniſcher Weg in der
Arbeit. Die geſchnittenen Steine ihrer erſten Zeiten aber ſind das Gegen-
theil ihrer erſten und aͤlteſten Figuren in Marmor und in Erzt, und es wird
aus jenen offenbar, daß ſich die Verbeſſerung der Kunſt mit einem ſtarken
Ausdrucke, und mit einer empfindlichen Andeutung der Theile an ihren
Figuren angefangen habe, welches ſich auch an einigen Werken in Marmor
zeiget; und dieſes iſt das Kennzeichen der beſten Zeiten ihrer Kunſt.

Um welche Zeit ſich dieſer Stil voͤllig gebildet, laͤßt ſich nicht beſtim-
men, es iſt aber wahrſcheinlich, daß es mit der Verbeſſerung der Griechi-
ſchen Kunſt zu gleicher Zeit eingetroffen ſey. Denn man kann ſich die Zeit
vor und unter dem Phidias, wie die Wiederherſtellung der Kuͤnſte und
Wiſſenſchaften in neueren Zeiten, vorſtellen, welche nicht in einem einzigen
Lande allein anfieng, und ſich in andere Laͤnder ausbreitete, ſondern die
ganze Natur der Menſchenkinder ſchien damals in allen Laͤndern rege zu
werden, und die großen Erfindungen thaten ſich mit einmal hervor. In

Grie-

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
Griechenland iſt dieſes von beſagter Zeit in allerley Arten von Wiſſenſchaf-
ten gewiß, und es ſcheinet, daß ſich damals auch uͤber andere geſittete Voͤl-
ker ein allgemeiner Geiſt ergoſſen, welcher ſonderlich in die Kunſt gewirket,
dieſelbe begeiſtert und belebet habe.

Wir gehen alſo von dem erſten und aͤlteren Hetruriſchen Stile zuC.
Von dem
zweyten Stile
der Hetruri-
ſchen Kuͤnſtler,
und von deſſen
Eigenſchaften.

dem nachfolgenden und zweyten, deſſen Eigenſchaften und Kennzeichen ſind
theils eine empfindliche Andeutung der Figur und deren Theile, theils eine
gezwungene Stellung und Handlung, die in einigen Figuren gewaltſam
und uͤbetrieben iſt. In der erſten Eigenſchaft ſind die Muskeln ſchwuͤlſtig
erhoben, und liegen wie Huͤgel, die Knochen ſind ſchneidend gezogen, und
allzu ſichtbar angegeben, wodurch dieſer Stil hart und peinlich wird. Es
iſt aber zu merken, daß die beyden Arten dieſer Eigenſchaft, nemlich die
ſtarke Andeutung der Muskeln und der Knochen, ſich nicht beſtaͤndig bey-
ſammen in allerhand Werken dieſes Stils finden. In Marmor, weil
ſich nur goͤttliche Figuren erhalten haben, ſind die Muskeln nicht allezeit
ſehr geſucht; aber der ſtrenge und harte Schnitt der Muskeln der Wade
iſt an allen. Ueberhaupt aber kann man als eine Regel feſtſetzen, daß die
Griechen mehr den Ausdruck und die Andeutung der Muskeln, die He-
trurier aber der Knochen geſucht; und wenn ich nach dieſer Kenntniß einen
ſeltenen und ſchoͤn geſchnittenen Stein beurtheile, und einige Knochen zu ſtark
angegeben ſehe, ſo waͤre ich geneigt, denſelben fuͤr Hetruriſch zu halten,
da er im uͤbrigen einem Griechiſchen Kuͤnſtler Ehre machen koͤnnte. Es iſt
derſelbe zu Anfange des dritten Stuͤcks des folgenden Capitels geſetzt, und
ſtellet den Theſeus vor, wie er die Phaͤa erſchlagen hat, wovon Plutar-
chus 1) meldet. Dieſer Carniol befand ſich noch vor zwanzig Jahren
in dem Koͤniglichen Farneſiſchen Muſeo zu Capo di Monte in Neapel,
iſt aber ſeit der Zeit entwendet worden, wie es vor und nachher mit andern

ſchoͤnen
1) In Theſeo, p. 9. l. 4.
O 3

I Theil. Drittes Capitel.
ſchoͤnen Steinen daſelbſt ergangen iſt. In dem Stoßiſchen Muſeo 1) iſt
eben dieſe Vorſtellung in Carniol geſchnitten. Jener Stein kan dem Le-
ſer zugleich als ein Exempel dienen, von der Zweifelhaftigkeit in Entſchei-
dung zwiſchen Hetruriſchen und zwiſchen Griechiſchen Arbeiten des aͤl-
tern Stils. Die zweyte Eigenſchaft kann nicht unter einen einzigen Be-
griff gefaſſet werden: denn gezwungen und gewaltſam iſt nicht einerley.
Dieſes gehet nicht allein auf die Stellung, die Handlung, und auf den
Ausdruck, ſondern auch die Bewegung aller Theile; jenes kann zwar von
der Handlung geſagt werden, iſt aber auch in der rauheſten Stellung.
Gezwungen, iſt das Gegentheil von der Natur, und gewaltſam, von der
Sittſamkeit und von dem Wohlſtande. Das erſte iſt eine Eigenſchaft auch
des erſten Stils, das zweyte aber dieſes Stils insbeſondere. Das ge-
waltſame der Stellung fließet aus der erſten Eigenſchaft: denn um den
geſuchten ſtarken Ausdruck und die empfindliche Andeutung zu erhalten,
ſetzte man die Figuren in Staͤnde und Handlungen, worinn ſich jenes am
ſichtbarſten aͤußern konnte, und man waͤhlete das Gewaltſame an ſtatt
der Ruhe und der Stille, und die Empfindung wurde gleichſam aufgebla-
ſen, und bis an ihre aͤußerſten Grenzen getrieben.

Man koͤnnte auf die Figuren dieſes Stils ſo wohl, als des erſten, in
gewiſſer Maaße deuten, was Pindarus vom Vulcanus ſagt 2), daß er
ohne Gratie gebohren ſey. Ueberhaupt wuͤrde dieſer zweyte Stil, vergli-
chen mit dem Griechiſchen von guter Zeit, anzuſehen ſeyn, wie ein junger
Menſch, welcher das Gluͤck einer aufmerkſamen Erziehung nicht gehabt,
und dem man den Zuͤgel in ſeinen Begierden und Aufwallung der Geiſter
ſchießen laſſen, die ihn zu aufgebrachten Handlungen treiben, wie dieſer,
ſage ich, gegen einen ſchoͤnen Juͤngling ſeyn wuͤrde, bey welchem eine weiſe
Erziehung und ein gelehrter Unterricht das Feuer einſchraͤnken, und der vor-

zuͤglichen
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 329.
2) ap. Plutarch. Ερωτ. p. 1338. l. 2. ed. H. Steph.

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
zuͤglichen Bildung der Natur ſelbſt, durch ein geſittetes Weſen, eine groͤ-
ßere Erhobenheit geben wird. Dieſer zweyte Stil iſt auch, wie man itzo
redet, manierirt zu nennen, welches nichts anders iſt, als ein beſtaͤndi-
ger Character in allerley Figuren: denn Apollo, Mars, Hercules und
Vulcanus ſind auf ihren Werken in der Zeichnung nicht verſchieden. Da
nun einerley Character kein Character iſt, ſo koͤnnte man auf Hetruriſche
Kuͤnſtler das, was Ariſtoteles 1) an Zeuxis tadelt, deuten, nemlich,
daß ſie keinen Character gehabt haben; und dieſes erklaͤret zugleich das
bisher nicht verſtandene Urtheil des Weltweiſen von den Kuͤnſtlern.

Die angegebenen Eigenſchaften dieſes Stils ſind noch itzo in gewiſ-D.
Erlaͤuterung
deſſelben.

ſer Maaße dieſer Nation uͤberhaupt eigen, welche auf Kleinigkeiten gehet;
und dieſes zeiget ſich in ihrer Schreibart, welche ſehr geſucht und gekuͤn-
ſtelt iſt, und trocken und duͤrre erſcheinet gegen die reine Klarheit der Roͤ-
miſchen; ſonderlich aber offenbaret es ſich in der Kunſt./ Der Stil ihrer
alten Kuͤnſtler blicket noch itzo hervor in den Werken ihrer Nachkommen,
und entdecket ſich unpartheyiſchen Augen der Kenner in der Zeichnung des
Michael Angelo, des groͤßten unter ihnen: daher ſaget jemand nicht
ohne Grund 2), daß wer eine Figur dieſes Kuͤnſtlers geſehen habe, habe
ſie alle geſehen./ Es iſt auch dieſer Character unwiderſprechlich eine von
den Unvollkommenheiten eines Daniel von Volterra, Pietro von Cor-
tona
, und anderer./ Die beſten Roͤmiſchen Kuͤnſtler hingegen, Raphael
und deſſen Schule, welche mit jenen aus einer Quelle geſchoͤpft haben,
kommen in der Leichtigkeit ihrer Figuren den Griechen allezeit naͤher./

Das, was ich uͤber dieſen Stil geſagt habe, kann deutlicher zum
Beweis in ihren Werken gezeiget werden, an einem baͤrtigen Mercurius

auf
1) Poet. c. 6. p. 249.
2) Dolce Dial. della Pittur. p. 48. a.

I Theil. Drittes Capitel.
auf dem Borgheſiſchen Altare, welcher wie ein gewaltiger Hercules muſcu-
lirt iſt, ſonderlich aber am Tydeus und Peleus. Die Schluͤſſelbeine
am Halſe, die Rippen, die Knorpel des Ellenbogens und der Knie, die
Knoͤchel der Haͤnde und der Fuͤße, ſind ſo hervorliegend angegeben, als
die Roͤhren der Arme und der Schienbeine; ja es iſt die Spitze des Bruſt-
knochens am Tydeus ſichtbar gemacht. Die Muskeln ſind alle in der hef-
tigſten Bewegung auch am Peleus, wo ſich weniger Grund, als in jenem,
dazu findet; am Tydeus ſind auch die Muskeln unter dem Arme nicht ver-
geſſen. Die gezwungene Stellung zeiget ſich auf dem hier in Kupfer ge-
ſtochenen runden Altare im Campidoglio, und in mehr Figuren, auf dem in
der Villa Borgheſe. Die Fuͤße der vorwerts geſtelleten Goͤtter ſind paral-
lel geſchloſſen, und derjenigen, die im Profil ſind, in gerader Linie einer
hinter dem andern. Die Haͤnde ſind uͤberhaupt ungelehrt und gezwungen,
und wenn eine Figur mit den zween vordern Fingern etwas haͤlt, ſo ſtehen
die andern gerade und ſteif voraus. Die gewaltſame Stellung des Ty-
deus hat mehr Grund, als des Peleus; aber in dieſem iſt ſie, um zu dem
ſtarken Ausdrucke der Theile zu gelangen. Bey einer ſo großen Wiſſen-
ſchaft, und Kunſt der Ausarbeitung, welche ſich in dieſen Steinen zeiget,
ſollte es dieſen Kuͤnſtlern nicht an hoͤheren Begriffen der Schoͤnheit in den
Koͤpfen gefehlet haben, und gleichwohl iſt hier das Gegentheil: der Kopf
des Tydeus iſt nach der gemeinſten Natur genommen, und die Augen
ſind ungewoͤhnlich groß; der Kopf des Peleus aber iſt verdreheter, als
deſſen Koͤrper, und hat nicht einmal eine ertraͤgliche Bildung.

E.
Von dem
ſpaͤteren Stile
der Hetruri-
ſchen Kuͤnſtler.

Von dem dritten Stile wuͤrde in einer abgeſonderten Abhandlung
von der Hetruriſchen Kunſt mehr zu ſagen ſeyn, und dasjenige, was der

Grie-

Von der Kunſt unter den Hetruriern.
Griechiſchen Kunſt eigen iſt, welche in dieſem Stile nachgeahmet worden,
wuͤrde zu beſſerem Verſtaͤndniſſe auf die Figuren in demſelben angewendet
werden koͤnnen: dieſes aber waͤre in einer allgemeinen Unterſuchung der
Kunſt aller Voͤlker, welche dieſe Schrift begreift, uͤberfluͤßig. Einige der
vornehmſten Werke der Kunſt dieſes Volks, welche ich aus ihrer letzten
Zeit glaube, ſind oben angezeiget worden; nemlich die drey Statuen von
Erzt in der Gallerie zu Florenz. Es ſcheinen auch, unter andern Br-
graͤbniß-Urnen, vier aus Alabaſter von Volterra, bey dieſer Stadt im
Jahre 1761. gefunden, welche in der Villa Albani ſtehen, aus dieſer Zeit
zu ſeyn. Es ſind dieſelben nur drey Palme lang, und einen Palm breit;
daher dieſelben nur zur Verwahrung der Aſche koͤnnen gedienet haben. Auf
dem Deckel derſelben liegt die verſtorbene Perſon, halb Lebensgroͤße,
mit aufgerichtetem Leibe, welcher ſich auf einen Arm ſtuͤtzet, vorgeſtellet:
drey von denſelben halten eine Schaale, und eine ein Trink-Horn. Die
Fuͤße dieſer Figuren ſind wie abgeſaͤget, weil ſie auf dem Deckel nicht
Raum hatten.

Von der Hetruriſchen Kleidung habe ich nichts, als dieſes, zu erin-F.
Von der Be-
kleidung He-
truriſcher Fi-
guren.

nern. An Figuren in Marmor iſt der Mantel niemals frey geworfen,
ſondern allezeit in parallel Falten geleget, die entweder ſenkrecht, oder in
die Quere gehen; einen freyen Wurf der Maͤntel aber ſieht man an
zween unter den fuͤnf Griechiſchen Helden: folglich kann aus jenen Wer-
ken nicht allgemein geſchloſſen werden. Die Ermel des Weiblichen Unter-
kleides ſind oft in ganz kleine gekniffene Falten gebrochen, nach Art der
Italieniſchen Chor-Hembden (Rocchetti) der Cardinaͤle, und der Ca-
nonici einiger Kirchen; oder in Deutſchland kann man ſich von dem, was ich

bedeu-
Winckelm. Geſch. der Kunſt. P

I Theil. Drittes Capitel.
bedeuten will, einen Begriff machen, an den runden Laternen von Pa-
pier, die in ſolche Bruͤche geleget ſind, um dieſelben aufziehen und zuſam-
men druͤcken zu koͤnnen. Eben dergleichen Ermel hat auch eine Maͤnnli-
che Figur, nemlich die angezeigte Statue in der Villa Albani. Die
Haare ſind an den mehreſten Maͤnnlichen Figuren ſo wohl, als Weiblichen,
dergeſtalt getheilet, daß die, welche von dem Scheitel herunter gehen, hinten
gebunden ſind, die andern fallen in Strippen uͤber die Achſeln vorne herab,
nach dem Gebrauche der aͤltern Zeiten auch bey andern Voͤlkern. Dieſes
iſt im vorigen Capitel bey den Aegyptern angezeiget, und wird auch im
folgenden von den Griechen bemerket.

[Abbildung]
Drittes

[Abbildung]
Drittes Stuͤck.
Von der Kunſt der mit den Hetruriern graͤnzenden Voͤlker.

Das dritte Stuͤck dieſes Capitels enthaͤlt eine Betrachtung uͤber dieDrittes Stuͤck.
Kunſt der mit den Hetruriern graͤnzenden Voͤlker, welche ich hierVon der
Kunſt der mit
den Hetrurieꝛn
graͤnzenden
Voͤlker.

in eins zuſammen faſſe, nemlich der Samniter, Volsker, und Cam-
paner
, und ſonderlich dieſer letztern, bey welchen die Kunſt nicht weniger,
als bey den Hetruriern, bluͤhete. Den Schluß dieſes Stuͤcks macht eine
Nachricht von Figuren aus der Inſel Sardinien.

Von
P 2
I Theil. Drittes Capitel.
I.
Der Samni-
ter.

Von den Werken der Kunſt der Samniter und Volsker hat ſich,
außer ein paar Muͤnzen, ſo viel uns kenntlich iſt, nichts erhalten; von
den Campanern aber, Muͤnzen und irrdene gemalte Gefaͤße: ich kann alſo
von jenen nur allgemeine Nachrichten von ihrer Verfaſſung und Lebensart
geben, woraus auf die Kunſt unter ihnen koͤnnte geſchloſſen werden, wel-
ches der erſte Satz dieſes Stuͤcks iſt; der zweyte handelt von den Werken
der Kunſt der Campaner.

Es wird ſich mit der Kunſt jener beyden Voͤlker, wie mit ihrer
Sprache, verhalten, welches die Oſciſche 1) war, die, wo ſie nicht als ein Dia-
lect der Hetruriſchen anzuſehen iſt, von dieſer wenigſtens nicht ſehr ver-
ſchieden geweſen ſeyn wird. So wie wir aber den Unterſchied der Mund-
art dieſer Voͤlker nicht wiſſen, ſo mangelt es uns auch an Unterricht, wenn
ſich etwa von ihren Muͤnzen oder geſchnittenen Steinen etwas erhalten hat,
die Kennzeichen davon anzugeben.

Die Samniter liebeten die Pracht, und waren als kriegeriſche Voͤl-
ker dennoch den Wolluͤſten des Lebens 2) ſehr ergeben: im Kriege waren
ihre Schilder 3) einige mit Golde, andere mit Silber ausgelegt, und zu
der Zeit, da die Roͤmer von Leinenzeuge nicht viel ſcheinen gewuſt zu haben,
trug die auserleſene Mannſchaft der Samniter, ſo gar im Felde, Roͤcke 4)
von Leinewand, ſo wie die Spanier 5) in dem Heere des Hannibals, die
dieſelben mit Purpur beſetzet hatten; und Livius berichtet 6), daß das
ganze Lager der Samniter in dem Kriege der Roͤmer unter dem Conſul
L. Papirius Curſor, welches ins gevierte ſich auf allen Seiten an zwey
hundert Schritte erſtreckete, mit leinen Tuͤchern umzogen geweſen. Ca-
pua, welches von den Hetruriern 7) erbauet worden, und, nach dem Li-

vius 1),
1) Liv. L. 10. c. 20.
2) conf. Caſaub. in Capitol. p. 106. F.
3) Liv. L. 9. c. 40.
4) Ibid. c. 4. & L. 10. c. 38.
5) Id. L. 22. c. 46.
6) Id. L. 10. c. 38.
7) Mela, L. 2. c. 4.
1) Liv. L. 4. c. 52.

Von der Kunſt der Samniter, Volsker u. Campaner.
vius 1), eine Stadt der Samniter war, das iſt, wie er 2) anderswo be-
richtet, von dieſen jenen abgenommen worden, war wegen der Wolluſt
und Weichlichkeit beruͤhmt.

Die Volsker hatten, ſo wie die Hetrurier, und andere benachbarte Voͤl-II.
Der Volsker.

ker, ein Ariſtocratiſches Regiment 3): ſie waͤhleten daher nur bey entſte-
hendem Kriege 4) einen Koͤnig, oder Heerfuͤhrer, und die Einrichtung der
Samniter war der zu Sparta und in Creta aͤhnlich. Von der großen
Bevoͤlkerung dieſer Nation zeugen noch itzo die haͤufigen Truͤmmer vertil-
geter Staͤdte auf nahe gelegenen Huͤgeln, und von ihrer Macht die Ge-
ſchichte von ſo viel blutigen Kriegen mit den Roͤmern, welche jene nicht
eher, als nach vier und zwanzig Triumphen, bezwingen konnten. Die große
Bevoͤlkerung und die Pracht erweckete das Gehirn und den Fleiß, und
die Freyheit erhob den Geiſt; Umſtaͤnde welche der Kunſt ſehr vortheil-
haft ſind.

Die Roͤmer bedienten ſich in den aͤlteſten Zeiten Kuͤnſtler aus beyden
Voͤlkern; Tarquinius Priſcus ließ von Fregellaͤ, aus dem Lande der
Volsker, einen Kuͤnſtler, mit Namen Turrianus, kommen, welcher eine
Statue des Jupiters von gebrannter Erde machte, und man will aus der
großen Aehnlichkeit einer Muͤnze des Serviliſchen Geſchlechts zu Rom,
mit einer Samnitiſchen, muthmaßen 5), daß jene von Kuͤnſtlern dieſer
Nation gepraͤget worden. Eine ſehr alte Muͤnze 6) von Anxur, einer
Stadt der Volsker, itzo Terracina, hat einen ſchoͤnen Kopf der Pallas.

Die Campaner waren ein Volk, denen ein ſanfter Himmel,III.
Der Campa-
ner.

welchen ſie genoſſen, und der reiche Boden, welchen ſie baueten, die Wol-
luſt einfloͤßeten. Dieſes Land ſo wohl, als der Samniter ihres, war in den aͤlte-

ſten
1) Liv. L. 4. c. 52.
2) Liv. L. 10. c. 38.
3) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 6. p. 374. l. 45.
4) Strabo L. 6. p. 254.
5) Olivieri Diſſ. ſopra alc. Med. Sannit. p. 136.
6) Beger. Theſ. Brand. T. 1. p. 357.
P 3

I Theil. Drittes Capitel.
ſten Zeiten unter Hetrurien begriffen; das Volk aber gehoͤrete nicht zu
dem Koͤrper des Hetruriſchen Staats, ſondern beſtand fuͤr ſich. Die
Griechen kamen nachher, ließen ſich in dieſem Lande nieder, und fuͤhreten
auch ihre Kuͤnſte ein, welches noch itzo, außer den Griechiſchen Muͤnzen
von Neapel, die von Cuma 1), welche noch aͤlter ſind, beweiſen koͤnnen.

A.
Ihre Muͤnzen.

Was zum zweyten die Campaniſchen Werke der Kunſt betrift, ſo
ſind erſtlich ihre Muͤnzen von Capua und Tiano bekannt, mit Schrift in
ihrer eigenen Sprache 2). Der Kopf eines jungen Hercules auf Muͤn-
zen beyder Staͤdte, und der Kopf eines Jupiters auf denen von Capua,
ſind in der ſchoͤnſten Idee: eine Victoria auf einem vierſpaͤnnigen Wagen,
auf Muͤnzen dieſer Stadt, iſt in dem ſchoͤnſten Gepraͤnge.

B.
Ihre gemal-
ten Gefaͤße.

Unter den Campaniſchen gemalten Gefaͤßen begreife ich hier zugleich alle
ſogenannte Hetruriſche, weil die mehreſten in Campanien, und ſonderlich zu
Nola, ausgegraben ſind. Die Hetrurier waren zwar in den aͤlteſten Zeiten
Herren von Italien, von den Alpen an, bis zu der Meerenge von Sicilien,
wie Livius bezeuget, aber man kann aus dieſem Grunde dieſe Gefaͤße nicht
Hetruriſch nennen: denn die beſten derſelben muͤßen aus ſpaͤtern und aus
guten Zeiten der Kunſt ſeyn. Es waren aber die Hetruriſchen Gefaͤße 3)
von Arezzo beruͤhmt, wie es itzo die von Perugia ſind. Es iſt auch
nicht zu laͤugnen, daß auf manchen Gefaͤßen, ſonderlich auf kleinen Schaa-
len, die Zeichnung der Hetruriſchen ſehr aͤhnlich: es ſind manche Ideen,
wie die Faune mit langen Pferdeſchwaͤnzen, in Hetruriſchen Figuren von

Erzt,
1) Beger. Theſ. Brand. T. 1. p. 188.
2) Die Schrift auf dieſen Muͤnzen iſt noch nicht gar lange auf die Namen dieſer Staͤdte
gedeutet worden. Die von Capua haͤlt, unter anderen Gelehrten, Bianchini fuͤr
Puniſch, und Maffei weis nicht, was dieſelbe bedeutet. Die von Tiano hat man
noch itzo in dem Werke der Pembrockiſchen Muͤnzen fuͤr Puniſch gehalten.
(*) Iſtor. Univ. p. 168.
(**) Veron. illuſtr. P. 3. p. 259. n. 5.
(***) P. 2. tab. 88.
3) Gudii Inſcr. p. 209. n. 3.

Von der Kunſt der Samniter, Volsker und Campaner.
Erzt, auch mit dieſen Gefaͤßen, welche aber auch den Campanern eigen
geweſen ſeyn koͤnnen. Gewiß iſt, daß alle große Sammlungen ſolcher
Gefaͤße aus dem Koͤnigreiche Neapel kommen, und daſelbſt zuſammenge-
bracht ſind; wie die Sammlung des Grafen von Maſtrilli zu Neapel,
welche aus einigen hundert Stuͤcken beſtehet. Ein anderer aus eben die-
ſem Hauſe, welcher zu Nola wohnet, hat an eben dem Orte eine auser-
leſene Sammlung gemacht, und auf einem ſeiner Gefaͤße, welches zwo
Figuren vorſtellet, die ſich mit einander ſchlagen wollen, lieſt man:
ΚΑ[fremdsprachliches Material]ΙΚ[fremdsprachliches Material]Ε[fremdsprachliches Material] ΚΑ[fremdsprachliches Material]ο[fremdsprachliches Material]. „Der ſchoͤne Kallikles.„ Diejenigen, welche
in der Bibliothec der Theatiner zu S. Apoſtoli, in gedachter Stadt, ſtehen,
beſaß ein bekannter Neapolitaniſcher Rechtsgelehrter, Joſeph Valetta, wel-
cher auch der Beſitzer war der großen und ſchoͤnen Sammlung ſolcher Ge-
faͤße in der Vaticaniſchen Bibliothec, von deſſen Erben der Cardinal
Gualtieri dieſelben kaufte, und von dieſem kamen ſie an den Ort, wo ſie
itzo ſtehen. Unter dieſen Sammlungen verdienet auch diejenige bekannt ge-
macht zu werden, welche Herr Anton Raphael Mengs gemacht, und
in Neapel zuſammen geſuchet hat, welche an dreyhundert Stuͤcke enthaͤlt.

Unter den Miſtrilliſchen Gefaͤßen befinden ſich drey, und in dem
Koͤniglichen Muſeo zu Neapel, eine Schaale, mit Griechiſcher Inſchrift,
von welchen im folgenden Capitel geredet wird; daß alſo auch hieraus er-
hellet, wie wenig Grund der allgemeine Name Hetruriſcher Gefaͤße habe,
unter welchem man dieſelben bisher begriffen hat. Man will ſo gar vorge-
ben, daß ſich noch in neueren Zeiten Stuͤcke von irrdenen gemalten Gefaͤßen
mit dem Namen ΑΓΑΘΟΚΛΕΟϒΣ gefunden haben, welche von
dieſem beruͤhmten Koͤnige, der eines Toͤpfers Sohn war, ſeyn ſollen.

Es finden ſich unter dieſen Gefaͤßen von allerhand Art und Form,
von den kleinſten an, welche zum Spielzeuge der Kinder muͤſſen gedienet ha-
ben, bis auf Gefaͤße von drey bis vier Palme hoch; die mancherley Form

der

I Theil. Drittes Capitel.
der groͤßeren zeiget ſich in Buͤchern, wo dieſelben in Kupfer geſtochen ſind.
Der Gebrauch derſelben war verſchieden. Bey Opfern, und ſonderlich 1)
der Veſta, blieben irrdene Gefaͤße beybehalten: einige dieneten zur Bewah-
rung der Aſche der Todten, wie denn die mehreſten in verſchuͤtteten Grab-
maͤlern, ſonderlich bey der Stadt Nola, nicht weit von Neapel, gefunden
worden. Es zeiget dieſes auch ein ſchoͤnes Gefaͤß in dem Muſeo Herrn
Mengs, welches im alten Capua, in ein anderes Gefaͤß geſetzt, verwah-
ret geweſen: das Gefaͤß iſt in eben der Form auf demſelben gemalet, und
ſtehet wie auf einem kleinen Huͤgel, welcher vermuthlich ein Grab vorſtel-
len ſoll, ſo wie die Graͤber 2) der aͤlteſten Zeiten waren. Man merke hier-
bey die Gelegenheit, daß neben den Toden ein Gefaͤß mit Oel geſetzet wur-
de, und daß ſolche Gefaͤße auch auf Grabmaͤlern 3) gemalet wurden.
Auf der einen und auf der andern Seite des gemalten Gefaͤßes ſtehet eine junge
Maͤnnliche Figur, welche, außer einem auf der Schulter haͤngenden Ge-
wande, und einem Degen unter dem Arme hinauf, nach Art heroiſcher
Figuren, (welches alsdenn ὑπωλένιος 4) heißt) nackend iſt. Es ſind die
Geſichter derſelben nicht Idealiſch, ſondern ſcheinen beſtimmte Perſonen
vorzuſtellen: ſie unterreden ſich mit einander voller Betruͤbniß. Wir wiſ-
ſen auch, daß in den erſten Zeiten der Griechen 5) ein bloßes Gefaͤß der
Preiß des Sieges in ihren Spielen war, und dieſes zeiget ein Gefaͤß auf
Muͤnzen der Stadt Tralles 6) an, und auf vielen geſchnittenen Steinen 7).
Der Preiß in den Panathenaiſchen Spielen zu Athen waren gemalte Ge-
faͤße von gebrannter Erde, mit Oel angefuͤllet, und hierauf deuten die Ge-
faͤße 8) an dem Gipfel eines Tempels zu Athen. Viele Gefaͤße aber

waren
1) Brodaei Miſcel. L. 5. c. 19.
2) Pauſ. L. 6. p. 507. l. 38. L. 8. p. 624. l. 33. &c.
3) Schol. Ariſtoph. Eccleſ. v. 988.
4) Schol. Pind. Olymp. 2. v. 149.
5) Hom. Il. ψ᾽. v. 259. Athen. Deipn. L. 11. p. 468. C.
6) Spanh. de praeſt. Num. T. 1. p. 134.
7) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 460.
8) Callimach. Fragm. 122. p. 366.

Von der Kunſt der Samniter, Volsker und Campaner.
waren vermuthlich bey den Alten, was itzo unſer Porcellan iſt, nur zum
Zierrathe, welches ſonderlich daraus zu ſchließen iſt, daß ſich einige finden,
welche keinen Boden haben, noch gehabt haben. Aus den haͤufigen Figu-
ren, welche ein Schabezeug (Strigilis) halten, koͤnnte es ſcheinen, daß
viele derſelben in Baͤdern aufzuſtellen gemacht worden.

Die Figuren ſind auf den mehreſten nur mit einer einzigen Farbe ge-
malet, oder beſſer zu reden, die Farbe der Figuren iſt der eigentliche
Grund der Gefaͤße, oder die natuͤrliche Farbe des gebrannten ſehr feinen
Thons ſelbſt; das Feld aber des Gemaͤldes, oder die Farbe zwiſchen den
Figuren, iſt eine ſchwaͤrzliche Glaͤtte, und mit eben derſelben ſind die Um-
riſſe der Figuren auf demſelben Grunde gemalet. Von Gefaͤßen mit mehr
Farben gemalet befinden ſich, außer denen in der Vaticaniſchen Bibliothec 1),
zwey in der Gallerie zu Florenz, und zwey andere in dem Muſeo Herrn
Mengs. Das eine von dieſen, und man ſagt das gelehrteſte unter allen
Gefaͤßen, iſt eine Parodie der Liebe des Jupiters und der Alcmena, das iſt,
es iſt dieſelbe ins laͤcherliche gekehret, und auf eine Comiſche Art vorgeſtellet;
oder man koͤnnte ſagen, es ſey hier der vornehmſte Auftritt einer Comoͤdie,
wie der Amphitruo des Plautus iſt, gemalet. Alcmena ſieht aus einem
Fenſter, wie diejenigen 2) thaten, welche ihre Gunſt feil hatten, oder
ſproͤde thun, und ſich koſtbar machen wollten: das Fenſter ſtehet hoch, nach
Art der Alten. Jupiter iſt verkleidet mit einer baͤrtigen weißen Maske,
den Scheffel (Modius) auf dem Kopfe, wie Serapis, welcher mit der
Maske aus einem Stuͤcke iſt. Es traͤgt derſelbe eine Leiter, zwiſchen deren
Sproſſen er den Kopf hindurch ſtecket, wie im Begriffe, das Zimmer der
Geliebten zu erſteigen. Auf der andern Seite iſt Mercurius mit einem
dicken Bauche, wie ein Knecht geſtaltet, und wie Soſia beym Plautus
verkleidet; er haͤlt in der linken Hand ſeinen Stab geſenkt, als wenn er

denſelben
1) Dempſt. Etrur. tab. 28. 92.
2) Heinſ. Lect. Theocrit. c. 7. p. 83.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. Q

I Theil. Drittes Capitel.
denſelben verbergen wollte, um nicht erkannt zu werden, und in der an-
dern Hand traͤgt er eine Lampe, welche er gegen das Fenſter erhebet, ent-
weder dem Jupiter zu leuchten, oder es zu machen, wie Delphis beym
Theocritus zur Simaͤtha ſagt, mit der Axt und mit der Lampe 1), auch
mit Feuer Gewalt zu gebrauchen, wenn ihn ſeine Geliebte nicht einlaſſen
wuͤrde. Er hat einen großen Priapus, welcher auch hier ſeine Deutung
hat, und in den Comoͤdien der Alten band man ſich ein großes Glied 2)
von rothem Leder vor. Beyde Figuren haben weißliche Hoſen und Struͤm-
pfe aus einem Stuͤcke, welche bis auf die Knoͤchel der Fuͤße reichen, wie
der ſitzende Comicus mit einer Maske vor dem Geſicht, in der Villa Matei:
denn die Perſonen in den Comoͤdien der Alten durften nicht ohne Hoſen 3)
erſcheinen. Das Nackende der Figuren iſt Fleiſchfarbe, bis auf den Pria-
pus, welcher dunkel roth iſt, ſo wie die Kleidung der Figuren, und das
Kleid der Alcmena iſt, mit weißen Sternchen bezeichnet Mit Sternen ge-
wuͤrkte Kleider, waren ſchon unter den Griechen der aͤlteſten Zeiten bekannt;
ein ſolches hatte der Held Soſipolis 4) auf einem uralten Gemaͤlde, und
Demetrius Poliorcetes 5) trug dergleichen. Dieſes Gefaͤß iſt zu Anfang
dieſes dritten Stuͤcks in Kupfer geſtochen beygebracht.

Die Zeichnung auf den mehreſten Gefaͤßen iſt ſo beſchaffen, daß die
Figuren in einer Zeichnung des Raphaels einen wuͤrdigen Platz haben
koͤnnten, und es iſt merkwuͤrdig, daß ſich nicht zwey mit voͤllig einerley
Bildern finden, und unter ſo viel hunderten, welche ich geſehen habe, hat
jedes Gefaͤß ſeine beſondere Vorſtellung. Wer die meiſterhafte und zierli-
che Zeichnung auf denſelben betrachtet, und einſehen kann, und die Art zu
verfahren weiß, in Auftragung der Farben auf dergleichen gebrannte Ar-

beit,
1) Idyl. a. v. 127.
2) Ariſtoph. Nub. v. 539. conf. Eiusd. Lyſiſtr. v. 110.
3) Pitt. Erc. T. I. p. 267. n. 9.
4) Pauſan. L. 6. p. 517. l. 8.
5) Athen. Deipn. L. 12. p. 535. F.

Von der Kunſt der Samniter, Volsker und Campaner.
beit, findet in dieſer Art Malerey den groͤßten Beweis von der allgemeinen
Richtigkeit und Fertigkeit auch dieſer Kuͤnſtler in der Zeichnung. / Denn
dieſe Gefaͤße ſind nicht anders, als unſere Toͤpferarbeit, gemalet, oder wie
das gemeine Porcellan, wenn, nachdem es geroͤſtet iſt, wie man ſpricht,
die blaue Farbe aufgetragen wird. Dieſes Gemalte will fertig und ge-
ſchwinde gemacht ſeyn: denn aller gebrannter Thon ziehet, wie ein duͤrres
lechzendes Erdreich den Thau, unverzuͤglich die Feuchtigkeit aus den Farben
und aus dem Pinſel, daß alſo, wenn die Umriſſe nicht ſchnell mit einem ein-
zigen Striche gezogen werden, im Pinſel nichts, als die Erde, zuruͤck bleibet.
Folglich da man insgemein keine Abſaͤtze, oder angehaͤngte und von neuem
angeſetzte Linien findet, ſo muß eine jede Linie des Umriſſes einer Figur
unabgeſetzt gezogen ſeyn, welches in der Eigenſchaft dieſer Figuren beynahe
wunderbar ſcheinen muß. Man muß auch bedenken, daß in dieſer Arbeit
keine Aenderung oder Verbeſſerung ſtatt findet, ſondern wie die Umriſſe ge-
zogen ſind, muͤſſen ſie bleiben. / Dieſe Gefaͤße ſind, wie die kleineſten gering-
ſten Inſecten die Wunder in der Natur, das Wunderbare in der Kunſt der
Alten, und ſo wie in Raphaels erſten Entwuͤrfen ſeiner Gedanken der Umriß
eines Kopfs, ja ganze Figuren, mit einem einzigen unabgeſetzten Federſtri-
che gezogen, dem Kenner hier den Meiſter nicht weniger, als in deſ-
ſen ausgefuͤhrten Zeichnungen, zeigen, eben ſo erſcheinet in den Gefaͤßen mehr
die große Fertigkeit und Zuverſicht der alten Kuͤnſtler, als in andern Werken.
Eine Sammlung derſelben iſt ein Schatz von Zeichnungen 1).

Hier
1) Es war einem Betruͤger, Namens Pietro Fondi, gelungen, dieſe Gefaͤße nachzumachen.
Es hat ſich derſelbe ſonderlich zu Venedig und zu Corfu aufgehalten, und von ſeiner Arbeit
iſt manches Stuͤck in Italien geblieben, die mehreſten aber ſind auswerts gegangen. Es
iſt eben derſelbe, von welchem Apoſtolo Zeno in einem ſeiner Briefe redet. Dieſe Be-
truͤgerey aber iſt auch von denen, die von der Zeichnung keine große Kenntniß haben, leicht zu
entdecken: denn die Erde zu denſelben iſt grob, und die Gefaͤße ſind alſo ſchwer; da hingegen
die alten Gefaͤße aus einer ungemein verfeinerten Erde gemacht ſind, und die Glaͤtte iſt
wie uͤber dieſelben geblaſen, welches an jenen das Gegentheil iſt.
(*) Lettere, Vol. 3. p. 197.
Q 2
I Theil. Drittes Capitel.
IV.
Anzeige eini-
ger Figuren
aus der Inſel
Sardinien.

Hier ſcheinet mir der bequemſte Ort, zum Beſchluſſe dieſes Capitels,
ein paar Worte zu melden von einigen in der Inſel Sardinien entdeckten
Figuren in Erzt, welche, in Abſicht ihrer Bildung und ihres hohen Alter-
thums, einige Aufmerkſamkeit verdienen. Es ſind vor kurzer Zeit 1) ein paar
andere aͤhnliche Figuren aus dieſer Inſel bekannt gemacht worden; diejenigen
aber, von welchen ich rede, befinden ſich in dem Muſeo des Collegii St. Igna-
tii, von dem Herrn Cardinal Alexander Albani dahin geſchenkt. Es ſind
vier derſelben von verſchiedener Groͤße, von einem halben bis an zween Palme.
Die Form und Bildung derſelben iſt ganz barbariſch, und hat zugleich die
deutlichſten Kennzeichen des hoͤchſten Alterthums in einem Lande, wo die
Kuͤnſte niemals gebluͤhet haben. Der Kopf derſelben iſt lang gezogen, mit
ungewoͤhnlich großen Augen und ungeſtalten Theilen, und mit langen ſtorchs-
maͤßigen Haͤlſen, nach der Art, wie einige der haͤßlichſten kleinen Hetruriſchen
Figuren in Erzt gebildet ſind.

Zwo von den drey kleineren Figuren ſcheinen Soldaten, aber ohne
Helme; beyde haben einen kurzen Degen an ein Gehenk uͤber den Kopf ge-
worfen, auf der Bruſt ſelbſt haͤngen, und zwar von der rechten zur linken.
Auf der linken Schulter haͤngt ein kurzer und ſchmaler Mantel, welcher ein
ſchmaler Streifen iſt, und reichet bis an die Haͤlfte der Schenkel. Es ſchei-
net ein viereckt Tuch, welches kann zuſammengelegt ſeyn; auf der einen und
innern Seite iſt daſſelbe mit einem ſchmalen erhobenen Rande eingefaſſet.
Dieſe beſondere Art Kleidung kann vielleicht die den alten Sardiniern allein
eigene ſeyn, welche Maſtruca 2) hieß. Die eine Figur haͤlt einen Teller
mit Fruͤchten, wie es ſcheinet, in der Hand.

Die merkwuͤrdigſte unter dieſen Figuren, faſt zween Palme hoch, iſt
ein Soldat mit einer kurzen Weſte, wie jene, mit Hoſen und Beinruͤſtungen
bis unter die Waden, welche das Gegentheil von andern Beinruͤſtungen ſind:
denn an ſtatt daß der Griechen ihre das Schienbein bedeckten, liegen dieſe
uͤber die Wade, und ſind vorne offen. Eben ſo ſieht man die Beine bewaf-
net an dem Caſtor und Pollux, auf einem Steine des Stoßiſchen Muſei 3),

wo
1) Caylus Rec. d’Antiq. T. 3.
2) Plaut. Poen. Act. 5. Sc. 5. v. 34. Iſid. L. 19. c. 3. ex Cicerone.
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 201.

Von der Kunſt der Samniter, Volsker und Campaner.
wo ich jene Figur zur Erklaͤrung angefuͤhret habe. Dieſer Soldat haͤlt mit
der linken Hand einen runden Schild vor dem Leib, aber etwas entfernt, und
unter demſelben drey Pfeile, deren Fittige uͤber den Schild hervorgehen;
in der linken Hand haͤlt er den Bogen. Die Bruſt iſt mit einem kurzen
Panzer verwahret, wie auch die Achſeln mit Kappen, welche Achſelruͤ-
ſtung man auch auf einem Gefaͤße der Maſtrilliſchen Sammlung zu Nola
ſieht, und dieſe Kappen ſind wie die an der Montur unſerer Trommelſchlaͤ-
ger geſtaltet. Der Kopf iſt mit einer platten Muͤtze bedeckt, an welcher von
den Seiten zwey lange Hoͤrner, wie Zaͤhne, vorwerts und aufwerts
ſtehen. Auf dem Kopfe liegt ein Korb mit zwo Trage-Stangen, wel-
cher auf den Hoͤrnern ruhet, und abgenommen werden kann. Auf dem Ruͤ-
cken traͤgt er ein Geſtelle eines Wagens mit zwey kleinen Raͤdern, deſſen
Deichſel in einen Ring auf dem Ruͤcken geſteckt iſt, ſo daß die Raͤder uͤber
den Kopf reichen.

Dieſes lehret uns einen unbekannten Gebrauch der alten Voͤlker im
Kriege. Der Soldat in Sardinien mußte ſeine Mund-Proviſion ſelbſt mit
ſich fuͤhren; er trug dieſelbe aber nicht auf der Schulter, wie die Roͤmiſchen
Soldaten, ſondern er zog ſie hinter ſich auf einem Geſtelle, worauf der Korb
ſtand. Nach vollendetem Zuge, wo dieſes nicht mehr noͤthig war, ſteckte der
Soldat ſein leichtes Geſtelle in den Ring, welcher auf dem Ruͤcken befeſtiget
war, und legte ſeinen Korb auf den Kopf uͤber die zwey Hoͤrner. Vemuthlich
gieng man mit allen dieſem Geraͤthe, wie man ſieht, auch in die Schlacht,
und der Soldat war beſtaͤndig mit allem Zubehoͤr verſehen.

Zum Beſchluſſe dieſes Capitels gebe ich dem Leſer, welcher in manchenBeſchluß die-
ſes Capitels.

Stuͤcken mehr Licht verlangen moͤchte, zu bedenken, daß es uns in der Verglei-
chung dieſer alten Voͤlker in Italien mit den Aegyptern gehet, wie einigen
Perſonen, welche in ihrer Mutterſprache weniger, als in einer auswaͤrtigen
Sprache, gelehrt ſind. Von der Kunſt der Aegypter koͤnnen wir mit mehr
Gewißheit reden, die uns von jenen Voͤlkern, deren Laͤnder wir bereiſen und
umgraben, fehlet. Wir haben eine Menge kleiner Hetruriſcher Figuren,
aber nicht Statuen genug, zu einem voͤllig richtigen Syſtema ihrer Kunſt zu

gelan-
Q 3

I Theil. Drittes Capitel.
gelangen, und nach einem Schiffbruche laͤßt ſich aus wenig Bretern kein
ſicheres Fahrzeug bauen. Das mehreſte beſtehet in geſchnittenen Steinen,
welche wie das kleine Geſtruͤppe ſind von einem ausgehauenen Walde, von
welchem nur noch einzelne Baͤume ſtehen, znm Zeichen der Verwuͤſtung.
Zum Ungluͤck iſt zur Entdeckung von Werken aus den bluͤhenden Zeiten dieſer
Voͤlker wenig Hoffnung. Die Hetrurier hatten in ihrem Lande die Mar-
mor-Bruͤche bey Luna, (itzo Carrara) welches eine von ihren zwoͤlf Haupt-
Staͤdten war; aber die Samniter, Volsker und Campaner fanden keinen
weißen Marmor bey ſich, und werden folglich ihre Werke mehrentheils von
gebrannter Erde, oder von Erzt, gemacht haben. Jene ſind zerbrochen, und dieſe
geſchmolzen; und dieſes iſt die Urſache von der Seltenheit der Kunſt-Werke
dieſer Voͤlker. Unterdeſſen da der Hetruriſche Stil dem aͤlteren Griechiſchen
aͤhnlich geweſen, ſo kann dieſe Abhandlung als eine Vorbereitung zum fol-
genden Capitel angeſehen, und der Leſer hieher verwieſen werden.

[Abbildung]
Das

[Abbildung]
Das vierte Capitel.
Von der Kunſt unter den Griechen.


Erſtes Stuͤck.
Von den Gruͤnden und Urſachen des Aufnehmens und des Vor-
zugs der Griechiſchen Kunſt vor andern Voͤlkern.

Die Kunſt der Griechen iſt die vornehmſte Abſicht dieſer Geſchichte,Erſtes Stuͤck.
Von den
Gruͤnden und
Urſachen des
Aufnehmens
und des Vor-
zugs der Grie-
chiſchen Kunſt
vor andern
Voͤlkern.

und es erfordert dieſelbe, als der wuͤrdigſte Vorwurf zur Betrach-
tung und Nachahmung, da ſie ſich in unzaͤhlich ſchoͤnen Denkmaalen erhal-
ten hat, eine umſtaͤndliche Unterſuchung, die nicht in Anzeigen unvoll-
kommener Eigenſchaften, und in Erklaͤrungen des eingebildeten, ſondern

in

I Theil. Viertes Capitel.
in Unterricht des Weſentlichen beſtaͤnde, und in welcher nicht blos Kennt-
niſſe zum Wiſſen, ſondern auch Lehren zum Ausuͤben vorgetragen wuͤrden.
Die Abhandlung von der Kunſt der Aegypter, der Hetrurier, und anderer
Voͤlker, kann unſere Begriffe erweitern, und zur Richtigkeit im Urtheil fuͤh-
ren; die von den Griechen aber ſoll ſuchen, dieſelben auf Eins und auf das
Wahre zu beſtimmen, zur Regel im Urtheilen und im Wirken.

Dieſe Abhandlung uͤber die Kunſt der Griechen beſtehet aus vier
Stuͤcken: Das erſte und vorlaͤufige handelt von den Gruͤnden und Urſa-
chen des Aufnehmens und des Vorzugs der Griechiſchen Kunſt vor ande-
ren Voͤlkern; das zweyte von dem Weſentlichen der Kunſt; das dritte von
dem Wachsthume, und von dem Falle derſelben; und das vierte von dem
Mechaniſchen Theile der Kunſt. Den Beſchluß dieſes Capitels macht eine
Betrachtung uͤber die Malereyen aus dem Alterthume.

Die Urſache und der Grund von dem Vorzuge, welchen die Kunſt
unter den Griechen erlanget hat, iſt theils dem Einfluſſe des Himmels,
theils der Verfaſſung und Regierung, und der dadurch gebildeten Den-
kungsart, wie nicht weniger der Achtung der Kuͤnſtler, und dem Gebrau-
che und der Anwendung der Kunſt unter den Griechen, zuzuſchreiben.

I.
Von dem
Einfluſſe des
Himmels.

Der Einfluß des Himmels muß den Saamen beleben, aus welchem
die Kunſt ſoll getrieben werden, und zu dieſem Saamen war Griechenland
der auserwaͤhlte Boden; und das Talent zur Philoſophie, welches Epi-
curus den Griechen 1) allein beylegen wollen, koͤnnte mit mehrerm Rechte
von der Kunſt gelten. Vieles, was wir uns als Idealiſch vorſtellen moͤch-
ten, war die Natur bey ihnen. Die Natur, nach dem ſie ſtuffenweis
durch Kaͤlte und Hitze gegangen, hat ſich in Griechenland, wo eine zwi-
ſchen Winter und Sommer abgewogene Witterung 2) iſt, wie in ihrem

Mittel-
1) Clem. Alex. Strom. L. 1. p. 355. l. 12.
2) Herodot. L. 3. p. 127. l. 11. Plat. Tim. p. 475. l. 43. ed. Baſ. 1534.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Mittelpuncte geſetzt, und je mehr ſie ſich demſelben naͤhert, deſto heiterer
und froͤhlicher wird ſie, und deſto allgemeiner iſt ihr Wirken in geiſtreichen
witzigen Bildungen, und in entſchiedenen und vielverſprechenden Zuͤgen.
Wo die Natur weniger in Nebeln und in ſchweren Duͤnſten eingehuͤllet iſt,
giebt ſie dem Koͤrper zeitiger eine reifere Form; ſie erhebet ſich in maͤchtigen,
ſonderlich Weiblichen Gewaͤchſen, und in Griechenland wird ſie ihre Men-
ſchen auf das feinſte vollendet haben. Die Griechen waren ſich dieſes, und
uͤberhaupt, wie Polybius 1) ſagt, ihres Vorzugs vor andern Voͤlkern be-
wußt, und unter keinem Volke iſt die Schoͤnheit ſo hoch, als bey ihnen, ge-
achtet worden 2); deswegen blieb nichts verborgen, was dieſelbe erheben
konnte, und die Kuͤnſtler ſahen die Schoͤnheit taͤglich vor Augen. Ja es
war dieſelbe gleichſam ein Verdienſt zum Ruhme, und wir finden in den
Griechiſchen Geſchichten 3) die ſchoͤnſten Leute angemerket: gewiſſe Perſo-
nen wurden von einem einzigen ſchoͤnen Theile der Bildung, wie Demetrius
Phalereus von ſeinen ſchoͤnen Augenbranen 4), mit einem beſonderen Namen
bezeichnet. Daher wurden Wettſpiele der Schoͤnheit bereits in den aller-
aͤlteſten Zeiten, vom Cypſelus 5), Koͤnige in Arcadien, zur Zeit der Heracli-
der, bey dem Fluſſe Alpheus, in der Landſchaft Elis, angeordnet; und an

dem
1) L. 5. p. 431. A.
2) Der Prieſter eines jugendlichen Jupiters zu Aegaͤ , des Iſmeniſchen Apollo ,
und derjenige, welcher zu Tanagra die Proceſſion des Mercurius mit einem Lamme
auf der Schulter fuͤhrete, waren allemal Juͤnglinge, denen der Preis in der Schoͤnheit
war zuerkannt worden. Die Stadt Egeſta in Sicilien richtete einem Philippus, wel-
cher nicht ihr Buͤrger, ſondern aus Croton war, bloß wegen ſeiner vorzuͤglichen Schoͤn-
heit , ein Grabmaal, wie einem vergoͤtterten Helden, auf, und man opferte ihm
bey demſelben.
(*) Pauſan. L. 7. p. 585. l. 2.
(**) Id. L. 9. p. 730. l. 25.
(***) Id. L. 9. p. 752. l. 28.
(****) Herodot. L. 5. c. 47.
3) conf. Pauſan. L. 6. p. 457. l. 27.
4) χαριτοβλέφαρος. Diog. Laert. in eius Vit. p. 307.
5) Euſtath. ad Il. τ΄. p. 1185. l. 16. conf. Palmer. Exerc. in Auct. Gr. p. 448.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. R

I Theil. Viertes Capitel.
dem Feſte des Phileſiſchen Apollo war 1) auf den gelehrteſten Kuß unter
jungen Leuten ein Preis geſetzet. Eben dieſes geſchah unter Entſcheidung
eines Richters, wie vermuthlich auch dort zu Megara 2) bey dem Grabe
des Diocles. Zu Sparta 3), und zu Lesbus 4), in dem Tempel der Juno,
und bey den Parrhaſiern 5) waren Wettſtreite der Schoͤnheit unter dem
Weiblichen Geſchlechte.

II.
Von der Ver-
faſſung u. Re-
gierung unter
den Griechen,
unter welcher
betrachtet wird

In Abſicht der Verfaſſung und Regierung von Griechenland iſt die
Freyheit die vornehmſte Urſache des Vorzugs der Kunſt. Die Freyheit
hat in Griechenland allezeit den Sitz gehabt, auch neben dem Throne 6)
der Koͤnige, welche vaͤterlich 7) regiereten, ehe die Aufklaͤrung der Ver-
A.
Die Freyheit.
nunft ihnen die Suͤßigkeit einer voͤlligen Freyheit ſchmecken ließ, und Ho-
merus nennet den Agamemnon 8) einen Hirten der Voͤlker, deſſen Liebe
fuͤr dieſelben, und Sorge fuͤr ihr Beſtes, anzudeuten. Ob ſich gleich nachher
Tyrannen aufwarfen, ſo waren ſie es nur in ihrem Vaterlande, und die
ganze Nation hat niemals ein einziges Oberhaupt erkannt. Daher ruhete
nicht auf einer Perſon allein das Recht, groß in ſeinem Volke zu ſeyn, und
ſich mit Ausſchließung anderer verewigen zu koͤnnen.

B.
Die Beloh-
nung der Lei-
bes-Uebungen
und anderer
Verdienſte
mit Statuen.

Die Kunſt wurde ſchon ſehr zeitig gebraucht, das Andenken einer
Perſon auch durch ſeine Figur zu erhalten, und hierzu ſtand einem jeden
Griechen der Weg offen. Da nun die aͤlteſten Griechen 9) das Gelernete
dem, wo ſich die Natur vornemlich aͤußerte, weit nachſetzten, ſo wur-
den auch die erſten Belohnungen auf Leibes-Uebungen geſetzt, und wir

finden
1) Lutat. ad Stat. Theb. L. 8. v. 198. conf. Barth. T. 3. p. 828.
2) Theocrit. Idyl. 12. v. 29. ‒‒ 34.
3) Muſ. de Her. & Leand. amor. v. 75.
4) καλλιςεῖα genannt. v. Athen. Deipn. L. 13. p. 610. B.
5) Athen. l. c. p. 609. E.
6) Ariſtot. Polit. L. 3. c. 10. p. 87. ed. Sylburg.
7) Thucyd. L. 1. p. 5. l. 25.
8) Ariſtot. Eth. Nicom. L. 8. c. 11. p. 148. Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 5. p. 322. l. 45.
9) Pind. Olymp. 9. v. 152.

Von der Kunſt unter den Griechen.
finden von einer Statue Nachricht, welche zu Elis 1) einem Spartaniſchen
Ringer, Eutelides, ſchon in der acht und dreyßigſten Olympias aufgerichtet
worden; und vermuthlich iſt dieſelbe nicht die erſte geweſen. In kleineren
Spielen, wie zu Megara, wurde ein Stein 2) mit dem Namen des Siegers
aufgerichtet. Daher ſuchten ſich die groͤßten Maͤnner unter den Griechen
in der Jugend in den Spielen hervorzuthun; Chryſippus und Cleanthes
wurden hier eher, als durch ihre Weltweisheit, bekannt; ja Plato ſelbſt er-
ſchien unter den Ringern in den Iſthmiſchen Spielen zu Corinth, und
in den Pythiſchen zu Sicyon. Pythagoras 3) trug zu Elis den Preis da-
von, und unterrichtete den Eurymenes, daß er an eben dem Orte den
Sieg, erhielt. Auch unter den Roͤmern waren die Leibes-Uebungen der
Weg einen Namen zu erhalten, und Papirius, welcher die Schande der
Roͤmer ad Furculas Caudinas an den Samnitern raͤchete, iſt uns we-
niger durch dieſen Sieg, als durch ſeinen Beynamen, der Laͤufer 4), wel-
chen auch Achilles beym Homerus fuͤhret, bekannt.

Eine Statue des Siegers 5), in deſſen Gleichheit und Aehnlichkeit,
an dem heiligſten Orte in Griechenland geſetzet, und von dem ganzen Vol-
ke geſehen und verehret, war ein maͤchtiger Antrieb, nicht weniger dieſelbe
zu machen, als zu erlangen, und niemals iſt fuͤr Kuͤnſtler, unter irgend
einem Volke von ie an, eine ſo haͤufige Gelegenheit geweſen, ſich zu zeigen;
der Statuen in den Tempeln ſo wohl der Goͤtter 6), als ihrer Prieſter
und Prieſterinnen 7), nicht zu gedenken. Den Siegern in den großen
Spielen wurden nicht allein an dem Orte der Spiele, und vielen nach der

Anzahl 8)
1) Pauſan. L. 6. p. 490. l. 15.
2) Pind. Olymp. 7. v. 157.
3) Bentley Diſſ. upon Phalar. p. 53.
4) Liv. L. 9. c. 16.
5) Lucian. pro Imag. p. 490.
6) Die Einwohner der Lipariſchen Inſeln ließen dem Apollo ſo viel Statuen in Delphos
ſetzen, als Schiffe ſie von den Hetruriern genommen hatten. Pauſan. L. 10. p. 836. l. 7.
7) Pauſan. L. 2. p. 148. l. 4. p. 195. l. 32. L. 7. p. 589. l. 36.
R 2

I Theil. Viertes Capitel.
Anzahl 1) der Siege, Statuen geſetzet, ſondern auch zugleich in ihrem
Vaterlande 2), und dieſe Ehre wiederfuhr auch andern verdienten Buͤr-
gern. Dionyſius 3) redet von den Statuen der Buͤrger zu Cuma in
Italien, welche Ariſtodemus, der Tyrann dieſer Stadt, in der zwey und
ſiebenzigſten Olympias, aus dem Tempel, wo ſie ſtanden, wegnehmen und
an unſaubere Orte werfen ließ. Einigen Siegern der Olympiſchen Spiele
aus den erſten Zeiten, da die Kuͤnſte noch nicht bluͤheten, wurden lange
nach ihrem Tode, ihr Andenken zu erhalten, Statuen aufgerichtet, wie
einem Oibotas 4), aus der Sechſten Olympias, dieſe Ehre allererſt in
der Achtzigſten wiederfuhr. Es iſt beſonders, daß ſich jemand ſeine Sta-
tue machen laſſen, ehe er den Sieg erhielt 5); ſo gewiß war derſelbe.
Ja zu Aegium, in Achaja, war einem Sieger 6) eine beſondere Halle,
oder verdeckter Gang, von ſeiner Stadt gebauet, um ſich daſelbſt im Rin-
gen zu uͤben.

C.
Die aus der
Freyheit ge-
bildete Den-
kungsart.

Durch die Freyheit erhob ſich, wie ein edler Zweig aus einem ge-
ſunden Stamme, das Denken des ganzen Volks. Denn wie der Geiſt
eines zum Denken gewoͤhnten Menſchen ſich hoͤher zu erheben pflegt im
weiten Felde, oder auf einem offenen Gange, auf der Hoͤhe eines Ge-
baͤudes, als in einer niedrigen Kammer, und in jedem eingeſchraͤnkten Orte,
ſo muß auch die Art zu denken unter den freyen Griechen gegen die Begrif-
fe beherrſchter Voͤlker ſehr verſchieden geweſen ſeyn. Herodotus zeiget 7),
daß die Freyheit allein der Grund geweſen von der Macht und Hoheit,
zu welcher Athen gelanget iſt, da dieſe Stadt vorher, wenn ſie einen
Herrn uͤber ſich erkennen muͤſſen, ihren Nachbarn nicht gewachſen ſeyn

koͤnnen.
1) Pauſan. L. 6. p. 459. l. 12
2) Plutarch. Apophth. p. 314. ed. H. Steph. Pauſan. L. 7. p. 595. l. 27.
3) Ant. Rom. L. 7. p. 408. l. 24.
4) Id. L. 6. p. 458. l. 5.
5) Ibid. p. 471. l. 29.
6) Pauſan. L. 7. p. 582. l. 25.
7) L. 5. p. 199. l. 13.

Von der Kunſt unter den Griechen.
koͤnnen. Die Redekunſt fieng an aus eben dem Grunde allererſt in dem
Genuſſe der voͤlligen Freyheit unter den Griechen zu bluͤhen; daher legten
die Sicilianer 1) dem Gorgias die Erfindung der Redekunſt bey. Die
Griechen waren in ihrer beſten Zeit denkende Weſen, welche zwanzig und
mehr Jahre ſchon gedacht hatten, ehe wir insgemein aus uns ſelbſt zu
denken anfangen, und die den Geiſt in ſeinem groͤßten Feuer, von
der Munterkeit des Koͤrpers unterſtuͤtzet, beſchaͤftigten, welcher bey
uns, bis er abnimmt, unedel genaͤhret wird. Der unmuͤndige Verſtand,
welcher, wie eine zarte Rinde, den Einſchnitt behaͤlt und erweitert, wurde
nicht mit bloßen Toͤnen ohne Begriffe unterhalten, und das Gehirn, gleich
einer Wachstafel, die nur eine gewiſſe Anzahl Worte oder Bilder faſſen
kann, war nicht mit Traͤumen erfuͤllet, wenn die Wahrheit Platz nehmen
will. Gelehrt ſeyn, das iſt, zu wiſſen, was andere gewußt haben,
wurde ſpaͤt geſucht: gelehrt, im heutigen Verſtande, zu ſeyn, war in ih-
rer beſten Zeit leicht, und weiſe konnte ein jeder werden. Denn es war
eine Eitelkeit weniger in der Welt, nemlich viel Buͤcher zu kennen, da
allererſt nach der ein und ſechzigſten Olympias die zerſtreueten Glieder des
groͤßten Dichters geſammlet wurden. Dieſen lernete das Kind 2); der
Juͤngling dachte wie der Dichter, und wenn er etwas wuͤrdiges hervorge-
bracht hatte, ſo war er unter die erſten ſeines Volks gerechnet.

Ein weiſer Mann war der geehrteſte, und dieſer war in jeder Stadt,III.
Von der
Achtung der
Kuͤnſtler.

wie bey uns der reichſte, bekannt; ſo wie es der junge Scipio 3) war,
welcher die Cybele nach Rom fuͤhrete. Zu dieſer Achtung konnte der
Kuͤnſtler auch gelangen; ja Socrates erklaͤrete die Kuͤnſtler 4) allein fuͤr
weiſe, als diejenigen, welche es ſind, und nicht ſcheinen; und vielleicht in

dieſer
1) conf. Hardion Diſſ. ſur l’orig. de la Rhet. p. 160.
2) Xenoph. Conviv. c. 3. §. 5.
3) Liv. L. 29. c. 14.
4) Plat. Apolog. p. 9. ed. Baſ.
R 3

I Theil. Viertes Capitel.
dieſer Ueberzeugung gieng Aeſopus beſtaͤndig unter den Bildhauern und
Baumeiſtern umher. In viel ſpaͤterer Zeit war der Maler Diognetus
einer von denen, welche den Marcus Aurelius die Weisheit lehreten.
Dieſer Kaiſer bekennet, daß er von demſelben gelernet habe, das Wahre
von dem Falſchen zu unterſcheiden, und nicht Thorheiten fuͤr wuͤrdige
Sachen anzunehmen. Der Kuͤnſtler konnte ein Geſetzgeber werden: denn
alle Geſetzgeber waren gemeine Buͤrger, wie Ariſtoteles 1) bezeuget. Er
konnte Kriegsheere fuͤhren, wie Lamachus, einer der duͤrfdigſten Buͤrger zu
Athen, und ſeine Statue neben dem Militiades und Themiſtocles, ja neben
den Goͤttern ſelbſt, geſetzet ſehen: ſo ſtelleten Xenophilus 2) und Strato ihre
ſitzenden Figuren bey ihrer Statue des Aeſculapius und der Hygiea zu Argus.
Chiriſophus 3), der Meiſter des Apollo zu Tegea, ſtand in Marmor neben
ſeinem Werke, und Alcamenes 4) war erhaben gearbeitet an dem Gipfel des
Eleuſiniſchen Tempels; Parrhaſius und Silanion 5) wurden in ihrem Ge-
maͤlde des Theſeus zugleich mit dieſem verehret. Andere Kuͤnſtler ſetzten
ihren Namen auf ihr Werk, und Phidias den ſeinigen 6) zu den Fuͤßen
des Olympiſchen Jupiters. Es ſtand auch an verſchiedenen Statuen der
Sieger zu Elis 7) der Name der Kuͤnſtler, und an dem Wagen mit vier
Pferden von Erzt, welchen der Sohn des Koͤnigs Hiero zu Syracus, Di-
nomenes, ſeinem Vater ſetzen ließ, war in zween Verſen 8) angezeiget,
daß Onatas der Meiſter dieſes Werks ſey. Dieſer Gebrauch aber war
dennoch nicht ſo allgemein, daß man aus dem Mangel des Namens des
Kuͤnſtlers an vorzuͤglichen Statuen ſchließen koͤnnte, daß es Werke aus

ſpaͤtern
1) Polit. L. 4. c. 11. p 115. l. 20. ed. 1577, 4.
2) Pauſan. L. 2. p. 163. l. 36.
3) Pauſan. L. 8. p. 708. l. 9.
4) Pauſan. L. 5. p. 399. l. 37.
5) Plutarch. Theſ. p. 5. l. 22.
6) Pauſan. L. 5. p. 397. l. 41.
7) conf. Id. L. 6. p. 456. l. 36.
8) Id. L. 8. p. 688. l. 1.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſpaͤtern Zeiten ſeyn 1). Dieſes war nur zu erwarten von Leuten, die Rom
im Traume, oder, wie junge Reiſende, in einem Monate, geſehen.

Die Ehre und das Gluͤck des Kuͤnſtlers hiengen nicht von dem Ei-
genſinne eines unwiſſenden Stolzes ab, und ihre Werke waren nicht nach
dem elenden Geſchmacke, oder nach dem uͤbel geſchaffenen Auge eines durch
die Schmeicheley und Knechtſchaft aufgeworfenen Richters, gebildet, ſon-
dern die weiſeſten des ganzen Volks urtheileten und belohneten ſie, und ihre
Werke, in der Verſammlung aller Griechen, und zu Delphos 2) und zu
Corinth waren Wettſpiele der Malerey unter beſondern dazu beſtellten Rich-
tern, welche zur Zeit des Phidias angeordnet wurden. Hier wurde zuerſt
Panaͤus, der Bruder, oder, wie andere wollen 3), der Schweſter Sohn
des Phidias, mit dem Timagoras von Chalcis, gerichtet, und der letzte er-
hielt den Preis. Vor ſolchen Richtern erſchien Aetion 4) mit ſeiner Ver-
maͤhlung Alexanders und der Roxane: derjenige Vorſitzer, welcher den
Ausſpruch that, hieß Proxenides, und er gab dem Kuͤnſtler ſeine Tochter
zur Ehe. Man ſieht, daß ein allgemeiner Ruf auch an andern Orten die
Richter nicht geblendet, dem Verdienſte das Recht abzuſprechen: denn zu
Samos wurde Parrhaſius, in dem Gemaͤlde des Urtheils uͤber die Waffen
des Achilles, dem Timanthes nachgeſetzet. Aber die Richter waren nicht
fremde in der Kunſt: denn es war eine Zeit in Griechenland, wo die Ju-
gend in den Schulen der Weisheit ſo wohl, als der Kunſt, unterrichtet wur-
de. Daher arbeiteten die Kuͤnſtler fuͤr die Ewigkeit, und die Belohnun-
gen ihrer Werke ſetzten ſie in Stand, ihre Kunſt uͤber alle Abſichten des
Gewinns und der Vergeltung zu erheben. So malete Polygnotus das
Poecile zu Athen, und, wie es ſcheinet, auch ein oͤffentlich Gebaͤude 5) zu

Delphos.
1) Gedoyn glaubet ſich durch dieſe Meynung von dem großen Haufen abzuſondern, und
ein ſeichter Brittiſcher Scribent , welcher gleichwohl Rom geſehen, betet jenem nach.
(*) Hiſt. de Phidias, p. 199.
(**) Nixon’s Eſſay on a Sleeping Cupid, p. 22.
2) Plin. L. 35. c. 35.
3) Strab. L. 8. p. 354. A.
4) Lucian. Herod. c. 5.
5) Plin. L. 35. c. 35.

I Theil. Viertes Capitel.
Delphos, ohne Entgelt aus, und die Erkenntlichkeit gegen dieſe letzte Ar-
beit ſcheinet der Grund zu ſeyn, welcher die Amphictiones, oder den allge-
meinen Rath der Griechen, bewogen, dieſem großmuͤthigen Kuͤnſtler eine
freye Bewirthung durch ganz Griechenland auszumachen 1).

Ueberhaupt wurde alles vorzuͤgliche in allerley Kunſt und Arbeit be-
ſonders geſchaͤtzet, und der beſte Arbeiter in der geringſten Sache konnte
zur Verewigung ſeines Namens gelangen. Wir wiſſen noch itzo den Na-
men des Baumeiſters 2) einer Waſſerleitung auf der Inſel Samos, und
desjenigen, der daſelbſt das groͤßte Schiff gebauet hat; ingleichen den Na-
men eines beruͤhmten Steinmetzen, welcher in Arbeit an Saͤulen ſich her-
vorthat; er hieß Architeles 3). Es ſind die Namen zweyer Weber, oder
Stuͤcker 4), bekannt, die einen Mantel der Pallas Polias zu Athen arbei-
reten. Wir wiſſen den Namen eines Arbeiters von ſehr richtigen Wagen,
oder Waage-Schaalen; er hieß Parthenius 5). Ja es hat ſich der Name
des Sattlers 6), wie wir ihn nennen wuͤrden, erhalten, der den Schild
des Ajax von Leder machte. In dieſer Abſicht ſcheinen die Griechen vieles,
was beſonders war, nach dem Namen des Meiſters, der es gemacht
hatte, benennet zu haben 7), und unter dergleichen Namen blieben die Sa-
chen immer bekannt. Zu Samos wurden hoͤlzerne Leuchter gemacht, die
in großem Werthe gehalten wurden; Cicero arbeitete auf ſeines Bruders
Landhauſe des Abends bey dergleichen Leuchter 8). Auf der Inſel Naxus
waren jemanden, welcher zu erſt den Penteliſchen Marmor in der Form

von
1) Die Gemaͤlde zu Delphos ſtelleten die Eroberung von Troja vor, wie ich in einem alten
geſchriebenen Schalio uͤber den Gorgias des Plato finde, und eben daſelbſt hat ſich die
Ueberſchrift dieſes Werks erhalten, welche folgende iſt:
Γράψε Πολύγνωτος, Θάσιος γένος, Ἀγλαόφωντος
῾ϒιὸς, περϑομένην Ἰλίον ἀκρόπολιν.
2) Herodot. L. 3. p. 119. l. 32. 36.
3) Theodor. Prodrom. ep. 2. p. 22.
4) Athen. Deipn. L. 2. c. 9.
5) Juvenal. Sat. 12. v. 43.
6) Vit. Hom. p. 359. l. 22.
7) Athen. Deipn. L. 11. p. 470. F. 471. B. 486. C.
8) Cic. ad Q. Fratr. L. 3. ep. 7.

Von der Kunſt unter den Griechen.
von Ziegeln gearbeitet hatte, um Gebaͤude damit zu decken, bloß wegen
dieſer Entdeckung, Statuen geſetzet 1). Vorzuͤgliche Kuͤnſtler hatten den
Namen Goͤttliche, wie Alcimedon beym Virgilius 2).

Der Gebrauch und die Anwendung der Kunſt erhielt dieſelbe in ihrerIV.
Von der
Anwendung
der Kunſt.

Großheit. Denn da ſie nur den Goͤttern geweihet, und fuͤr das heiligſte
und nuͤtzlichſte im Vaterlande beſtimmet war, und in den Haͤuſern der
Buͤrger Maͤßigkeit und Einfalt wohnete, ſo wurde der Kuͤnſtler nicht auf
Kleinigkeiten, oder auf Spielwerke, durch Einſchraͤnkung des Orts, oder
durch die Luͤſternheit des Eigenthuͤmers herunter geſetzet, ſondern was er
machete, war den ſtolzen Begriffen des ganzen Volks gemaͤß. Miltiades,
Themiſtocles, Ariſtides und Cimon, die Haͤupter und Erretter von Grie-
chenland, wohneten nicht beſſer, als ihr Nachbar 3). Grabmale aber wur-
den als heilige Gebaͤude angeſehen; daher es nicht befremden muß, wenn
ſich Nicias, der beruͤhmte Maler, gebrauchen laſſen, ein Grabmal 4) vor
der Stadt Tritia in Achaja auszumalen. Man muß auch erwaͤgen, wie
ſehr es die Nacheiferung in der Kunſt beſoͤrdert habe, wenn ganze Staͤd-
te 5), eine vor der andern, eine vorzuͤgliche Statue zu haben ſuchten, und
wenn ein ganzes Volk 6) die Koſten zu einer Statue ſo wohl von Goͤttern,
als von Siegern 7) in den oͤffentlichen Spielen, aufbrachten. Einige
Staͤdte waren, auch im Alterthume ſelbſt, bloß durch eine ſchoͤne Statue
bekannt, wie Aliphera 8) wegen einer Pallas von Erzt, vom Hecatodo-
rus und Soſtratus gemacht.

Die Bildhauerey und Malerey ſind unter den Griechen eher, als die
Baukunſt, zu einer gewiſſen Vollkommenheit gelanget: denn dieſe hat mehr

Idea-
1) Pauſan. L. 5. p. 398. l. 8.
2) Eclog. 3. v. 37.
3) Demoſth. Orat. περὶ συντάξ p. 71. b.
4) Pauſan. L. 7. p. 580. l. 11.
5) Plin. L. 35. c. 37.
6) Dionyſ. Halic. Ant. Rom. L. 4. p. 220. l. 47.
7) Pauſan. L. 6. p. 465. l. 35. p. 487. l. 25. p. 488. l. 34. p. 489. l. 2. p. 493. l. 16.
8) Polyb. L. 4. p. 340. D.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. S

I Theil. Viertes Capitel.
Idealiſches, als jene, weil ſie keine Nachahmung von etwas wirklichem hat
ſeyn koͤnnen, und, nach der Nothwendigkeit, auf allgemeine Regeln und
Geſetze der Verhaͤltniſſe gegruͤndet worden. Jene beyden Kuͤnſte, welche
mit der bloßen Nachahmung ihren Anfang genommen haben, fanden alle
noͤthige Regeln am Menſchen beſtimmt, da die Baukunſt die ihrige durch
viele Schluͤſſe finden, und durch den Beyfall feſtſetzen mußte. Die Bild-
hauerey aber iſt vor der Malerey voraus gegangen, und hat, als die aͤltere
Schweſter, dieſe, als die juͤngere, gefuͤhret; ja Plinius iſt der Meynung,
daß zur Zeit des Trojaniſchen Krieges die Malerey noch nicht geweſen ſey.
Der Jupiter des Phidias, und die Juno des Polycletus, die vollkom-
menſten Statuen, welche das Alterthum gekannt hat, waren ſchon, ehe
Licht und Schatten in Griechiſchen Gemaͤlden erſchien. Denn Apollo-
dorus 1), und ſonderlich nach ihm Zeuxis, der Meiſter und der Schuͤler,
welche in der Neunzigſten Olympias beruͤhmt waren, ſind die erſten 2),
welche hierinn ſich zeigeten; da man ſich die Gemaͤlde vor ihrer Zeit als
neben einander geſetzte Statuen vorzuſtellen hat, die außer der Handlung,
in welcher ſie gegen einander ſtanden, als einzelne Figuren kein ganzes zu
machen ſchienen, nach eben der Art, wie die Gemaͤlde auf den ſogenannten
Hetruriſchen Gefaͤßen ſind. Euphranor, welcher mit dem Praxiteles zu
gleicher Zeit, und alſo ſpaͤter noch, als Zeuxis, lebete, hat, wie Plinius
ſagt, die Symmetrie in die Malerey gebracht.

Der
1) Er wurde der Schatten-Maler genannt. (σκιαγράφος. Heſych. σκιά) Man ſieht alſo
die Urſache ſolcher Benennung, und Heſychius, welcher σπιόγραφος fuͤr σκηνόγραφος,
d. i. der Zelt-Maler, genommen, iſt zu verbeſſern.
2) Quintil. Inſt. Orat. L. 12. c. 10.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Der Grund von dem ſpaͤteren Wachsthume der Malerey liegt theilsV.
Von dem
verſchiedenen
Alter der Ma-
lerey und
Bildhauerey.

in der Kunſt ſelbſt, theils in dem Gebrauche und in der Anwendung der-
ſelben: denn da die Bildhauerey den Goͤtterdienſt erweitert hat, ſo iſt
ſie wiederum durch dieſen gewachſen. Die Malerey aber hatte nicht glei-
chen Vortheil: ſie war den Goͤttern und den Tempeln gewidmet, und
einige Tempel, wie der Juno zu Samos 1), waren Pinacothecaͤ, d. i.
Gallerien von Gemaͤlden; auch zu Rom waren in dem Tempel des Frie-
dens, nemlich in den obern Zimmern oder Gewoͤlbern deſſelben, die Gemaͤlde
der beſten Meiſter aufgehaͤnget. Aber die Werke der Maler ſcheinen bey
den Griechen kein Vorwurf heiliger zuverſichtlicher Verehrung und Anbe-
tung geweſen zu ſeyn; wenigſtens findet ſich unter allen vom Plinius und
Pauſanias angefuͤhrten Gemaͤlden kein einziges, welches dieſe Ehre erhal-
ten haͤtte; wo nicht etwa jemand in unten geſetzter Stelle des Philo 2)
ein ſolches Gemaͤlde finden wollte. Pauſanias 3) gedenket ſchlechthin
eines Gemaͤldes der Pallas in ihrem Tempel zu Tegea, welches ein Lecti-
ſternium
4) derſelben war. Die Malerey und Bildhauerey verhalten
ſich, wie die Beredſamkeit und Dichtkunſt: dieſe, weil ſie mehr, als jene,
heilig gehalten, zu heiligen Handlungen gebrauchet, und beſonders belohnet
wurde, gelangete zeitiger zu ihrer Vollkommenheit; und dieſes iſt zum
Theil die Urſache, daß, wie Cicero 5) ſagt, mehr gute Dichter, als Red-

ner,
1) Strab. L. 14. p. 944.
2) De Virtut. & Legat. ad Caj. p. 567. [fremdsprachliches Material] μηδὲν [fremdsprachliches Material]ν προσευχαῖς ὑπὲρ αὐτȣ̃ [Καίσαρος]
μὴ ἄγαλμα, μὴ ξόε[fremdsprachliches Material]νον, μ[fremdsprachliches Material]δὲ γραφὴν ἱδρυσάμενοι.
3) L. 8. p. 695. l. 23.
4) Conf. Caſaub. Animadv. in Sueton. p. 39. D.
5) de Orat. L. 1. c. 3.
S 2

I Theil. Viertes Capitel.
ner, geweſen. Wir finden aber, daß Maler zugleich Bildhauer waren: ein
Athenienſiſcher Maler, Mico 1), machte die Statue des Callias von Athen;
ſo gar vom Apelles 2) war die Statue der Tochter des Spartaniſchen Koͤ-
nigs Archidamus, Cynica, gearbeitet. Solche Vortheile hatte die Kunſt
der Griechen vor andern Voͤlkern, und auf einem ſolchen Boden konnten
ſo herrliche Fruͤchte wachſen.

[Abbildung]
Zweytes
1) Pauſan. L. 6. p. 465. l. 22. conf. p. 480. l. 20.
2) Id. L. 6. p. 453. l. 26.

[Abbildung]
Zweytes Stuͤck.
Von dem Weſentlichen der Kunſt.

Von dieſem erſten vorlaͤufigen Stuͤcke gehen wir zum zweyten, von demZweytes Stuͤck
Von dem
Weſentlichen
der Kunſt.

Weſentlichen der Kunſt, welches zween Theile hat; der erſte han-
delt von der Zeichnung des Nackenden, welcher auch die Thiere mit begreift;I.
Von der
Zeichnung des
Nackenden,
welche ſich
gruͤndet auf
die Schoͤnheit.

der zweyte von der Zeichnung bekleideter Figuren, und insbeſondere von
der Weiblichen Kleidung. Die Zeichnung des Nackenden gruͤndet ſich auf
die Kenntniß und auf Begriffe der Schoͤnheit, und dieſe Begriffe beſtehen
theils in Maaße und Verhaͤltniſſen, theils in Formen, deren Schoͤnheit
der erſten Griechiſchen Kuͤnſtler Abſicht war, wie Cicero 1) ſagt: dieſe
bilden die Geſtalt, und jene beſtimmen die Proportion.

Von der Schoͤnheit iſt zuerſt uͤberhaupt zu reden, und zum zweytenA.
Von der
Schoͤnheit all-
gemein, und
zwar

von der Proportion, und alsdenn von der Schoͤnheit einzelner Theile des

Menſch-
1) de Fin. L. 2. c. 34.
S 3

I Theil. Viertes Capitel.
a. der Ver-
neinende Be-
griff derſelben.
Menſchlichen Koͤrpers. In der allgemeinen Betrachtung uͤber die Schoͤn-
heit iſt vorlaͤufig der verſchiedene Begriff des Schoͤnen zu beruͤhren, wel-
ches der verneinende Begriff derſelben iſt, und alsdenn iſt einiger beſtimm-
ter Begriff der Schoͤnheit zu geben; es kann aber leichter, wie Cotta beym
Cicero 1) von Gott meynet, von der Schoͤnheit geſaget werden, was ſie
nicht iſt, als was ſie iſt.

Die Schoͤnheit, als der hoͤchſte Entzweck, und als der Mittelpunct
der Kunſt, erfordert vorlaͤufig eine allgemeine Abhandlung, in welcher ich
mir und dem Leſer ein Genuͤge zu thun wuͤnſchte; aber dieſes iſt auf bey-
den Seiten ein ſchwer zu erfuͤllender Wunſch. Denn die Schoͤnheit iſt
eins von den großen Geheimniſſen der Natur, deren Wirkung wir ſehen,
und alle empfinden, von deren Weſen aber ein allgemeiner deutlicher Be-
griff unter die unerfundenen Wahrheiten gehoͤret. Waͤre dieſer Begriff
Geometriſch deutlich, ſo wuͤrde das Urtheil der Menſchen uͤber das Schoͤne
nicht verſchieden ſeyn, und es wuͤrde die Ueberzeugung von der wahren
Schoͤnheit leicht werden; noch weniger wuͤrde es Menſchen entweder von
ſo ungluͤcklicher Empfindung, oder von ſo widerſprechendem Duͤnkel geben
koͤnnen, daß ſie auf der einen Seite ſich eine falſche Schoͤnheit bilden, auf
der andern keinen richtigen Begriff von derſelben annehmen, und mit dem
Ennius ſagen wuͤrden:

Sed mihi neutiquam cor conſentit cum oculorum adſpectu.
ap. Cic. Lucull. c. 17.

Dieſe letztern ſind ſchwerer zu uͤberzeugen, als jene zu belehren; ihre
Zweifel aber ſind mehr ihren Witz zu offenbaren erdacht, als zur Vernei-
nung des wirklichen Schoͤnen behauptet; es haben auch dieſelben in der
Kunſt keinen Einfluß. Jene ſollte der Augenſchein, ſonderlich im Ange-
ſichte von tauſend und mehr erhaltenen Werken des Alterthums erleuchten:

aber
1) de Nat. deor. L. 1. c. 21.

Von der Kunſt unter den Griechen.
aber wider die Unempfindlichkeit iſt kein Mittel, und es fehlet uns die Re-
gel und der Canon des Schoͤnen, nach welchem, wie Euripides ſagt 1),
das garſtige beurtheilet wird; und aus dieſer Urſache ſind wir, ſo wie uͤber
das, was wahrhaftig gut iſt, alſo auch uͤber das, was ſchoͤn iſt, verſchieden.
Dieſe Verſchiedenheit der Meynungen zeiget ſich noch mehr in dem Ur-
theile uͤber abgebildete Schoͤnheiten in der Kunſt, als in der Natur ſelbſt.
Denn weil jene weniger, als dieſe, reizen, ſo werden auch jene, wenn ſie
nach Begriffen hoher Schoͤnheit gebildet, und mehr ernſthaft als leichtfer-
tig ſind, dem unerleuchteten Sinne weniger gefallen, als eine gemeine
huͤbſche Bildung, die reden und handeln kann. Die Urſache liegt in unſeren
Luͤſten, welche bey den mehreſten Menſchen durch den erſten Blick erreget
werden, und die Sinnlichkeit iſt ſchon angefuͤllet, wenn der Verſtand
ſuchen wollte, das Schoͤne zu genießen: alsdenn iſt es nicht die Schoͤn-
heit, die uns einnimmt, ſondern die Wolluſt. Dieſer Erfahrung zufolge
werden jungen Leuten, bey welchen die Luͤſte in Wallung und Gaͤhrung
ſind, mit ſchmachtenden und bruͤnſtigen Reizungen bezeichnete Geſichter,
wann ſie auch nicht wahrhaftig ſchoͤn ſind, Goͤttinnen erſcheinen, und ſie
werden weniger geruͤhret werden uͤber eine ſolche ſchoͤne Frau, die Zucht
und Wohlſtand in Gebehrden und Handlungen zeiget, welche die Bildung
und die Majeſtaͤt der Juno haͤtte.

Die Begriffe der Schoͤnheit bilden ſich bey den mehreſten Kuͤnſtlern
aus ſolchen unreifen erſten Eindruͤcken, welche ſelten durch hoͤhere Schoͤnhei-
ten geſchwaͤchet oder vertilget werden, zumal wenn ſie, entfernt von den Schoͤn-
heiten der Alten, ihre Sinne nicht verbeſſern koͤnnen. Denn es iſt mit dem
Zeichnen, wie mit dem Schreiben: wenig Knaben, welche ſchreiben lernen,
werden mit Gruͤnden von Beſchaffenheit der Zuͤge, und des Lichts und Schat-
tens an denſelben, worinn die Schoͤnheit der Buchſtaben beſtehet, ange-

fuͤhret,
1) Hecub. v. 602.

I Theil. Viertes Capitel.
fuͤhret, ſondern man giebt ihnen die Vorſchrift ohne weiteren Unterricht
nachzumachen, und die Hand bildet ſich im ſchreiben, ehe der Knabe auf
die Gruͤnde von der Schoͤnheit der Buchſtaben achten wuͤrde. Eben ſo ler-
nen die mehreſten jungen Leute zeichnen, und ſo wie die Zuͤge im ſchrei-
ben in vernuͤnftigen Jahren bleiben, wie ſie ſich in der Jugend gefor-
met haben, ſo malen ſich insgemein die Begriffe der Zeichner von der
Schoͤnheit in ihrem Verſtande, wie das Auge gewoͤhnet worden, dieſelbe
zu betrachten und nachzuahmen, welche unrichtig werden, da die mehre-
ſten nach unvollkommenen Muſtern zeichnen.

In andern hat der Himmel das ſanfte Gefuͤhl der reinen Schoͤnheit
nicht zur Reife kommen laſſen, und es iſt ihnen entweder durch die Kunſt,
das iſt, durch die Bemuͤhung, ihr Wiſſen allenthalben anzuwenden, in
Bildung jugendlicher Schoͤnheiten erhaͤrtet worden, wie im Michael An-
gelo
, oder es hat ſich dieſes Gefuͤhl durch eine poͤbelhafte Schmeicheley des
groben Sinnes, um demſelben alles greiflicher vor Augen zu legen, mit
der Zeit gaͤnzlich verderbet, wie im Bernini geſchehen iſt. Jener hat ſich
mit Betrachtung der hohen Schoͤnheit beſchaͤftiget, wie man aus ſeinen,
theils gedruckten, theils ungedruckten Gedichten ſieht, wo er in wuͤrdi-
gen und erhabenen Ausdruͤcken uͤber dieſelbe denket, und er iſt wunderbar
in ſtarken Leibern; aber aus angefuͤhrtem Grunde hat derſelbe aus ſeinen
Weiblichen Figuren Geſchoͤpfe einer andern Welt, im Gebaͤude, in der
Handlung und in den Gebehrden gemacht: Michael Angelo iſt gegen den Ra-
phael, was Thucydides gegen den Xenophon iſt. Bernini ergrif eben den
Weg, welcher jenen wie in unwegſame Orte und zu ſteilen Klippen brachte,
und dieſen hingegen in Suͤmpfe und Lachen verfuͤhrete: denn er ſuchte For-
men, aus der niedrigſten Natur genommen, gleichſam durch das Uebertriebene
zu veredlen, und ſeine Figuren ſind wie der zu ploͤtzlichem Gluͤcke gelangete
Poͤbel; ſein Ausdruck iſt oft der Handlung widerſprechend, ſo wie Han-
nibal im aͤußerſten Kummer lachete. Dem ohngeachtet hat dieſer Kuͤnſt-

ler

Von der Kunſt unter den Griechen.
ler lange auf dem Throne geſeſſen, und ihm wird noch itzo gehuldiget. Es
iſt auch das Auge in vielen Kuͤnſtlern eben ſo wenig, wie in Ungelehrten,
richtig, und ſie ſind nicht verſchiedener in Nachahmung der wahren Farbe
der Vorwuͤrfe, als in Bildung des Schoͤnen. Barocci, einer der beruͤhm-
teſten Maler, welcher nach dem Raphael ſtudiret hat, iſt an ſeinen Gewaͤn-
dern, noch mehr aber an ſeinen Profilen, kenntlich, an welchen die Naſe ins-
gemein ſehr eingedruckt iſt. Pietro von Cortona iſt es durch das klein-
liche und unterwerts platte Kinn ſeiner Koͤpfe, und dieſes ſind gleichwohl
Maler der Roͤmiſchen Schule: in andern Schulen von Italien finden ſich
noch unvollkommenere Begriffe.

Die von der zwoten Art, nemlich die Zweifeler wider die Richtig-
keit der Begriffe der Schoͤnheit, gruͤnden ſich vornehmlich auf die Begriffe
des Schoͤnen unter entlegenen Voͤlkern, die ihrer verſchiedenen Geſichts-
bildung zufolge, auch verſchieden von den unſrigen ſeyn muͤſſen. Denn ſo
wie viele Voͤlker die Farbe ihrer Schoͤnen mit Ebenholz (welche ſo, wie
dieſes, glaͤnzender, als anderes Holz, und als eine weiße Haut iſt) verglei-
chen wuͤrden, da wir dieſelbe mit Elfenbein vergleichen, eben ſo, ſagen ſie,
werden vielleicht bey jenen die Vergleichungen der Formen des Geſichts mit
Thieren gemacht werden, an welchen uns eben die Theile ungeſtalt und
haͤßlich ſcheinen. Ich geſtehe, daß man auch in den Europaͤiſchen Bil-
dungen aͤhnliche Formen mit der Bildung der Thiere finden kann, und
Otto van Veen, der Meiſter des Rubens, hat dieſes in einer beſondern
Schrift gezeiget: man wird aber auch zugeben muͤſſen, daß, je ſtaͤrker dieſe
Aehnlichkeit an einigen Theilen iſt, deſto mehr weichet die Forme von den
Eigenſchaften unſers Geſchlechts ab, und es wird dieſelbe theils ausſchwei-
fend, theils uͤbertrieben, wodurch die Harmonie unterbrochen, und die
Einheit und Einfalt geſtoͤret wird, als worinn die Schoͤnheit beſtehet,
wie ich unten zeige.

Je
Winckelm. Geſch. der Kunſt. T
I Theil. Viertes Capitel.

Je ſchraͤger z. E. die Augen ſtehen, wie an Katzen, deſto mehr faͤllt
dieſe Richtung von der Baſe und der Grundlage des Geſichts ab, welche
das Creutz iſt, wodurch daſſelbe von dem Wirbel an in die Laͤnge und in
die Breite gleich getheilet wird, indem die ſenkrechte Linie die Naſe durch-
ſchneidet, die horizontal Linie aber den Augenknochen. Liegt das Auge
ſchraͤg, ſo durchſchneidet es eine Linie, welche mit jener parallel, durch den
Mittelpunct des Auges gezogen, zu ſetzen iſt. Wenigſtens muß hier eben
die Urſache ſeyn, die den Uebelſtand eines ſchief gezogenen Mundes macht;
denn wenn unter zwo Linien die eine von der andern ohne Grund abwei-
chet, thut es dem Auge wehe. Alſo ſind dergleichen Augen, wo ſie ſich
unter uns finden, und an Sineſen und Japoneſen ſeyn ſollen, wie man
an einigen Aegyptiſchen Koͤpfen in Profil ſieht, eine Abweichung. Die
gepletſchte Naſe der Calmucken, der Sineſen, und anderer entlegenen Voͤl-
ker, iſt ebenfalls eine Abweichung: denn ſie unterbricht die Einheit der
Formen, nach welcher der uͤbrige Bau des Koͤrpers gebildet worden, und
es iſt kein Grund, warum die Naſe ſo tief geſenkt liegt, und nicht viel-
mehr der Richtung der Stirne folgen ſoll; ſo wie hingegen die Stirn und
Naſe aus einem geraden Knochen, wie an Thieren, wider die Mannigfal-
tigkeit in unſerer Natur ſeyn wuͤrde. Der aufgeworfene ſchwuͤlſtige Mund,
welchen die Mohren mit den Affen in ihrem Lande gemein haben, iſt ein
uͤberfluͤßiges Gewaͤchs und ein Schwulſt, welchen die Hitze ihres Clima
verurſachet, ſo wie uns die Lippen von Hitze, oder von ſcharfen ſalzigen
Feuchtigkeiten, auch einigen Menſchen im heftigen Zorne, aufſchwellen.
Die kleinen Augen der entlegenen Nordlichen und Oſtlichen Laͤnder ſind in
der Unvollkommenheit ihres Gewaͤchſes mit begriffen, welches kurz und
klein iſt.

Solche Bildungen wirket die Natur allgemeiner, je mehr ſie ſich ih-
ren aͤußerſten Enden naͤhert, und entweder mit der Hitze, oder mit der
Kaͤlte ſtreitet, wo ſie dort uͤbertriebene und zu fruͤhzeitige, hier aber un-

reife

Von der Kunſt unter den Griechen.
reife Gewaͤchſe von aller Art hervorbringet. Denn eine Blume verwelket
in unleidlicher Hitze, und in einem Gewoͤlbe ohne Sonne bleibet ſie ohne
Farbe; ja die Pflanzen arten aus in einem verſchloſſenen finſtern Orte.
Regelmaͤßiger aber bildet die Natur, je naͤher ſie nach und nach wie zu ih-
rem Mittelpunct gehet, unter einem gemaͤßigten Himmel, wie im erſten
Capitel angezeiget worden. Folglich ſind unſere und der Griechen Begriffe
von der Schoͤnheit, welche von der regelmaͤßigſten Bildung genommen
ſind, richtiger, als welche ſich Voͤlker bilden koͤnnen, die, um mich eines
Gedankens eines neuern Dichters zu bedienen, von dem Ebenbilde ihres
Schoͤpfers halb verſtellet ſind. In dieſen Begriffen aber ſind wir ſelbſt
verſchieden, und vielleicht verſchiedener, als ſelbſt im Geſchmacke und Ge-
ruche, wo es uns an deutlichen Begriffen fehlet, und es werden nicht
leicht hundert Menſchen uͤber alle Theile der Schoͤnheit eines Geſichts ein-
ſtimmig ſeyn. Der ſchoͤnſte Menſch, welchen ich in Italien geſehen, war
es nicht in aller Augen, auch derjenigen nicht, die ſich ruͤhmeten, auch auf
die Schoͤnheit unſers Geſchlechts aufmerkſam zu ſeyn; und diejenigen hin-
gegen, welche die Schoͤnheit in den vollkommenen Bildern der Alten un-
terſuchet haben, finden in den Weblichen Schoͤnheiten einer ſtolzen und
klugen Nation, die insgemein ſo ſehr geprieſene Vorzuͤge nicht, weil ſie
nicht von der weißen Haut geblendet werden./ Die Schoͤnheit wird durch
den Sinn empfunden, aber durch den Verſtand erkannt und begriffen,
wodurch jener mehrentheils weniger empfindlicher auf alles, aber richtiger
gemacht wird und werden ſoll. In der allgemeinen Form aber ſind be-
ſtaͤndig die mehreſten und die geſitteteſten Voͤlker in Europa ſo wohl, als
in Aſien und Africa, uͤbereingekommen; daher die Begriffe derſelben nicht
fuͤr willkuͤhrlich angenommen zu halten ſind, ob wir gleich nicht von allen
Grund angeben koͤnnen.

Die Farbe traͤgt zur Schoͤnheit bey, aber ſie iſt nicht die Schoͤnheit
ſelbſt, ſondern ſie erhebet dieſelbe uͤberhaupt und ihre Formen. Da nun

die
T 2

I Theil. Viertes Capitel.
die weiße Farbe diejenige iſt, welche die mehreſten Lichtſtrahlen zuruͤckſchi-
cket, folglich ſich empfindlicher macht, ſo wird auch ein ſchoͤner Koͤrper de-
ſto ſchoͤner ſeyn, je weißer er iſt, ja er wird nackend dadurch groͤßer, als er
in der That iſt, erſcheinen, ſo wie wir ſehen, daß alle neu in Gips geform-
te Figuren groͤßer, als die Statuen, von welchen jene genommen ſind, ſich
vorſtellen. Ein Mohr koͤnnte ſchoͤn heißen, wenn ſeine Geſichtsbildung
ſchoͤn iſt, und ein Reiſender verſichert 1), daß der taͤgliche Umgang mit
Mohren das widrige der Farbe benimmt, und was ſchoͤn an ihnen iſt,
offenbaret; ſo wie die Farbe des Metalls, und des ſchwarzen oder gruͤnli-
chen Baſalts, der Schoͤnheit alter Koͤpfe nicht nachtheilig iſt. Der ſchoͤne
Weibliche Kopf in der letzten Art Stein, in der Villa Albani, wuͤrde in
weißem Marmor nicht ſchoͤner erſcheinen; der Kopf des aͤltern Scipio im
Pallaſte Roſpiglioſi, in einem dunklern Baſalte, iſt ſchoͤner, als drey
andere Koͤpfe deſſelben in Marmor. Dieſen Beyfall werden beſagte Koͤpfe,
nebſt andern Statuen in ſchwarzem Steine, auch bey Ungelehrten erlangen,
welche dieſelben als Statuen anſehen. Es offenbaret ſich alſo in uns eine
Kenntniß des Schoͤnen auch in einer ungewoͤhnlichen Einkleidung deſſel-
ben, und in einer der Natur unangenehmen Farbe: es iſt alſo die Schoͤn-
heit verſchieden von der Gefaͤlligkeit.

b. Der beja-
hende Begriff
derſelben.

Dieſes iſt alſo, wie geſagt, verneinend von der Schoͤnheit gehan-
delt, das iſt, es ſind die Eigenſchaften, welche ſie nicht hat, von derſelben
abgeſondert, durch Anzeige unrichtiger Begriffe von derſelben; ein beja-
hender Begriff aber erfordert die Kenntniß des Weſens ſelbſt, in welches
wir in wenig Dingen hineinzuſchauen vermoͤgend ſind. Denn wir koͤnnen
hier, wie in den mehreſten Philoſophiſchen Betrachtungen, nicht nach Art
der Geometrie verfahren, welche vom allgemeinen auf das beſondere und
einzelne, und von dem Weſen der Dinge auf ihre Eigenſchaften gehet und

ſchließet,
1) Carlet. Viag. v. 7.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſchließet, ſondern wir muͤßen uns begnuͤgen, aus lauter einzelnen Stuͤcken
wahrſcheinliche Schluͤſſe zu ziehen.

Die Weiſen, welche den Urſachen des allgemeinen Schoͤnen nachge-
dacht haben, da ſie daſſelbe in erſchaffenen Dingen erforſchet, und bis zur
Quelle des hoͤchſten Schoͤnen zu gelangen geſuchet, haben daſſelbe in der
vollkommenen Uebereinſtimmung des Geſchoͤpfes mit deſſen Abſichten, und
der Theile unter ſich, und mit dem Ganzen deſſelben, geſetzet. Da dieſes
aber gleichbedeutend iſt mit der Vollkommenheit, fuͤr welche die Menſch-
heit kein faͤhiges Gefaͤß ſeyn kann, ſo bleibet unſer Begriff von der allge-
meinen Schoͤnheit unbeſtimmt, und bildet ſich in uns durch einzelne Kennt-
niſſe, die, wenn ſie richtig ſind, geſammlet und verbunden, uns die hoͤch-
ſte Idee Menſchlicher Schoͤnheit geben, welche wir erhoͤhen, je mehr wir
uns uͤber die Materie erheben koͤnnen. Da ferner dieſe Vollkommenheit
durch den Schoͤpfer allen Creaturen in dem ihnen zukommenden Grade ge-
geben worden, und ein jeder Begriff auf einer Urſache beſtehet, die außer
dieſem Begriffe in etwas andern geſuchet werden muß, ſo kann die Urſache
der Schoͤnheit nicht außer ihr, da ſie in allen erſchaffenen Dingen iſt, ge-
funden werden. Eben daher, und weil unſere Kenntniſſe Vergleichungs-
begriffe ſind, die Schoͤnheit aber mit nichts hoͤherm kann verglichen wer-
den, ruͤhret die Schwierigkeit einer allgemeinen und deutlichen Erklaͤrung
derſelben.

Die hoͤchſte Schoͤnheit iſt in Gott, und der Begriff der Menſchlichen
Schoͤnheit wird vollkommen, je gemaͤßer und uͤbereinſtimmender derſelbe
mit dem hoͤchſten Weſen kann gedacht werden, welches uns der Begriff
der Einheit und der Untheilbarkeit von der Materie unterſcheidet. Dieſer
Begriff der Schoͤnheit iſt wie ein aus der Materie durchs Feuer gezogener
Geiſt, welcher ſich ſuchet ein Geſchoͤpf zu zeugen nach dem Ebenbilde der in
dem Verſtande der Gottheit entworfenen erſten vernuͤnftigen Creatur.

Die
T 3

I Theil. Viertes Capitel.
Die Formen eines ſolchen Bildes ſind einfach und ununterbrochen, und
in dieſer Einheit mannigfaltig, und dadurch ſind ſie harmoniſch; eben ſo
wie ein ſuͤßer und angenehmer Ton durch Koͤrper hervorgebracht wird,
deren Theile gleichfoͤrmig ſind. Durch die Einheit und Einfalt wird alle
Schoͤnheit erhaben, ſo wie es durch dieſelbe alles wird, was wir wirken
und reden: denn was in ſich groß iſt, wird, mit Einfalt ausgefuͤhret und
vorgebracht, erhaben. Es wird nicht enger eingeſchraͤnkt, oder verliehret
von ſeiner Groͤße, wenn es unſer Geiſt wie mit einem Blicke uͤberſehen
und meſſen, und in einem einzigen Begriffe einſchließen und faſſen kann,
ſondern eben durch dieſe Begreiflichkeit ſtellet es uns ſich in ſeiner voͤlligen
Groͤße vor, und unſer Geiſt wird durch die Faſſung deſſelben erweitert,
und zugleich mit erhaben. Denn alles, was wir getheilt betrachten muͤſſen,
oder durch die Menge der zuſammengeſetzten Theile nicht mit einmal uͤber-
ſehen koͤnnen, verliehret dadurch von ſeiner Groͤße, ſo wie uns ein langer
Weg kurz wird durch mancherley Vorwuͤrfe, welche ſich uns auf demſelben
darbiethen, oder durch viele Herbergen, in welchen wir anhalten koͤnnen.
Diejenige Harmonie, welche unſern Geiſt entzuͤcket, beſtehet nicht in un-
endlich gebrochenen, gekettelten und geſchleiften Toͤnen, ſondern in einfa-
chen lang anhaltenden Zuͤgen. Aus dieſem Grunde erſcheinet ein großer
Pallaſt klein, wenn derſelbe mit Zierrathen uͤberladen iſt, und ein Haus
groß, wenn es ſchoͤn und einfaͤltig aufgefuͤhret worden. Aus der Einheit
folget eine andere Eigenſchaft der hohen Schoͤnheit, die Unbezeichnung
derſelben, das iſt, deren Formen weder durch Puncte, noch durch Linien,
beſchrieben werden, als die allein die Schoͤnheit bilden; folglich eine Ge-
ſtalt, die weder dieſer oder jener beſtimmten Perſon eigen ſey, noch irgend
einen Zuſtand des Gemuͤths oder eine Empfindung der Leidenſchaft aus-
druͤcke, als welche fremde Zuͤge in die Schoͤnheit miſchen, und die Ein-
heit unterbrechen. Nach dieſem Begriff ſoll die Schoͤnheit ſeyn, wie das
vollkommenſte Waſſer aus dem Schooße der Quelle geſchoͤpfet, welches, je

weniger

Von der Kunſt unter den Griechen.
weniger Geſchmack es hat, deſto geſunder geachtet wird, weil es von allen
fremden Theilen gelaͤutert iſt. So wie nun der Zuſtand der Gluͤckſeelig-
keit, das iſt, die Entfernung vom Schmerze, und der Genuß der Zufrie-
denheit in der Natur der allerleichteſte iſt, und der Weg zu derſelben der
geradeſte, und ohne Muͤhe und Koſten kann erhalten werden, ſo ſcheinet
auch die Idee der hoͤchſten Schoͤnheit am einfaͤltigſten und am leichteſten,
und es iſt zu derſelben keine philoſophiſche Kenntniß des Menſchen, keine
Unterſuchung der Leidenſchaften der Seele, und deren Ausdruck noͤthig.
Da aber in der Menſchlichen Natur zwiſchen dem Schmerze und dem Ver-
gnuͤgen, auch nach dem Epicurus, kein mittlerer Stand iſt, und die Lei-
denſchaften die Winde ſind, die in dem Meere des Lebens unſer Schiff trei-
ben, mit welchen der Dichter ſeegelt, und der Kuͤnſtler ſich erhebet, ſo
kann die reine Schoͤnheit allein nicht der einzige Vorwurf unſerer Betrach-
tung ſeyn, ſondern wir muͤſſen dieſelbe auch in den Stand der Handlung
und Leidenſchaft ſetzen, welches wir in der Kunſt in dem Worte Ausdruck
begreifen. Es iſt alſo zum erſten von der Bildung der Schoͤnheit, und
zum zweyten von dem Ausdrucke zu handeln.

Die Bildung der Schoͤnheit iſt entweder Individuel, das iſt, aufaa. Die Bil-
dung der
Schoͤnheit in
Werken der
Kunſt.

das einzelne gerichtet, oder ſie iſt eine Wahl ſchoͤner Theile aus vielen ein-
zelnen, und Verbindung in eins, welche wir Idealiſch nennen. Die
Bildung der Schoͤnheit hat angefangen mit dem einzelnen Schoͤnen, inα. die In-
dividuelle
Schoͤnheit.

Nachahmung eines ſchoͤnen Vorwurfs, auch in Vorſtellung der Goͤtter,
und es wurden auch noch in dem Flore der Kunſt Goͤttinnen nach dem
Ebenbilde ſchoͤner Weiber, ſo gar die ihre Gunſt gemein und feil hatten,
gemacht. Die Gymnaſia und die Orte, wo ſich die Jugend im Ringen
und in andern Spielen nackend uͤbte, und wohin man gieng 1), die ſchoͤne
Jugend zu ſehen, waren die Schulen, wo die Kuͤnſtler die Schoͤnheit des

Gebaͤu-
1) Ariſtoph. Pac. v. 761.

I Theil. Viertes Capitel.
Gebaͤudes ſahen, und durch die taͤgliche Gelegenheit das ſchoͤnſte Nackende
zu ſehen, wurde ihre Einbildung erhitzt, und die Schoͤnheit der Formen
wurde ihnen eigen und gegenwaͤrtig. In Sparta uͤbeten ſich ſo gar junge
Maͤdgen entkleidet 1), oder faſt ganz entbloͤßt 2), im Ringen. Es waren
auch den Griechiſchen Kuͤnſtlern, da ſie ſich mit Betrachtung des Schoͤnen
anfiengen zu beſchaͤftigen, die aus beyden Geſchlechtern gleichſam vermiſchte
Natur Maͤnnlicher Jugend bereits bekannt, welche die Wolluſt der Aſia-
tiſchen Voͤlker in wohlgebildeten Knaben, durch Benehmung der Saamen-
gefaͤße hervorbrachte, um dadurch den ſchnellen Lauf der fluͤchtigen Jugend
einzuhalten. Unter den Joniſchen Griechen in Klein-Aſien wurde die
Schaffung ſolcher zweydeutigen Schoͤnheiten ein heiliger und Gottesdienſt-
licher Gebrauch in den verſchnittenen Prieſtern der Cybele.

In der ſchoͤnen Jugend fanden die Kuͤnſtler die Urſache der Schoͤnheit
in der Einheit, in der Mannigfaltigkeit, und in der Uebereinſtimmung.
Denn die Formen eines ſchoͤnen Koͤrpers ſind durch Linien beſtimmt, welche
beſtaͤndig ihren Mittelpunct veraͤndern, und fortgefuͤhrt niemals einen Cir-
kel beſchreiben, folglich einfacher, aber auch mannigfaltiger, als ein Cirkel,
welcher, ſo groß und ſo klein derſelbe immer iſt, eben den Mittelpunct hat,
und andere in ſich ſchließet, oder eingeſchloſſen wird. Dieſe Mannigfaltig-
keit wurde von den Griechen in Werken von aller Art 3) geſuchet, und dieſes
Syſtema ihrer Einſicht zeiget ſich auch in der Form ihrer Gefaͤße und Vaſen,
deren ſvelter und zierlicher Conturn nach eben der Regel, das iſt, durch
eine Linie gezogen iſt, die durch mehr Cirkel muß gefunden werden: denn
dieſe Werke haben alle eine Elliptiſche Figur, und hierinn beſtehet die
Schoͤnheit derſelben. Je mehr Einheit aber in der Verbindung der For-
men, und in der Ausfließung einer aus der andern iſt, deſto groͤßer iſt das
Schoͤne des Ganzen. Ein ſchoͤnes jugendliches Gewaͤchs aus ſolchen For-

men
1) Ariſtoph. Lyſiſtr. v. 82. Polluc. Onom. L. 4. Sect. 102.
2) Eurip. Androm. v. 598.
3) Nicomach. Geras. Arithm. L. 2. p. 28.

Von der Kunſt unter den Griechen.
men gebildet iſt, wie die Einheit der Flaͤche des Meers, welche in einiger
Weite eben und ſtille, wie ein Spiegel, erſcheinet, ob es gleich allezeit in Be-
wegung iſt, und Wogen waͤlzet.

Da aber in dieſer großen Einheit der jugendlichen Formen die Graͤn-
zen derſelben unmerklich eine in die andere fließen, und von vielen der ei-
gentliche Punct der Hoͤhe, und die Linie, welche dieſelbe umſchreibet, nicht
genau kann beſtimmet werden, ſo iſt aus dieſem Grunde die Zeichnung
eines jugendlichen Koͤrpers, in welchem alles iſt und ſeyn, und nicht er-
ſcheinet und erſcheinen ſoll, ſchwerer, als einer Maͤnnlichen oder betagten
Figur, weil in jener die Natur die Ausfuͤhrung ihrer Bildung geendiget,
folglich beſtimmet hat, in dieſer aber anfaͤngt, ihr Gebaͤude wiederum auf-
zuloͤſen, und alſo in beyden die Verbindung der Theile deutlicher vor Au-
gen lieget. Es iſt auch kein ſo großer Fehler, in ſtark muſculirten Koͤrpern
aus dem Umriſſe heraus zu gehen, oder die Andeutung der Muskeln und
anderer Theile zu verſtaͤrken, oder zu uͤbertreiben, als es die geringſte Ab-
weichung in einem jugendlichen Gewaͤchſe iſt, wo auch der geringſte Schat-
ten, wie man zu reden pfleget, zum Koͤrper wird; und wer nur im ge-
ringſten vor der Scheibe vorbey ſchießt, iſt eben ſo gut, als wenn er nicht
hinan getroffen haͤtte.

Dieſe Betrachtung kann unſer Urtheil richtig und gruͤndlich machen,
und die Ungelehrten, welche nur insgemein in einer Figur, wo alle Mus-
keln und Knochen angedeutet ſind, die Kunſt mehr, als in der Einfalt der
Jugend, bewundern, beſſer unterrichten. Einen augenſcheinlichen Beweis
von dem, was ich ſage, kann man in geſchnittenen Steinen und deren Ab-
druͤcken geben, in welchen ſich zeiget, daß alte Koͤpfe viel genauer und
beſſer, als junge ſchoͤne Koͤpfe, von neuern Kuͤnſtlern nachgemacht ſind: ein
Kenner koͤnnte vielleicht bey dem erſten Bilde anſtehen, uͤber das Alterthum
eines betagten Kopfs in geſchnittenen Steinen zu urtheilen; uͤber einen

nach-
Winckelm. Geſch. der Kunſt. U

I Theil. Viertes Capitel.
nachgemachten jugendlichen Idealiſchen Kopf wird er ſicherer entſcheiden
koͤnnen. Ob gleich die beruͤhmte Mcduſa, welche dennoch kein Bild der
hoͤchſten Schoͤnheit iſt, von den beſten neuern Kuͤnſtlern, auch in eben der
Groͤße auszudrucken geſuchet worden, ſo wird dennoch das Original alle-
zeit kenntlich ſeyn; und eben dieſes gilt von den Copien der Pallas des
Aſpaſius, welche Natter in gleicher Groͤße mit dem Originale, und an-
dere geſchnitten haben. Man merke aber, daß ich hier bloß von Empfin-
dung und Bildung der Schoͤnheit in engerem Verſtande rede, nicht von
der Wiſſenſchaft im Zeichnen und im Ausarbeiten: denn in Abſicht des
letztern kann mehr Wiſſenſchaft liegen, und angebracht werden in ſtarken, als
in zaͤrtlichen Figuren, und Laocoon iſt ein viel gelehrteres Werk, als Apollo;
Ageſander, der Meiſter der Hauptfigur des Laocoons, mußte auch ein weit
erfahrnerer und gruͤndlicherer Kuͤnſtler ſeyn, als es der Meiſter des Apollo
noͤthig hatte. Aber dieſer mußte mit einem erhabenern Geiſte, und mit
einer zaͤrtlichern Seele begabet ſeyn: Apollo hat das Erhabene, welches
im Laocoon nicht ſtatt fand.

β Die Idea-
liſche Schoͤn-
heit.

Die Natur aber und das Gebaͤude der ſchoͤnſten Koͤrper iſt ſelten ohne
Maͤngel, und hat Formen oder Theile, die ſich in andern Koͤrpern voll-
kommener finden oder denken laſſen, und dieſer Erfahrung gemaͤß verfuh-
ren dieſe weiſe Kuͤnſtler, wie ein geſchickter Gaͤrtner, welcher verſchiedene
Abſenker von edlen Arten auf einen Stamm pfropfet; und wie eine Biene
aus vielen Blumen ſammlet, ſo blieben die Begriffe der Schoͤnheit nicht
auf das Individuelle einzelne Schoͤne eingeſchraͤnkt, wie es zuweilen die
Begriffe der alten und neuern Dichter, und der mehreſten heutigen Kuͤnſtler
ſind, ſondern ſie ſuchten das Schoͤne aus vielen ſchoͤnen Koͤrpern zu verei-
nigen. Sie reinigten ihre Bilder von aller perſoͤnlichen Neigung, welche
unſern Geiſt von dem wahren Schoͤnen abziehet. So ſind die Augenbra-
nen der Liebſte des Anacreons, welche unmerklich von einander getheilet
ſeyn ſollten, eine eingebildete Schoͤnheit perſoͤnlicher Neigung, ſo wie die-

[j][e][n]

Von der Kunſt unter den Griechen.
jenige, welche Daphnis beym Theocritus 1) liebte, mit zuſammenlauſen-
den Augenbranen 2). Ein ſpaͤterer Griechiſcher Dichter 3) hat in dem
Urtheile des Paris dieſe Form der Augenbranen, welche er der ſchoͤnſten
unter den drey Goͤttinnen giebt, vermuthlich aus angefuͤhrten Stellen ge-
zogen. Die Begriffe unſerer Bildhauer, und zwar derjenigen, die das
Alte nachzuahmen vorgeben, ſind im Schoͤnen einzeln und eingeſchraͤnkt,
wenn ſie zum Muſter einer großen Schoͤnheit den Kopf des Antinous
waͤhlen, welcher die Augenbranen geſenkt hat, die ihm etwas herbes und
melancholiſches geben.

Es faͤllete Bernini ein ſehr ungegruͤndetes Urtheil 4), wenn er die
Wahl der ſchoͤnſten Theile, welche Zeuxis an fuͤnf Schoͤnheiten zu Croton
machete, da er eine Juno daſelbſt zu malen hatte, fuͤr ungereimt und fuͤr
erdichtet anſah, weil er ſich einbildete, ein beſtimmtes Theil oder Glied
reime ſich zu keinem andern Koͤrper, als dem es eigen iſt. Andere haben
keine als Individuelle Schoͤnheiten denken koͤnnen, und ihr Lehrſatz iſt:
die alten Statuen ſind ſchoͤn, weil ſie der ſchoͤnen Natur aͤhnlich ſind,
und die Natur wird allezeit ſchoͤn ſeyn, wenn ſie den ſchoͤnen Statuen aͤhnlich
iſt 5). Der vordere Satz iſt wahr, aber nicht einzeln, ſondern geſammlet;
(collective) der zweyte Satz aber iſt falſch: denn es iſt ſchwer, ja faſt
unmoͤglich, ein Gewaͤchs zu finden, wie der Vaticaniſche Apollo iſt.

Der Geiſt vernuͤnftig denkender Weſen hat eine eingepflanzte Nei-
gung und Begierde, ſich uͤber die Materie in die geiſtige Sphaͤre der Be-

griffe
1) Idyl. 8. v. 72.
2) Die Ueberſetzer geben das Wort σύνοφρυς, junctis ſuperciliis, wie es die Zuſammen-
ſetzung deſſelben erfordert; man koͤnnte es aber nach der Auslegung des Heſychius Stolz
uͤberſetzen: Unterdeſſen ſagt man , daß die Araber ſolche Augenbranen, welche zu-
ſammenlaufen, ſchoͤn finden.
*) La Roque Moeurs & Cout. des Arab. p. 217.
3) Coluth.
4) Boldinuc. Vit. di Bernin. p. 70.
5) des Piles Rem. ſur l’ Art de peint. de Fresnoy, p. 107.
U 2

I Theil. Viertes Capitel.
griffe zu erheben, und deſſen wahre Zufriedenheit iſt die Hervorbringung
neuer und verfeinerter Ideen. Die großen Kuͤnſtler der Griechen, die ſich
gleichſam als neue Schoͤpfer anzuſehen hatten, ob ſie gleich weniger fuͤr
den Verſtand, als fuͤr die Sinne, arbeiteten, ſuchten den harten Gegenſtand
der Materie zu uͤberwinden, und, wenn es moͤglich geweſen waͤre, dieſelbe
zu begeiſtern: dieſes edle Beſtreben derſelben auch in fruͤheren Zeiten der
Kunſt gab Gelegenheit zu der Fabel von Pygmalions Statue. Denn durch
ihre Haͤnde wurden die Gegenſtaͤnde heiliger Verehrung hervorgebracht,
welche, um Ehrfurcht zu erwecken, Bilder von hoͤheren Naturen genommen zu
ſeyn ſcheinen mußten. Zu dieſen Bildern gaben die erſten Stifter der Religion,
welches Dichter waren, die hohen Begriffe, und dieſe gaben der Einbil-
dung Fluͤgel, ihr Werk uͤber ſich ſelbſt und uͤber das Sinnliche zu erheben.
Was konnte Menſchlichen Begriffen von ſinnlichen Gottheiten wuͤrdiger,
und fuͤr die Einbildung reizender ſeyn, als der Zuſtand einer ewigen Jugend,
und des Fruͤhlings des Lebens, wovon uns ſelbſt das Andenken in ſpaͤtern
Jahren froͤlich machen kann? Dieſes war dem Begriffe von der Unver-
aͤnderlichkeit des goͤttlichen Weſens gemaͤß, und ein ſchoͤnes jugendliches
Gewaͤchs der Gottheit erweckte Zaͤrtlichkeit und Liebe, welche die Seele in
einen ſuͤßen Traum der Entzuͤckung verſetzen koͤnnen, worinn die menſchli-
che Seeligkeit beſtehet, die in allen Religionen, gut oder uͤbel verſtanden,
geſuchet worden.

Unter den Weiblichen Gottheiten wurde der Diana und der Pallas
eine beſtaͤndige Jungferſchaft beygelegt, und die andern Goͤttinnen ſollten
dieſelbe eingebuͤßet, wiederum erlangen koͤnnen; Juno, ſo oft ſie ſich in
dem Brunnen Canathus badete. Daher ſind die Bruͤſte der Goͤttinnen
und der Amazonen, wie an jungen Maͤdgens, denen Lucina den Guͤrtel noch
nicht aufgeloͤſet hat, und welche die Frucht der Liebe noch nicht empfangen
haben; ich will ſagen, die Warze iſt auf den Bruͤſten nicht ſichtbar. Es

ſey

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſey denn, daß Goͤttinnen wirklich im Saͤugen vorgeſtellet wuͤrden, wie Iſis 1),
welche dem Apis die Bruſt giebt: die Fabel aber ſaget 2), ſie habe dem
Orus, an ſtatt der Bruſt, den Finger in den Mund geleget, wie dieſes auch
auf einem geſchnittenen Steine 3) des Stoßiſchen Muſei vorgeſtellet iſt,
und vermuthlich dem oben gegebenen Begriffe zu folge. Auf einem alten
Gemaͤlde in dem Pallaſte Barberini, welches eine Venus in Lebensgroͤße
vorſtellen ſoll, ſind Warzen auf ihren Bruͤſten, und aus eben dieſem Grun-
de koͤnnte es keine Venus ſeyn.

Die geiſtige Natur iſt zugleich in ihrem leichten Gange abgebildet,
und Homerus vergleichet die Geſchwindigkeit der Juno im Gehen, mit dem
Gedanken eines Menſchen, mit welchem er durch viele entlegene Laͤnder,
die er bereiſet hat, durchfaͤhrt, und in einem Augenblicke ſaget: „Hier
bin ich geweſen, und dort war ich.„ Ein Bild hiervon iſt das Laufen
der Atalanta, die ſo ſchnell uͤber den Sand hinflog, daß ſie keinen Ein-
druck der Fuͤße zuruͤck ließ; und ſo leicht ſcheinet die Atalanta auf einem
Amathyſte 4) des Stoßiſchen Muſei. Der Schritt des Vaticaniſchen Apollo
ſchwebet gleichſam, ohne die Erde mit den Fußſohlen zu beruͤhren.

Die Jugend der Goͤtter hat in beyderley Geſchlecht ihre verſchiedeneαα. In maͤnn-
lichen jugend-
lichen Gott-
heiten

Stuffen und Alter, in deren Vorſtellung die Kunſt alle ihre Schoͤnheiten
zu zeigen geſucht hat. Es iſt dieſelbe ein Ideal, theils von Maͤnnlichen
ſchoͤnen Koͤrpern, theils von der Natur ſchoͤner Verſchnittenen genommen,א die verſchie-
denen Stufen
der Jugend in
denſelben.

und durch ein uͤber die Menſchheit erhabenes Gewaͤchs erhoͤhet: daher ſagt
Plato 5), daß Goͤttlichen Bildern nicht die wirklichen Verhaͤltniſſe, ſon-
dern welche der Einbildung die ſchoͤnſten ſchienen, gegeben worden. Dasבב die Faune.
Unrichtiger
Begriff eines
Scribenten
von deren
Bildung.

erſtere Maͤnnliche Ideal hat ſeine verſchiedenen Stuffen, und faͤngt an

bey
1) Deſer. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 17. n. 70.
2) Plutarch. de Iſ. & Oſ. p. 636. l. 21.
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 16. n. 63.
4) Ibid. p. 337.
5) Sophiſt. p. 153. l. 26. ed Baſ.
U 3

I Theil. Viertes Capitel.
bey den Faunen, als niedrigen Begriffen von Goͤttern. Die ſchoͤnſten Sta-
tuen der Faune ſind ein Bild reifer ſchoͤner Jugend, in vollkommener
Proportion, und es unterſcheidet ſich ihre Jugend von jungen Helden durch
eine gewiſſe Unſchuld und Einfalt: dieſes war der gemeine Begriff der
Griechen von dieſen Gottheiten. Zuweilen aber gaben ſie denſelben eine
ins Lachen gekehrte Mine, mit haͤngenden Warzen unter den Kinnbacken,
wie an Ziegen; und von dieſer Art iſt einer der ſchoͤnſten Koͤpfe aus dem
Alterthume, in Abſicht der Ausarbeitung, welchen der beruͤhmte Graf
Marſigli beſaß; itzo ſtehet derſelbe in der Villa Albani 1). Der ſchoͤne
Barberiniſche ſchlafende Faun iſt kein Ideal, ſondern ein Bild der ſich
ſelbſt gelaſſenen einfaͤltigen Natur. Ein neuer Scribent, welcher gebun-
den und ungebunden uͤber die Malerey ſinget und ſpricht, muß niemals eine
alte Figur eines Fauns geſehen haben, und von andern uͤbel berichtet ſeyn,
wenn er als etwas bekanntes angiebt 2), daß der Griechiſche Kuͤnſtler die
Natur der Faune gewaͤhlet, zur Abbildung einer ſchweren und unbehenden
Proportion, und daß man ſie kenne an den großen Koͤpfen, an den kurzen
Haͤlſen, an den hohen Schultern, an der kleinen und engen Bruſt, und an
den dicken Schenkeln und Knien, und ungeſtalten Fuͤßen. Iſt es moͤglich,
ſich ſo niedrige und falſche Begriffe von den Kuͤnſtlern des Alterthums zu
machen! Dieſes iſt eine Ketzerey in der Kunſt, die ſich zuerſt in dem Ge-
hirne des Verfaſſers erzenget hat. Ich weis nicht, haͤtte er mit dem Cotta
beym Cicero 3) ſagen ſollen, was ein Faun iſt.

בב Die Ju-
gend und Bil-
dung des Apol-
lo: eines ſchoͤ-
nen Genius
in der Villa
Borgheſe.

Der hoͤchſte Begriff Idealiſcher Maͤnnlicher Jugend iſt ſonderlich im
Apollo gebildet, in welchem ſich die Staͤrke vollkommener Jahre mit den
ſanften Formen des ſchoͤnſten Fruͤhlings der Jugend vereinigt findet.

Dieſe
1) Es befand ſich derſelbe in dem Inſtituto zu Bologna, wo ihn Breval und Keyßler
ſahen, die von demſelben Meldung thun.
2) Watelet Refl. ſur la Peint. p. 69.
3) de Nat. deor. L. 3. c. 6.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Dieſe Formen ſind in ihrer jugendlichen Einheit groß, und nicht wie an
einem in kuͤhlen Schatten gehenden Lieblinge, und welchen die Venus, wie
Ibycus ſagt, auf Roſen erzogen, ſondern einem edlen, und zu großen Ab-
ſichten gebornen Juͤnglinge gemaͤß: daher war Apollo der ſchoͤnſte unter den
Goͤttern. Auf dieſer Jugend bluͤhet die Geſundheit, und die Staͤrke mel-
det ſich, wie die Morgenroͤthe zu einem ſchoͤnen Tage. Ich behaupte aber
nicht, daß alle Statuen des Apollo dieſe hohe Schoͤnheit haben: denn
ſelbſt der von unſern Kuͤnſtlern ſo hoch geſchaͤtzte und vielmals auch in Mar-
mor copirte Apollo in der Villa Medicis iſt, wenn ich es ohne Verbrechen
ſagen darf, ſchoͤn von Gewaͤchs, aber in einzelnen Theilen, als an Knien
und Beinen, unter dem Vorzuͤglichen. Hier wuͤnſchte ich eine Schoͤnheit be-
ſchreiben zu koͤnnen, dergleichen ſchwerlich aus Menſchlichem Gebluͤte erzeu-
get worden: es iſt ein gefluͤgelter Genius in der Villa Borgheſe, in der
Groͤße eines wohlgemachten Juͤnglings. Wenn die Einbildung mit dem
einzelnen Schoͤnen in der Natur angefuͤllet, und mit Betrachtung der von
Gott ausfließenden und zu Gott fuͤhrenden Schoͤnheit beſchaͤftiget, ſich im
Schlafe die Erſcheinung eines Engels bildete, deſſen Angeſicht von Goͤtt-
lichem Lichte erleuchtet waͤre, mit einer Bildung, die ein Ausfluß der Quelle
der hoͤchſten Uebereinſtimmung ſchien, in ſolcher Geſtalt ſtelle ſich der Leſer
dieſes ſchoͤne Bild vor. Man koͤnnte ſagen, die Natur habe dieſe Schoͤn-
heit, mit Genehmhaltung Gottes, nach der Schoͤnheit der Engel gebildet 1).

Die ſchoͤne Jugend im Apollo gehet nachdem in andern Goͤtternגג Die Ju-
gend anderer
Goͤtter, ſon-
derlich des
Mars Unrich-
tiger Begriff
eines Seriben-
ten von deſſen
Bildung.

ſtuffenweis zu ausgefuͤhrtern Jahren, und iſt Maͤnnlicher im Mercurius, und
im Mars; aber nimmermehr iſt es einem Kuͤnſtler des Alterthums einge-
fallen, den Mars, wie ihn der vorher getadelte Scribent haben wollte,

vorzu-
1) Dieſes iſt diejenige Figur, von welcher Flaminio Vacca redet: er glaubt, es ſey
ein Apollo, aber mit Fluͤgeln. Montfaucon hat denſelben nach einer abſcheuli-
lichen Zeichnung ſtechen laſſen.
*) Montfauc. Diar. Ital. p. 193.
**) Antiq. expl. T. I. pl. 115. n. 6.

I Theil. Viertes Capitel.
vorzuſtellen, das iſt, an welchem das geringſte Faͤſerchen die Staͤrke, die
Kuͤhnheit, und das Feuer, welches ihn erreget, ausdruͤcke 1): ein ſolcher
Mars findet ſich nicht im ganzen Alterthume. Die drey ſchoͤnſten Figuren
deſſelben ſind in der Villa Ludoviſi 2) in Lebensgroͤße, welcher ſitzet, und
die Liebe zu den Fuͤßen ſtehen hat: an demſelben iſt, wie in allen goͤttlichen
Figuren, keine Nerve noch Ader ſichtbar; auf einem der zween ſchoͤnen Leuch-
ter von Marmor im Pallaſte Barberini, und auf dem im vorigen Capitel
beſchriebenen runden Werke im Campidoglio, iſt er ſtehend. Alle drey aber
ſind im Juͤnglingsalter, und im ruhigen Stande und Handlung vorgeſtel-
let: als ein ſolcher junger Held findet er ſich auf Muͤnzen, und auf geſchnit-
tenen Steinen. Wenn ſich aber ein baͤrtiger Mars auf andern Muͤnzen,
und auf geſchnittenen Steinen 3) findet, ſo waͤre ich faſt der Meynung,
daß dieſer denjenigen Mars vorſtelle, welchen die Griechen Ενυάλιος nen-
nen, der von jenem, dem Obern Mars 4), verſchieden, und deſſen Gehuͤl-
דד Die Ju-
gend des Her-
cules.
fe 5) war. Hercules findet ſich ebenfalls in der ſchoͤnſten Jugend vorge-
ſtellet, mit Zuͤgen, welche den Unterſcheid des Geſchlechts faſt zweydeutig
laſſen, wie nach der Meynung der mit ihrer Gunſt willfaͤhrigen Glycera 6)
die Schoͤnheit eines jungen Menſchen ſeyn ſollte; und alſo iſt er auf einem
Carniole 7) des Stoßiſchen Muſei geſchnitten. Mehrentheils aber waͤch-
ſet deſſen Stirn an mit einer ruͤndlichen feiſten Voͤlligkeit, welche den Au-
genknochen woͤlbet und gleichſam aufblaͤhet, zu Andeutung ſeiner Staͤrke
und beſtaͤndigen Arbeit in Unmuth, welche, wie der Dichter ſagt 8), das
Herz aufſchwellet.

הה Die Ju-
gend veꝛſchnit-
tener Naturen
im Bacchus.

Die zwote Art Idealiſcher Jugend von verſchnittenen Naturen ge-
nommen, iſt mit der Maͤnnlichen Jugend vermiſcht im Bacchus gebildet,

und
1) Watelet de la Peint. Chant. 1. p. 13.
2) Maffei Stat. n. 66.
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 159. ſeq.
4) Sophoc. Aj. v. 179.
5) Bergler. Not. in Ariſtoph. Pac. v. 456.
6) Athen. Deipn. L. 13. p. 605. D.
7) Deſcr. &c. p. 337.
8) Il. έ. v. 550. 642.

Von der Kunſt unter den Griechen.
und in dieſer Geſtalt erſcheinet derſelbe in verſchiedenem Alter bis zu einem
vollkommenen Gewaͤchſe, und in den ſchoͤnſten Figuren allezeit mit feinen
und rundlichen Gliedern, und mit voͤlligen und ausſchweifenden Huͤften des
Weiblichen Geſchlechts. Die Formen ſind ſanft und fluͤßig wie mit ei-
nem gelinden Hauche geblaſen, faſt ohne Andeutung der Knoͤchel und der
Knorpel an den Knien, ſo wie dieſe in der ſchoͤnſten Natur eines Knabens
und in Verſchnittenen gebildet ſind. Das Bild des Bacchus iſt ein ſchoͤner
Knabe, welcher die Graͤnzen des Fruͤhlings des Lebens und der Juͤng-
lingſchaft betritt, bey welchem die Regung der Wolluſt wie die zarte Spitze
einer Pflanze zu keimen anfaͤngt, und welcher wie zwiſchen Schlummer und
Wachen, in einem entzuͤckenden Traume halb verſenkt, die Bilder deſſel-
ben zu ſammlen, und ſich wahr zu machen anfaͤngt: ſeine Zuͤge ſind voller
Suͤßigkeit, aber die froͤliche Seele tritt nicht ganz ins Geſicht. In eini-
gen Statuen des Apollo iſt die Bildung deſſelben einem Bacchus ſehr aͤhn-
lich, und von dieſer Art iſt der Apollo, welcher ſich nachlaͤßig wie an einen
Baum lehnet, mit einem Schwane unter ſich, im Campidoglio, und in
drey aͤhnlichen gleich ſchoͤnen Figuren in der Villa Medicis: denn in einer
von dieſen Gottheiten wurden zuweilen beyde verehret 1), und einer wurde
an ſtatt des andern genommen. Ich kann faſt nicht ohne Thraͤnen einen
verſtuͤmmelten Bacchus, welcher neun Palme hoch ſeyn wuͤrde, in der
Villa Albani, betrachten, an welchem der Kopf und die Bruſt, nebſt den
Armen, fehlen. Es iſt derſelbe von dem Mittel des Koͤrpers an bis auf
die Fuͤße bekleidet, oder beſſer zu reden, es iſt ſein Gewand oder Mantel
bis unter die Natur herab geſunken, und dieſes weitlaͤuftige und von Fal-
ten reiche Gewand iſt zuſammengefaſſet, und dasjenige, was auf die Erde
herunter haͤngen wuͤrde, iſt uͤber den Zweig eines Baums geworfen, an
welchen die Figur gelehnet ſtehet; um den Baum hat ſich Ephen geſchlun-

gen,
1) Macrob. Saturn. L. 1. c. 18. 19. & 21.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. X

I Theil. Viertes Capitel.
gen, und eine Schlange herum geleget. Keine einzige Figur giebt einen ſo
hohen Begriff von dem, was Anacreon einen Bauch des Bacchus nennet.

ββ Schoͤn-
heit der Gott-
heiten maͤnnl.
Alters, und der
Unterſchied ei-
nes menſchl.
und vergoͤtter-
ten Hercules
gezeiget.

Die Schoͤnheit der Gottheiten im maͤnnlichen Alter beſtehet in einem
Inbegriffe der Staͤrke geſetzter Jahre, und der Froͤlichkeit der Jugend,
und dieſe beſtehet hier in dem Mangel der Nerven und Sehnen, welche
ſich in der Bluͤthe der Jahre wenig aͤußern. Hierinn aber liegt zugleich
ein Ausdruck der goͤttlichen Genugſamkeit, welche die zur Nahrung unſers
Koͤrpers beſtimmte Theile nicht von noͤthen hat; und dieſes erlaͤutert des Epi-
curus Meynung von der Geſtalt der Goͤtter, denen er einen Koͤrper, aber gleich-
ſam einen Koͤrper, und Blut, aber gleichſam Blut, giebt, welches Cicero 1) dunkel
und unbegreiflich geſagt findet. Das Daſeyn und der Mangel dieſer Theile
unterſcheiden einen Hercules, welcher wider ungeheure und gewaltſame
Menſchen zu ſtreiten hatte, und noch nicht an das Ziel ſeiner Arbeiten ge-
langet war, von dem mit Feuer gereinigten, und zu dem Genuß der See-
ligkeit des Olympus erhabenen Koͤrper deſſelben; jener iſt in dem Farne-
ſiſchen Hercules, und dieſer in dem verſtuͤmmelten Sturze deſſelben im
Belvedere vorgeſtellet. Hieraus offenbaret ſich an Statuen, die durch
den Verluſt des Kopfs und anderer Zeichen zweydeutig ſeyn koͤnnten, ob
dieſelbe einen Gott, oder einen Menſchen vorſtellen, und dieſe Betrachtung
haͤtte lehren koͤnnen, daß man eine Herculaniſche ſitzende Statue uͤber Le-
bensgroͤße, durch einen neuen Kopf und durch beygelegte Zeichen nicht
haͤtte in einen Jupiter verwandeln ſollen. Mit ſolchen Begriffen wurde
die Natur vom Sinnlichen bis zum Unerſchaffenen erhoben, und die Hand
der Kuͤnſtler brachte Geſchoͤpfe hervor, die von der Menſchlichen Noth-
durft gereiniget waren; Figuren, welche die Menſchheit in einer hoͤheren
Wuͤrdigkeit vorſtellen, die Huͤllen und Einkleidungen bloß denkender Gei-
ſter und himmliſcher Kraͤfte zu ſeyn ſcheinen.

So
1) De Nat. deor. L. 1. c. 18. & 25.
Von der Kunſt unter den Griechen.

So wie nun die Alten ſtuffenweis von der Menſchlichen Schoͤnheitγγ Begriff
der Schoͤnheit
in den Figuren
der Helden,
und irriger
Begriff eines
Scribenten
von denſelben.

bis an die Goͤttliche hinauf geſtiegen waren, ſo blieb dieſe Staffel der
Schoͤnheit. In ihren Helden, das iſt, in Menſchen, denen das Alter-
thum die hoͤchſte Wuͤrdigkeit unſerer Natur gab, naͤherten ſie ſich bis an
die Graͤnzen der Gottheit, ohne dieſelben zu uͤberſchreiten, und den ſehr fei-
nen Unterſchied zu vermiſchen. Battus auf Muͤnzen von Cyrene wuͤrde
durch einen einzigen Blick zaͤrtlicher Luſt einen Bacchus, und durch einen
Zug von Goͤttlicher Großheit einen Apollo abbilden koͤnnen: Minos auf
Muͤnzen von Gnoſſus wuͤrde ohne einen ſtolzen koͤniglichen Blick einem
Jupiter voll Huld und Gnade aͤhnlich ſehen. Die Formen bildeten ſie an
Helden heldenmaͤßig, und gaben gewiſſen Theilen eine mehr große als natuͤrl.
Erhobenheit; in den Muskeln legten ſie eine ſchnelle Wirkung und Re-
gung, und in heftigen Handlungen ſetzten ſie alle Triebfedern der Natur
in Bewegung. Die Abſicht hiervon war die moͤgliche Mannigfaltigkeit,
welche ſie ſuchten, und in derſelben ſoll Myron alle ſeine Vorgaͤnger uͤber-
troffen haben. Dieſes zeiget ſich auch ſogar an dem ſogenannten Fechter
des Agaſias von Epheſus, in der Villa Borgheſe, deſſen Geſicht offenbar
nach der Aehnlichkeit einer beſtimmten Perſon gebildet worden: die ſaͤgfoͤr-
migen Muskeln in den Seiten ſind unter andern erhabener, ruͤhrender, und
elaſtiſcher, als in der Natur. Noch deutlicher aber laͤßt ſich dieſes zeigen
an eben dieſen Muskeln am Laocoon, welcher eine durch das Ideal erhoͤ-
hete Natur iſt, verglichen mit dieſem Theile des Koͤrpers an vergoͤtterten
und Goͤttlichen Figuren, wie der Hercules und Apollo im Belvedere ſind.
Die Regung dieſer Muskeln iſt am Laocoon uͤber die Wahrheit bis zur
Moͤglichkeit getrieben, und ſie liegen wie Huͤgel, welche ſich in einander
ſchließen, um die hoͤchſte Anſtrengung der Kraͤfte im Leiden und Wider-
ſtreben auszudruͤcken. In dem Rumpfe des vergoͤtterten Hercules iſt in
eben dieſen Muskeln eine hohe Idealiſche Form und Schoͤnheit; aber ſie
ſind wie das Wallen des ruhigen Meers, fließend erhaben, und in einer

ſanften
X 2

I Theil. Viertes Capitel.
ſanften abwechſelnden Schwebung. Im Apollo, dem Bilde der ſchoͤnſten
Gottheit, ſind dieſe Muskeln gelinde, und wie ein geſchmolzen Glas in kaum
ſichtbare Wellen geblaſen, und werden mehr dem Gefuͤhle, als dem Geſichte,
offenbar.

Der Leſer verzeihe mir, wenn ich wiederum jenem Dichter von der
Malerey, ſein falſches Vorurtheil zeigen muß. Es ſetzet derſelbe unter
vielen ungegruͤndeten Eigenſchaften der Natur der vor ihm ſogenannten
Halbgoͤtter und Helden, in Werken der alten Kunſt, von Fleiſche abge-
fallene Glieder, duͤrre Beine, einen kleinen Kopf, kleine Huͤften, einen
kleinen Bauch, kleinliche Fuͤße, und eine hohle Fußſohle 1). Woher in der
Welt ſind demſelben dieſe Erſcheinungen kommen! Haͤtte er doch ſchrei-
ben moͤgen, was er beſſer verſtanden!

δ δ Begriff
der Schoͤnheit
in Weiblichen
Gottheiten.

Unter den Weiblichen Gottheiten ſind, wie an den Maͤnnlichen, ver-
ſchiedene Alter, und auch verſchiedene Begriffe der Schoͤnheit, wenigſtens
in den Koͤpfen, zu bemerken, weil nur allein die Venus ganz unbekleidet
iſt: dieſe findet ſich haͤufiger, als andere Goͤttinnen, vorgeſtellet, und in ver-
ſchiedenem Alter. Die Mediceiſche Venus zu Florenz iſt einer Roſe gleich,
die nach einer ſchoͤnen Morgenroͤthe, beym Aufgang der Sonnen, aufbricht,
und die aus dem Alter tritt, welches, wie Fruͤchte vor der voͤlligen Reife,
hart und herblich iſt, wie ſelbſt ihr Buſen meldet, welcher ſchon ausgebrei-
teter iſt, als an zarten Maͤdgens. Bey dem Stande derſelben ſtelle ich
mir diejenige Lais vor, die Apelles im Lieben unterrichtete, und ich bilde
mir dieſelbe ſo, wie ſie ſich das erſtemal vor den Augen des Kuͤnſtlers ent-
kleiden muͤſſen. Die Venus im Campidoglio 2), welche beſſer, als alle an-
dere, erhalten iſt, (denn es fehlen nur einige Finger, und es iſt nichts an
derſelben gebrochen) eine andere in der Villa Albani, und die Venus von

Meno-
1) Watelet Refl. ſur la peint. p. 69.
2) Muſ. Capit. T. 3. tav. 19.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Menophantus nach der, welche zu Troas ſtand, copiret 1), haben eben
den Stand; dieſe mit dem Unterſchiede, daß die rechte Hand dem Buſen
naͤher iſt, von welcher der mittlere Finger das Mittel der Bruͤſte beruͤhrete,
und die linke Hand haͤlt ein Gewand. Dieſe aber ſind ſchon in einem rei-
feren Alter gebildet, auch groͤßer, als die Mediceiſche. Ein Gewaͤchs in
ſchoͤnen Jahren hat die Thetis in Lebensgroͤße, in der Villa Albani, die
hier in dem Alter, da ſie mit dem Peleus vermaͤhlet wurde, erſcheinet.
Pallas hingegen iſt allezeit Jungfrau, von vollendetem Wachsthume, und
in reifem Alter; und Juno zeiget ſich als Frau und Goͤttinn uͤber andere
erhaben, im Gewaͤchſe ſo wohl, als koͤniglichem Stolze. Die Schoͤnheit in
dem Blicke der großen rundgewoͤlbten Augen der Juno iſt gebieteriſch, wie
in einer Koͤniginn, die herrſchen will, verehrt ſeyn, und Liebe erwecken
muß: der ſchoͤnſte Kopf derſelben iſt Coloſſaliſch, in der Villa Ludoviſi.
Pallas, ein Bild jungfraͤulicher Zuͤchtigkeit, welche alle Weibliche Schwaͤ-
che ausgezogen, ja die Liebe ſelbſt beſieget, hat die Augen maͤßiger gewoͤl-
bet, und weniger offen; ihr Haupt erhebet ſich nicht ſtolz, und ihr Blick
iſt etwas geſenkt, wie in ſtiller Betrachtung: die ſchoͤnſte Figur derſelben

iſt
1) Dieſes ſaget folgende Inſchrift auf einem Wuͤrfel zu den Fuͤßen der Venus, auf wel-
chem das Gewand, welches ſie vor dem Unterleib haͤlt, herunter faͤllt.
[Α]ΟΤΗϹ
ΕΝΤΡω[Α]ΔΙ
[Α]ΦΡΟΔΙΤΗϹ
ΜΗΝΟΦ[Α]ΝΤΟϹ
ΕΠΟΙΕΙ

Von dieſem Kuͤnſtler aber haben wir ſo wenig, als von ſeinem Originale, Nachrich
Troas lag in der Trojaniſchen Landſchaft, ſonſt auch Alexandria und Antigone ge-
nannt, und wir finden einen Sieger angefuͤhret, welcher in den großen Spielen in
Griechenland den erſten Preis erhalten. Ueber die Form der Buchſtaben ſehe man,
was ich im folgenden Stuͤcke dieſes Capitels bey der ohnlaͤngſt gefundenen Statue mit
dem Namen Sardanapalus erinnert habe.
*) conf. Scalig. Poet. L. 1. c. 24. p. 40.
X 3

I Theil. Viertes Capitel.
iſt in der Villa Albani. Venus aber hat einen von beyden Goͤttinnen
derſchiedenen Blick, welchen ſonderlich das untere in etwas erhobene Au-
genlied verurſachet, wodurch das Liebaͤugelnde und das Schmachtende in
den ſanft geoͤffneten Augen gebildet wird, welches die Griechen τὸ ὑγρὸν
nennen: ſie iſt aber ferne von allen geilen Gebaͤhrden der Neueren, weil
die Liebe als ein Beyſitzer der Weisheit 1) auch von den beſten Kuͤnſtlern
der Alten angeſehen wurde. Diana iſt mit allen Reizungen ihres Ge-
ſchlechts begabt, ohne ſich derſelben bewußt zu ſcheinen: denn da ſie im
Laufen oder im Gehen vorgeſtellet iſt, ſo gehet ihr Blick gerade vorwerts,
und in die Weite uͤber alle nahe Vorwuͤrfe hinweg. Sie erſcheinet alle-
zeit als Jungfrau, wie dieſe, mit Haaren auf dem Wirbel gebunden 2),
oder auch lang vom Kopfe; ihr Gewaͤchs iſt daher leichter und geſchlanker,
als der Juno, und auch als der Pallas: es wuͤrde eine verſtuͤmmelte Dia-
na unter andern Goͤttinnen eben ſo kenntlich ſeyn, als ſie es iſt beym Ho-
merus, unter allen ihren ſchoͤnen Oreaden.

γ Allgemeine
Betrachtung
uͤber die Idea-
liſche Schoͤn-
heit.

Von den hohen Begriffen in Koͤpfen der Gottheiten kann alle Welt
ſich einen Begriff machen, aus Muͤnzen und geſchnittenen Steinen, oder
deren Abdruͤcken, welche in Laͤndern zu haben ſind, wohin niemals ein
vorzuͤgliches Werk eines Griechiſchen Meißels gekommen iſt. Kaum
reicht ein Jupiter in Marmor an die Majeſtaͤt desjenigen, welcher auf
Muͤnzen Koͤnigs Philippus, Ptolemaͤus des erſten, und des Pyrrhus zu
Thaſus, gepraͤget iſt: der Kopf der Proſerpina auf zwo verſchiedenen ſil-
bernen Muͤnzen des koͤniglichen Farneſiſchen Muſei zu Neapel, uͤberſteiget
alle Einbildung. Die Bildung der Goͤtter war unter allen Griechiſchen
Kuͤnſtlern ſo allgemein beſtimmet, daß dieſelbe ſcheinet durch ein Geſetz vor-
geſchrieben zu ſeyn: ein Kopf eines Jupiters auf Muͤnzen in Jonien, oder
von Doriſchen Griechen gepraͤget, iſt einem Jupiter auf Sicilianiſchen

Muͤnzen
1) Eurip. Med. v. 843.
2) conf. Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 75. 76.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Muͤnzen vollkommen aͤhnlich; der Kopf des Apollo, des Mercurius, des
Bacchus, und eines Liber Pater, eines jugendlichen und alten Hercules,
ſind auf Muͤnzen und Steinen ſo wohl, als an Statuen, nach einer und
eben derſelben Idee. Das Geſetz waren die ſchoͤnſten Bilder der Goͤtter,
von den groͤßten Kuͤnſtlern hervorgebracht, die ihnen durch beſondere Er-
ſcheinungen geoffenbaret zu ſeyn geglaubet wurden, ſo wie ſich Parrhaſius
ruͤhmete, daß ihm Bacchus erſchienen ſey, in der Geſtalt, in welcher er
ihn gemalet. Der Jupiter des Phidias, die Juno des Polycletus, eine
Venus des Alcamenes, und nachher des Praxiteles, werden allen ihren
Nachfolgern die wuͤrdigſten Urbilder geweſen, und in dieſer Geſtalt von
allen Griechen angenommen und verehret worden ſeyn. Unterdeſſen kann
die hoͤchſte Schoͤnheit, wie Cotta beym Cicero 1) ſagt, auch den Goͤttern
nicht in gleichem Grade gegeben werden, und in dem allervollkommenſten
Gemaͤlde von viel Figuren, ſind nicht lauter Schoͤnheiten zu bilden, ſo
wenig als in einem Trauerſpiele alle Perſonen Helden ſeyn koͤnnen.

Nach der Betrachtung uͤber die Bildung der Schoͤnheit iſt zum zwey-bb. Von dem
Ausdrucke in
der Schoͤnheit
ſowohl in Ge
baͤhrden, als
in der Hand
lung.

ten von dem Ausdrucke zu reden. Der Ausdruck iſt eine Nachahmung
des wirkenden und leidenden Zuſtandes unſerer Seele, und unſers Koͤrpers,
und der Leidenſchaften ſo wohl, als der Handlungen. In beyden Zuſtaͤn-
den veraͤndern ſich die Zuͤge des Geſichts, und die Haltung des Koͤrpers,
folglich die Formen, welche die Schoͤnheit bilden, und je groͤßer dieſe Ver-
aͤnderung iſt, deſto nachtheiliger iſt dieſelbe der Schoͤnheit. Die Stille iſt
derjenige Zuſtand, welcher der Schoͤnheit, ſo wie dem Meere, der eigent-
lichſte iſt, und die Erfahrung zeiget, daß die ſchoͤnſten Menſchen von ſtil-
lem geſitteten Weſen ſind. Es kann auch der Begriff einer hohen Schoͤn-
heit nicht anders erzeuget werden, als in einer ſtillen und von allen ein-
zelnen Bildungen abgerufenen Betrachtung der Seele. In ſolcher Stille

bildet
1) de Nat. dcor. L. 1. c. 29.

I Theil. Viertes Capitel.
bildet uns der große Dichter den Vater der Goͤtter, welcher allein durch
das Winken ſeiner Augenbranen, und durch das Schuͤtteln ſeiner Haare,
den Himmel bewegte; und ſo ungeruͤhrt von Empfindungen ſind die meh-
reſten Bilder der Goͤtter; daher die hohe Schoͤnheit dem angefuͤhrten Ge-
nius in der Villa Borgheſe nur in dieſem Zuſtande zu geben war. Da
aber im Handeln und Wirken die hoͤchſte Gleichguͤltigkeit nicht ſtatt findet,
und Goͤttliche Figuren Menſchlich vorzuſtellen ſind, ſo konnte auch in die-
ſen der erhabenſte Begriff der Schoͤnheit nicht beſtaͤndig geſuchet und er-
halten werden. Aber der Ausdruck wurde derſelben gleichſam zugewaͤget,
und die Schoͤnheit war bey den alten Kuͤnſtlern die Zunge an der Waage
des Ausdrucks, und als die vornehmſte Abſicht derſelben, wie das Cimbal
in einer Muſic, welches alle andere Inſtrumente, die jenes zu uͤbertaͤuben
ſcheinen, regieret.

α Im Va-
ticaniſchen
Apollo.

Der Vaticaniſche Apollo ſollte dieſe Gottheit vorſtellen, in Unmuth
uͤber den Drachen Python, welchen er mit ſeinem Pfeile erlegte, und zu-
gleich in Verachtung dieſes fuͤr einen Gott geringen Sieges. Der weiſe
Kuͤnſtler, welcher den ſchoͤnſten der Goͤtter bilden wollte, ſetzte nur den
Zorn in der Naſe, wo der Sitz derſelben, nach den alten Dichtern, iſt,
die Verachtung auf den Lippen: dieſe hat er ausgedruͤcket, durch die hin-
aufgezogene Unterlippe, wodurch ſich zugleich das Kinn erhebet, und jener
aͤußert ſich in den aufgeblaͤheten Nuͤſten der Naſe.

β Von dem
Stande der
Figuren
Maͤnnlicher
Gottheiten.

Stand und Handlungen ſind allezeit der Wuͤrdigkeit der Goͤtter ge-
maͤß, und man findet keine Gottheit, als etwa den Bacchus, und einen
gefluͤgelten Genius in der Villa Albani, mit uͤbereinander geſchlagenen
Beinen ſtehen, welcher Stand bey jenem ein Ausdruck der Weichlichkeit
iſt. Ich glaube alſo nicht, daß diejenige Statue zu Elis, welche mit
uͤbereinandergeſchlagenen Beinen ſtand, und ſich mit beyden Haͤnden an
einen Spieß lehnete, einen Neptunus vorgeſtellet, wie man den Pau-

ſanias

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſanias 1) glauben machte 2). Ein Mercurius in Lebensgroͤße von Erzt,
im Pallaſte Farneſe, ſtehet alſo; man muß aber auch wiſſen, daß es ein
Werk neuerer Zeiten iſt. Die Faune, unter welchen zween der ſchoͤnſten
im Pallaſte Ruſpoli ſind, haben den einen Fuß ungelehrt, und gleichſam
baͤuriſch, hinter dem andern geſetzt, zu Andeutung ihrer Natur; und eben
ſo ſtehet der junge Apollo Sauroctonos zweymal von Marmor in der
Villa Borgheſe, und von Erzt in der Villa Albani; dieſer ſtellet ihn ver-
muthlich vor, wie er bey dem Koͤnige Admetus als Hirt dienete.

Mit eben dieſer Weisheit verfuhren die alten Kuͤnſtler in Vorſtellungγ Von dem
Ausdrucke in
Figuren aus
der Heldenzeit,
insbeſondere
an der Niobe
und am Laoco-
on betrachtet.

der Figuren aus der Heldenzeit, und bloß Menſchlicher Leidenſchaften, die
allezeit der Faſſung eines weiſen Mannes gemaͤß ſind, welcher die Auf-
wallung der Leidenſchaften unterdruͤcket, und von dem Feuer nur die
Funken ſehen laͤßt; das verborgene in ihm ſuchet, der ihn verehret, oder
entdecken will, zu erforſchen. Eben dieſer Faſſung iſt auch deſſen Rede
gemaͤß; daher Homerus die Worte des Ulyſſes mit Schnee-Flocken ver-
gleichet, welche haͤufig, aber ſanft, auf die Erde fallen.

In Vorſtellung der Helden iſt dem Kuͤnſtler weniger, als dem Dich-
ter, erlaubet: dieſer kann ſie malen nach ihren Zeiten, wo die Leidenſchaften
nicht durch die Regierung, oder durch den gekuͤnſtelten Wohlſtand des Le-
bens, geſchwaͤchet waren, weil die angedichteten Eigenſchaften zum Alter
und zum Stande des Menſchen, zur Figur deſſelben aber keine nothwen-
dige Verhaͤltniß haben. Jener aber, da er das ſchoͤnſte in den ſchoͤnſten
Bildungen waͤhlen muß, iſt auf einen gewiſſen Grad des Ausdrucks der
Leidenſchaften eingeſchraͤnkt, die der Bildung nicht nachtheilig werden ſoll.

Von
1) L. 6. p. 517. l. 13.
2) Die Ueberſetzer haben die Redensart, τὸν ἕτερον τῶν ποδῶν ἐπιπλέκων τῷ ἑτέρῳ,
nicht recht verſtanden; es heißt nicht pedem pede premere, einen Fuß auf den
andern ſetzen
, ſondern iſt im Latein mit decuſſatis pedibus, und im italieni-
ſchen mit gambe incrociate zu geben.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. Y
I Theil. Viertes Capitel.

Von dieſer Betrachtung kann man ſich in zweyen der ſchoͤnſten Werke
des Alterthums uͤberzeugen, von welchen das eine ein Bild der Todes-
furcht, das andere des hoͤchſten Leidens und Schmerzens iſt. Die Toͤch-
ter der Niobe, auf welche Diana ihre toͤdtlichen Pfeile gerichtet, ſind in
dieſer unbeſchreiblichen Angſt, mit uͤbertaͤubter und erſtarreter Empfindung
vorgeſtellet, wenn der gegenwaͤrtige Tod der Seele alles Vermoͤgen zu
denken nimmt; und von ſolcher entſeelten Angſt giebt die Fabel ein Bild
durch die Verwandlung der Niobe in einen Felſen: daher fuͤhrete Aeſchylus
die Niobe ſtillſchweigend auf in ſeinem Trauerſpiele 1). Ein ſolcher Zu-
ſtand, wo Empfindung und Ueberlegung aufhoͤret, und welcher der Gleich-
guͤltigkeit aͤhnlich iſt, veraͤndert keine Zuͤge der Geſtalt und der Bildung,
und der große Kuͤnſtler konnte hier die hoͤchſte Schoͤnheit bilden, ſo wie er
ſie gebildet hat: denn Niobe und ihre Toͤchter ſind und bleiben die hoͤchſten
Ideen derſelben. Laocoon iſt ein Bild des empfindlichſten Schmerzens,
welcher hier in allen Muskeln, Nerven und Adern wirket; das Gebluͤt
iſt in hoͤchſter Wallung durch den toͤdtlichen Biß der Schlangen, und alle
Theile des Koͤrpers ſind leidend und angeſtrenget ausgedruͤckt, wodurch
der Kuͤnſtler alle Triebfedern der Natur ſichtbar gemachet, und ſeine hohe
Wiſſenſchaft und Kunſt gezeiget hat. In Vorſtellung dieſes aͤußerſten
Leidens aber erſcheinet der gepruͤfete Geiſt eines großen Mannes, der mit
der Noth ringet, und den Ausbruch der Empfindung einhalten und unter-
druͤcken will, wie ich in Beſchreibung dieſer Statue im zweyten Theile dem
Leſer habe ſuchen vor Augen zu ſtellen. Auch den Philoctetes,
Quod ejulatu, queſtu, gemitu, fremitibus
Reſonando multum, flebiles voces refert,

Ennius ap. Clc. de Fin. L. 2. c. 29.

werden die weiſen Kuͤnſtler mehr nach den Grundſaͤtzen der Weisheit, als
nach dem Bilde der Dichter, vorgeſtellet haben. Der raſende Ajax des be-

ruͤhmten
1) Schol. ad Aeſch. Prom. v. 435.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ruͤhmten Malers Timomachus war nicht im Schlachten der Widder vorge-
ſtellet, die er fuͤr Heerfuͤhrer der Griechen anſah, ſondern nach geſchehe-
ner That 1), und da er zu ſich ſelbſt kam, und voller Verzweifelung und
niedergeſchlagen ſitzend, ſein Vergehen uͤberdachte; und ſo iſt er auf dem
Trojaniſchen Marmor 2) im Campidoglio gebildet. Die Kinder der Me-
dea in dem Gemaͤlde gedachten Kuͤnſtlers laͤchelten unter dem Dolche ihrer
Mutter, deren Wuth mit Mitleiden uͤber ihre Unſchuld vermiſchet war.

Beruͤhmte Maͤnner und regierende Perſonen ſind in einer wuͤrdigen
Faſſung vorgeſtellet, und wie dieſelben vor den Augen aller Welt erſcheinen
wuͤrden; die Statuen Roͤmiſcher Kaiſerinnen gleichen Heldinnen, entfernt
von aller gekuͤnſtelten Artigkeit in Gebaͤhrden, Stande und Handlungen:
wir ſehen in ihnen gleichſam die ſichtliche Weisheit, welche Plato fuͤr kei-
nen Vorwurf der Sinne haͤlt. So wie die zwo beruͤhmten Schulen der
alten Weltweiſen, in einem der Natur gemaͤßen Leben, die Stoiker in
dem Wohlſtande, das hoͤchſte Gut ſetzeten, ſo war auch hier ihrer Kuͤnſtler
Beobachtung auf die Wirkungen der ſich ſelbſt gelaſſenen Natur, und auf die
Wohlanſtaͤndigkeit gerichtet.

Die Weisheit der alten Kuͤnſtler im Ausdrucke zeiget ſich in mehre-δ Erinnerung
uͤber den Aus-
druck neuerer
Kuͤnſtler.

rem Lichte durch das Gegentheil in den Werken des groͤßten Theils der
Kuͤnſtler neuerer Zeiten, welche nicht viel mit wenigen, ſondern wenig mit
viel angedeutet haben. Ihre Figuren ſind in Handlungen, wie die Co-
mici auf den Schauplaͤtzen der Alten, welche, um ſich bey hellem Tage
auch dem geringſten vom Poͤbel an dem aͤußerſten Ende verſtaͤndlich zu
machen, die Wahrheit uͤber ihre Graͤnzen aufblaͤhen muͤſſen, und der Aus-
druck des Geſichts gleichet den Masken der Alten, die aus eben dem Grun-
de ungeſtaltet waren. Dieſer uͤbertriebene Ausdruck wird ſelbſt in einer
Schrift, die in den Haͤnden junger Anfaͤnger in der Kunſt iſt, gelchret,

nemlich
1) Philoſtr. Vit. Apollon. L. 2. c. 10.
2) conf. Defcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 384.
Y 2

I Theil. Viertes Capitel.
nemlich in Carls le Bruͤn Abhandlung von den Leidenſchaften. In den
Zeichnungen zu denſelben iſt nicht allein der aͤußerſte Grad der Leidenſchaf-
ten in den Geſichtern geleget, ſondern in etlichen ſind dieſelben bis zur Ra-
ſerey vorgeſtellet. Man glaubet den Ausdruck zu lehren auf die Art, wie
Diogenes lebete; ich mache es, ſagte er, wie die Muſici, welche, um in
den rechten Ton zu kommen, im Anſtimmen hoch angeben. Aber da die
feurige Jugend geneigter iſt, die aͤußerſten Enden, als das Mittel zu er-
greifen, ſo wird ſie auf dieſem Wege ſchwerlich in den wahren Ton kom-
men, da es ſchwer iſt, dieſelbe darinn zu erhalten.



cc Von der
Proportion.

Nach der allgemeinen Betrachtung der Schoͤnheit iſt zum erſten von
α Allgemein.der Proportion, und zum zweyten von der Schoͤnheit einzelner Theile des
Menſchlichen Koͤrpers, zu reden. Der Bau des Menſchlichen Koͤrpers be-
ſtehet aus der dritten, als der erſten ungleichen Zahl, welches die erſte
Verhaͤltnißzahl iſt: denn ſie enthaͤlt die erſte gerade Zahl und eine andere
in ſich, welche beyde mit einander verbindet. Zwey Dinge koͤnnen, wie
Plato ſagt 1), ohne ein drittes nicht beſtehen; das beſte Band iſt dasjenige,
welches ſich ſelbſt und das verbundene auf das beſte zu eins machet, ſo daß
ſich das erſte zu dem zweyten verhaͤlt, wie dieſes zu dem Mittlern. Daher
iſt in dieſer Zahl Anfang, Mittel und Ende, und durch die Zahl drey ſind,
wie die Pythagoraͤer lehren 2), alle Dinge beſtimmet.

Der Koͤrper ſo wohl, als die vornehmſten Glieder, haben drey Theile:
an jenem ſind es der Leib, die Schenkel, und die Beine; das Untertheil
ſind die Schenkel, die Beine und Fuͤße; und ſo verhaͤlt es ſich mit den
Armen, Haͤnden und Fuͤßen. Eben dieſes ließe ſich von einigen andern
Theilen, welche nicht ſo deutlich aus dreyen zuſammengeſetzet ſind, zeigen.
Das Verhaͤltniß unter dieſen drey Theilen iſt im Ganzen wie in deſſen

Theilen,
1) in Timaco, p. 477. lin. ult. ed. Baſ.
2) Ariſtot. de cael. & mund. L. 1.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Theilen, und es wird ſich an wohlgebaueten Menſchen der Leib, nebſt dem
Kopfe, zu den Schenkeln und Beinen mit den Fuͤßen verhalten, wie ſich
die Schenkel zu den Beinen und Fuͤßen, und wie ſich der obere Arm zu dem
Ellenbogen, und zu der Hand verhaͤlt. Eben ſo hat das Geſicht drey Theile,
nemlich dreymal die Laͤnge der Naſe; aber der Kopf hat nicht vier Naſen,
wie einige ſehr irrig lehren wollen 1). Der obere Theil des Kopfs, naͤm-
lich die Hoͤhe von dem Haarwachſe an, bis auf den Wirbel, ſenkrecht ge-
nommen, hat nur drey Viertheile von der Laͤnge der Naſe, das iſt, es ver-
haͤlt ſich dieſes Theil zu der Naſe, wie Neun zu Zwoͤlf.

Es iſt glaublich, daß die Griechiſchen Kuͤnſtler, nach Art der Aegy-β Genauere
Beſtimmung
derſelben.

ptiſchen, ſo wie die groͤßeren Verhaͤltniſſe, alſo auch die kleineren, durch
genau beſtimmte Regeln feſtgeſetzt gehabt, und daß in jedem Alter und
Stande die Maaße der Laͤngen ſo wohl, als der Breiten, wie die Umkreiſe,
genau beſtimmt geweſen, welches alles in den Schriften der alten Kuͤnſtler,
die von der Symmetrie handelten 2), wird gelehret worden ſeyn. Dieſe
genaue Beſtimmung iſt zugleich der Grund von dem aͤhnlichen Syſtema der
Kunſt, welches ſich auch in den mittelmaͤßigen Figuren der Alten findet.
Denn ohngeachtet der Verſchiedenheit in der Art der Ausarbeitung, welche
auch die Alten bereits in den Werken des Myron, des Polycletus, und
des Lyſippus bemerket haben, ſcheinen die alten Werke dennoch wie von
einer Schule gearbeitet zu ſeyn. Und ſo wie in verſchiedenen Violinſpie-
lern, die unter einem Meiſter gelernet haben, dieſer in jedem von jenen
durch Kunſtverſtaͤndige wuͤrde erkannt werden, eben ſo ſieht man in der
Zeichnung der alten Bildhauer von dem groͤßten bis auf die geringere, eben
dieſelben allgemeinen Grundſaͤtze. Finden ſich aber zuweilen Abweichungen
in dem Verhaͤltniſſe, wie an einem kleinen ſchoͤnen Torſo einer nackten
Weiblichen Figur, bey dem Bildhauer Cavacepi in Rom, an welcher
der Leib vom Nabel bis an die Schaam ungewoͤhnlich lang iſt, ſo iſt zu

ver-
1) Watelet Refl. ſur la peint. p. 65. n. 4.
2) Philoſtr. jun. Prooem. Icon.
Y 3

I Theil. Viertes Capitel.
vermuthen, daß dieſe Figur nach der Natur gearbeitet worden, wo dieſes
Theil alſo beſchaffen geweſen ſeyn wuͤrde. Ich will aber auf dieſe Art die
wirklichen Vergehungen nicht bemaͤnteln: denn wenn das Ohr nicht mit
der Naſe gleich ſtehet, wie es ſeyn ſollte, ſondern iſt, wie an dem Bruſt-
bilde eines Indiſchen Bacchus des Herrn Cardinals Alexander Albani, ſo
iſt dieſes ein Fehler, welcher nicht zu entſchuldigen iſt.

γ ſonderlich
in Abſicht auf
das Maaß des
Fußes, wo die
irrigen Ein-
wendungen
einiger Scri-
benten wider-
leget werden.

Die Regeln der Proportion, ſo wie ſie in der Kunſt von dem Ver-
haͤltniſſe des Menſchlichen Koͤrpers genommen worden, ſind wahrſcheinlich
von den Bildhauern zuerſt beſtimmet, und nachher auch Regeln in der
Baukunſt geworden. Der Fuß war bey den Alten die Regel in allen
großen Ausmeſſungen, und die Bildhauer ſetzten nach der Laͤnge deſſelben
das Maaß ihrer Statuen, und gaben denſelben Sechs Laͤngen des Fußes,
wie Vitruvius bezeuget 1): den der Fuß hat ein beſtimmteres Maaß, als
der Kopf, oder das Geſicht, wonach die neueren Maler und Bildhauer ins-
gemein rechnen. Pythagoras gab daher die Laͤnge des Hercules an 2),
nach dem Maaße des Fußes, mit welchem er das Olympiſche Stadium
zu Elis ausgemeſſen. Hieraus aber iſt mit dem Lomazzo 3) auf keine
Weiſe zu ſchließen, daß der Fuß deſſelben das ſiebente Theil ſeiner Laͤnge
gehalten; und was eben dieſer Scribent gleichſam als ein Augenzeuge ver-
ſichert 4) von den beſtimmten Proportionen der alten Kuͤnſtler an verſchie-
denen Gottheiten, wie zehen Geſichter fuͤr eine Venus, neun Geſichter
fuͤr eine Juno, acht Geſichter fuͤr einen Neptunus, und ſieben fuͤr einen
Hercules, iſt mit Zuverſicht auf guten Glauben der Leſer hingeſchrieben,
und iſt erdichtet und falſch.

Dieſes Verhaͤltniß des Fußes zu dem Koͤrper, welches einem Gelehr-
ten ſeltſam und unbegreiflich ſcheinet 5), und vom Perrault platterdings

ver-
1) L. 3. c. 1.
2) Aul. Gel. Noct. Att. L. 1. c. 1.
3) Tratt. della Pit. L. 1. c. 10.
4) Ibid. L. 6. c. 3. p. 287.
5) Huet. in Huetian.

Von der Kunſt unter den Griechen.
verworfen wird 1), gruͤndet ſich auf die Erfahrung in der Natur, auch
in geſchlanken Gewaͤchſen, und dieſes Verhaͤltniß findet nicht allein an
Aegyptiſchen Figuren, nach genauer Ausmeſſung derſelben, ſondern auch
an den Griechiſchen, wie ſich an den mehreſten Statuen zeigen wuͤrde,
wenn ſich die Fuͤße an denſelben erhalten haͤtten. Man kann ſich davon
uͤberzeugen an Goͤttlichen Figuren, an deren Laͤnge man einige Theile uͤber
das natuͤrliche Maaß hat anwachſen laſſen; am Apollo, welcher etwas
uͤber ſieben Koͤpfe hoch iſt, hat der ſtehende Fuß drey Zolle eines Roͤmi-
ſchen Palms mehr in der Laͤnge, als der Kopf; und eben dieſes Verhaͤltniß
hat Albrecht Duͤrer ſeinen Figuren von acht Koͤpfen gegeben, an welchen
der Fuß das ſechſte Theil ihrer Hoͤhe iſt. Das Gewaͤchs der Mediceiſchen
Venus iſt ungemein geſchlank, und ohngeachtet der Kopf ſehr klein iſt,
haͤlt dennoch die Laͤnge derſelben nicht mehr, als ſieben Koͤpfe und einen hal-
ben: der Fuß derſelben iſt einen Palm und einen halben Zoll lang, und
die ganze Hoͤhe der Figur betraͤgt ſechs und einen halben Palm.

Es lehren unſere Kuͤnſtler insgemein ihre Schuͤler bemerken, daß
die alten Bildhauer, ſonderlich in Goͤttlichen Figuren, das Theil des Lei-
bes von der Herzgrube bis an den Nabel, welches gewoͤhnlich nur eine
Geſichtslaͤnge, wie ſie ſagen, haͤlt, um einen halben Theil des Geſichts
laͤnger gehalten, als es ſich in der Natur findet. Dieſes aber iſt ebenfalls
irrig: denn wer die Natur an ſchoͤnen geſchlanken Menſchen zu ſehen Ge-
legenheit hat, wird beſagtes Theil wie an den Statuen finden.

Eine umſtaͤndliche Anzeige der Verhaͤltniſſe des Menſchlichen Koͤrpers
wuͤrde das leichteſte in dieſer Abhandlung von der Griechiſchen Zeichnung
des Nackenden geweſen ſeyn, aber es wuͤrde dieſe bloße Theorie ohne
practiſche Anfuͤhrung hier eben ſo wenig unterrichtend werden, als in an-
deren Schriften, wo man ſich weitlaͤuftig, auch ohne Figuren beyzufuͤgen,

hinein-
1) Vitruv. L. 3. ch. 1. p. 57. n. 3.

I Theil. Viertes Capitel.
hineingelaſſen hat. Es iſt auch aus den Verſuchen, die Verhaͤltniſſe des
Koͤrpers unter die Regeln der allgemeinen Harmonie und der Muſic zu brin-
gen, wenig Erleuchtung zu hoffen fuͤr Zeichner, und fuͤr diejenigen, welche
die Kenntniß des Schoͤnen ſuchen: die Arithmetiſche Unterſuchung wuͤrde
hier weniger, als die Schule des Fechtbodens in einer Feldſchlacht, helfen.

δ Beſtim-
mung der Pro-
portion des
Geſichts fuͤr
Zeichner.

Um aber dieſes Stuͤck von der Proportion fuͤr Anfaͤnger im Zeichnen
nicht ohne practiſchen Unterricht zu laſſen, will ich wenigſtens die Verhaͤlt-
niſſe des Geſichts von den ſchoͤnſten Koͤpfen der Alten, und zugleich von
der ſchoͤnen Natur genommen, anzeigen, als eine untriegliche Regel im
Pruͤfen und im Arbeiten. Dieſes iſt die Regel, welche mein Freund, Herr
Anton Raphael Mengs, der groͤßte Lehrer in ſeiner Kunſt, richtiger
und genauer, als bisher geſchehen, beſtimmet hat, und er iſt vermuthlich
auf die wahre Spur der Alten gekommen. Man ziehet eine ſenkrechte
Linie, welche in fuͤnf Abſchnitte getheilet wird: das fuͤnfte Theil bleibt
fuͤr die Haare; das uͤbrige von der Linie wird wiederum in drey gleiche
Stuͤcke getheilet. Durch die erſte Abtheilung von dieſen dreyen wird eine
Horizontallinie gezogen, welche mit der ſenkrechten Linie ein Creuz macht;
jene muß zwey Theile, von den drey Theilen der Laͤnge des Geſichts, in
der Breite haben. Von den aͤußerſten Puncten dieſer Linie werden bis
zum aͤußerſten Punct des obigen fuͤnften Theils krumme Linien gezogen,
welche von der Eyfoͤrmigen Geſtalt des Geſichts das ſpitze Ende deſſelben
bilden. Eins von den drey Theilen der Laͤnge des Geſichts wird in zwoͤlf
Theile getheilet: drey von dieſen Theilen, oder das vierte Theil des Dritt-
theils des Geſichts, wird auf beyden Seiten des Puncts getragen, wo ſich
beyde Linien durchſchneiden, und beyde Theile zeigen den Raum zwiſchen
beyden Augen an. Eben dieſes Theil wird auf beyde aͤußere Enden dieſer
Horizontallinie getragen, und alsdenn bleiben zwey von dieſen Theilen
zwiſchen dem Theil auf dem aͤußeren Ende der Linie, und zwiſchen dem Theil
auf dem Puncte des Durchſchnitts der Linien, und dieſe zwey Theile geben

die

Von der Kunſt unter den Griechen.
die Laͤnge eines Auges an; wiederum ein Theil iſt fuͤr die Hoͤhe der Augen.
Eben das Maaß iſt von der Spitze der Naſe bis zu dem Schnitt des Mun-
des, und von dieſem bis an den Einbug des Kinns, und von da bis an die
Spitze des Kinns: die Breite der Naſe bis an die Lappen der Nuͤſten haͤlt
eben ein ſolches Theil; die Laͤnge des Mundes aber zwey Theile, und dieſe
iſt alſo gleich der Laͤnge der Augen, und der Hoͤhe des Kinns bis zur Oeff-
nung des Mundes. Nimmt man die Haͤlfte des Geſichts bis zu den Haa-
ren, ſo findet ſich die Laͤnge von dem Kinne an bis zu der Halsgrube.
Dieſer Weg zu zeichnen kann, glaube ich, ohne Figur, deutlich ſeyn, und
wer ihm folget, kann in der wahren und ſchoͤnen Proportion des Geſichts
nicht fehlen.

Was endlich die Schoͤnheit einzelner Theile des Menſchlichen Koͤr-dd Von der
Schoͤnheit
einzelner
Theile des
Koͤrpers.

pers betrift, ſo iſt hier die Natur der beſte Lehrer: denn im Einzelnen iſt
dieſelbe uͤber die Kunſt, ſo wie dieſe im Ganzen ſich uͤber jene erheben kann.
Dieſes gehet vornehmlich auf die Bildhauerey, welche unfaͤhig iſt, das
Leben zu erreichen in denjenigen Theilen, wo die Malerey im Stande iſt,
demſelben ſehr nahe zu kommen. Da aber einige vollkommen gebildete
Theile, als ein ſanftes Profil, in den groͤßten Staͤdten kaum einigemal
gefunden werden, ſo muͤſſen wir auch aus dieſer Urſache (von dem Nacken-
den nicht zu reden) einige Theile an den Bildniſſen der Alten betrachten.
Die Beſchreibung des Einzelnen aber iſt in allen Dingen, alſo auch
hier ſchwer.

In der Bildung des Geſichts iſt das ſogenannte Griechiſche Profilα Des Ge-
ſichts; ins be-
ſondere

die vornehmſte Eigenſchaft einer hohen Schoͤnheit. Dieſes Profil iſt eine
faſt gerade oder ſanft geſenkte Linie, welche die Stirn mit der Naſe anαα des Pro-
fils deſſelben.

jugendlichen, ſonderlich Weiblichen Koͤpfen, beſchreibet. Die Natur
bildet daſſelbe weniger unter einem rauhen, als ſanften Himmel, aber wo
es ſich findet, kann die Form des Geſichts ſchoͤn ſeyn: denn durch das Ge-

rade
Winckelm. Geſch. der Kunſt. Z

I Theil. Viertes Capitel.
rade und Voͤllige wird die Großheit gebildet, und durch ſanft geſenkte For-
men das Zaͤrtliche. Daß in dieſem Profile eine Urſache der Schoͤnheit
liege, beweiſet deſſen Gegentheil: denn je ſtaͤrker der Einbug der Naſe iſt,
je mehr weicht jenes ab von der ſchoͤnen Form; und wenn ſich an einem
Geſichte, welches man von der Seite ſieht, ein ſchlechtes Profil zeiget,
kann man erſparen, ſich nach demſelben, etwas ſchoͤnes zu finden, umzu-
ſehen. Daß es aber in Werken der Kunſt keine Form iſt, welche ohne
Grund aus den geraden Linien des aͤlteſten Stils geblieben iſt, beweiſet
die ſtarkgeſenkte Naſe an Aegyptiſchen Figuren, bey allen geraden Umriſſen
derſelben. Das, was die alten Scribenten eine viereckigte Naſe nennen 1),
iſt vermuthlich nicht dasjenige, was Junius von einer voͤlligen Naſe 2)
ausleget, als welches keinen Begriff giebt, ſondern es wird dieſes Wort
von beſagtem wenig geſenkten Profile zu verſtehen ſeyn. Man koͤnnte eine
andere Auslegung des Worts viereckigt geben, und eine Naſe verſtehen,
deren Flaͤche breit, und mit ſcharfen Ecken gearbeitet iſt, wie die Giuſtinia-
niſche Pallas, und die ſogenannte Veſtale in eben dieſem Pallaſte haben;
aber dieſe Form findet ſich nur an Statuen des aͤlteſten Stils, wie dieſe
ſind, und an dieſen allein.

ββ Der An-
genbranen.

Die Schoͤnheit der Augenbranen beſtehet in einem duͤnnen Faden von
Haͤrchen, wie ſich dieſelbe in der ſchoͤnſten Natur alſo findet 3), welches
in den ſchoͤnſten Koͤpfen in der Kunſt die faſt ſchneidende Schaͤrfe derſelben
vorſtellet: bey den Griechen hießen dieſelben, Augenbranen der Gratien 4).
Wenn ſie aber ſehr gewoͤlbet waren, wurden ſie mit einem geſpannten Bo-
gen, oder mit Schnecken verglichen 5), und ſind niemals fuͤr ſchoͤn ge-
halten worden 6).

Eine
1) Philoſtr. Heroic. p. 673. l. 22. p. 715. l. 27.
2) de Pict. vet. L. 3. c. 9. p. 157,
3) conf. Struys Voy. T. 2. p. 75.
4) Reineſ. Inſcr. 126. Claſſ. 1. Fabret. Inſcr. c. 4. p. 322. n. 438.
5) Ariſtoph. Lyſiſtr. v. 8.
6) In Toſcana werden Perſonen mit ſolchen Augenbranen Stupori genannt.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Eine von den Schoͤnheiten der Augen iſt die Groͤße, ſo wie ein groſ-γγ Der Au-
gen.

ſes Licht ſchoͤner, als ein kleines iſt; die Groͤße aber iſt dem Augenknochen,
oder deſſen Kaſten gemaͤß, und aͤußert ſich in dem Schnitte, und in der
Oeffnung der Augenlieder, von denen das obere gegen den inneren Win-
kel einen rundern Bogen, als das untere, an ſchoͤnen Augen beſchreibet;
doch ſind nicht alle große Augen ſchoͤn, und niemals die hervorliegenden.
An Loͤwen, wenigſtens an den Aegyptiſchen von Baſalt, in Rom, beſchrei-
bet die Oeffnung des obern Augenliedes einen voͤlligen halben Cirkel.
Die Augen formen an Koͤpfen, im Profil geſtellet, auf erhobenen Arbeiten,
ſonderlich auf den ſchoͤnſten Muͤnzen, einen Winkel, deſſen Oeffnung gegen
die Naſe ſtehet: in ſolcher Richtung der Koͤpfe faͤllt der Winkel der Augen
gegen die Naſe tief, und der Conturn des Auges endiget ſich auf der Hoͤhe
ſeines Bogens oder Woͤlbung, das iſt, der Augapfel ſelbſt ſtehet im Profil.
Dieſe gleichſam abgeſchnittene Oeffnung der Augen giebt den Koͤpfen eine
Großheit, und einen offenen und erhabenen Blick, deſſen Licht zugleich auf
Muͤnzen durch einen erhabenen Punct auf dem Augapfel ſichtbar gemacht iſt.

Die Augen liegen an Idealiſchen Koͤpfen allezeit tiefer, als insgemein
in der Natur, und der Augenknochen ſcheinet dadurch erhabener. Tieflie-
gende Augen ſind zwar keine Eigenſchaft der Schoͤnheit, und machen keine
ſehr offene Mine; aber hier konnte die Kunſt der Natur nicht allezeit fol-
gen, ſondern ſie blieb bey den Begriffen der Großheit des hohen Stils.
Denn an großen Figuren, welche mehr, als die kleineren, entfernt von dem
Geſichte ſtanden, wuͤrden das Auge und die Augenbranen in der Ferne we-
nig ſcheinbar geweſen ſeyn, da der Augapfel nicht wie in der Malerey be-
zeichnet, ſondern mehrentheils ganz glatt iſt, wenn derſelbe, wie in der
Natur, erhaben gelegen, und wenn der Augenknochen eben dadurch nicht
erhaben geweſen. Auf dieſem Wege brachte man an dieſem Theile des Ge-
ſichts mehr Licht und Schatten hervor, wodurch das Auge, welches ſonſt

wie
Z 2

I Theil. Viertes Capitel.
wie ohne Bedeutung und gleichſam erſtorben geweſen waͤre, lebhafter und
wirkſamer gemacht wurde. Dieſes wuͤrde auch die Koͤniginn Eliſabeth
von Engeland, welche durchaus ohne Schatten gemalet ſeyn wollte 1),
zugeſtanden haben. Die Kunſt, welche ſich hier mit Grunde uͤber die Na-
tur erhob, machte aus dieſer Bildung eine faſt allgemeine Regel, auch im
Kleinen: denn man ſieht an Koͤpfen auf Muͤnzen aus den beſten Zeiten,
die Augen eben ſo tief liegen, und der Augenknochen iſt auf denſelben er-
habener, als in ſpaͤtern Zeiten; man betrachte die Muͤnzen Alexanders des
Großen, und ſeiner Nachfolger. In Metall deutete man gewiſſe Dinge an,
welche in dem Flore der Kunſt in Marmor uͤbergangen wurden; das Licht
z. E. wie es die Kuͤnſtler nennen, oder der Stern, findet ſich ſchon vor den
Zeiten des Phidias auf Muͤnzen, an den Koͤpfen des Gero und des Hiero,
durch einen erhabenen Punct angezeiget. Dieſes Licht aber wurde in
Marmor, ſo viel wir wiſſen, allererſt den Koͤpfen in dem erſten Jahr-
hunderte der Kaiſer gegeben, und es ſind nur wenige, welche daſſelbe ha-
ben; einer von denſelben iſt der Kopf des Marcellus, Enkels des Augu-
ſtus, im Campidoglio. Viele Koͤpfe in Erzt haben ausgehoͤhlte, und von
anderer Materie eingeſetzte Augen: die Pallas des Phidias, deren Kopf
von Elfenbein war, hatte den Stern im Auge von Stein 2).

δδ Der Stirn.

Eine ſchoͤne Stirn ſoll nach den Anzeigen einiger alten Scribenten
kurz ſeyn, und gleichwohl iſt eine freye große Stirn nicht ſo haͤßlich, ſon-
dern vielmehr das Gegentheil. Die Erklaͤrung dieſes ſcheinbaren Wider-
ſpruchs iſt leicht zu geben: kurz ſoll ſie ſeyn an der Jugend, wie ſie iſt in
der Bluͤte der Jahre, ehe der kurze Haarwachs auf der Stirn ausgehet,
und dieſelbe bloß laͤßt. Es wuͤrde alſo wider die Eigenſchaft der Jugend
ſeyn, ihr eine freye hohe Stirn zu geben, welche aber dem Maͤnnlichen
Alter eigen iſt.

Das
1) Walpole’s Catal. of the noble Authors &c. p. 125.
2) Plato Hipp. maj. p. 349. l. 7. ed. Baſil.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Das Maaß des Mundes iſt, wie angezeiget worden, gleich der Oeff-εε Des Mun-
des.

nung der Naſe; iſt der Schnitt deſſelben laͤnger, ſo wuͤrde es wider das
Verhaͤltniß des Ovals ſeyn, worinn die in demſelben enthaltenen Theile
in eben der Abweichung gegen das Kinn zu gehen muͤſſen, in welcher das
Oval ſelbſt ſich zuſchließet. Die Lippen ſollen noͤthig ſeyn, um mehr
ſchoͤne Roͤthe zu zeigen, und die untere Lippe voͤlliger, als die obere, wo-
durch zugleich unter derſelben in dem Kinne die eingedruckte Rundung, eine
Bildung der Mannigfaltigkeit, entſtehet.

Das Kinn wurde nicht durch Gruͤbchen unterbrochen: denn deſſenζζ Des Kinns.
Schoͤnheit beſtehet in der rundlichen Voͤlligkeit ſeiner gewoͤlbten Form,
und da das Gruͤbchen nur einzeln in der Natur, und etwas zufaͤlliges iſt,
ſo iſt es von Griechiſchen Kuͤnſtlern nicht, wie von neuern Scribenten 1),
als eine Eigenſchaft der allgemeinen und reinen Schoͤnheit geachtet worden.
Daher findet ſich das Gruͤbgen nicht an der Niobe und an ihren Toͤchtern,
noch an der Albaniſchen Pallas, den Bildern der hoͤchſten Weiblichen
Schoͤnheit, und weder Apollo im Belvedere, noch Bacchus in der Villa
Medicis, haben es, noch was ſonſt von ſchoͤnen Idealiſchen Figuren iſt.
Die Venus in Florenz hat es, als einen beſondern Liebreiz, nicht als etwas
zur ſchoͤnen Form gehoͤriges. Varro nennet dieſes Gruͤbgen einen Ein-
druck des Fingers der Liebe.

Die Schoͤnheit der Form der uͤbrigen Theile wurde eben ſo allge-β Der uͤbri-
gen aͤußern
Theile, als d[er]
Haͤnde und
Fuͤße.

mein beſtimmet; die aͤußerſten Theile, Haͤnde, und Fuͤße ſo wohl, als die
Flaͤchen. Es ſcheinet Plutarchus, wie uͤberhaupt, alſo auch hier, ſich
ſehr wenig auf die Kunſt verſtanden zu haben, wenn er vorgiebt, daß die
alten Meiſter nur auf das Geſicht aufmerkſam geweſen 2), und uͤber die

andern
1) Franco Dial. della bellez. P. 1. p. 24. Auch Paul Anton Rolli in folgenden Verſen:
Molle pozzetta gli divide il mento,
Che la beltà compiſce, e il riſo, e il gioco
Volan gl’ intorno, e cento grazie e cento.
2) In Alexand.
Z 3

I Theil. Viertes Capitel.
andern Theile des Koͤrpers uͤberhin gegangen. Die aͤußerſten Theile ſind
nicht ſchwerer in der Moral, wo die aͤußerſte Tugend mit dem Laſter graͤn-
zet, als in der Kunſt, wo ſich in denſelben das Verſtaͤndniß des Schoͤnen
des Kuͤnſtlers zeiget. Aber die Zeit und die Wuth der Menſchen hat uns
von ſchoͤnen Fuͤßen wenige, von ſchoͤnen Haͤnden in Marmor keine einzige
uͤbrig gelaſſen. Dieſe ſind an der Mediceiſchen Venus voͤllig neu, woraus
das ungelehrte Urtheil derjenigen erhellet, die in den Haͤnden, welche ſie
fuͤr alt angeſehen, Fehler gefunden. Eben dieſe Beſchaffenheit hat es
mit den Armen unter dem Ellenbogen des Apollo in Belvedere.

Die Schoͤnheit einer jugendlichen Hand beſtehet in einer ſehr maͤßigen
Voͤlligkeit, mit kaum merklich geſenkten Spuren, nach Art ſanfter Be-
ſchattungen, uͤber die Knoͤchel der Finger, wo auf voͤlligen Haͤnden Gruͤb-
gen ſind. Die Finger ſind mit einer lieblichen Verjuͤngung, wie wohlge-
ſtallte Saͤulen gezogen, und in der Kunſt, ohne Anzeige der Gelenke der
Glieder; das aͤußerſte Glied iſt nicht, wie bey den neuern Kuͤnſtlern,
vorne uͤbergebogen.

Ein ſchoͤner Fuß war mehr ſichtbar, als bey uns, und je weniger der-
ſelbe gepreſſet war, deſto wohlgebildeter war deſſen Form, welche bey den
Alten genau beobachtet wurde; wie aus den beſondern Bemerkungen der
alten Weiſen uͤber die Fuͤße, und aus ihren Schluͤſſen auf die Gemuͤthsnei-
gung erhellet 1). Es werden daher in Beſchreibungen ſchoͤner Perſonen,
wie der Polyxena 2), und der Aſpaſia 3), auch ihre ſchoͤne Fuͤße angefuͤh-
ret, und die ſchlechten Fuͤße Kaiſers Domitianus 4) ſind auch in der Ge-
ſchichte bemerket. Die Naͤgel ſind an den Fuͤßen der Alten platter, als an
neuern Statuen.

Eine
1) Ariſtot. Φυσιογνωμ. L. 1. p. 147. l. 8. L. 2. p. 187. l. 26. ed. Sylb.
2) Dares Phryg. c. 13.
3) Aelian. Var. hiſt. L. 12. c. 1.
4) Sueton. Domit.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Eine praͤchtig gewoͤlbete Erhobenheit der Bruſt wurde an Maͤnnli-γ Der Flaͤchen,
als der Bruſt
und des Unter-
leibes; ingl.
der Schaam
und der Knie.

chen Figuren fuͤr eine allgemeine Eigenſchaft der Schoͤnheit gehalten, und
mit ſolcher Bruſt bildet ſich der Vater der Dichter den Neptunus 1), und
nach demſelben den Agamemnon; ſo wuͤnſchte Anacreon 2) dieſelbe an dem
Bilde deſſen, den er liebte, zu ſehen. Die Bruſt oder der Buſen Weiblicher
Figuren iſt niemals uͤberfluͤßig begabet: denn uͤberhaupt wurde die Schoͤn-
heit in dem maͤßigen Wachsthume der Bruͤſte geſetzet, und man gebrauchte
einen Stein aus der Inſel Naxus 3), welcher fein geſchabet und aufgelegt,
den aufſchwellenden Wachsthum derſelben verhindern ſollte. Eine jung-
fraͤuliche Bruſt wird von Dichtern 4) mit unreifen Trauben verglichen,
und an einigen Figuren der Venus unter Lebensgroͤße, ſind die Bruͤſte ge-
drungen und Huͤgeln aͤhnlich, die ſich zuſpitzen, welches fuͤr die ſchoͤnſte
Form derſelben ſcheinet gehalten worden zu ſeyn.

Der Unterleib iſt auch an Maͤnnlichen Figuren, wie derſelbe an einem
Menſchen nach einem ſuͤßen Schlaf, und nach einer geſunden Verdauung
ſeyn wuͤrde, das iſt, ohne Bauch, und ſo wie ihn die Naturkuͤndiger 5)
zum Zeichen eines langen Lebens ſetzen. Der Nabel iſt nachdruͤcklich ver-
tieft, ſonderlich an Weiblichen Figuren 6), an welchen er in einen Bogen,
und zuweilen in einen kleinen halben Cirkel gezogen iſt, der theils nieder-
werts, theils aufwerts gehet, und es findet ſich dieſes Theil an einigen
Figuren ſchoͤner, als an der Mediceiſchen Venus, gearbeitet, an welcher der
Nabel ungewoͤhnlich tief und groß iſt.

Auch
1) Die Bruſt war dem Neptunus gewidmet, und wir finden die Koͤpfe deſſelben auf allen
geſchnittenen Steinen bis unter die Bruſt, welches bey andern Gottheiten nicht
ſo gewoͤhnlich iſt.
*) conf. Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 102.
2) conf. Caſaub. ad Athen. Deipn. L. 15. p. 972. l. 40.
3) Dioſcor. L. 5. c. 168.
4) Theocrit. Idyl. 11. v. 1. Nonn. Dionyſ. L. 1. p. 4. l. 4. p. 15. l. 9.
5) Baco Verul. Hiſt. vit. & mort. p. 174.
6) conf. Achil. Tat. Erot. L. 1. p. 9. l. 7.
I Theil. Viertes Capitel.

Auch die Theile der Schaam haben ihre beſondere Schoͤnheit; unter
den Hoden iſt allezeit der linke groͤßer, wie es ſich in der Natur findet:
ſo wie man bemerket hat, daß das linke Auge ſchaͤrfer ſieht, als das rechte 1).

Die Knie ſind an jugendlichen Figuren nach der Wahrheit der ſchoͤ-
nen Natur gebildet, welche dieſelben nicht mit ſichtbaren Knorpeln zerglie-
dert, ſondern ſanft und einfach platt gewoͤlbet, und ohne Regung der
Muskeln zeiget.

Dem Leſer und dem Unterſucher der Schoͤnheit uͤberlaſſe ich, die
Muͤnze umzukehren, und beſondere Betrachtungen zu machen uͤber die
Theile, welche der Maler dem Anacreon an ſeinem Geliebten nicht vor-
ſtellen konnte.

Der Inbegriff aller beſchriebenen Schoͤnheiten in den Figuren der
Alten, findet ſich in den unſterblichen Werken Herrn Anton Raphael
Mengs
, erſten Hofmalers der Koͤnige von Spanien und von Pohlen, des
groͤßten Kuͤnſtlers ſeiner, und vielleicht auch der folgenden Zeit. Er iſt
als ein Phoenix gleichſam aus der Aſche des erſten Raphaels erwecket wor-
den, um der Welt in der Kunſt die Schoͤnheit zu lehren, und den hoͤchſten
Flug Menſchlicher Kraͤfte in derſelben zu erreichen. Nachdem die Deutſche
Nation ſtolz ſeyn konnte uͤber einen Mann, der zu unſerer Vaͤter Zeiten
die Weiſen erleuchtet, und Saamen von allgemeiner Wiſſenſchaft unter
allen Voͤlkern ausgeſtreuet, ſo fehlete noch an dem Ruhme der Deutſchen,
einen Wiederherſteller der Kunſt aus ihrem Mittel aufzuzeigen, und den
deutſchen Raphael in Rom ſelbſt, dem Sitze der Kuͤnſte, dafuͤr erkannt
und bewundert zu ſehen.

ee Allgemei-
ne Erinnerung
uͤber dieſe Ab-
handlung.

Ich fuͤge dieſer Betrachtung uͤber die Schoͤnheit eine Erinnerung bey,
welche jungen Anfaͤngern und Reiſenden die erſte und vornehmſte Lehre in
Betrachtung Griechiſcher Figuren ſeyn kann. Suche nicht die Maͤngel

und
1) Philoſoph. Transact. Vol. 3. p. 730. Denis memoir. p. 213.

Von der Kunſt unter den Griechen.
und Unvollkommenheiten in Werken der Kunſt zu entdecken, bevor du
das Schoͤne erkennen und finden gelernet. Dieſe Erinnerung gruͤndet ſich
auf eine taͤgliche Erfahrung, und den mehreſten, weil ſie den Cenſor ma-
chen wollen, ehe ſie Schuͤler zu werden angefangen, iſt das Schoͤne uner-
kannt geblieben: denn ſie machen es wie die Schulknaben, die alle Witz
genug haben, die Schwaͤche des Lehrmeiſters zu entdecken. Unſere Eitel-
keit wollte nicht gerne mit muͤßiger Anſchauung vorbey gehen, und unſere
eigene Genugthuung will geſchmeichelt ſeyn; daher wir ſuchen ein Urtheil
zu faͤllen. So wie aber ein verneinender Satz eher, als ein bejahender,
gefunden wird, eben ſo iſt das Unvollkommene viel leichter, als das Voll-
kommene, zu bemerken und zu finden, und es koſtet weniger Muͤhe, andere
zu beurtheilen, als ſelbſt zu lehren. Man wird insgemein, wenn man ſich
einer ſchoͤnen Statue naͤhert, die Schoͤnheit derſelben in allgemeinen Aus-
druͤcken ruͤhmen, weil dieſes nichts koſtet, und wenn das Auge ungewiß
und flatternd auf derſelben herum geirret, und das Gute in den Theilen,
mit deſſen Gruͤnden, nicht entdecket hat, bleibet es an dem Fehlerhaften
haͤngen. Am Apollo bemerket es das einwerts geruͤckte Knie, welches
mehr ein Fehler des zuſammengeſetzten Bruchs, als des Meiſters iſt; am
vermeynten Antinous im Belvedere die auswerts gebogenen Beine; am
Farneſiſchen Hercules den Kopf, von welchem man geleſen hat, daß er
ziemlich klein ſey. Die noch mehr wiſſen wollen, erzaͤhlen hierbey, daß
der Kopf eine Meile weit von der Statue in einem Brunnen, und die
Beine zehen Meilen weit von der Statue gefunden worden, welche Fabel
auf guten Glauben in mehr als einem Buche vorgebracht iſt; daher ge-
ſchieht es alsdenn, daß man nur die neuen Zuſaͤtze bemerket. Von die-
ſer Art ſind die Anmerkungen, welche die blinden Fuͤhrer der Reiſenden in
Rom, und die Reiſebeſchreiber von Italien machen. Einige irren, wie
jene, aus Vorſicht, wenn ſie in Betrachtung der Werke der Alten alle
Vorurtheile zum Vortheile derſelben, bey Seite ſetzen wollen; ſie ſollen

aber
Winckelm Geſch. der Kunſt. A a

I Theil. Viertes Capitel.
aber vielmehr vorher eingenommen ſich denſelben naͤhern: denn in der
Verſicherung, viel ſchoͤnes zu finden, werden ſie daſſelbe ſuchen, und eini-
ges wird ſich ihnen entdecken. Man kehre ſo oft zuruͤck, bis man es ge-
funden hat: denn es iſt vorhanden.

ff Von der
Zeichnung der
Figuren der
Thiere von
Griechiſchen
Meiſtern.

In dieſem zweyten Stuͤcke von dem Weſentlichen der Griechiſchen
Kunſt iſt, nach der Zeichnung der Menſchlichen Figuren, mit wenigen die
Abbildung der Thiere, ſo wie im zweyten Capitel geſchehen, zu beruͤhren.
Die Unterſuchung und Kenntniß der Natur der Thiere iſt nicht weniger
ein Vorwurf der Kuͤnſtler der alten Griechen, als ihrer Weiſen, geweſen:
verſchiedene Kuͤnſtler haben ſich vornehmlich in Thieren zu zeigen geſuchet;
Calamis in Pferden, und Nicias in Hunden; ja die Kuh des Myron
iſt beruͤhmter, als ſeine andern Werke, und iſt durch viel Dichter beſungen,
deren Inſchriften ſich erhalten haben; auch ein Hund dieſes Kuͤnſtlers
war beruͤhmt, ſo wie ein Kalb des Menaͤchmus 1). Wir finden, daß
die alten Kuͤnſtler wilde Thiere nach dem Leben gearbeitet, und Paſite-
les
2) hatte einen lebendigen Loͤwen in Abbildung deſſelben vor Augen.

Von Loͤwen und von Pferden haben ſich ungemein ſchoͤne Stuͤcke, theils
freyſtehende, theils erhobene, und auf Muͤnzen und geſchnittenen Steinen,
erhalten. Der uͤber die Natur große ſitzende Loͤwe in weißem Marmor,
welcher an dem Pireaͤiſchen Hafen zu Athen ſtand, und itzo vor dem Ein-
gange des Arſenals zu Venedig ſtehet, iſt billig unter die vorzuͤglichen
Werke der Kunſt zu zaͤhlen, und der ſtehende Loͤwe im Pallaſte Barberini,
ebenfalls uͤber Lebensgroͤße, welcher von einem Grabmale weggenommen
iſt, zeiget dieſen Koͤnig der Thiere in ſeiner fuͤrchterlichen Großheit. Wie
ſchoͤn ſind die Loͤwen auf Muͤnzen der Stadt Velia gezeichnet und gepraͤget!

In Pferden ſind die alten Kuͤnſtler von den Neueren vielleicht nicht
uͤbertroffen, wie Duͤ Bos behauptet 3), weil er annimmt, daß die Pferde

in
1) Plin. L. 34. c. 19.
2) Id. L. 36. c. 5.
3) Refl. ſur la poeſie & ſur la peint.

Von der Kunſt unter den Griechen.
in Griechenland und Italien nicht ſo ſchoͤn, als die Engliſchen ſind. Es
iſt nicht zu laͤugnen, daß im Koͤnigreiche Neapel und in Engeland die da-
ſigen Stuten von Spaniſchen Hengſten begangen, eine edlere Art durch
dieſe Begattung geworfen haben, wodurch die Pferdezucht in dieſen Laͤn-
dern verbeſſert worden. Dieſes gilt auch von andern Laͤndern; in einigen
aber iſt das Gegentheil geſchehen: die Deutſchen Pferde, welche Caͤſar
ſehr ſchlecht gefunden, ſind itzo ſehr gut, und die Pferde in Gallien, welche
zu deſſen Zeit geſchaͤtzt waren, ſind die ſchlechteſten in ganz Europa. Die
Alten kannten den ſchoͤnen Schlag der Daͤniſchen Pferde nicht, auch die
Engliſchen ſind ihnen nicht bekannt geweſen; aber ſie hatten Cappadociſche
und Epiriſche, die edelſten Arten unter allen, die Perſiſchen, die Achaͤi-
ſchen und Theſſaliſchen, die Sicilianiſchen und Tyrrheniſchen, und die
Celtiſchen oder Spaniſchen Pferde. Hippias beym Plato ſagt 1):
„Es faͤllt die ſchoͤnſte Art Pferde bey uns.„

Es iſt auch ein ſehr uͤberhinflatterndes Urtheil jenes Scribenten, wenn
er ſein obiges Vorgeben aus einigen Maͤngeln des Pferdes des Marcus
Aurelius zu behaupten ſuchet: dieſe Statue hat natuͤrlicher Weiſe gelitten,
wo dieſelbe umgeworfen und verſchuͤttet gelegen; an den Pferden auf
Monte Cavallo muß man ihm gerade zu widerſprechen, und es iſt das,
was alt iſt, nicht fehlerhaft.

Wenn wir auch keine andern Pferde in der Kunſt haͤtten, ſo kann
man voraus ſetzen, da vor Alters tauſend Statuen auf und mit Pferden
gegen eine einzige in neuern Zeiten gemacht worden, daß die Kuͤnſtler des
Alterthums die Eigenſchaften eines ſchoͤnen Pferdes, ſo wie ihre Scriben-
ten und Dichter, gekannt haben, und daß Calamis eben ſo viel Einſicht, als
Horatius und Virgilius, gehabt, die uns alle Tugenden und Schoͤnheiten
eines Pferdes anzeigen. Mich deucht, die vier alten Pferde von Erzt uͤber

dem
1) Hipp. maj. p. 348. l. 21. ed. Baſ.
A a 2

I Theil. Viertes Capitel.
dem Portale der St. Marcus Kirche zu Venedig ſind, was man in dieſer
Art ſchoͤnes finden mag; der Kopf des Pferdes Kaiſers Marcus Aurelius
kann in der Natur nicht wohlgebildeter und geiſtreicher ſeyn. Die vier
Pferde von Erzt an den Wagen, welcher auf dem Herculaniſchen Theater
ſtand, waren ſchoͤn, aber von leichtem Schlage, wie die Pferde aus der
Barbarey ſind: aus dieſen Pferden iſt ein ganzes zuſammengeſetzet auf dem
Hofe des Koͤniglichen Muſei zu Portici zu ſehen. Zwey andere Pferde
von Erzt in eben dieſem Muſeo ſind unter die ſeltenſten Stuͤcke deſſelben zu
zaͤhlen. Das erſte mit deſſen Reuter wurde im May 1761. im Herculano
gefunden, aber es mangelten an demſelben alle vier Beine, wie auch an
der Figur, nebſt dem rechten Arme: die Baſe deſſelben aber iſt vorhanden,
und mit Silber ausgelegt. Das Pferd iſt zween Neapelſche Palmen lang,
hat die Augen, wie auch eine Roſe an den Zuͤgeln auf der Stirne, und
einen Kopf der Meduſa auf den Bruſtriemen, von Silber: die Zuͤgel ſelbſt
ſind von Kupfer. Die zu Pferde ſitzende Figur hat ebenfalls die Augen
von Silber, und der Mantel iſt mit einem ſilbernen Hefte auf der rechten
Schulter zuſammengehaͤnget. In der linken Hand haͤlt dieſelbe die Degen-
ſcheide, daß alſo in der mangelnden rechten Hand der Degen muß geweſen ſeyn.
Die Bildung iſt einem Alexander in allem ſehr aͤhnlich, und um die Haare
iſt ein Diadema geleget. Dieſe Figur iſt, von dem Gefaͤße an, einen Roͤ-
miſchen Palm und zehen Zolle hoch. Das andere Pferd iſt ebenfalls ver-
ſtuͤmmelt, und ohne Figur; aber alle beyde ſind von der ſchoͤnſten Form, und
auf das feinſte ausgearbeitet. Schoͤn gezeichnet ſind die Pferde auf eini-
gen Syracuſiſchen und andern Muͤnzen, und der Kuͤnſtler, welcher die
drey erſten Buchſtaben ΜΙΘ ſeines Namens unter einem Pferdekopfe 1)
auf einem Carniole des Stoßiſchen Muſei geſetzet, war ſeines Verſtaͤnd-
niſſes und des Beyfalls der Kenner gewiß.

Es
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 543.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Es iſt hier bey Gelegenheit zu merken, wie ich an einem andern Orte
angezeiget 1), daß die alten Kuͤnſtler uͤber die Bewegung der Pferde, das
iſt, uͤber die Art und Folge der Beine im Aufheben, nicht einig waren,
eben ſo wenig, wie es einige neuere Scribenten ſind, welche dieſen Punct
beruͤhret haben. Einige behaupten 2), daß die Pferde die Beine an jeder
Seite zugleich aufheben, und ſo iſt der Gang der vier alten Pferde zu Ve-
nedig, der Pferde des Caſtor und des Pollux auf dem Campidoglio, und
der Pferde des Nonius Balbus und ſeines Sohns zu Portici vorgeſtellet.
Andere halten ſich uͤberzeugt, daß die Pferde ſich Diagonaliſch, oder im
Creuz, bewegen 3), das iſt, ſie heben nach dem rechten Vorderfuße den
linken Hinterfuß auf, und dieſes iſt auf die Erfahrung, und auf die Geſetze
der Mechanic gegruͤndet. Alſo heben die Fuͤße das Pferd des Marcus
Aurelius, die vier Pferde an deſſen Wagen in erhobner Arbeit, und die
an den Bogen des Titus ſtehen.

Es finden ſich auch verſchiedene andere Thiere Griechiſcher Kuͤnſtler
von harten Steinen und von Marmor in Rom. In der Villa Negroni
ſtehet ein ſchoͤner Tiger von Baſalt, auf welchem eins der ſchoͤnſten Kinder
in Marmor reitet; ein Bildhauer beſitzet einen großen ſchoͤnen Hund von
Marmor. An dem bekannten Bocke in dem Pallaſte Giuſtiniani iſt der
Kopf, als das ſchoͤnſte Theil, neu.

Dieſe Abhandlung von der Zeichnung des Nackenden Griechiſcher Kuͤnſt-
ler, iſt hier nicht erſchoͤpft, wie ich ſehr wohl einſehe; aber ich glaube, es ſey der
Faden gegeben, den man faſſen, und dem man richtig nachgehen kann. Rom
iſt der Ort, wo dieſe Betrachtungen reichlicher, als anderswo, gepruͤfet und an-
gewendet werden koͤnnen; das richtige Urtheil aber uͤber dieſelben, und der
voͤllige Nutzen, iſt nicht im Durchlaufen zu machen, noch zu ſchoͤpfen: denn
was anfaͤnglich dem Sinne des Verfaſſers nicht gemaͤß ſcheinen moͤchte,
wird demſelben durch oͤftere Betrachtung aͤhnlicher werden, und wird die
vieljaͤhrige Erfahrung deſſelben, und die reife Ueberlegung dieſer Abhand-
lung beſtaͤtigen.

Von
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 170.
2) Borel. de motu animal. P. I. c. 20. Baldinuc. Vite de Pitt. T. 2. p. 59.
3) Magalotti Lettere.
A a 3
I Theil. Viertes Capitel.


II.
Von der Zeich-
nung bekleide-
ter Griechi-
ſcher Figuren
Weiblichen
Geſchlechts.

Von dieſem erſten Theile des zweyten Stuͤcks dieſes Capitels, das iſt,
von Betrachtung der Zeichnung des Nackenden in der Griechiſchen Kunſt,
gehe ich zu dem zweyten Theile, welcher von der Zeichnung bekleideter Fi-
guren handelt. Die Unterſuchung dieſes Theils des Kunſt iſt in einer
Lehrgeſchichte derſelben um ſo viel noͤthiger, da die bisherigen Abhandlun-
gen von der Kleidung der Alten mehr gelehrt, als unterrichtend und be-
ſtimmt ſind, und ein Kuͤnſtler wuͤrde, wenn er dieſelbe geleſen haͤtte, viel-
mals unwiſſender ſeyn, als vorher: denn dergleichen Schriften ſind von Leu-
ten zuſammen getragen, die nur wußten aus Buͤchern, nicht aus anſchau-
licher Kenntniß der Werke der Kunſt. Unterdeſſen muß ich bekennen,
daß es ſchwer iſt, alles genau zu beſtimmen.

Eine umſtaͤndliche Unterſuchung uͤber die Bekleidung der Alten, kann
ich hier nicht geben, ſondern ich will mich auf Weibliche Figuren ein-
ſchraͤnken, weil die mehreſten Maͤnnlichen Figuren Griechiſcher Kunſt, auch
nach dem Zeugniſſe der Alten, unbekleidet ſind. Was von der Maͤnnli-
chen Griechiſchen Bekleidung beſonders anzumerken iſt, wird im folgenden
Capitel bey der Roͤmiſchen Tracht mit anzubringen ſeyn, wo ich von der
Maͤnnlichen Kleidung handele, ſo wie die Weibliche Kleidung unter den
Roͤmern zugleich bey der Griechiſchen beruͤhret wird.

Es iſt erſtlich von dem Zeuge, zweytens von den verſchiedenen Stuͤ-
cken, Arten, und von der Form der Weiblichen Kleidung, und zum drit-
ten von der Zierlichkeit derſelben, und von dem uͤbrigen Weiblichen An-
zuge und Schmucke, zu reden.

A.
Von dem
Zeuge der
Kleidung.

In Abſicht des erſten Puncts war die Weibliche Kleidung theils von
Leinewand, oder von anderm leichten Zeuge, theils von Tuche, und ſon-
a Aus Leine-
wand und aus
anderem leich-
ten Zeuge.
derlich unter den Roͤmern in ſpaͤtern Zeiten auch von Seide. Die Leine-
wand iſt in Werken der Bidhauerey ſowohl, als in Gemaͤlden, an der Durch-

ſichtigkeit,

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſichtigkeit, und an den flachen kleinen Faͤltgen kenntlich, und dieſe Art der
Bekleidung iſt den Figuren gegeben, nicht ſowohl weil die Kuͤnſtler die
naſſe Leinewand, mit welcher ſie ihr Modell bekleideten, nachgemacht, ſon-
dern weil die aͤlteſten Einwohner von Athen, wie Thucydides ſchreibet 1),
und auch andere Griechen, ſich in Leinewand kleideten 2), welches nach dem
Herodotus nur von dem Unterkleide der Weiber zu verſtehen waͤre 3).
Leinewand war noch die Tracht zu Athen nicht lange vor den Zeiten beſag-
ter Scribenten, und war den Weibern eigen 4). Will jemand an Weib-
lichen Figuren das, was Leinewand ſcheinen koͤnnte, fuͤr leichtes Zeug hal-
ten, ſo aͤndert ſich dadurch die Sache nicht: unterdeſſen muß die Leinewand
eine haͤufige Tracht unter den Griechen geblieben ſeyn, da in der Gegend
um Elis der ſchoͤnſte und feinſte Flachs gebauet und gearbeitet wurde 5).

Das leichte Zeug war vornehmlich Baumwolle, welche in der Inſelb Aus Baum-
wolle.

Cos gebauet und gewirket wurde 6), und es war ſowohl unter den Grie-
chen, als unter den Roͤmern, eine Kleidung des Weiblichen Geſchlechts;
wer ſich aber von Maͤnnern in Baumwolle kleidete, war wegen der Weich-
lichkeit beſchrien: dieſes Zeug war zuweilen geſtreift 7), wie es Chaͤrea,
der ſich als ein Verſchnittener verkleidet hatte, in dem Vaticaniſchen Te-
rentius traͤgt. Es wurden auch leichte Zeuge fuͤr das Weibliche Geſchlecht
aus der Wolle gewebet 8), welche an gewiſſen Muſcheln waͤchſt, aus wel-
cher noch itzo, ſonderlich zu Taranto, ſehr feine Handſchuhe und Struͤmpfe
fuͤr den Winter gearbeitet werden. Man hatte dermaßen durchſichtige
Zeuge, daß man ſie daher einen Nebel nennete 9), und Euripides be-
ſchreibet den Mantel, welchen Iphigenia uͤber ihr Geſicht hergeſchlagen, ſo
duͤnne, daß ſie durch denſelben ſehen koͤnnen 10).

Die
1) L. 1. p. 3. l. 1.
2) Aeſchyl. Sept. contr. Theb. v. 1047. Theocrit. Idyl. 2. v. 72.
3) L. 5. p. 201. l. 16.
4) Eurip. Baccli. v. 819.
5) Pauſan. L. 5. p. 384. l. 31.
6) Salmaſ. Exerc. in Solin. p. 296. A.
7) Ruben. de re veſt. L. 1. c. 2. p. 15.
8) Salmaſ. Not. in Tertul. de Pallio, p. 172. 175.
9) Turneb. Adverſ. L. 1. c. 15. p. 15.
10) Iphig. Taur. v. 372.
I Theil. Viertes Capitel.
c Aus Seide.

Die Kleidung von Seide erkennet man auf alten Gemaͤlden an der
verſchiedenen Farbe auf eben demſeben Gewande, welches man eine ſich
aͤndernde Farbe
(Colore cangiante) nennet, wie dieſes deutlich auf
der ſogenannten Aldrovandiniſchen Hochzeit, und an den Copien von an-
dern in Rom gefundenen und vernichteten Gemaͤlden, welche der Herr
Cardinal Alexander Albani beſitzet, zu ſehen iſt; noch haͤufiger aber auf
vielen Herculaniſchen Gemaͤlden erſcheinet, wie in dem Verzeichniſſe und
in der Beſchreibung derſelben an einigen Orten angemerket worden 1).
Dieſe verſchiedene Farbe auf den Gewaͤndern verurſachet die glatte Flaͤche
der Seide und der krelle Widerſchein, und dieſe Wirkung macht weder
Tuch, noch Baumwolle, aus Urſache des wolligten Fadens und der rauchli-
chen Flaͤche. Dieſes will Philoſtratus anzeigen, wenn er von dem Man-
tel des Amphion ſaget, daß derſelbe nicht von einer Farbe geweſen, ſon-
dern ſich geaͤndert 2). Daß das Griechiſche Frauenzimmer in den beſten
Zeiten von Griechenland, ſeidene Kleider getragen, iſt aus Schriften
nicht bekannt; aber wir ſehen es in den Werken ihrer Kuͤnſtler, unter wel-
chen vier zuletzt im Herculano entdeckte Gemaͤlde, welche unten beſchrie-
ben ſind, vor der Kaiſer Zeiten gemalt ſeyn koͤnnen: man koͤnnte ſagen,
es haͤtten die Maler ein ſeidenes Gewand gehabt, ihre Modelle damit zu
bekleiden. In Rom wußte man bis unter den Kaiſern nichts von dieſer
Tracht; da aber die Pracht einriß, ließ man ſeidene Zeuge aus Indien
kommen, und es kleideten ſich auch Maͤnner in Seide 3), woruͤber unter
dem Tiberius ein Verboth gemacht wurde. Eine beſondere ſich aͤndernde
Farbe ſieht man auf vielen Gewaͤndern alter Gemaͤlde, nemlich roth
und violet, oder Himmelblau zugleich, oder roth in den Tiefen, und gruͤn
auf den Hoͤhen, oder violet in den Tiefen, und gelb auf den Hoͤhen;
welches ebenfalls ſeidene Zeuge andeutet, aber ſolche, an welchen der Faden

des
1) Bayardi Catal. Ercol. p. 47. n. 244. p. 117. n. 593. Pilt. Ercol. T. 2. tav. 5. p. 27.
2) Icon. L. 1. n. 10. p. 779.
3) Tacit. Annal. L. 2. c. 33.

Von der Kunſt unter den Griechen.
des Einſchlags und des Aufſchlags, jeder beſonders eine von beyden Far-
ben muß gehabt haben, welche an geworfenen Gewaͤndern, nach der
verſchiedenen Richtung der Falten, eine vor der andern erleuchtet worden.
Der Purpur war insgemein Tuch; man wird aber vermuthlich auch der
Seide dieſe Farbe gegeben haben. Da nun der Purpur von zweyfacher
Art war, nemlich Violet oder Himmelblauer 1), welche Art Farbe die Grie-
chen durch ein Wort andeuten, welches eigentlich Meerfarbe heißt 2),
und der andere und koſtbare Purpur, nemlich der Tyriſche, welcher un-
ſerm Lacke aͤhnlich war 3), ſo ſcheinet es, daß man ſeidene Zeuge aus die-
ſen zwo Arten von Purpurfarbe gewebet habe.

Das Gewand von Tuch unterſcheidet ſich an Figuren augenſcheinlichd Aus Tuche.
vor der Leinewand, und von andern leichten Zeugen; und ein franzoͤſiſcher
Kuͤnſtler 4), welcher keine andern als ſehr feine und durchſichtige Zeuge in
Marmor bemerket, hat nur an die Farneſiſche Flora gedacht, und an Fi-
guren, welche auf aͤhnliche Art gekleidet ſind. Man kann hingegen be-
haupten, daß ſich in Weiblichen Statuen wenigſtens eben ſo viel Gewaͤn-
der, welche Tuch, als welche feine Zeuge vorſtellen, erhalten haben. Tuch iſt
kenntlich an großen Falten, auch an den Bruͤchen, in welche das Tuch im
Zuſammenlegen geſchlagen wurde; von dieſen Bruͤchen wird unten geredet.

Was den zweyten Punct der Weiblichen Kleidung, nemlich ihre ver-B.
Von den Aꝛten
und der Form.

ſchiedene Stuͤcke, Arten, und die Form derſelben betrifft, ſo ſind zu erſt

drey
1) Corn. Nep. Fragm. p. 158. ed. in uſ. Delph. Column. de Purp. p. 6.
2) Excerpt. Polyb. L. 31. p. 177. l. 5. conf. Hadr. Iun. Animadv. L. 2. c. 2.
3) Daß der Tyriſche Purpur dieſe Farbe gehabt, ſieht man auf einem Herculaniſchen Ge-
maͤlde, wo ein Feldherr, welches Titus ſcheinet, nebſt einer Victoria, bey einem
Siegeszeichen vorgeſtellet iſt. Der Mantel des Heerfuͤhrers des beſiegten Volks an
dem Siegszeichen iſt Ponſoroth, der Mantel des Feldherrn aber Lackroth. Der Pur-
pur war die Tracht der Kaiſer, und den Purpur oder das Kaiſertuch nehmen, ſind
geleichbedeutende Redensarten.
4) Falconet Refl. ſur la Sculpt. p. 52. 58.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. B b

I Theil. Viertes Capitel.
drey Stuͤcke, das Unterkleid, der Rock und der Mantel zu merken, deren
Form die allernatuͤrlichſte iſt, die ſich gedenken laͤßt. In den aͤlteſten Zei-
ten war die Weibliche Tracht unter allen Griechen eben dieſelbe, das iſt,
die Doriſche 1); in folgenden Zeiten unterſchieden ſich die Jonier von den
uͤbrigen; die Kuͤnſtler aber ſcheinen ſich in Goͤttlichen und Heroiſchen Fi-
guren an die aͤlteſte Tracht vornehmlich gehalten zu haben.

a Von dem
Unterkleide.

Das Unterkleid, welches ſtatt unſers Hemdes war, ſieht man an
entkleideten oder ſchlafenden Figuren, wie an der Farneſiſchen Flora, an
den Statuen der Amazonen im Campidoglio und in der Villa Mattei, an
der faͤlſchlich ſogenannten Cleopatra in der Villa Medicis, und an einem
ſchoͤnen Hermaphroditen im Pallaſte Farneſe. Auch die juͤngſte Tochter
der Niobe, die ſich in den Schooß der Mutter wirft, hat nur das Unter-
kleid; und dieſes hieß bey den Griechen Χιτών 2), und die allein im Un-
terkleide waren, hießen μονόπεπλοι 3). Es war, wie an angefuͤhrten Figu-
ren erſcheinet, von Leinewand, oder von ſehr leichtem Zeuge, ohne Ermel,
ſo daß es auf den Achſeln vermittelſt eines Knopfs zuſammenhieng, und
bedeckete die ganze Bruſt, wenn es nicht von der Achſel abgeloͤſet war.
Oben am Halſe ſcheinet zuweilen ein gekraͤuſelter Streifen von feinerem
Zeuge angenaͤhet geweſen zu ſeyn, welches aus Lycophrons Beſchreibung
des Maͤnnerhemdes 4), worein Clytemneſtra den Agamemnon verwickelt,
um ſo viel mehr auf Unterkleider der Weiber kann geſchloſſen werden.

b Von der
Schnuͤrbruſt.

Die Maͤdgens ſcheinen uͤber ihr Unterkleid ſich unter der Bruſt mit
einer Binde feſt geſchnuͤret zu haben, um ihr Gewaͤchs geſchlang zu machen,
zu erhalten, und ſichtbarer zu zeigen, und dieſe Art von Schnuͤrbruſt hieß
bey den Griechen ςηϑόδεσμος 5), und bey den Roͤmern Caſtula 6).

Man
1) Herodot. L. 1. p. 3. l. 18.
2) Achil. Tat. Erot. L. 1. p. 9. l. 3.
3) Eurip. Hecub. v. 933.
4) Alex. v. 1100, conf. Caſaub. Anim. in Suet. p. 28. D.
5) Salmaſ. Not. in Achil. Tat. Erot. p. 543.
6) Non. Marcel. c. 16. n. 5.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Man findet auch, daß das Griechiſche Frauenzimmer, die Fehler des Ge-
waͤchſes zu verbergen, den Leib mit duͤnnen Brettergen von Lindenholz
gepreſſet habe 1). Der Gebrauch ſich zu ſchnuͤren muß auch bey den He-
truriern geweſen ſeyn, wie ſich auf einer alten Paſte an einer Scylla zei-
get 2), deren Leib gegen die Huͤften wie eine Schnuͤrbruſt enger zulaͤuft.
An entkleideten Perſonen bis auf das Unterkleid, iſt dieſes mit einem Guͤr-
tel gebunden, welches im voͤlligen Anzuge, wie es ſcheinet, nicht geſchah.

Der Weibliche Rock war gewoͤhnlich nichts anders, als zwey langec Von dem
Rocke.
aa der vier-
eckigte Rock.

Stuͤcke Tuch, ohne Schnitt und ohne andere Form, welche nur in der
Laͤnge zuſammen genaͤhet waren, und auf den Achſeln durch einen oder
mehr Knoͤpfe zuſammenhiengen: zuweilen war an ſtatt des Knopfs ein
ſpitziger Heft, und die Weiber zu Argos und Aegina trugen dergleichen
Hefte groͤßer, als zu Athen 3). Dieſes war der ſogenannte viereckigte Rock,
welcher auf keine Weiſe rund geſchnitten ſeyn kann, wie Salmaſius
glaubet 4), (er giebt die Form des Mantels dem Rocke, und des Rocks
dem Mantel) und es iſt die gemeinſte Tracht Goͤttlicher Figuren, oder aus
der Heldenzeit. Dieſer Rock wurde uͤber den Kopf geworfen. Die
Roͤcke der Spartaniſchen Jungfrauen waren unten auf den Seiten offen 5),
und flogen frey von einander, wie man es an einigen Taͤnzerinnen in er-
hobener Arbeit ſieht. Andere Roͤcke ſind mit engen genaͤheten Ermeln,bb mit en-
gen genaͤheten
Ermeln.

welche bis an die Knoͤchel der Hand reichen, und die daher καρπωτοί,
von κάρπος, der Knoͤchel, genennet wurden 6). So iſt die aͤltere von
den zwo ſchoͤnſten Toͤchtern der Niobe gekleidet; die vermeynte Dido un-
ter den Hetruriſchen Gemaͤlden, wie auch die mehreſten Weiblichen Figuren
der aͤlteſten erhobenen Arbeiten, haben eben dergleichen Ermel. Vielmalscc mit an-
dern Ermeln.

gehen die Ermel nur uͤber das Obertheil des Arms, welche Kleidung da-

her
1) Caſaub. Not. in Spartian. p. 55. D. Petit. Miſcel. L. 5. c. 9. p. 174.
2) Deſcr. de Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 174.
3) Herodot. L. 5. p. 201. l. 24.
4) Not. in Script. Hiſt. Aug. p. 389. D.
5) Plutarch. in Numa, p. 140. l. 19.
6) Salmaſ. in Tertul. de Pal. p. 44.
B b 2

I Theil. Viertes Capitel.
her παράπηχυς 1) genannt wird: ſie haben Knoͤpfe von der Achſel her-
unter, und am Maͤnnlichen Unterkleide waren ſie noch kuͤrzer. Wenn die
Ermel ſehr weit ſind, wie an der ſchoͤnen Pallas in der Villa Albani, ſind
ſie nicht beſonders geſchnitten, ſondern aus dem viereckigten Rocke, wel-
cher von der Achſel auf den Arm herunter gefallen, vermittelſt des Guͤrtels
in Geſtalt der Ermel gezogen und geleget. Wenn ſolcher Rock ſehr weit
iſt, und die Theile deſſen oben nicht zuſammengenaͤhet ſind, ſondern durch
Knoͤpfe zuſammenhaͤngen, ſo fallen alsdenn die Knoͤpfe auf den Arm herunter:
weitlaͤuftige Roͤcke trug das Weibliche Geſchlecht an feyerlichen Tagen 2).
Man findet im ganzen Alterthume keine weite und nach heutiger Art an Hemden
aufgerollete Ermel, wie Bernini der H. Veronica in S. Peter zu Rom gegeben.

dd Von der
Beſetzung des
Rocks.

Die Roͤcke ſo wohl, als die Maͤntel, hatten insgemein an ihrem Saume
umher eine Beſetzung, welche auch gewirkt oder geſtickt ſeyn konnte, von
einem oder mehr Streifen: dieſes ſieht man am deutlichſten auf alten Ge-
maͤlden; es iſt aber auch im Marmor angezeiget. Dieſer Zierrath hieß
bey den Roͤmern Limbus, und bey den Griechen πεζὰς, κύκλας und
περιπόδιον, und war mehrentheils von Purpur 3). Einen Streifen hat-
ten die gemalten Figuren in der Pyramide des C. Ceſtius, zu Rom 4);
zween gelde Streifen ſieht man auf dem Rocke der Harfenſchlaͤgerinn der
ſogenannten Aldrovandiſchen Hochzeit; drey rothe Streifen, mit weißem
Blumenwerk auf demſelben, hat der Rock der Roma im Pallaſte Barbe-
rini, und vier Streifen ſind an einer Figur auf einem von denjenigen Her-
culaniſchen Gemaͤlden 5), welche mit einer Farbe auf Marmor gezeich-
net ſind.

ee Vom Auf-
ſchuͤrzen des
Rocks, und

Die Jungfrauen ſo wohl, als Weiber, banden den Rock nahe unter
den Bruͤſten, wie noch itzo an einigen Orten in Griechenland geſchieht 6),

und
1) Scalig. Poet. L. 1. c. 13. p. 21. C.
2) Liv. L. 27. c. ult. Amplisſima veſtis.
3) Salmaſ. in Lamprid. p. 222. E. et in Vopiſc. p. 397. A.
4) Falconieri Diſc. intorna alla Pir. di Ceſtio.
5) Pitt. Erc. T. 1. tav. 4.
6) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 2. P. 1. p. 266.

Von der Kunſt unter den Griechen.
und wie die Juͤdiſchen Hoheprieſter denſelben trugen 1): dieſes hieß hoch-insbeſondere
von dem Guͤr-
tel.

aufgeſchuͤrzt, βαϑύζωνος, welches ein gemeines Beywort der Griechiſchen
Weiber beym Homerus 2), und bey andern Dichtern iſt 3). Dieſes Band oder
Guͤrtel, bey den Griechen Strophium 4), auch Mitra 5) genannt 6), iſt
an den mehreſten Figuren ſichtbar, und von den beyden Enden deſſelben auf
der Bruſt haͤngen drey Kuͤgelchen an ſo viel Schnuͤren herunter, an einer
kleinen Pallas von Erzt, in der Villa Albani 7). Es iſt dieſes Band unter
der Bruſt in eine einfache, auch doppelte Schlaͤufe gebunden, welche man
an den zwo ſchoͤnſten Toͤchtern der Niobe nicht ſieht: der Juͤngſten von
dieſen gehet das Band uͤber beyde Achſeln und uͤber den Ruͤcken, wie es die
vier Caryatiden in Lebensgroͤße haben, welche im Monate April 1761. bey
Monte Portio ohnweit Fraſcati gefunden worden. Au den Figuren
des Vaticaniſchen Terentius ſehen wir, daß der Rock auf dieſe Art mit
zwey Baͤndern gebunden wurde, die oben auf der Achſel befeſtiget geweſen
ſeyn muͤſſen: denn ſie haͤngen an einigen Figuren aufgeloͤſet, auf beyden

Seiten
1) Reland. Ant. Hebr. p. 145.
2) Il. l. 590. Od. γ’. 154.
3) Βαϑυζώνομς γυναῖκας hat Barnes in der erſten angefuͤhrten Stelle gegeben profunde
ſuccinctas,
und in der zwoten demiſſas zonas habentes, welches beydes irrig iſt.
Die Griechiſchen Scholiaſten haben dieſes Beywort eben ſo wenig verſtanden, und
wenn im Etymol. Magno geſaget wird, es ſey daſſelbe ein Beyname Barbariſcher
Weiber, ſo zielet dieſes vermuthlich auf eine Stelle des Aeſchylus, (Perſ. v. 155.)
wo dieſer Dichter die Perſiſchen Weiber alſo nennet. Stanley hat den rechten Sinn
dieſes Worts getroffen; denn er uͤberſetzet es alte cinctarum, der hochaufgeſchuͤrzten.
Der Scholiaſt des Statius giebt ein ſchlechtes Kennzeichen von der Abbildung der
Tugend, wenn er ſagt, daß ſie hochaufgeſchuͤrzt vorgeſtellet worden.
*) Lutat. in Lib. 10. Theb. Stat.
4) Aeſchyl. Sept. contr. Theb. v. 877. Catul. Epithal. v. 65. Hier koͤnnte fuͤglicher an
ſtatt lactantes geſetzt werden luctantes.
5) Non. Dionyſ. L. 1. p. 15. v. 5. p. 22. v. 12.
6) In einer noch nicht bekanntgemachten Inſchrift des Codicis Palatini Anthologiæ der
Vaticaniſchen Bibliothec, εἰς Ἀγλαονίκην ἑταίρην, ſcheinet im folgenden Verſe,
Σάγδαλα ηαϳ μαλακαϳ μαςῶν ἐνδύματα μίτρα[fremdsprachliches Material],
dieſes Wort diejenige Binde zu bedeuten, die unter die Bruͤſte angeleget wurde, von
welcher ich oben geredet habe.
7) La Chauſſe Muſ. Rom. Sect. 2. tab. 9.
B b 3

I Theil. Viertes Capitel.
Seiten herunter, und wenn ſie gebunden wurden, hielten die Baͤnder
uͤber den Achſeln das Band unter der Bruſt in die Hoͤhe. An einigen Fi-
guren iſt dieſes Band oder Guͤrtel ſo breit, als ein Gurt, wie an einer faſt
Coloſſaliſchen Figur in der Cancelleria, an der Aurora an dem Bogen des
Conſtantinus, und an einer Bacchante in der Villa Madama außer Rom.
Die Tragiſche Muſe hat insgemein einen breiten Guͤrtel, und an einer
großen Begraͤbnißurne, in der Villa Mattei, iſt derſelbe geſtickt vorgeſtellet 1);
auch Urania hat zuweilen einen ſolchen breiten Guͤrtel.

Die Amazonen allein haben das Band nicht nahe unter der Bruſt,
ſondern, wie daſſelbe an Maͤnnern iſt, uͤber den Huͤften liegen, und es die-
nete nicht ſo wohl, ihren Rock feſt oder in die Hoͤhe zu binden, als viel-
mehr, ſich zu guͤrten, ihre kriegeriſche Natur anzudeuten; (Guͤrten heißt
beym Homerus, ſich zur Schlacht ruͤſten) daher dieſes Band an ihnen ei-
gentlich ein Guͤrtel zu nennen iſt. Eine einzige Amazone unter Lebens-
groͤße, im Pallaſte Farneſe, welche verwundet vom Pferde ſinket, hat
das Band nahe unter den Bruͤſten gebunden.

ff Von dem
Guͤrtel der
Venus.

Die voͤllig bekleidete Venus iſt in Marmor allezeit mit zween Guͤrteln
vorgeſtellet, von welchen der andere unter dem Unterleibe liegt, ſo wie den-
ſelben die Venus mit einem Portraitkopfe 2), neben dem Mars im Campi-
doglio, und die ſchoͤne bekleidete Venus hat, welche ehemals in dem Pal-
laſte Spada ſtand. Dieſer untere Guͤrtel iſt nur dieſer Goͤttinn eigen,
und iſt derjenige, welcher bey den Dichtern insbeſondere der Guͤrtel der
Venus
heißt: dieſes iſt noch von niemand bemerket worden. Juno bath
ſich denſelben aus, da ſie den Jupiter eine heftige Begierde gegen ſich er-
wecken wollte, und ſie legte denſelben, wie Homerus ſagt 3), in ihren

Schooß,
1) Spon. Miſcel. Antiq. p. 44. Montfauc. Ant. expl. T. 1. P. 1. pl. 56.
2) Muſ. Capit. T. 3. tab. 20.
3) Il. ξ v. 219. 223. conf. Non. Dionyſ. L. 2. p. 95. l. 17.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Schooß, das iſt, um und unter den Unterleib 1), wo dieſer Guͤrtel an beſagten
Figuren lieget: die Syrer gaben vermuthlich auch daher den Statuen der
Juno dieſen Guͤrtel. Gori glaubet 2), daß zwo von den drey Gratien
an einer Begraͤbnißurne dieſen Guͤrtel in der Hand halten, welches nicht
zu beweiſen iſt.

Einige Figuren im bloßen Unterkleide, welches von der einen Achſelgg Von Fi-
guren ohne
Guͤrtel.

abgeloͤſet niederfaͤllt, haben keinen Guͤrtel: an der Farneſiſchen Flora iſt
derſelbe auf den Unterleib ſchlaff herunter geſunken; Antiope, die Mutter
des Amphion und Zethus, in eben dieſem Pallaſte, und eine Statue an dem
Pallaſte der Villa Medicis, haben den Guͤrtel um die Huͤften liegen.
Ohne Guͤrtel ſind einige Bacchanten auf Gemaͤlden 3), in Marmor, und
auf geſchnittenen Steinen 4), ihre wolluͤſtige Weichlichkeit, ſo wie Bacchus
ohne Guͤrtel iſt, anzudeuten; daher auch die bloße Stellung einiger ver-
ſtuͤmmelten Weiblichen Figuren ohne Guͤrtel, uns dieſelben fuͤr Bacchanten
anzeiget; eine von ſolchen iſt in der Villa Albani. Unter den Hercula-

niſchen
1) Man’ſehe gegen dieſe Erlaͤuterung an, was andere uͤber den Guͤrtel der Venus vorge-
bracht haben, ſo wird ſich zeigen, daß ihre Meynung nicht beſtehen kann. Es haben
ſelbſt die alten Erklaͤrer des Homerus denſelben an dieſem Orte nicht verſtanden, und
ἐγκάτϑεο κόλπῳ, lege ihn (den Guͤrtel) in den Schooß, kann nicht, wie der
Scholiaſt ſagt, eben ſo viel ſeyn, als κατάκρυψον ἰδίῳ κόλπῳ, verbirg ihn in dem
Schooße. Euſtathius
gelanget durch ſeine Herleitung des Worts κεςός eben ſo
wenig zu der wahren Bedeutung deſſelben. Herr Martorelli, Prof. der Griechiſchen
Sprache zu Neapel, merket ſehr wohl an , daß dieſes Wort kein Subſtantivum, ſon-
dern ein adjectivum ſey, welches im erſtern Falle von ſpaͤteren Griechiſchen Dichtern
gebraucht worden. Es ſcheinet auch der Dichter einer Griechiſchen Sinnſchrift
auf die Venus, nicht verſtanden zu haben, was κεςός fuͤr ein Guͤrtel ſey, da er den
gewoͤhnlichen unter der Bruſt (ἀμφἰ μαζοῖς κεςὸς ἕλιξ) dafuͤr angenommen.
*) Rigalt. Not. in Onoſaudri Stratagem. p. 37. ſeq. Prideaux Not. ad Marm.
Arundel. p.
24. welche beyde es von einem Rocke verſtehen.
**) Comment. de Regia Theca Calamar. p. 153.
***) Anthol. Epigr. græc. L. 5. p. 231. a.
2) Muſ. Etr. T. 1. p. 217.
3) Pitt. Erc. T. 1. tav. 31.
4) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 55. n. 1577.

I Theil. Viertes Capitel.
niſchen Gemaͤlden ſind zwo junge Maͤdgens ohne Guͤrtel 1), die eine mit
einer Schuͤſſel Feigen in der rechten Hand, und mit einem Gefaͤße zum
Eingießen in der linken; die andere mit einer Schuͤſſel, und mit einem Korbe:
welche diejenigen vorſtellen koͤnnten, die denen, welche in dem Tempel der Pal-
las ſpeiſeten, aufwarteten, und Δϵιπνοφόροι, Speiſen-Traͤgerinnen 2),
genennet wurden. Die Erklaͤrer dieſer Gemaͤlde haben hier keine Bedeutung
der Figuren angegeben, und dieſelben bedeuten nichts ohne jene Bedeutung.

d Von dem
Weiblichen
Mantel, und
beſonders von
deſſen Cirkel-
runder Form.
aa Von dem
großen Man-
tel.

Das dritte Stuͤck der Weiblichen Kleidung, der Mantel, (bey den
Griechen Peplon genannt, welches Wort insbeſondere dem Mantel der
Pallas eigen iſt, und hernach auch von dem Mantel anderer Goͤtter 3)
und Maͤnner 4) gebraucht wird) war nicht viereckt, wie ſich Sal-
maſius
eingebildet hat, ſondern ein voͤllig rund geſchnittenes Tuch, ſo
wie auch unſere Maͤntel zugeſchnitten ſind; und eben die Form muß
auch der Mantel der Maͤnner gehabt haben. Dieſes iſt zwar der Mey-
nung derjenigen, welche uͤber die Kleidung der Alten geſchrieben ha-
ben, zuwider; aber dieſe haben mehrentheils nur aus Buͤchern und nach
ſchlecht gezeichneten Kupfern geurtheilet, und ich kann mich auf den Au-
genſchein, und auf eine vieljaͤhrige Betrachtung berufen. In Auslegung
alter Scribenten, und in Vereinigung oder Widerlegung ihrer Erklaͤrer,
kann ich mich nicht einlaſſen, und ich begnuͤge mich jene der von mir ange-
gebenen Form gemaͤß zu verſtehen. Die mehreſten Stellen der Alten reden
uͤberhaupt von viereckigten Maͤnteln, welches aber keine Schwierigkeit
veranlaſſet, wenn nicht Ecken, das iſt, ein in viele rechte Winkel geſchnit-
tenes Tuch, ſondern ein Mantel von vier Zipfeln verſtanden wird, welche
ſich nach eben ſo viel angenaͤheten kleinen Quaͤſtgen im Zuſammennehmen oder
im Anlegen warfen.

5)
An
1) Pitt. Erc. T. 1. tav. 22. 23.
2) Suid. in Δεπνοφόροι.
3) Non. Dionyſ. L. 2. p. 45. l. 17.
4) Aeſchyl. Perſ. 199. 468. 1035. Sophocl. Trachin. v. 609. 684. Eurip. Heracl. v. 49.
131. 604. Helen. v. 430. 573. 1556. 1645. Ion. v. 326. Herc. fur. v.
333.
5) Not. in Fl. Vopiſc. p. 389. D.
Von der Kunſt unter den Griechen.

An den mehreſten Maͤnteln an Statuen ſo wohl, als an Figuren aufα Von den
Quaͤſtgen an
denſelben.

geſchnittenen Steinen, beyderley Geſchlechts, ſind nur zwey Quaͤſtgen
ſichtbar, weil die andern durch den Wurf des Mantels verdeckt ſind; oft
zeigen ſich deren drey, wie an einer Iſis in Hetruriſchem Stil gearbeitet,
an einem Aeſculapius, beyde in Lebensgroͤße, und an dem Mercurius auf
einem der zween ſchoͤnen Leuchter von Marmor, alle drey im Pallaſte Bar-
berini. Alle vier Quaͤſtgen aber ſind an eben ſo viel Zipfeln ſichtbar, an
dem Mantel einer von zwo aͤhnlichen Hetruriſchen Figuren in Lebensgroͤße,
im gedachten Pallaſte, an einer Statue mit dem Kopfe des Auguſtus, im
Pallaſte Conti, und an der Tragiſchen Muſe Melpomene, auf der ange-
fuͤhrten Begraͤbnißurne in der Villa Mattei. Dieſe Quaͤſtgen haͤngen
offenbar an keinen Ecken, und der Mantel kann keine Ecken haben, weil,
wenn derſelbe in Viereck geſchnitten waͤre, die geſchlaͤngelten Falten, wel-
che auf allen Seiten fallen, nicht koͤnnten geworfen werden: eben ſolche
Falten werfen die Maͤntel Hetruriſcher Figuren, ſo daß dieſelben folglich
eben die Form muͤſſen gehabt haben. Es wird dieſes deutlich durch das
uͤber die Vorrede geſetzte Kupfer.

Hiervon kann ſich ein jeder uͤberzeugen, an einem mit etlichen Stichen
zuſammengehefteten Mantel, wenn derſelbe als ein rundes Tuch nach Art
der Alten umgeworfen wird. Es zeiget auch die Form der heutigen Meß-
gewaͤnder, welche vorne und hinten rundlich geſchnitten ſind, daß dieſelben
ehemals voͤllig rund, und ein Mantel geweſen, eben ſo wie noch itzo die
Meßgewaͤnder der Griechen ſind. Dieſe wurden durch eine Oeffnung uͤber
den Kopf geworfen 1), und zu bequemerer Handhabung bey dem Sacra-
mente der Meſſe, uͤber die Arme hinaufgeſchlagen, ſo daß alsdenn dieſer
Mantel vorne und hinten in einem Bogen herunter hieng. Da nun mit
der Zeit dieſe Meßgewaͤnder von reichem Zeuge gemacht wurden, ſo gab

man
1) Clampini Vet. Monum. T. 1. c. 26. p. 239.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. C c

I Theil. Viertes Capitel.
man denſelben theils zur Bequemlichkeit, theils zu Erſparung der Koſten,
diejenige Form, welche ſie hatten, wenn ſie uͤber die Arme hinaufgeworfen
wurden, das iſt, ſie bekamen die heutige Form.

β Von der
Art den Man-
tel umzuwer-
fen.

Der runde Mantel der Alten wurde auf vielfaͤltige Art geleget und
geworfen: die gewoͤhnlichſte war, ein Viertheil oder ein Dritttheil uͤber-
zuſchlagen, welches, wenn der Mantel umgeworfen wurde, dienen konnte,
den Kopf zu decken: ſo warf Scipio Naſica beym Appianus 1) den
Saum ſeiner Toga (κράσπεδον) uͤber den Kopf. Zuweilen wurde der
Mantel doppelt zuſammen genommen, (welcher alsdenn groͤßer als gewoͤhn-
lich wird geweſen ſeyn, und ſich auch an Statuen zeiget) und dieſes findet
ſich von alten Scribenten angedeutet 2). Doppelt gelegt iſt unter andern der
Mantel der ſchoͤnen Pallas in der Villa Albani, und an einer andern Pal-
γ Von dem
doppelten
Mantel der
Cyniker.
las eben daſelbſt. Von einem ſo gelegten Mantel iſt das doppelte Tuch der
Cyniker vermuthlich zu verſtehen 3), ohnerachtet es ſich an der Statue eines
Philoſophen dieſer Secte, in Lebensgroͤße, in gedachter Villa, nicht doppelt
genommen findet 4): denn da die Cyniker kein Unterkleid trugen, hatten
ſie noͤthiger, als andere, den Mantel doppelt zu nehmen, welches begreifli-
cher iſt, als alles, was Salmaſius und andere uͤber dieſen Punct vor-
gebracht haben. Das Wort doppelt kann nicht von der Art des Umwer-
fens, wie jene wollen, verſtanden werden: denn an angezeigter Statue
iſt der Mantel, wie an den mehreſten Figuren mit Maͤnteln, geworfen.

δ Fernere
Anzeige des
Wurfs der
Maͤntel.

Die gewoͤhnlichſte Art, den Mantel umzuwerfen, iſt unter dem rech-
ten Arm, uͤber die linke Schulter. Zuweilen aber ſind die Maͤntel nicht
umgeworfen, ſondern haͤngen oben auf den Achſeln an zween Knoͤpfen, wie
an einer vermeynten Juno Lucina in der Villa Albani, und an zwo an-

dern
1) Bel. Civ. L. 1. p. 168. l. 6.
2) Cuper. Apoth. Hom. p. 144.
3) Horat. L. 1. ep. 17. v. 25.
4) Dieſe Statue unterſcheidet ſich durch eine große Taſche, wie ein Jagdbentel, welcher
von der rechten Achſel herunter auf der linken Seite hanget, durch einen knotigen
Stab, und durch Rollen Schriften zu den Fuͤßen.

Von der Kunſt unter den Griechen.
dern Statuen mit Koͤrben auf dem Kopfe, das iſt, Caryatiden, in der
Villa Negroni, alle drey in Lebensgroͤße. An dieſen Maͤnteln muß man
wenigſtens das Dritttheil uͤber oder untergeſchlagen annehmen, ſo wie man
es deutlich ſieht an dem Mantel einer Weiblichen Figur uͤber Lebensgroͤße,
in dem Hofe des Pallaſtes Farneſe, deſſen oberwerts untergeſchlagenes
Theil mit dem Guͤrtel gefaſſet und gebunden iſt. Von einem ſolchen ange-
haͤngten Mantel iſt der Schweif heraufgenommen und unter den Guͤrtel
geſtecket, an einer Weiblichen Statue uͤber Lebensgroͤße in dem Hofe der
Cancelleria, und an der Antiope in dem Gruppo des ſogenannten Farne-
ſiſchen Ochſen. Zuweilen war der Mantel auch unter den Bruͤſten an
zween Zipfeln durch einen Heft zuſammen gehaͤnget 1), ſo wie Maͤntel einiger
Aegyptiſchen Figuren, und der Iſis insgemein, zuſammen gebunden ſind,
welches im zweyten Capitel angezeiget worden. Es iſt etwas beſonders,
daß der Sturz einer Weiblichen Statue in der Villa des Hrn. Grafen Fede,
in der Villa Hadriani, bey Tivoli, uͤber ihren Mantel, welcher, wie der
Mantel der Iſis, auf der Bruſt gebunden iſt, einen Ueberhang, wie ein
Netz geſtrickt, geworfen hat.

An ſtatt dieſes großen Mantels war auch ein kleiner Mantel im Ge-bb Von dem
kurzen Man-
tel Griechi-
ſcher Weiber.

brauch, welcher aus zwey Theilen beſtand, die unten zugenaͤhet waren,
und oben auf der Achſel durch einen Knopf zuſammenhiengen, ſo daß Oeff-
nungen fuͤr den Arm blieben, und dieſer Mantel wurde von den Roͤmern
Ricinium genennet 2): bisweilen reichet dieſer Mantel kaum bis an die
Huͤften, ja es iſt derſelbe oft nicht laͤnger, als unſere Mantillen. Dieſe
ſind auf einigen Herculaniſchen Gemaͤlden wirklich alſo gemacht, wie das
Frauenzimmer dieſelben zu unſern Zeiten traͤgt, das iſt, ein leichtes Maͤn-
telchen, welches auch uͤber die Arme gehet, und vermuthlich iſt dieſes das-
jenige Stuͤck der Weiblichen Kleidung, welches Encyclion, oder Cyclas,

auch
1) Sophocl. Trachin. v. 935.
2) Varro de L. L. L. 4. c. 30. Non. Marcel. c. 14. n. 33.
C c 2

I Theil. Viertes Capitel.
auch Anaboladion und Ampechonion genennet wurde 1). Als etwas
beſonderes iſt ein laͤngerer Mantel ebenfalls aus zwey Stuͤcken, einem Vor-
ter- und Hintertheile, an der Flora im Campidoglio zu merken: es iſt
derſelbe an beyden Seiten von unten herauf zugenaͤhet, und oberwerts ge-
knoͤpfet, ſo daß eine Oeffnung gelaſſen iſt, die Arme durchzuſtecken, wie
der linke Arm thut; der rechte Arm aber hat das Gewand uͤbergeworfen,
man ſieht aber die Oeffnung.

e Von dem
Zuſammenle-
gen der Weib-
lichen Kleider.

Die Kleidung der Alten wurde zuſammengelegt und gepreſſet, wel-
ches ſonderlich muß geſchehen ſeyn, wenn dieſelbe gewaſchen wurde:
denn mit den weißen Gewaͤndern der aͤlteſten Tracht des Weiblichen Ge-
ſchlechts mußte dieſes oͤfter geſchehen 2); es geſchieht auch der Kleiderpreſſen
Meldung 3). Man ſieht dieſes an den theils erhobenen, theils vertief-
ten Reifen, welche uͤber die Gewaͤnder hinlaufen, und Bruͤche des zuſam-
mengelegten Tuches vorſtellen. Dieſe haben die alten Bildhauer vielmals
nachgeahmet, und ich bin der Meynung, daß, was die Roͤmer Runzeln
(Rugas) an den Kleidern hießen, dergleichen Bruͤche, nicht geplattete
Falten waren, wie Salmaſius meynet 4), welcher von dem, was er nicht
geſehen, nicht Rechenſchaft geben konnte.

C.
Von der Zier-
lichkeit des
Weiblichen
Anzuges.

In der Zierlichkeit, als dem zweyten Puncte der Betrachtung uͤber
die Zeichnung bekleideter Figuren, liegt viel zur Kenntniß des Stils und
der Zeiten. Die Zierlichkeit in der Kleidung, welche bey den Alten vor-
a An der
Kleidung all-
gemein.
nehmlich nur den Weiblichen Kleidern zukoͤmmt, beſtehet in der Kunſt ſon-
derlich in den Falten. Dieſe giengen in den aͤlteſten Zeiten mehrentheils
gerade, oder in einem ſehr wenig gezogenen Bogen: ein in dieſen Sachen
ſehr wenig erleuchteter Scribent ſaget dieſes von allem Faltenſchlage der

Alten.
1) Aelian. Var. hiſt. L. 7. c. 9.
2) Hom. Il. γ́ v. 419. Heſiod. Op. v. 195. Anthol. L. 6. ep. 4.
3) Turneb. Adverſ. L. 23. c. 19. p. 768.
4) in Tertul. de Pal. p. 334.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Alten 1). Da nun die Hetruriſchen Gewaͤnder mehrentheils in kleine Fal-
ten geleget ſind, welche, wie im vorigen Capitel angezeiget worden, faſt
parallel neben einander liegen, und da der aͤlteſte Griechiſche Stil, wel-
chem der Hetruriſche aͤhnlich war, es alſo auch in der Bekleidung geweſen
iſt, ſo kann man, auch ohne Ueberzeugung aus uͤberbliebenen Denkmalen,
chließen, daß die Griechiſchen Gewaͤnder des aͤlteren Stils jenen aͤhnlich
geweſen ſeyn werden. Wir finden noch an Figuren aus der beſten Zeit
der Kunſt den Mantel in platte Falten geleget, welches an einer Pallas
auf Alexanders des Großen Muͤnzen deutlich iſt; daher ſolche Falten allein
kein Zeichen des aͤlteſten Stils ſind, wofuͤr ſie insgemein genommen wer-
den. In dem hoͤchſten und ſchoͤnſten Stile wurden die Falten mehr in
Bogen geſenkt, und weil man die Mannigfaltigkeit ſuchte, wurden
die Falten gebrochen, aber wie Zweige, die aus einem Stamme aus-
gehen, und ſie haben alle einen ſanften Schwung. An großen Ge-
waͤndern beobachtete man, die Falten in vereinigte Haufen zu halten, in
welcher großen Art der Mantel der Niobe, das ſchoͤnſte Gewand aus dem
ganzen Alterthume, ein Muſter ſeyn kann. An die Bekleidung derſelben,
nemlich der Mutter, hat ein neuerer Kuͤnſtler in ſeinen Betrachtungen
uͤber die Bildhauerey 2), nicht gedacht, wenn er vorgiebt, daß in den Ge-
waͤndern der Niobe eine Monotonie herrſche, und daß die Falten ohne
Verſtaͤndniß in der Eintheilung ſind. Wenn aber der Kuͤnſtler Abſicht
war, die Schoͤnheit des Nackenden zu zeigen, ſo ſetzten ſie derſelben die
Pracht der Gewaͤnder nach, wie wir an den Toͤchtern der Niobe ſehen:
ihre Kleider liegen ganz nahe am Fleiſche, und es ſind nur die Hohlungen
bedeckt; uͤber die Hoͤhen aber ſind leichte Falten, als Zeichen eines Gewan-
des, gezogen. In eben dieſem Stile iſt eine Diana 3) auf einem geſchnitte-
nen Steine, mit dem Namen des Kuͤnſtlers ΗΕΙ ͦϒ , gekleidet: die

Schreib-
1) Perrault Paral. T. 1. p. 179. ſeq.
2) Falconet Refl. ſur la Sculpt. p. 55.
3) Stoſch Pier. gr. pl. 36.
C c 3

I Theil. Viertes Capitel.
Schreibart des Namens ſetzet dieſen Hejus in die aͤltern Zeiten. Ein Glied,
welches ſich erhebet, und von welchem ein freyes Gewand von beyden Sei-
ten herunter faͤllt, iſt allezeit, wie in der Natur, ohne Falten, welche ſich
dahin ſenken, wo eine Hohlung iſt. Vielfaͤltig verworrene Bruͤche, die
von den mehreſten neueren Bildhauern, auch Malern geſuchet werden, wur-
den bey den Alten fuͤr keine Schoͤnheit gehalten: an hingeworfenen Ge-
waͤndern aber, wie das am Laocoon iſt, und ein anderes uͤber eine Vaſe
geworfen, von der Hand eines Erato 1), in der Villa Albani, ſieht man
Falten auf mancherley Weiſe gebrochen.

b Von dem
Schmucke
insbeſondere.
aa des Kopfs.

Zur Kleidung gehoͤret der uͤbrige Schmack, des Kopfs, der Arme,
und der Anzug der Fuͤße. Von dem Haarputze der aͤlteren Griechiſchen
Figuren iſt kaum zu reden: denn die Haare ſind ſelten in Locken geleget,
wie an Roͤmiſchen Koͤpfen; und an Griechiſchen Weiblichen Koͤpfen ſind
die Haare allezeit noch einfaͤltiger, als an ihren Maͤnnlichen Koͤpfen. An
den Figuren des hoͤchſten Stils ſind die Haare ganz platt uͤber den Kopf
gekaͤmmet, mit Andeutung Schlangenweis fein gezogener Furchen, und
bey Maͤdgens ſind ſie auf dem Wirbel 2) zuſammen gebunden 3), oder
um ſich ſelbſt in einen Knauf, vermittelſt einer Neſtnadel 4), herumgewickelt,
welche aber an ihren Figuren nicht ſichtbar gemalt iſt. Eine einzige Roͤ-
miſche Figur findet ſich beym Montfaucon 5), an deren Kopfe man die-
ſelbe ſieht; es iſt aber keine Nadel, die Haare ordentlich in Locken zu legen,
(Acus diſcriminalis) wie dieſer Gelehrte meynet. Bey Weibern liegt
dieſer Knauf gegen das Hintertheil des Kopfs zu; und mit einer ſolchen

Ein-
1) Cf. Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 167.
2) Pauſan. L. 8. p. 638. l. 22. L. 10. p. 862. l. 4
3) Auf einer ſehr ſeltenen ſilbernen Muͤnze der Stadt Taranto ſitzet Taras, der Sohn des
Neptunus, wie auf den mehreſten, zu Pferde; das beſondere aber ſind die Haare deſ-
ſelben auf dem Wirbel in einen Schopf, wie bey den Maͤdgens, gebunden, ſo daß da-
durch das Geſchlecht zweydeutig wuͤrde, wenn der Kuͤnſtler dieſes nicht deutlich an ſei-
nem Orte ſehen laſſen. Unter dem Pferde ſieht man eine alte Tragiſche Larve.
4) Pauſan. L. 1. p. 51. l. 26.
5) Ant- expl. Suppl. T. 3. pl. 4.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Einfalt trat allezeit die erſte Weibliche Perſon in den Griechiſchen Trauer-
ſpielen auf 1). Zuweilen ſind die Weiblichen Haare, wie an Hetruriſchen
Figuren beyderley Geſchlechts, hinten lang gebunden, und haͤngen unter
dem Bande in großen neben einander liegenden Locken herunter: alſo ſind
dieſelben an der vielmals angefuͤhrten Pallas in der Villa Albani, an einer
kleinern Pallas beym Beliſario Amidei, an den Caryatiden in der Villa
Negroni, und an der Hetruriſchen Diana zu Portici. Gori 2), welcher ſo
gebundene Haare fuͤr eine Eigenſchaft Hetruriſcher haͤlt, iſt alſo zu wider-
legen. Flechten um den Kopf gewickelt, wie Michael Angelo den zwo
Weiblichen Statuen an dem Grabmale Pabſts Julius II. gegeben, finden
ſich an keiner alten Statue. Aufſaͤtze von fremden Haaren ſieht man an
Koͤpfen Roͤmiſcher Frauen, und Lucilla, Gemahlinn Kaiſers Lucius Ve-
rus, im Campidoglio, hat dieſelben von ſchwarzem Marmor, ſo daß man
dieſes Stuͤck abnehmen kann.

Goͤttliche Figuren haben zuweilen ein doppeltes Band, oder Diadema,
wie die oft angefuͤhrte Juno Lucina in der Villa Albani, welche um die
Haare ein rundes Seil geleget hat, und daſſelbe iſt nicht gebunden, ſon-
dern hinten einigemal unter einander geſtecket; das andere Band, als das
eigentliche Diadema, iſt breit, und lieget uͤber den Haarwachs auf der
Stirne. Den Haaren gab man vielmals eine Hyacinthen-Farbe 3); an
vielen Statuen ſind dieſelben roth gefaͤrbet, wie an der angefuͤhrten He-
truriſchen Diana zu Portici, und eben daſelbſt an einer kleinen Venus von
drey Palmen, welche ſich ihre benetzten Haare mit beyden Haͤnden aus-
druͤcket, und an einer bekleideten Weiblichen Statue mit einem Idealiſchen
Kopfe, in dem Hofe des Muſei daſelbſt. An der Mediceiſchen Venus
waren die Haare vergoldet, wie an dem Kopfe eines Apollo im Campido-

glio;
1) Scalig. Poet. L. 1. c. 14. p. 23. D.
2) Muſ. Etr. T. 1. p. 101.
3) conf. Huet. Lettr. p. 393. dans les Diſſ. recueillies par Tilladet. Pind. Nem. 7. ἰοβο-
ςρύχοισι Μοἰσαις.

I Theil. Viertes Capitel.
glio; am deutlichſten aber fand es ſich an einer ſchoͤnen Pallas in Lebens-
groͤße, von Marmor, unter den Herculaniſchen Statuen zu Portici, und
das Gold war in ſo dicken Blaͤttern aufgelegt, daß daſſelbe konnte abge-
nommen werden; es waren die abgeloͤſten Stuͤckgen noch vor fuͤnf Jahren
aufgehoben.

Beſagte Weiber ließen ſich zuweilen die Haare abſcheeren, wie die
Mutter des Theſeus 1), und eine alte Frau auf einem Gemaͤlde des Poly-
gnotus zu Delphos 2), waren, welches vermuthlich bey Wittwen ihre be-
ſtaͤndige Trauer anzeigte, wie an der Clytemneſtra und der Hecuba 3); auch
Kinder ſchnitten ſich die Haare ab 4), uͤber den Tod ihres Vaters. Auf
Muͤnzen und auf Gemaͤlden finden ſich Weibliche, auch Goͤttliche Koͤpfe,
mit einem Netze bedecket, welche noch itzo die Tracht der Weiber in Ita-
lien, im Hauſe iſt: es hieß eine ſolche Art Hauben κεκρύφαλος, und ich
habe davon an einem andern Orte geredet 5).

Ohrgehaͤnke haben zwar etliche Statuen, als die Venus des Praxi-
teles, getragen, wie dieſes auch die Loͤcher an den Ohren der Toͤchter der
Niobe, der Mediceiſchen Venus, der angefuͤhrten Juno Lucina, und an
einem ſchoͤnen Kopfe etwa einer Juno, von gruͤnlichem Baſalte, in der
Villa Albani, anzeigen; es ſind aber nur zwo Figuren in Marmor be-
kannt, an denen die Ohrgehaͤnke, welche rund ſind, mit im Marmor ge-
arbeitet worden, ohngefaͤhr auf eben die Art, wie dieſelben an einer Aegy-
ptiſchen Figur ſind 6). Die eine iſt eine von den Caryatiden in der Villa
Negroni, die andere war in dem Eremo des Cardinals Paßionei bey den
Calmaldulenſern, uͤber Fraſcati; dieſe iſt halb Lebensgroͤße, und nach Art

Hetru-
1) Pauſan. L. 10. p. 861. l. 11.
2) Ib. p. 864. l. 27. conf. Eurip. Phoeniſſ. v. 375.
3) Eurip. Iphig. Aul. v. 1438. Troad. v. 279. 480. Helen. v. 1093. 1134. 1240.
4) Eurip. Elect. v. 108. 148. 241. 335. Epigr. gr. ap. Orvil. Anim. in Charit. p. 365.
5) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 417.
6) Pococke’s Deſcr. of the Eaſt, T. 1. p. 211.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Hetruriſcher Figuren gekleidet und gearbeitet. Auf dem Landhauſe des
Grafen von Fede in der Villa Hadriani, ſind ein paar Bruſtbilder von
gebrannter Erde mit eben ſolchen Ohrgehenken.

Insgemein gieng das Weibliche Geſchlecht mit unbedecktem Haupte;
in der Sonne aber, oder auf der Reiſe, trugen ſie einen Theſſaliſchen Hut,
welcher den Strohhuͤten der Weiber in Toſcana, die einen ſehr niedrigen
Kopf haben, aͤhnlich iſt. Mit einem ſolchen Hute fuͤhrete Sophocles die
juͤngſte Tochter des Oedipus, Iſmene, auf 1), da ſie aus Theben nach Athen
ihrem Vater nachgereiſet war; und eine Amazone zu Pferde im Streit mit
zween Kriegern, auf einem irrdenen Gefaͤße gemalet, in der Sammlung
alter Gefaͤße Hrn. Mengs, hat dieſen Hut, aber auf die Schulter herunter
geworfen. Das, was uns ein Korb ſcheinet auf den Koͤpfen der Caryatiden,
in der Villa Negroni, kann eine Tracht in gewiſſen Laͤndern geweſen ſeyn,
wie noch itzo die Weiber in Aegypten tragen 2).

Der Anzug Weiblicher Fuͤße ſind theils ganze Schuhe, theils Sohlen.bb Der Fuͤße.
Jene ſieht man an vielen Figuren auf Herculaniſchen Gemaͤlden 3), wo ſie
zuweilen gelb ſind 4), ſo wie ſie Venus hatte 5), auf einem Gemaͤlde in
den Baͤdern des Titus, und die Perſer trugen 6), und in Marmor an der
Niobe, welche letztere nicht rund, wie jene, vorne zulaufen, ſondern breit-
lich ſind. Die Sohlen ſind mehrentheils wenigſtens einen Finger dick, und
beſtehen aus mehr als einer Sohle; zuweilen waren fuͤnf zuſammen genaͤhet,
wie durch eben ſo viel Einſchnitte an den Sohlen der Albaniſchen Pallas an-
gedeutet worden, welche zween Finger dick iſt. Dieſe Sohle war nicht ſel-

ten
1) Oedip. Colon. v. 306.
2) Belon. Obſ. L. 2. ch. 35.
3) Pitt. Erc. T. 1. tav. 7. 21. 23
4) Hierauf deutet χρυσεοσἀνδαλον ἴχνος beym Euripides Iphig. Aul. v. 1042. Die Furien
auf einer Hetruriſchen bemalten Urne haben violette Schuhe .
*) Dempſt. Etrur. tab. 86.
5) Bartoli Pitt. ant. tav. 6.
6) Aoſchyl. Perſ. v. 662.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. D d

I Theil. Viertes Capitel.
ten von Kork, (das Korkholz hat daher den Namen Pantoffelholz bekom-
men) und war unten und oben mit einer Sohle von Leder beleget, welche
uͤber das Holz in einem Rand hervor tritt, wie es ſich an einer kleinen Pal-
las von Erzt, in der Villa Albani, zeiget; in Italien tragen noch itzo einige
Nonnen dergleichen Sohlen. Es finden ſich indeſſen auch Schuhe aus einer
einzigen Sohle, welche die Griechen ἁπλᾶς und μονόπελμα ὑποδήματα
nenneten 1), und ſolche Sohlen haben die Statuen der beyden gefangenen
Koͤnige im Campidoglio, und beſtehen aus einem Stuͤcke Leder, welches um
den Fuß obenher geſchnuͤret oder gebunden wird, wie dergleichen noch unter
den Landleuten zwiſchen Rom und Neapel gebraͤuchlich ſind. Es trugen
auch die Alten, ſo wohl Maͤnnlichen als Weiblichen Geſchlechts, Sohlen aus
Stricken zuſammengelegt, wie dieſelben noch itzo unter den Licanern uͤblich
ſind; dieſe Stricke gehen in laͤnglichen Kreiſen um einander herum, und es
war auch das Stuͤck, welches die Ferſe bedeckte, aus Stricken, an der Sohle
befeſtiget: verſchiedene ſolcher Sohlen, auch von Perſonen vom zarten Alter,
haben ſich im Herculano gefunden. Der Cothurnus war eine Sohle von
verſchiedener Dicke oder Hoͤhe 2), mehrentheils aber eine Handbreit hoch,
welcher insgemein der Tragiſchen Muſe auf erhabenen Werken gegeben iſt,
und dieſe Muſe ſtehet in Lebensgroͤße unerkannt in der Villa Borgheſe, wo
ſich die eigentliche Form des Cothurnus zeiget, welcher fuͤnf Zolle eines Roͤ-
miſchen Palms hoch iſt. Dieſem wahrhaften Augenſchein gemaͤß, muͤſſen
die Stellen der Alten, die wider alle Wahrſcheinlichkeit von einer ungewoͤhn-
lichen Erhoͤhung der Perſon auf dem Theater zu reden ſcheinen, verſtanden
werden. Von dem Tragiſchen Cothurno aber iſt eine Art Stiefeln, welche
eben ſo hieß, zu unterſcheiden; dieſe gieng bis auf die Haͤlfte der Wade, und
war bey Jaͤgern, wie noch itzo in Italien, gebraͤuchlich: Diana und Bacchus
pflegen dieſelben zuweilen zu tragen 3). Die Art des Bindens der Sohlen

iſt
1) Caſaub. Not. in Aen. Tact. c. 21. p. 84.
2) Cic. de Fin. L. 3. c. 14.
3) Spanh. ad Callim. in Dian. p. 134.

Von der Kunſt unter den Griechen.
iſt bekannt, und an der mehrmal angefuͤhrten Hetruriſchen Diana zu Portici
ſind die Riemen roth, wie auch an einigen andern Figuren 1) der alten Ge-
maͤlde daſelbſt. Hier will ich nur den Querriem an dem Mittel der Sohle
anmerken, unter welchem der Fuß konnte hineingeſtecket werden. Dieſer
Riem findet ſich ſelten an Goͤttlichen Weiblichen Figuren, auch liegt derſelbe,
wie er iſt, unter dem Fuße, und zwar unter dem Bug der Zehen, und man ſieht
nur das Ohr davon auf beyden Seiten des Fußes, um nicht durch dieſen Riem
etwas an der zierlichen Form deſſelben zu verbergen. Es iſt beſonders, daß
Plinius von den Sohlen der ſitzenden Statue der Cornelia, der Mutter der bey-
den Graccher, anmerket, daß dieſelben ohne beſagten Riem geweſen 2).

Die Armbaͤnder haben insgemein die Geſtalt von Schlangen, auchcc Der Arme.
mit dem Kopfe, wie dergleichen verſchiedene in dem Herculaniſchen Muſeo
zu Portici in Erzt und in Golde befindlich ſind. Es liegen dieſelben theils um
den Oberarm, wie an den beyden ſchlafenden Nymphen, im Vaticano und in
der Villa Medicis, welche daher fuͤr eine Cleopatra angenommen und beſchrie-
ben worden ſind. Andere Armbaͤnder liegen uͤber den Knoͤcheln der Hand,
und eine von den Toͤchtern des Cecrops, in dem alten beygebrachten Gemaͤlde,
hat daſſelbe in zween Ringen; eine von den angefuͤhrten Caryatiden, in
der Villa Negroni, hat daſſelbe in vier Umkreißen. Zuweilen iſt dieſes
Armband eine gedrehete Binde, wie man es an einer Figur in der Villa
Albani ſieht; und dieſe Art Armbaͤnder ſind diejenigen, welche ςρεπτά
hießen. Die ſogenannten Periſcelides, oder Baͤnder um die Beine, ſieht
man an der Weiblichen Figur auf dem Steine, welcher dem folgenden drit-
ten Stuͤcke dieſes Capitels vorgeſetzet iſt, und es finden ſich dieſelben zuwei-
len in fuͤnf Reifen, wie um das rechte Bein an ein paar Victorien auf irrde-
nen Gefaͤßen, in dem Muſeo Hrn. Mengs: dergleichen Ringe um die Bei-
ne tragen noch itzo die Weiber in den Morgenlaͤndern 3).

An
1) Pitt. Erc. T. 2. tav. 17.
2) L. 34. c. 14.
3) Hunt Diſſ. on the Prov. of Salom. p. 13.
D d 2
I Theil. Viertes Capitel.
C.
Allgemeine
Betrachtung
uͤber die Zier-
lichkeit an
Weiblichen
Figuren.

An der Zeichnung bekleideter Figuren hat zwar der feine Sinn und
die Empfindung, ſo wohl im Bemerken und Lehren, als im Nachahmen,
weniger Antheil, als die aufmerkſame Beobachtung und das Wiſſen; aber
der Kenner hat in dieſem Theile der Kunſt nicht weniger zu erforſchen, als
der Kuͤnſtler. Bekleidung iſt hier gegen das Nackende, wie die Ausdruͤ-
cke der Gedanken, das iſt, wie die Einkleidung derſelben, gegen die Ge-
danken ſelbſt; es koſtet oft weniger Muͤhe, dieſen, als jene, zu finden. Da
nun in den aͤlteſten Zeiten der Griechiſchen Kunſt mehr bekleidete, als nackte
Figuren gemacht wurden, und dieſes in Weiblichen Figuren auch in den
ſchoͤnſten Zeiten derſelben blieb, alſo daß man eine einzige nackte Figur ge-
gen funfzig bekleidete rechnen kann: ſo gieng auch der Kuͤnſtler Suchen
zu allen Zeiten nicht weniger auf die Zierlichkeit der Bekleidung, als auf
die Schoͤnheit des Nackenden. Die Gratie wurde nicht allein in Gebehr-
den und Handlungen, ſondern auch in der Kleidung geſuchet, (wie denn
die aͤlteſten Gratien bekleidet gebildet waren) und wenn zu unſern Zeiten
die Schoͤnheit der Zeichnung des Nackenden aus vier oder fuͤnf der ſchoͤn-
ſten Statuen zu erlernen waͤre, ſo muß der Kuͤnſtler die Bekleidung in
hundert derſelben ſtudiren. Denn es iſt ſchwerlich eine der andern in der
Bekleidung gleich, da ſich hingegen viele nackte Statuen voͤllig aͤhnlich
finden, wie die mehreſten Venus ſind; eben ſo ſcheinen verſchiedene Sta-
tuen des Apollo nach eben demſelben Modelle gearbeitet, wie drey aͤhnliche
in der Villa Medicis, und ein anderer im Campidoglio, ſind, und die-
ſes gilt auch von den mehreſten jungen Figuren. Es iſt alſo die Zeich-
nung bekleideter Figuren mit allem Rechte ein weſentliches Theil der
Kunſt zu nennen.



Drittes

[Abbildung]
Drittes Stuͤck.
Von dem Wachsthume und dem Falle der Griechiſchen Kunſt,
in welcher vier Zeiten und vier Stile koͤnnen geſetzet werden.

Das dritte Stuͤck dieſer Abhandlung, von dem Wachsthume und demDrittes Stuͤck.
Von dem
Wachsthume
und dem Falle
der Griechi-
ſchen Kunſt,
in welcher vier
Zeiten und
vier Stile
koͤnnen gered
net werden.

Falle der Griechiſchen Kunſt, gehet nicht weniger, als das vorige
Stuͤck, auf das Weſen derſelben, und es werden hier verſchiedene allgemei-
ne Betrachtungen des vorigen Theils durch merkwuͤrdige Denkmaale der
Griechiſchen Kunſt naͤher und genauer beſtimmet.

Die Kunſt unter den Griechen hat, wie ihre Dichtkunſt, nach Sca-
ligers
Angeben, vier Hauptzeiten, und wir koͤnnten deren fuͤnf ſetzen.
Denn ſo wie eine jede Handlung und Begebenheit fuͤnf Theile, und gleich-
ſam Stufen hat, den Anfang, den Fortgang, den Stand, die Abnahme,
und das Ende, worinn der Grund lieget von den fuͤnf Auftritten oder
Handlungen in Theatraliſchen Stuͤcken, eben ſo verhaͤlt es ſich mit der

Zeit-
D d 3

I Theil. Viertes Capitel.
Zeitfolge derſelben: da aber das Ende derſelben außer die Graͤnzen der
Kunſt gehet, ſo ſind hier eigentlich nur vier Zeiten derſelben zu betrachten.
Der aͤltere Stil hat bis auf den Phidias gedauret; durch ihn und durch
die Kuͤnſtler ſeiner Zeit erreichete die Kunſt ihre Groͤße, und man kann
dieſen Stil den Großen und Hohen nennen; von dem Praxiteles an bis auf
den Lyſippus und Apelles erlangete die Kunſt mehr Gratie und Gefaͤllig-
keit, und dieſer Stil wuͤrde der Schoͤne zu benennen ſeyn. Einige Zeit
nach dieſen Kuͤnſtlern und ihrer Schule fing die Kunſt an zu ſinken in den
Nachahmern derſelben, und wir koͤnnten einen dritten Stil der Nachahmer
ſetzen, bis ſie ſich endlich nach und nach gegen ihren Fall neigete.

I.
Der aͤltere
Stil.

Bey dem aͤlteren Stile ſind erſtlich die uͤbrig gebliebenen vorzuͤglichen
Denkmaale in demſelben, ferner die aus denſelben gezogenen Eigenſchaften,
A.
Denkmaale
deſſelben.
und endlich der Uebergang zu dem großen Stil zu betrachten. Man kann
keine aͤltere und zuverlaͤßigere Denkmaale des aͤltern Stils, als einige Muͤn-
a Auf Muͤn-
zen.
zen, anfuͤhren, von deren hohem Alter das Gepraͤge und ihre Inſchrift Zeug-
niß geben, und denſelben fuͤge ich einen Carniol des Stoßiſchen Muſei bey,
welcher zu Ende des erſten Stuͤcks dieſes Capitels geſetzet iſt.

Die Inſchrift gehet auf dieſen Muͤnzen ſo wohl, als auf dem Steine,
ruͤckwerts, das iſt, von der Rechten zur Linken; dieſe Art zu ſchreiben aber
muß geraumere Zeit vor dem Herodotus aufgehoͤret haben. Denn da
dieſer Geſchichtſchreiber einen Gegenſatz der Sitten und Gebraͤuche der
Aegypter gegen die Griechen machet, fuͤhret er an, daß jene auch im Schrei-
ben das Gegentheil von dieſen gethan, und von der Rechten zur Linken ge-
ſchrieben haben 1); eine Nachricht, welche zu einiger Beſtimmung der Zeit
in der Axt zu ſchreiben unter den Griechen, ſo viel ich weis, noch nicht
bemerket iſt. Es fuͤhret Pauſanias an 2), daß unter der Statue des
Agamemnons zu Elis (welche eine von den acht Figuren des Onatas war,

die
1) L. 2. p. 65. l. 13.
2) L. 5. p. 444. l. 24.

Von der Kunſt unter den Griechen.
die diejenigen vorſtelleten, welche ſich erbothen hatten zum Looſe, mit dem
Hector zu fechten) die Schrift von der Rechten zur Linken gegangen;
welches etwas ſeltenes auch an den aͤlteſten Statuen ſcheinet geweſen zu
ſeyn: denn er meldet dieſes von keiner andern Inſchrift auf Statuen.

Unter den aͤlteſten Muͤnzen ſind die von einigen Staͤdten in Groß-
Griechenland, ſonderlich die Muͤnzen von Sybaris, von Caulonia, und
von Poſidonia oder Paͤſtum in Lucanien. Die erſtern koͤnnen nicht
nach der zwey und ſiebenzigſten Olympias, in welcher Sybaris von den
Crotoniatern zerſtoͤret worden 1), gemacht ſeyn, und die Form der Buchſta-
ben in dem Namen dieſer Stadt deuten auf viel fruͤhere Zeiten 2). Der
Ochſe auf dieſen, und der Hirſch auf Muͤnzen von Caulonia, ſind ziemlich
unfoͤrmlich: auf ſehr alten Muͤnzen dieſer Stadt iſt Jupiter, ſo wie Ne-
ptunus auf Muͤnzen der Stadt Poſidonia, von ſchoͤnerm Gepraͤge, aber
im Stile, welcher insgemein der Hetruriſche heißt. Neptunus haͤlt ſeinen
dreyzackigten Zepter, wie eine Lanze, im Begriffe zu ſtoßen, und iſt, wie
Jupiter, nackend, außer daß er ſein zuſammengenommenes Gewand uͤber
beyde Arme geworfen hat, als wenn ihm daſſelbe ſtatt eines Schildes die-
nen ſollte; ſo wie Jupiter auf einem geſchnittenen Steine ſeine Aegis um
ſeinen linken Arm gewickelt hat 3). Auf dieſe Art fochten zuweilen die
Alten in Ermangelung des Schildes, wie Plutarchus vom Alcibiades 4),
und Livius vom Tiberius Gracchus, berichtet 5). Das Gepraͤge dieſer
Muͤnzen iſt auf der einen Seite hohl, und auf der andern erhoben, nicht
wie es einige Kaiſerliche Muͤnzen haben, wo das hohle Gepraͤge der einen
Seite ein Verſehen iſt; ſondern auf jenen Muͤnzen zeigen ſich offenbar

zween
1) Herodot. L. 6. p. 215. l. 3.
2) Auf demſelben ſtehet [fremdsprachliches Material], an ſtatt ΣΤ, und eben ſo, nemlich wie ein Μ, ſtehet das
Sigma auf angefuͤhrten Muͤnzen von Poſidonia. Das Rho (Ρ) hat einen kleinen
Schwanz [fremdsprachliches Material]. Caulenia iſt geſchrieben [fremdsprachliches Material]
3) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 40.
4) Alcib. p. 388. l. 4.
5) L. 25. c. 16. conf. Scalig. Conject. in Varron. p. 10.

I Theil. Viertes Capitel.
zween verſchiedene Stempel, welches ich an dem Neptunus deutlich dar-
thun kann. Wo derſelbe erhoben iſt, hat er einen Bart und krauſe Haare;
hohl gepraͤget iſt er ohne Bart, und mit gleichen Haaren: dort haͤngt das
Gewand vorwerts uͤber den Arm, und hier hinterwerts; dort gehet an
dem Rande umher ein Zierrath, wie von zween weitlaͤuftig geflochtenen
Stricken, und hier iſt derſelbe einem Kranze aus Aehren aͤhnlich; der
Zepter iſt auf beyden Seiten erhaben.

Es iſt im uͤbrigen nicht darzuthun, wie jemand ohne Beweis an-
giebt 1), daß das Gamma der Griechen nicht lange nach der funfzigſten
Olympias, nicht Γ, ſondern [Ϲ] geſchrieben worden, wodurch die Begriffe
von dem aͤltern Stile aus Muͤnzen, zweifelhaft und widerſprechend wer-
den wuͤrden. Denn es finden ſich Muͤnzen, auf welchen gedachter
Buchſtab in ſeiner aͤltern Form vorkoͤmmt, die gleichwohl ein vorzuͤgliches
Gepraͤge haben; unter denſelben kann ich eine Muͤnze der Stadt Gela in
Sicilien, geſchrieben [fremdsprachliches Material], mit einer Biga und dem Vordertheil eines
Minotaurs, anfuͤhren. Ja man kann das Gegentheil von jenem Vorgeben
unter andern aus einer Muͤnze der Stadt Segeſta in Sicilien, mit dem
runden Gamma, darthun, welche, wie ich im zweyten Theile dieſer Ge-
ſchichte hoffe darzuthun, lange nach dieſer Zeit, und in der CXXXIV.
Olympias, gepraͤget worden.

Daß die Begriffe der Schoͤnheit, oder vielmehr, daß die Bildung
und Ausfuͤhrung derſelben, den Griechiſchen Kuͤnſtlern nicht, wie das Gold
in Peru waͤchſt, urſpruͤnglich mit der Kunſt eigen geweſen, bezeugen ſon-
derlich Sicilianiſchen Muͤnzen, welche in folgenden Zeiten alle andere
an Schoͤnheit uͤbertroffen. Ich urtheile nach ſeltenen Muͤnzen von Leon-
tium, Meſſina, Segeſta
und Syracus, in dem Stoßiſchen Muſeo,
und zwo von dieſen Muͤnzen der letztern Stadt ſind zu Anfang dieſes Stuͤcks
in Kupfer zu ſehen; der Kopf iſt eine Proſerpina. Die Koͤpfe auf dieſen

Muͤnzen
1) Reinold. Hiſt. Litter. graec. & lat. p. 57.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Muͤnzen ſind gezeichnet, wie der Kopf der Pallas auf den aͤlteſten Athenien-
ſiſchen Muͤnzen: kein Theil derſelben hat eine ſchoͤne Form, folglich auch
das Ganze nicht; die Augen ſind lang und platt gezogen; der Schnitt des
Mundes gehet aufwerts; das Kinn iſt ſpitzig, und ohne zierliche Woͤlbung;
und es iſt bedeutend genug, zu ſagen, daß das Geſchlecht an den Weiblichen
Koͤpfen faſt zweifelhaft iſt. Gleichwohl iſt die Ruͤckſeite, nicht allein in
Abſicht des Gepraͤges, ſondern auch der Zeichnung der Figur, zierlich.
Wie aber ein großer Unterſcheid iſt unter der Zeichnung im Kleinen und
im Großen, und von jener nicht auf dieſe kann geſchloſſen werden, ſo war
es leichter, eine zierliche kleine Figur, etwa einen Zoll groß, als einen Kopf
von eben der Groͤße, ſchoͤn zu zeichnen. Die Bildung dieſer Koͤpfe hat alſo
nach der angegebenen Form die Eigenſchaften des Aegyptiſchen und Hetruri-
ſchen Stils, und iſt ein Beweis der in den drey vorhergehenden Capiteln ange-
zeigten Aehnlichkeit der Figuren dieſer drey Voͤlker in den aͤlteſten Zeiten.

Gleiches Alterthum mit angefuͤhrten Muͤnzen ſcheinet der ſterbendeb Auf einem
geſchnittenen
Steine.

Othryades in dem Stoßiſchen Muſeo zu haben 1). Die Arbeit iſt nach der
Schrift auf demſelben Griechiſch, und ſtellet den ſterbenden Spartaner
Othryades, nebſt einem andern verwundeten Krieger, vor, wie jener, ſo wie
dieſer, ſich den toͤdtlichen Pfeil aus der Bruſt ziehet, und zugleich das
Wort „dem Siege2) auf ſeinen Schild ſchreibet. Die Argiver und

Sparta-
1) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 405.
2) Lucianus und andere ſagen, daß der Held mit ſeinem Blute geſchrieben. Plutar-
chus bemerket, daß er die beyden Worte ΔΙΙΤΡΟΠΑΙΟϒΧΩΙ „dem
ſiegreichen Jupiter
„ auf den Schild gezeichnet. Der Kuͤnſtler wird einer ver-
ſchiedenen Nachricht gefolget ſeyn, da er das Wort Sieg geſetzt: oder der eingeſchraͤnk-
te Raum iſt die Urſache, daß er ein Wort genommen, welches die Abſicht des Helden
uͤberhaupt, und den Gedanken von jener Schrift, enthaͤlt und ausdruͤcket. Das Wort
iſt in Doriſcher Mundart geſchrieben (welche den Spartanern eigen war) und iſt der
Dativus NIKAI, an ſtatt NIKHI. Man ſehe die Abhandlung uͤber dieſen Stein
in der Beſchreibung der geſchnittenen Steine des Stoßiſchen Muſei.
*) Contempl. c. 24. p. 523. Rhetor. praec. c. 18. p. 20. Val. Max. L. 3. c. 2. & 4.
**) Parall. p. 545. l. 2.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. E e

I Theil. Viertes Capitel.
Spartaner waren in Streit uͤber die Stadt Thyrea, und machten auf
beyden Seiten von jeder Nation dreyhundert Mann aus, die gegen einan-
der fechten ſollte, um ein allgemeines Blutvergießen zu verhindern. Dieſe
Sechshundert Mann blieben alle auf dem Platze, außer zween von den
Argivern, und von den Spartanern dem einzigen Othryades, welcher, ſo
toͤdtlich verwundet er war, alle Kraͤfte ſammlete, und von den Waffen der
Argiver eine Art eines Siegeszeichens zuſammenlegte. Auf einem von den
Schildern deutete er den Sieg auf Seiten der Spartaner mit ſeinem
Blute an. Dieſer Krieg geſchah ohngefaͤhr zur Zeit des Croeſus. Die
Scribenten, unter welchen Herodotus der erſte iſt 1), ſind verſchieden in Er-
zehlung dieſer merkwuͤrdigen Begebenheit; zu dieſer Unterſuchung aber iſt
hier nicht der Ort. Die Arbeit des Steins iſt mit Fleiß ausgefuͤhret, und
es fehlet den Figuren nicht an Ausdruck: die Zeichnung derſelben aber iſt
ſteif und platt, die Stellung gezwungen und ohne Gratie. Wenn wir
betrachten, daß keiner von andern Helden des Alterthums, deren Tod
merkwuͤrdig iſt, auf gleiche Weiſe ſein Leben geendiget, und daß des Othrya-
des Tod ihn auch bey den Feinden von Sparta verehrt gemacht, (denn ſei-
ne Statue war zu Argos) ſo iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Vorſtellung
auf niemand anders deuten koͤnne. Wollte man annehmen, daß dieſer
Held bald nach ſeinem Tode ein Vorwurf der Kuͤnſtler geworden, welches
die ruͤckwerts geſchriebene Schrift auf deſſen Schilde wahrſcheinlich macht,
und da deſſen Tod zwiſchen der funfzigſten und ſechzigſten Olympias wird
zu ſetzen ſeyn, ſo wuͤrde die Arbeit dieſes Steins uns den Stil von Ana-
creons Zeit zeigen. Es wuͤrde folglich demſelben der bekannte Smaragd
des Polycrates, Herrn von Samos, welchen Theodorus, der Vater des
Telecles, geſchnitten, in der Arbeit aͤhnlich geweſen ſeyn.

c In Werken
von Marmor.

Was die Werke der Bildhauerkunſt in dieſem aͤltern Stile betrift, ſo
fuͤhre ich, wie uͤberhaupt von andern Werken der Kunſt, keine an, als die

ich
1) L. 1. c. 82.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ich ſelbſt geſehen, und genau unterſuchen koͤnnen; daher ich von einem der
aͤlteſten erhobenen Arbeiten in der Welt, welche in Engeland iſt, in Ab-
ſicht meines gegenwaͤrtigen Vorhabens nicht reden kann. Es ſtellet daſſelbe
Werk einen jungen Ringer vor, welcher vor einem ſitzenden Jupiter ſtehet:
ich zeige daſſelbe zu Anfang des zweyten Theils an. Den aͤltern Stil
glauben die Liebhaber des Alterthums in einem erhobenen Werke im Cam-
pidoglio zu finden, welches drey Weibliche Bacchanten 1), nebſt einem
Faun vorſtellet, mit der Unterſchrift: ΚΑΛΛΙΜΑΧ ͦΣ ΕΠ ͦΙΕΙ. Cal-
limachus
ſoll derjenige ſeyn welcher ſich niemals ein Genuͤge thun koͤn-
nen 2), und weil er tanzende Spartanerinnen gemacht hat 3), ſo haͤlt man
jenes fuͤr dieſes. Die Schrift auf demſelben iſt mir bedenklich: ſie kann
nicht fuͤr neu gehalten werden, aber ſehr wohl ſchon vor Alters nachgemacht
und untergeſchoben worden ſeyn, eben ſo wie der Name des Lyſippus an ei-
nem Hercules in Florenz, welcher alt iſt, aber ſo wenig, als die Statue
ſelbſt, von der Hand dieſes Kuͤnſtlers ſeyn kann. Eine Griechiſche Arbeit
von dem Stile des Werks im Campidoglio muͤßte nach den Begriffen, die
wir von den Zeiten des Flors der Kunſt haben, aͤlter ſeyn; Callimachus
aber kann nicht vor dem Phidias gelebet haben: die ihn in die ſechzigſte
Olympias ſetzen 4), haben nicht den mindeſten Grund, und irren ſehr groͤb-
lich. Und wenn auch dieſes anzunehmen waͤre, ſo koͤnnte kein X in dem
Namen deſſelben ſeyn; dieſer Buchſtab wurde viel ſpaͤter vom Simonides
erfunden: Callimachus muͤßte geſchrieben ſeyn ΚΔΛΛΙΜΔΚΗ ͦΣ,
oder ΚΔΛΙΜΔΚοΣ 5), wie in einer alten Amycleiſchen Inſchrift 6).
Pauſanias ſetzet ihn unter die großen Kuͤnſtler herunter; alſo muß er zu
einer Zeit gelebet haben, wo es moͤglich geweſen waͤre, ihnen in der Kunſt

bey-
1) Fontanin. Antiq. Hort. L. 1. c. 6. p. 116. Montfauc. Ant. expl. T. 1. P. 11. pl. 174.
2) Fontan. l. c. Lucatel. Muſ. Capit. p. 36.
3) Plin. L. 34. c. 19.
4) Felibien Hiſt. des Archit. p. 22.
5) conf. Reinold. Hiſt. Litt. græc. & lat. p. 9.
6) Nouv. Traité de Diplomat. T. 1. p. 616.
E e 2

I Theil. Viertes Capitel.
beyzukommen. Ein Bildhauer dieſes Namens iſt ferner der erſte geweſen,
welcher mit dem Bohrer gearbeitet hat 1); der Meiſter des Laocoons aber,
welcher aus der ſchoͤnſten Zeit der Kunſt ſeyn muß, hat den Bohrer an den
Haaren, an dem Kopfe, und in den Tiefen des Gewandes gebraucht.
Callimachus der Bildhauer ſoll ferner das Corinthiſche Capitaͤl erfunden
haben 2); Scopas aber, der beruͤhmte Bildhauer, bauete in der ſechs und
neunzigſten Olympias einen Tempel mit Corinthiſchen Saͤulen 3): alſo
haͤtte Callimachus zur Zeit der groͤßten Kuͤnſtler, und vor dem Meiſter der
Niobe, welches vermuthlich Scopas iſt (wie im zweyten Theile wird
unterſuchet werden) und vor dem Meiſter des Laocoons gelebet, welches
ſich mit der Zeit, die aus der Ordnung der Kuͤnſtler, in welcher ihn Pli-
nius ſetzet, zu ziehen iſt, nicht wohl reimet. Hierzu kommt, daß dieſes
Stuͤck zu Horta, einer Gegend, wo die Hetrurier wohneten, gefunden
worden; welcher Umſtand allein viel Wahrſcheinlichkeit giebt, daß es ein
Werk Hetruriſcher Kunſt ſey, von welcher es alle Eigenſchaften hat.

So wie man dieſes Werk fuͤr eine Griechiſche Arbeit haͤlt, ſo wuͤrden
auf der andern Seite die im vorigen Capitel angefuͤhrten drey ſchoͤne gemalte
irrdene Gefaͤße des Maſtrilliſchen Muſei zu Neapel, und eine Schaale in
dem Koͤniglichen Muſeo zu Portici, fuͤr Hetruriſch angeſehen worden ſeyn,
wenn nicht die Griechiſche Schrift auf denſelben das Gegentheil zeigete 4).

B.
Eigenſchaften
dieſes aͤlteren
Stils.

Von dieſem aͤlteren Stile wuͤrden deutlichere Kennzeichen zu geben
ſeyn, wenn ſich mehrere Werke in Marmor, und ſonderlich erhobene Ar-

beiten,
1) Pauſ. L. 1. p. 63. l. 25.
2) Vitruv. L. 4. c. 1.
3) Pauſ. L. 8. p. 693. l. 19.
4) Dieſe Gefaͤße ſind in Kupfer geſtochen und erklaͤret zu finden in des Canonici Mazocchi
Erlaͤuterung der Heracleiſchen Tafeln, in gedachtem Koͤniglichen Muſeo. Die Kupfer
aber geben einen ſchlechten Begriff, weil ſie nach elenden Zeichnungen, welche ich geſehen
habe, gemacht ſind. Es ſcheinet, daß der Verfaſſer die Originale weniger, als die
Zeichnungen, betrachtet habe, weil ihm ſonſt der Betrug an einem andern kleinern Ge-
faͤße dieſes Muſei, auf welchem, nach Anzeige der Schrift, Juno, Mars und Daͤda-
lus ſtehen, haͤtte in die Augen fallen muͤſſen. Dieſe Schrift iſt nicht gemalet, wie
auf

Von der Kunſt unter den Griechen.
beiten, erhalten haͤtten, aus welchen wir die aͤlteſte Art ihre Figuren zuſam-
men zu ſtellen, und hieraus den Grad des Ausdrucks der Gemuͤthsbewe-
gungen, erkennen koͤnnten. Wenn wir aber wie von dem Nachdrucke in
Angebung der Theile an ihren kleinen Figuren auf Muͤnzen, auf groͤßere,
auch auf den nachdruͤcklichen Ausdruck der Handlungen ſchließen duͤrfen,
ſo wuͤrden die Kuͤnſtler dieſes Stils ihren Figuren heftige Handlungen und
Stellungen gegeben haben; ſo wie die Menſchen aus der Heldenzeit, von
welchen die Kuͤnſtler ihre Vorwuͤrfe machen, der Natur gemaͤß handelten,
und ohne ihren Neigungen Gewalt anzuthun. Dieſes wird wahrſchein-
lich durch Vergleichung mit den Hetruriſchen Werken, denen jene aͤhnlich
gehalten werden.

Wir koͤnnen uͤberhaupt die Kennzeichen und Eigenſchaften dieſes aͤl-
tern Stils kuͤrzlich alſo begreifen: die Zeichnung war nachdruͤcklich, aber
hart; maͤchtig, aber ohne Gratie, und der ſtarke Ausdruck verminderte
die Schoͤnheit. Dieſes aber iſt ſtuffenweis zu verſtehen, da wir unter dem
aͤltern Stile den laͤngſten Zeitlauf der Griechiſchen Kunſt begreifen; ſo
daß die ſpaͤtern Werke von den erſteren ſehr verſchieden geweſen ſeyn werden.

Dieſer Stil wuͤrde bis in die Zeiten, da die Kunſt in Griechenland
bluͤhete, gedauert haben, wenn dasjenige keinen Widerſpruch litte, was
Athenaͤus vom Steſichorus vorgiebt 1), daß dieſer Dichter der erſte ge-
weſen, welcher den Hercules mit der Keule und mit dem Bogen vorge-
ſtellet: denn es finden ſich viele geſchnittene Steine mit einem ſo bewaffne-

ten
auf den andern Gefaͤßen, ſondern eingegraben; und auf einem andern Gefaͤße in eben
dieſer Sammlang iſt das Wort ΔΟΡΔΩΝΟΣ mit großen Buchſtaben eingeſchnitteu.
Die Inſchrift ΜΑΞΙΜΟΣ ΕΓΡΑΨΕ auf einem gemalten Gefaͤße in der ehema-
ligen Sammlung des Rechtsgelehrten Joſeph Valetta, zu Neapel, kann ebenfalls
Zweifel uͤber deren Richtigkeit erwecken. Wohin dieſes Gefaͤß gekommen, habe ich
nicht erfahren koͤnnen; in der Vaticaniſchen Bibliothec, wo die uͤbrigen Valettiſchen
Gefaͤße ſind, befindet es ſich nicht.
1) Deipn. L. 12. p. 512. E. conf. Deſer. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 275.
E e 3

I Theil. Viertes Capitel.
ten Hercules in dem aͤltern und zuvor angedeuteten Stile. Nun hat
Steſichorus mit dem Simonides zu gleicher Zeit gelebet, nemlich in der
zwey und ſiebenzigſten Olympias 1), oder um die Zeit, da Xerxes wider die
Griechen zog; und Phidias, welcher die Kunſt zu ihrer Hoͤhe getrieben,
bluͤhete in der acht und ſiebenzigſten Olympias: es muͤßten alſo beſagte
Steine kurz vor oder gewiß nach jener Olympias gearbeitet ſeyn. Strabo
aber giebt eine viel aͤltere Nachricht von denen dem Hercules beygelegten
Zeichen 2); es ſoll dieſe Erdichtung vom Piſander herruͤhren, welcher,
wie einige wollen, mit dem Eumolpus zu gleicher Zeit gelebet hat, und von
andern in die drey und dreyßigſte Olympias geſetzet wird: die aͤlteſten Fi-
guren des Hercules haben weder Keule noch Bogen gehabt, wie Strabo
verſichert.

C.
Vorbereitung
dieſes Stils
zum hohen
Stile.

Die Eigenſchaften dieſes aͤltern Stils waren unterdeſſen die Vorbe-
reitungen zum hohen Stil der Kunſt, und fuͤhreten dieſen zur ſtrengen
Richtigkeit und zum hohen Ausdruck: denn in der Haͤrte von jenem
offenbaret ſich der genau bezeichnete Umriß, und die Gewißheit der Kennt-
niß, wo alles aufgedeckt vor Augen liegt. Auf eben dieſem Wege wuͤrde
die Kunſt in neueren Zeiten, durch die ſcharfen Umriſſe, und durch die
nachdruͤckliche Andeutung aller Theile vom Michael Angelo, zu ihrer Hoͤ-
he gelanget ſeyn, wenn die Bildhauer auf dieſer Spur geblieben waͤren.
Denn wie in Erlernung der Muſic und der Sprachen, dort die Toͤne, und
hier die Sylben und Worte, ſcharf und deutlich muͤſſen angegeben werden,
um zur reinen Harmonie und zur fluͤßigen Ausſprache zu gelangen: eben
ſo fuͤhret die Zeichnung nicht durch ſchwebende, verlohrne und leicht ange-
deutete Zuͤge, ſondern durch maͤnnliche, obgleich etwas harte, und genau
begraͤnzte Umriſſe, zur Wahrheit und zur Schoͤnheit der Form. Mit einem
aͤhnlichen Stile erhob ſich die Tragoͤdie zu eben der Zeit, da die Kunſt den

großen
1) Bentley’s Diſſ. upon Phalar. p. 36.
2) Geogr. L. 15. p. 688. C.

Von der Kunſt unter den Griechen.
großen Schritt zu ihrer Vollkommenheit machte, in maͤchtigen Worten
und ſtarken Ausdruͤcken, von großem Gewichte, wodurch Aeſchylus ſeinen
Perſonen Erhabenheit, und der Wahrſcheinlichkeit ihre Fuͤlle gab.

Was insbeſondere die Ausarbeitung der Werke der Bildhauerey aus
dieſer Zeit betrifft, von welchen ſich in Rom nichts erhalten hat, ſo ſind
dieſelben vermuthlich mit dem muͤhſamſten Fleiße geendiget geweſen, wie
ſich aus einigen angefuͤhrten Hetruriſchen Werken, und aus ſehr vielen
der aͤlteſten geſchnittenen Steine, ſchließen laͤßt. Man koͤnnte dieſes auch
aus den Stuffen des Wachsthums der Kunſt in neuern Zeiten muthmaßen.
Die naͤchſten Vorgaͤnger der groͤßten Maͤnner in der Malerey haben ihre
Werke mit unglaublicher Geduld geendiget, und zum Theil durch Ausfuͤh-
rung der allerkleinſten Sachen, uͤber ihre Gemaͤlde, denen ſie die Groß-
heit nicht geben konnten, einen Glanz auszubreiten geſuchet; ja die groͤßten
Kuͤnſtler, Michael Angelo und Raphael, haben gearbeitet, wie ein Brit-
tiſcher Dichter lehret 1): „Entwirf mit Feuer, und fuͤhre mit Phlegma aus.„

Man merke zu Ende der Betrachtung uͤber dieſen erſten Stil, das
unwiſſende Urtheil eines Franzoͤſiſchen Malers uͤber die Kunſt, welcher
ſetzet 2), man nenne alle Werke Antiquen, von der Zeit Alexanders des
Großen bis auf den Phocas: die Zeit, von welcher er anrechnet, iſt ſo we-
nig richtig, als diejenige, mit welcher er endiget. Wir ſehen aus dem vo-
rigen, und es wird ſich im folgenden zeigen, daß noch itzo aͤltere Werke,
als von Alexanders Zeiten ſind; das Alter in der Kunſt aber hoͤret auf
vor dem Conſtantin. Eben ſo haben diejenigen, welche mit dem P. Mont-
faucon
glauben 3), daß ſich keine Werke Griechiſcher Bildhauer erhalten
haben, als von der Zeit an, da die Griechen unter die Roͤmer kamen, viel
Unterricht noͤthig.

Endlich
1) Roſcommon’s Eſſay on Poetry.
2) des Piles Rem. ſur l’Art. de peint. de Fresnoy. p. 105.
3) Ant. expl. T. 3. P. 2. p. 6. §. 5.
I Theil. Viertes Capitel.
II.
Der hohe
Stil.

Endlich da die Zeiten der voͤlligen Erleuchtung und Freyheit iu Grie-
chenland erſchienen, wurde auch die Kunſt freyer und erhabner. Der aͤl-
A.
Deſſen Eigen-
ſchaften.
tere Stil war auf ein Syſtema gebauet, welches aus Regeln beſtand, die
von der Natur genommen waren, und ſich nachher von derſelben entfernet
hatten, und Idealiſch geworden waren. Man arbeitete mehr nach der
Vorſchrift dieſer Regeln, als nach der Natur, die nachzuahmen war: denn
die Kunſt hatte ſich eine eigene Natur gebildet. Ueber dieſes angenomme-
ne Syſtema erhoben ſich die Verbeſſerer der Kunſt, und naͤherten ſich der
Wahrheit der Natur. Dieſe lehrete aus der Haͤrte und von hervorſprin-
genden und jaͤh abgeſchnittenen Theilen der Figur in fluͤßige Umriſſe zu
gehen, die gewaltſamen Stellungen und Handlungen geſitteter und weiſer
zu machen, und ſich weniger gelehrt, als ſchoͤn, erhaben und groß zu zeigen.
Durch dieſe Verbeſſerung der Kunſt haben ſich Phidias, Polycletus, Sco-
pas, Alcamenes und Myron beruͤhmt gemacht: der Stil derſelben kann
der Große genennet werden, weil außer der Schoͤnheit die vornehmſte Ab-
ſicht dieſer Kuͤnſtler ſcheinet die Großheit geweſen zu ſeyn. Hier iſt in der
Zeichnung das Harte von dem Scharfen wohl zu unterſcheiden, damit
man nicht z. E. die ſcharfgezogene Andeutung der Augenbranen, die man
beſtaͤndig in Bildungen der hoͤchſten Schoͤnheiten ſieht, fuͤr eine unnatuͤr-
liche Haͤrte nehme, welche aus dem aͤltern Stile geblieben ſey: denn dieſe
ſcharfe Bezeichnung hat ihren Grund in den Begriffen der Schoͤnheit, wie
oben bemerket worden.

Es iſt aber wahrſcheinlich, und aus einigen Anzeigen der Scribenten
zu ſchließen, daß der Zeichnung dieſes hohen Stils das Gerade einiger-
maßen noch eigen geblieben, und daß die Umriſſe dadurch in Winkel ge-
gangen, welches durch das Wort viereckt oder eckigt 1) ſcheinet ange-
gedeutet zu werden. Denn da dieſe Meiſter, wie Polycletus, Geſetzgeber

in
1) Plin. L. 34. c. 19.

Von der Kunſt unter den Griechen.
in der Proportion waren, und alſo das Maaß eines jeden Theils auf deſſen
Punct werden geſetzt haben, ſo iſt nicht unglaublich, daß dieſer großen
Richtigkeit ein gewiſſer Grad ſchoͤner Form aufgeopfert worden. Es bil-
dete ſich alſo in ihren Figuren die Großheit, welche aber in Vergleichung
gegen die wellenfoͤrmige Umriſſe der Nachfolger dieſer großen Meiſter eine
gewiſſe Haͤrte kann gezeiget haben. Dieſes ſcheinet die Haͤrte zu ſeyn, welche
man am Callon und am Hegias, am Canachus und am Calamis 1), ja
ſelbſt am Myron, auszuſetzen fand 2); unter welchen gleichwohl Canachus
juͤnger war, als Phidias: denn er war des Polycletus Schuͤler 3), und
bluͤhete in der fuͤnf und neunzigſten Olympias.

Es waͤre zu beweiſen, daß die alten Scribenten ſehr oft, wie die
neuern, von der Kunſt geurtheilet, und die Sicherheit der Zeichnung, die
richtig und ſtrenge angegebenen Figuren des Raphaels, haben vielen gegen
die Weichigkeit der Umriſſe, und gegen die rundlich und ſanft gehaltenen
Formen des Correggio, hart und ſteif geſchienen; welcher Meynung
uͤberhaupt Malvaſia, ein Geſchichtſchreiber der Bologneſiſchen Maler,
ohne Geſchmack, iſt. Eben ſo wie unerleuchteten Sinnen der Homeriſche
Numerus, und die alte Majeſtaͤt des Lucretius und Catullus, in Ver-
gleichung mit dem Glanze des Virgilius, und mit der ſuͤßen Lieblichkeit
des Ovidius, vernachlaͤßiget und rauh klinget. Wenn hingegen des Lu-
cianus Urtheil in der Kunſt guͤltig iſt, ſo war die Statue der Amazone
Soſandra, von der Hand des Calamis, unter die vier vorzuͤglichſten Figu-
ren Weiblicher Schoͤnheit zu ſetzen: denn zu Beſchreibung ſeiner Schoͤn-
heit nimmt er nicht allein den ganzen Anzug 4), ſondern auch die zuͤchtige
Mine, und ein behendes und verborgenes Laͤcheln von genannter Statue.
Unterdeſſen kann der Stil von einer Zeit in der Kunſt ſo wenig, als in der

Art
1) Quintil. Inſt. Orat. L. 12. c. 10. p. 1087.
2) Plin. L. 34. c. 19.
3) Pauſan. L. 6. p. 483. l. 24.
4) Imag. p. 464.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. F f

I Theil. Viertes Capitel.
Art zu ſchreiben, allgemein ſeyn. Wenn von den damaligen Scribenten
nur allein Thucydides uͤbrig waͤre, ſo wuͤrden wir von deſſen bis zur Dun-
kelheit getriebenen Kuͤrze in den Reden ſeiner Geſchichte einen irrigen
Schluß auf den Plato, Lyſias und Xenophon machen, deſſen Worte wie
ein ſanfter Bach fortfließen.

B.
Uebrige Wer-
ke aus demſel-
ben in Rom.

Die vorzuͤglichſten, und man kann ſagen, die einzigen Werke in Rom
aus der Zeit dieſes hohen Stils ſind, ſo viel ich es einſehen kann, die oft
angefuͤhrte Pallas von neun Palme hoch, in der Villa Albani, und die
Niobe und ihre Toͤchter in der Villa Medicis. Jene Statue iſt der großen
Kuͤnſtler dieſer Zeit wuͤrdig, und das Urtheil uͤber dieſelbe kann um ſo
viel richtiger ſeyn, da wir den Kopf in ſeiner ganzen urſpruͤnglichen Schoͤn-
heit ſehen: denn es iſt derſelbe auch nicht durch einen ſcharfen Hauch ver-
letzet worden, ſondern er iſt ſo rein und glaͤnzend, als er aus den Haͤnden
ſeines Meiſters kam. Es hat dieſer Kopf bey der hohen Schoͤnheit, mit
welcher er begabet iſt, die angezeigten Kennzeichen dieſes Stils, und es zeiget
ſich in demſelben eine gewiſſe Haͤrte, welche aber beſſer empfunden, als be-
ſchrieben werden kann. Man koͤnnte in dem Geſichte eine gewiſſe Gratie
zu ſehen wuͤnſchen, die daſſelbe durch mehr Rundung und Lindigkeit er-
halten wuͤrde, und dieſes iſt vermuthlich diejenige Gratie, welche in dem
folgenden Alter der Kunſt Praxiteles ſeinen Figuren zu erſt gab, wie un-
ten angezeiget wird. Die Niobe und ihre Toͤchter ſind als ungezweifelte
Werke dieſes hohen Stils anzuſehen, aber eins von den Kennzeichen der-
ſelben iſt nicht derjenige Schein von Haͤrte, welche in der Pallas eine
Muthmaßung zur Beſtimmung derſelben giebt, ſondern es ſind die vor-
nehmſten Eigenſchaften zu Andeutung dieſes Stils, der gleichſam uner-
ſchaffene Begriff der Schoͤnheit, vornehmlich aber die hohe Einfalt, ſo wohl
in der Bildung der Koͤpfe, als in der ganzen Zeichnung, in der Kleidung,
und in der Ausarbeitung. Dieſe Schoͤnheit iſt wie eine nicht durch Huͤlfe
der Sinne empfangene Idea, welche in einem hohen Verſtande, und in einer

gluͤckli-

Von der Kunſt unter den Griechen.
gluͤcklichen Einbildung, wenn ſie ſich anſchauend nahe bis zur Goͤttlichen
Schoͤnheit erheben koͤnnte, erzeuget wuͤrde; in einer ſo großen Einheit der
Form und des Umriſſes, daß ſie nicht mit Muͤhe gebildet, ſondern wie ein
Gedanke erwecket, und mit einem Hauche geblaſen zu ſeyn ſcheinet. So
wie die fertige Hand des großen Raphaels, die ſeinem Verſtande als ein
ſchnelles Werkzeug gehorchete, mit einem einzigen Zuge der Feder den
ſchoͤnſten Umriß des Kopfs einer heiligen Jungfrau entwerfen, und un-
verbeſſert richtig zur Ausfuͤhrung beſtimmet ſetzen wuͤrde.

Zu einer deutlichern Beſtimmung der Kenntniſſe und der Eigen-III.
Der ſchoͤne
Stil.

ſchaften dieſes hohen Stils der großen Verbeſſerer der Kunſt, iſt nach
dem Verluſt ihrer Werke nicht zu gelangen. Von dem Stile
ihrer Nachfolger aber, welchen ich den ſchoͤnen Stil nenne, kann
man mit mehrerer Zuverlaͤßigkeit reden: denn einige von den ſchoͤn-
ſten Figuren des Alterthums ſind ohne Zweifel in der Zeit, in welcher
dieſer Stil bluͤhete, gemacht, und viele andere, von denen dieſes nicht zu
beweiſen iſt, ſind wenigſtens Nachahmungen von jenen. Der ſchoͤne
Stil der Kunſt hebet ſich an vom Praxiteles, und erlangete ſeinen hoͤchſten
Glanz durch den Lyſippus und Apelles, wovon unten die Zeugniſſe ange-
fuͤhret werden; es iſt alſo der Stil nicht lange vor und zur Zeit Alexanders
des Großen und ſeiner Nachfolger.

Die vornehmſte Eigenſchaft, durch welche ſich dieſer von dem hohenA.
Deſſen Eigen-
ſchaften.

Stile unterſcheidet, iſt die Gratie, und in Abſicht derſelben werden die zu-
letzt genannten Kuͤnſtler ſich gegen ihre Vorgaͤnger verhalten haben, wie
unter den Neuern Guido ſich gegen den Raphael verhalten wuͤrde. Die-
ſes wird ſich deutlicher in Betrachtung der Zeichnung dieſes Stils, und des
beſondern Theils derſelben, der Gratie, zeigen.

Was die Zeichnung allgemein betrifft, ſo wurde alles Eckigte ver-
mieden, was bisher noch in den Statuen großer Kuͤnſtler, als des Poly-

cletus,
F f 2

I Theil. Viertes Capitel.
cletus, geblieben war, und dieſes Verdienſt um die Kunſt wird in der
Bildhauerey ſonderlich dem Lyſippus 1), welcher die Natur mehr, als deſ-
ſen Vorgaͤnger, nachahmete, zugeeignet: dieſer gab alſo ſeinen Figuren das
Wellenfoͤrmige, wo gewiſſe Theile noch mit Winkeln angedeutet waren.
Auf beſagte Weiſe iſt vermuthlich, wie geſagt iſt, dasjenige, was Plinius
viereckigte Statuen nennet, zu verſtehen: denn eine viereckigte Art zu
zeichnen heißt man noch itzo Quadratur 2). Aber die Formen der Schoͤn-
heit des vorigen Stils blieben auch in dieſem zur Regel: denn die ſchoͤnſte
Natur war der Lehrer geweſen. Daher nahm Lucianus in Beſchreibung
ſeiner Schoͤnheit das Ganze und die Haupt-Theile von den Kuͤnſtlern des
hohen Stils, und das Zierliche von ihren Nachfolgern. Die Form des
Geſichts ſollte wie an der Lemniſchen Venus des Phidias ſeyn; die Haare
aber, die Augenbranen, und die Stirn, wie an der Venus des Praxiteles;
in den Augen wuͤnſchte er das Zaͤrtliche und das Reizende, wie an dieſer.
Die Haͤnde ſollten nach der Venus des Alcamenes, eines Schuͤlers des
Phidias, gemacht werden: und wenn in Beſchreibungen von Schoͤnheiten
Haͤnde der Pallas angegeben werden 3), ſo iſt vermuthlich die Pallas des
Phidias, als die beruͤhmteſte, zu verſtehen; Haͤnde des Polycletus 4) deu-
ten die ſchoͤnſten Haͤnde an.

Ueberhaupt ſtelle man ſich die Figuren des hohen Stils gegen die
aus dem ſchoͤnen Stile vor, wie Menſchen aus der Helden Zeit, wie des
Homerus Helden und Menſchen, gegen geſittete Athenienſer in dem Flore
ihres Staats. Oder um einen Vergleich von etwas wirklichem zu machen,
ſo wuͤrde ich die Werke aus jener Zeit neben dem Demoſthenes, und die
aus dieſer nachfolgenden Zeit neben dem Cicero ſetzen: der erſte reißt uns
gleichſam mit Ungeſtuͤm fort; der andere fuͤhret uns willig mit ſich: jener
laͤßt uns nicht Zeit, an die Schoͤnheiten der Ausarbeitung zu gedenken; und

in
1) Plin. L. 34. c. 19.
2) Lomaz. Idea della Pitt. p. 15.
3) Anthol. L. 7. fol. 276. b. edit. Ald. 1521.
4) Ibid. fol. 278. a.

Von der Kunſt unter den Griechen.
in dieſem erſcheinen ſie ungeſucht, und breiten ſich mit einem allgemeinen
Lichte aus uͤber die Gruͤnde des Redners.

Zum zweyten iſt hier von der Gratie, als der Eigenſchaft des ſchoͤnenB.
Und ſonderlich
die Gratie.

Stils, insbeſondere zu handeln. Es bildet ſich dieſelbe und wohnet in den
Gebehrden, und offenbaret ſich in der Handlung, und Bewegung des Koͤr-
pers; ja ſie aͤußert ſich in dem Wurfe der Kleidung, und in dem ganzen
Anzuge: von den Kuͤnſtlern nach dem Phidias, Polycletus, und nach
ihren Zeitgenoſſen, wurde ſie mehr, als zuvor, geſucht und erreichet. Der
Grund davon muß in der Hoͤhe der Ideen, die dieſe bildeten, und in der
Strenge ihrer Zeichnung liegen, und es verdienet dieſer Punct unſere
beſondere Aufmerkſamkeit.

Gedachte große Meiſter des hohen Stils hatten die Schoͤnheit allein
in einer vollkommenen Uebereinſtimmung der Theile, und in einem erho-
benen Ausdrucke, und mehr das wahrhaftig Schoͤne, als das Liebliche, ge-
ſuchet. Da aber nur ein einziger Begriff der Schoͤnheit, welcher der hoͤch-
ſte und ſich immer gleich iſt, und jenen Kuͤnſtlern beſtaͤndig gegenwaͤrtig
war, kann gedacht werden, ſo muͤſſen ſich dieſe Schoͤnheiten allezeit dieſem
Bilde naͤhern, und ſich einander aͤhnlich und gleichfoͤrmig werden: dieſes
iſt die Urſache von der Aehnlichkeit der Koͤpfe der Niobe und ihrer Toͤchter,
welche unmerklich und nur nach dem Alter und dem Grade der Schoͤnheit
in ihnen verſchieden iſt. Wenn nun der Grundſatz des hohen Stils, wie
es ſcheinet, geweſen iſt, das Geſicht und den Stand der Goͤtter und Helden
rein von Empfindlichkeit, und entfernt von inneren Empoͤrungen, in
einem Gleichgewichte des Gefuͤhls, und mit einer friedlichen immer glei-
chen Seele vorzuſtellen, ſo war eine gewiſſe Gratie nicht geſucht, auch
nicht anzubringen. Dieſer Ausdruck einer bedeutenden und redenden
Stille der Seele aber erfordert einen hohen Verſtand: „Denn die Nach-
„ahmung des Gewaltſamen kann,
wie Plato ſagt 1), auf verſchie

„dene
1) Plato Politico p. 127. l. 43. ed. Baſ. 1534.
F f 3

I Theil. Viertes Capitel.
„dene Weiſe geſchehen; aber ein ſtilles weiſes Weſen kann we-
„der leicht nachgeahmet, noch das nachgeahmte leicht begriffen
„werden.„

Mit ſolchen ſtrengen Begriffen der Schoͤnheit fing die Kunſt an, wie
wohl eingerichtete Staaten mit ſtrengen Geſetzen, groß zu werden. Die
naͤchſten Nachfolger der großen Geſetzgeber in der Kunſt, verfuhren nicht,
wie Solon mit den Geſetzen des Draco; ſie giengen nicht von jenen ab:
ſondern, wie die richtigſten Geſetze durch eine gemaͤßigte Erklaͤrung brauch-
barer und annehmlicher werden, ſo ſuchten dieſe die hohen Schoͤnheiten,
die an Statuen ihrer großen Meiſter wie von der Natur abſtracte Ideen,
und nach einem Lehrgebaͤude gebildete Formen waren, naͤher zur Natur zu
fuͤhren, und eben dadurch erhielten ſie eine groͤßere Mannigfaltigkeit. In
dieſem Verſtande iſt die Gratie zu nehmen, welche die Meiſter des ſchoͤnen
Stils in ihre Werke geleget haben.

Aber die Gratie, welche, wie die Muſen 1), nur in zween Namen 2)
bey den aͤlteſten Griechen verehret wurde, ſcheinet, wie die Venus, deren Ge-
ſpielen jene ſind, von verſchiedener Natur zu ſeyn. Die eine iſt, wie die himm-
liſche Venus, von hoͤherer Geburt, und von der Harmonie gebildet, und iſt
beſtaͤndig und unveraͤnderlich, wie die ewigen Geſetze von dieſer ſind. Die
zwote Gratie iſt, wie die Venus von der Dione geboren, mehr der Ma-
terie unterworfen: ſie iſt eine Tochter der Zeit, und nur eine Gefolginn
der erſten, welche ſie ankuͤndiget fuͤr diejenigen die der himmliſchen Gratie
nicht geweihet ſind. Dieſe laͤßt ſich herunter von ihrer Hoheit, und macht
ſich mit Mildigkeit, ohne Erniedrigung, denen, die ein Auge auf dieſelbe
werfen, theilhaftig: ſie iſt nicht begierig zu gefallen, ſondern nicht uner-
kannt zu bleiben. Jene Gratie aber, eine Geſellinn aller Goͤtter 3), ſcheinet

ſich
1) conf. Liceti Reſp. de quæſit. per epiſt. p. 66.
2) Pauſan. L. 9. p. 780. l. 13. L. 2. p. 254. l. 28. conf. Eurip. Iphig. Aul. v. 548.
3) Hom. hymn. in Ven. v. 95.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſich ſelbſt genugſam, und biethet ſich nicht an, ſondern will geſuchet
werden; ſie iſt zu erhaben, um ſich ſehr ſinnlich zu machen: denn „das
Hoͤchſte hat,
„ wie Plato ſagt 1), „kein Bild.„ Mit den Weiſen
allein unterhaͤlt ſie ſich, und dem Poͤbel erſcheinet ſie ſtoͤrriſch und unfreund-
lich; ſie verſchließet in ſich die Bewegungen der Seele, und naͤhert ſich der
ſeeligen Stille der Goͤttlichen Natur, von welcher ſich die großen Kuͤnſtler,
wie die Alten ſchreiben, ein Bild zu entwerfen ſuchten 2). Die Griechen
wuͤrden jene Gratie mit der Joniſchen, und dieſe mit der Doriſchen Har-
monie verglichen haben.

Dieſe Gratie in Werken der Kunſt ſcheinet ſchon der goͤttliche Dich-
ter gekannt zu haben, und er hat dieſelbe in dem Bilde der mit dem Vulca-
nus vermaͤhlten ſchoͤnen und leichtbekleideten Aglaia, oder Thalia 3),
vorgeſtellet, die daher anderswo deſſen Mitgehuͤlfinn genennet wird 4),
und arbeitete mit demſelben an der Schoͤpfung der Goͤttlichen Pandora 5).
Dieſes war die Gratie, welche Pallas uͤber den Ulyſſes ausgoß 6), und
von welcher der hohe Pindarus ſinget 7); dieſer Gratie opferten die
Kuͤnſtler des hohen Stils. Mit dem Phidias wirkete ſie in Bildung des
Olympiſchen Jupiters, auf deſſen Fußſchemmel dieſelbe neben dem Jupiter
auf dem Wagen der Sonne ſtand 8): ſie woͤlbete, wie in dem Urbilde des
Kuͤnſtlers, den ſtolzen Bogen ſeiner Augenbranen mit Liebe, und goß
Huld und Gnade aus uͤber den Blick ſeiner Majeſtaͤt. Sie kroͤnete mit
ihren Geſchwiſtern, und den Goͤttinnen der Stunden und der Schoͤnhei-
ten, das Haupt der Juno zu Argos 9), als ihr Werk, woran ſie ſich er-
kannte, und an welchem ſie dem Polycletus die Hand fuͤhrete. In der
Soſandra des Calamis laͤchelte ſie mit Unſchuld und Verborgenheit; ſie

ver-
1) Politico, p. 127. l. 43.
2) Plato Politicor. ς΄. p. 466. l. 34.
3) Hom. Il. σ΄. v. 382. & Pauſ. l. c. p. 781. l. 4.
4) Plato Politico, p. 123. l. 9.
5) Heſiod. Gen. Deor. v. 583.
6) Hom. Od. θ΄. v. 18.
7) Olymp. I. v. 9.
8) Pauſ. L. 5. p. 403. l. 4.
9) Id. L. 2. p. 148. l. 15.

I Theil. Viertes Capitel.
verhuͤllete ſich mit zuͤchtiger Schaam in Stirn und Augen, und ſpielete
mit ungeſuchter Zierde in dem Wurfe ihrer Kleidung. Durch dieſelbe
wagete ſich der Meiſter der Niobe in das Reich unkoͤrperlicher Ideen, und
erreichte das Geheimniß, die Todesangſt mit der hoͤchſten Schoͤnheit zu ver-
einigen: er wurde ein Schoͤpfer reiner Geiſter und himmliſcher Seelen,
die keine Begierden der Sinne erwecken, ſondern eine anſchauliche Betrach-
tung aller Schoͤnheit wirken: denn ſie ſcheinen nicht zur Leidenſchaft ge-
bildet zu ſeyn, ſondern dieſelbe nur angenommen zu haben.

Die Kuͤnſtler des ſchoͤnen Stils geſelleten mit der erſten und hoͤchſten
Gratie die zwote, und ſo wie des Homerus Juno den Guͤrtel der Venus
nahm, um dem Jupiter gefaͤlliger und liebenswuͤrdiger zu erſcheinen, ſo
ſuchten dieſe Meiſter die hohe Schoͤnheit mit einem ſinnlichern Reize zu be-
gleiten, und die Großheit durch eine zuvorkommende Gefaͤlligkeit gleichſam
geſelliger zu machen. Dieſe gefaͤlligere Gratie wurde zuerſt in der Malerey
erzeuget, und durch dieſe der Bildhauerey mitgetheilet. Parrhaſius,
der Meiſter, iſt durch dieſelbe unſterblich, und der erſte, dem ſie ſich geof-
fenbaret hat; und einige Zeit nachher erſchien ſie auch in Marmor und in
Erzte. Denn von dem Parrhaſius, welcher mit dem Phidias zu gleicher
Zeit lebte, bis auf den Praxiteles, deſſen Werke ſich, ſo viel man weis,
durch eine beſondere Gratie 1) von denen, welche vor ihm gearbeitet wor-
den, unterſchieden, iſt ein Zwiſchenraum von einem halben Jahrhunderte.

Es iſt merkwuͤrdig, daß der Vater dieſer Gratie in der Kunſt, und
Apelles 2), welchen ſich dieſelbe voͤllig eigen gemacht hat, und der eigent-
liche Maler derſelben kann genennet werden, ſo wie er dieſelbe insbeſondere
allein, ohne ihre zwo Geſpiellinnen gemalet 3), unter dem wolluͤſtigen Joni-
ſchen Himmel, und in dem Lande geboren ſind, wo der Vater der Dichter

einige
1) Lucian. Imag. p. 463. ſeq.
2) Plin. l. 35. c. 6. n. 10.
3) Pauſan. p. 781. l. ult.

Von der Kunſt unter den Griechen.
einige hundert Jahre vorher mit der hoͤchſten Gratie begabet worden war:
denn Epheſus war das Vaterland des Parrhaſius und des Apelles. Mit
einer zaͤrtlichen Empfindung begabet, die ein ſolcher Himmel einfloͤßet, und
von einem Vater, den ſeine Kunſt bekannt gemacht, unterrichtet, kam
Parrhaſius nach Athen, und wurde ein Freund des Weiſen, des Lehrers
der Gratie, welcher dieſelbe dem Plato und Xenophon entdeckete.

Das Mannigfaltige und die mehrere Verſchiedenheit des Ausdrucks
that der Harmonie und der Großheit in dem ſchoͤnen Stile keinen Eintrag:
die Seele aͤußerte ſich nur wie unter einer ſtillen Flaͤche des Waſſers, und
trat niemals mit Ungeſtuͤm hervor. In Vorſtellung des Leidens bleibt
die groͤßte Pein verſchloſſen, wie im Laocoon, und die Freude ſchwebet
wie eine ſanfte Luft, die kaum die Blaͤtter ruͤhret, auf dem Geſichte einer
Bacchante, auf Muͤnzen der Inſel Naxus. Die Kunſt philoſophirte mit
den Leidenſchaften, wie Ariſtoteles von der Vernunft ſaget.

Haͤtte ſich der hohe Stil der Kunſt nicht bis auf die unausgefuͤhrteC.
Von der
Kunſt in Kin-
dern.

Form junger Kinder herunter gelaſſen, und haͤtten die Kuͤnſtler dieſes
Stils, deren vornehmſte Betrachtung auf die vollkommenen Gewaͤchſe ge-
richtet war, ſich in der uͤberfluͤßigen Fleiſchigkeit nicht gezeiget, wie wir
gleichwohl nicht wiſſen, ſo iſt hingegen gewiß, daß ihre Nachfolger im
ſchoͤnen Stile, da ſie das Zaͤrtliche und Gefaͤllige geſuchet, auch die kindliche
Natur einen Vorwurf ihrer Kunſt ſeyn laſſen. Ariſtides, welcher eine
todte Mutter mit ihrem ſaͤugenden Kinde an der Bruſt malete 1), wird
auch ein mit Milch genaͤhrtes Kind gemacht haben. Die Liebe iſt auf den
aͤlteſten geſchnittenen Steinen nicht als ein junges Kind, ſondern in der Na-
tur eines Knabens gebildet, wie dieſelbe auf einem ſchoͤnen Steine des
Commendators Vettori zu Rom erſcheinet 2). Nach der Form der Buch-
ſtaben in dem Namen des Kuͤnſtlers, ΦΡϒΓΙΛΛοΣ, iſt es einer der aͤl-

teſten
1) Plin. L. 35. c. 36. n. 19.
2) Deſer. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 137.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. G g

I Theil. Viertes Capitel.
teſten Steine mit dem Namen des Kuͤnſtlers. Die Liebe iſt auf demſel-
ben liegend mit aufgerichtetem Leibe als ſpielend vorgeſtellet, und mit gro-
ßen Adlersfluͤgeln, nach der Idea des hohen Alterthums faſt an allen Goͤt-
tern, nebſt einer offenen Muſchel von zwo Schalen. Die Kuͤnſtler nach
dem Phrygillus, wie Solon und Tryphon, haben der Liebe eine mehr
kindiſche Natur und kuͤrzere Fluͤgel gegeben; und in dieſer Geſtalt, und nach
Art Fiamingiſcher Kinder, ſieht man die Liebe auf unzaͤhligen geſchnitte-
nen Steinen. Eben ſo geformet ſind die Kinder auf Herculaniſchen Gemaͤl-
den, und ſonderlich auf einem ſchwarzen Grunde von gleicher Groͤße mit
den ſchoͤnen tanzenden Weiblichen Figuren. Unter den ſchoͤnſten Kindern von
Marmor in Rom, welche die Liebe vorſtellen, ſind zwey im Hauſe Maſſini,
einer im Pallaſte Veroſpi, ein ſchlafender Cupido in der Villa Albani,
nebſt dem Kinde im Campidoglio, welches mit einem Schwan ſpielet 1);
und dieſe allein koͤnnen darthun, wie gluͤcklich die alten Kuͤnſtler in Nach-
ahmung der kindlichen Natur geweſen. Es ſind auch außerdem viele
wahrhaftig ſchoͤne Kinderkoͤpfe uͤbrig. Das allerſchoͤnſte Kind aber, wel-
ches ſich, wiewohl verſtuͤmmelt, aus dem Alterthume erhalten hat, iſt
ein kindlicher Satyr, ohngefaͤhr von einem Jahre, in Lebensgroͤße, in der
Villa Albani: es iſt eine erhobene Arbeit, aber ſo, daß beynahe die ganze
Figur freylieget. Dieſes Kind iſt mit Epheu bekraͤnzet, und trinket, ver-
muthlich aus einem Schlauche, welcher aber mangelt, mit ſolcher Begier-
de und Wolluſt, daß die Augaͤpfel ganz aufwerts gedrehet ſind, und nur
eine Spur von dem tief gearbeiteten Sterne zu ſehen iſt. Dieſes Stuͤck
wurde, nebſt dem ſchoͤnen Icarus, dem Daͤdalus die Fluͤgel anleget, ebenfalls
ſtark erhoben gearbeitet, an dem Fuße des Palatiniſchen Berges, auf der
Seite des Circus Maximus, entdecket. Ein bekanntes Vorurtheil, wel-
ches ſich gleichſam, ich weis nicht wie, zur Wahrheit gemacht, daß die
alten Kuͤnſtler in Bildung der Kinder, weit unter den neuern ſind, wuͤrde alſo
dadurch widerleget.

Dieſer
1) Muſ. Capit. T. 3. tav. 64.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Dieſer ſchoͤne Stil der Griechiſchen Kunſt hat noch eine geraume
Zeit nach Alexander dem Großen in verſchiedenen Kuͤnſtlern, die bekannt
ſind, gebluͤhet, und man kann dieſes auch aus Werken in Marmor, welche
im zweyten Theile angefuͤhret werden, ingleichen aus Muͤnzen, ſchließen.

Da nun die Verhaͤltniſſe und die Formen der Schoͤnheit von denIV.
Der Stil der
Nachahmer,
und die Abnah-
me und Fall
der Kunſt,
angefangen

Kuͤnſtlern des Alterthums auf das hoͤchſte ausſtudiret, und die Umriſſe
der Figuren ſo beſtimmt waren, daß man ohne Fehler weder herausgehen,
noch hinein lenken konnte, ſo war der Begriff der Schoͤnheit nicht hoͤher zu
treiben. Es mußte alſo die Kunſt, in welcher, wie in allen Wirkungen
der Natur, kein feſter Punct zu denken iſt, da ſie nicht weiter hinausgieng,A.
Durch die
Nachahmung.

zuruͤck gehen. Die Vorſtellungen der Goͤtter und Helden waren in allen
moͤglichen Arten und Stellungen gebildet, und es wurde ſchwer, neue zu
erdenken, wodurch alſo der Nachahmung der Weg geoͤffnet wurde. Dieſe
ſchraͤnket den Geiſt ein, und wenn es nicht moͤglich ſchien, einen Praxite-
les und Apelles zu uͤbertreffen, ſo wurde es ſchwer, dieſelben zu erreichen,
und der Nachahmer iſt allezeit unter dem Nachgeahmten geblieben. Es wird
auch der Kunſt, wie der Weltweisheit, ergangen ſeyn, daß, ſo wie hier,
alſo auch unter den Kuͤnſtlern Eclectici oder Sammler aufſtunden, die, aus
Mangel eigener Kraͤfte, das einzelne Schoͤne aus vielen in eins zu ver-
einigen ſucheten. Aber ſo wie die Eclectici nur als Copiſten von
Weltweiſen beſonderer Schulen anzuſehen ſind, und wenig oder nichts
urſpruͤngliches hervorgebracht haben, ſo war auch in der Kunſt, wenn man
eben den Weg nahm, nichts ganzes, eigenes und uͤbereinſtimmendes zu
erwarten; und wie durch Auszuͤge aus großen Schriften der Alten, dieſe
verloren giengen, ſo werden durch die Werke der Sammler in der Kunſt, die
großen urſpruͤnglichen Werke vernachlaͤßiget worden ſeyn. Die Nachahmung
befoͤrderte den Mangel eigener Wiſſenſchaft, wodurch die Zeichnung furcht-
ſam wurde, und was der Wiſſenſchaft abgieng, ſuchte man durch FleißB.
Durch Fleiß
in Nebendin-
gen.

zu erſetzen, welcher ſich nach und nach in Kleinigkeiten zeigete, die in

den
G g 2

I Theil. Viertes Capitel.
den bluͤhenden Zeiten der Kunſt uͤbergangen, und dem großen Stile nachthei-
lig geachtet worden ſind. Hier gilt, was Quintilianus ſagt 1), daß viele Kuͤnſt-
ler beſſer, als Phidias, die Zierrathen an ſeinem Jupiter wuͤrden gearbeitet
haben. Es wurden daher durch die Bemuͤhung, alle vermeynte Haͤrte zu
vermeiden, und alles weich und ſanft zu machen, die Theile, welche
von den vorigen Kuͤnſtlern maͤchtig angedeutet waren, runder, aber
ſtumpf, lieblicher, aber unbedeutender. Auf eben dieſem Wege iſt zu
allen Zeiten auch das Verderbniß in der Schreibart eingeſchlichen, und die
Muſic verließ das Maͤnnliche 2), und verfiel, wie die Kunſt, in das Wei-
biſche; in dem Gekuͤnſtelten verlieret ſich oft das Gute eben dadurch, weil
man immer das Beſſere will.

Die Kuͤnſtler fiengen nicht lange vor und unter den Kaiſern an, in
Marmor ſich ſonderlich auf Ausarbeitung freyhaͤngender Haarlocken zu
legen, und ſie denteten auch die Haare der Augenbranen an, aber nur an
Portrait-Koͤpfen, welches vorher in Marmor gar nicht, wohl aber in Erzt
geſchah. An einem der ſchoͤnſten Koͤpfe eines jungen Menſchen von Erzt,
in Lebensgroͤße, (welches ein voͤlliges Bruſtbild iſt) in dem Koͤniglichen
Muſeo zu Portici, welcher einen Held vorzuſtellen ſcheinet, von einem
Athenienſiſchen Kuͤnſtler, Apollonius, des Archias Sohn 3), gearbei-
tet, ſind die Augenbranen auf dem ſcharfgefaltenen Augenknochen ſanft
eingegraben. Dieſes Bruſtbild aber, nebſt dem Weiblichen Bruſtbilde von
gleicher Groͤße, ſind ohne Zweifel in guter Zeit der Kunſt gemacht. Aber

ſo
1) Inſtit. Orat. L. 2. c. 3.
2) Plutarch. de Muſ. p. 2081. l. 22.
3) Die Inſchrift iſt: ΑΠΟΑΛΩΝΙΟΣ ΑΡΧΙΟϒ ΑΘΗΝΑΙΟΣ ΕΠΟΗΣΕ;
nicht ΑΡΧΗΟϒ, wie Bayardi a) geleſen hat, auch nicht ΕΠΟΙΗΣΕ, wie
Martorelli b) lieſt. Der erſte haͤlt ΕΠΟΗΣΕ, welches ΕΠΟΙΗΣΕ heißen
ſollte, fuͤr eine ſehr alte Schreibart, welches aber nur in ſo ferne wahr iſt, als es
eine Form, von einem alten Aeoliſchen Verbo ποέω c) genommen, iſt. Es findet ſich
unterdeſſen dieſes Verbum bey einigen Dichtern d), und eben wie oben geſetzet, in
der Inſchrift der Mediceiſchen Venus, und in einer Inſchrift in der Capelle des
Pontanus zu Neapel e), welche unſtreitig von ſpaͤter Zeit iſt. Ferner habe ich dieſes
Wort

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſo wie ſchon in den aͤlteſten Zeiten, und vor dem Phidias, das Licht in den
Augen auf Muͤnzen angedeutet wurde, ſo wurde auch in Erzt uͤberhaupt
mehr, als in Marmor, gekuͤnſtelt. An Maͤnnlichen Idealiſchen Koͤpfen aber
fieng man dieſes fruͤher, als an Weiblichen, an; auch jener Kopf von Erzt,
welcher von der Hand eines und eben deſſelben Kuͤnſtlers zu ſeyn ſcheinet, hat
die Augenbranen, nach der alten Art, mit einem ſcharfen Bogen gezogen.

Der Verfall der Kunſt mußte nothwendig durch Vergleichung mitC.
Muthmaßung
uͤber die Be-
muͤhung eini-
ger Kuͤnſtler,
aus dem einge-
riſſenen Ver-
derbniß in der
Kunſt zuruͤck
zu kehren.

den Werken der hoͤchſten und ſchoͤnſten Zeit merklich werden, und es iſt zu
glauben, daß einige Kuͤnſtler geſuchet haben, zu der großen Manier ihrer
Vorfahren zuruͤck zu kehren. Auf dieſem Wege kann es geſchehen ſeyn,
ſo wie die Dinge in der Welt vielmals im Cirkel gehen, und dahin zuruͤck
kehren, wo ſie angefangen haben, daß die Kuͤnſtler ſich bemuͤheten, den
aͤltern Stil nachzuahmen, welcher durch die wenig ausſchweifenden Um-
riſſe der Aegyptiſchen Arbeit nahe kommt. Dieſe Muthmaßung veranlaſſet

eine
Wort in folgender Inſchrift in den Handſchriften des Fulvius Urſinus in der Va-
ticaniſchen Bibliother gefunden:
ϹΟΛωΝ
ΔΙΔϒΜΟϒ
ΤϒΧΗΤΙ
ϵΠΟΗϹϵ
ΜΝΗΜΗϹ
ΧΑΡΙΝ.

Es iſt auch in einer andern Inſchrift in der Villa Altiere, und in dem Werke des
Hrn. Grafen Caylus f). Alſo iſt es nicht ganz ungewoͤhnlich, wie es Gori g)
findet, und iſt noch weniger ein ſo großer Fehler, daß Mariette h) daher die Inſchrift
der Mediceiſchen Venus fuͤr untergeſchoben erklaͤren wollen.
a)Catal. de’ Monum. d’ Ercol. p. 170.
b)de Regia Theca Calamar. L. 2. c. 5. p. 426.
c)conf Chishull ad Inſcr. Sig. p. 39.
d)Ariſtoph. Equit. Act. 1. Sc. 3. Theocrit. Idyl. 10. v. 38.
e)Sarno Vit. Pontan. p. 97.
f)Rec. d’ Antiq. T. 2. pl. 75. l. 8.
g)Muſ. Flor. T. 3. p. 35.
h)Pier. grav. T. 1. p. 102.
G g 3

I Theil. Viertes Capitel.
eine dunkle Anzeige des Petronius 1), welche auf die Kunſt zu ſeiner Zeit
gehet, und uͤber deren Erklaͤrung man ſich noch nicht hat vergleichen koͤn-
nen. Da dieſer Scribent von den Urſachen des Verfalls der Beredſam-
keit redet, beklaget er zugleich das Schickſal der Kunſt, die ſich durch einen
Aegyptiſchen Stil verdorben, welcher, nach dem eigentlichen Ausdrucke
der Worte zu uͤberſetzen, ins enge zuſammen bringet oder ziehet. Ich
glaube hier eine von den Eigenſchaften und Kennzeichen des Aegyptiſchen
Stils zu finden; und wenn dieſe Erklaͤrung ſtatt faͤnde, ſo waͤren die
Kuͤnſtler um die Zeit des Petronius und vorher auf eine trockene, magere
und kleinliche Art im Zeichnen und Ausfuͤhren gefallen. Dieſem zu folge
koͤnnte man voraus ſetzen, daß, da nach dem natuͤrlichen Lauf der Dinge,
auf ein aͤußerſtes das ihm entgegen geſetzte zu folgen pflegt, der magere
und dem Aegyptiſchen aͤhnliche Stil die Verbeſſerung eines uͤbertriebenen
Schwulſtes ſeyn ſollen. Man koͤnnte hier den Farneſiſchen Hercules an-
fuͤhren, an welchem alle Muskeln ſchwuͤlſtiger ſind, als es die geſunde
Zeichnung lehret.

Einen dieſem entgegen geſetzten Stil koͤnnte man in einigen erhobenen
Arbeiten finden, welche wegen einiger Haͤrte und Steife der Figuren fuͤr
Hetruriſch, oder fuͤr alt Griechiſch, zu halten waͤren, wenn es andere Anzei-
gen erlaubeten. Ich will zum Beyſpiel eins von denſelben in der Villa
Albani anfuͤhren, welches uͤber der Vorrede dieſer Schrift in Kupfer ge-
ſtochen ſtehet. Dieſes Werk ſtellet vier Weibliche bekleidete Goͤttinnen
gleichſam in Proceßion vor, unter welchen die letztere einen langen Zepter
traͤgt, die mittlere, welches Diana iſt, hat den Bogen und den Koͤcher
auf der Schulter haͤngen, und traͤgt eine Fackel; ſie faſſet an den Mantel
der erſten, welches eine Muſe iſt, und auf dem Pſalter ſpielet, und mit
der einen Hand eine Schaale haͤlt, in welche eine Victoria, neben einen
Altar ſtehend, eine Libation ausgießt. Dem erſten Anblicke nach koͤnnte

es
1) Satyr. c. 2. p. 13. ed. Burm.

Von der Kunſt unter den Griechen.
es ein Hetruriſcher Stil ſcheinen, welchem aber die Bauart des Tempels
widerſpricht. Es ſcheinet alſo, daß dieſes Werk eine Arbeit ſey, in welcher
ein Griechiſcher Meiſter, nicht aus der aͤltern Zeit, den Stil derſelben nach-
ahmen wollen. Es finden ſich in eben der Villa vier andere dieſem aͤhnliche
erhobene Arbeiten von eben derſelben Vorſtellung. Das eng zuſammen-
gezogene gefiel ſogar in der Tracht der Kleidung ſelbiger Zeit: denn da
vorher die Redner zu Rom in einem Gewande mit praͤchtigen großen Fal-
ten auftraten, ſo geſchah dieſes unter dem Veſpaſianus in einem engen
und nahe anliegenden Rocke 1): zu Plinius Zeiten fieng man an, Maͤnn-
liche Statuen mit einem engen Kleide (paenula) vorzuſtellen 2).

Man koͤnnte auch die Klage des Petronius auf die haͤufigen Figuren
Aegyptiſcher Gottheiten deuten, welches damals der herrſchende Aberglau-
be in Rom war, ſo daß die Maler, wie Juvenalis ſagt, von Bildern der
Iſis lebeten. Durch dieſe Arbeit der Kuͤnſtler in dergleichen Figuren,
koͤnnte ſich ein Stil, welcher den Aegyptiſchen Figuren aͤhnlich war, auch
in andern Werken eingeſchlichen haben. Es finden ſich noch itzo einige
Statuen der Iſis voͤllig auf Hetruriſche Art gekleidet, die aus offenbaren
Zeichen von der Kaiſer Zeiten ſind; ich kann unter andern eine in Lebens-
groͤße im Pallaſte Barberini anfuͤhren. Dieſe Meynung wird diejenigen
nicht befremden, welche wiſſen, daß durch einen einzigen Menſchen, wie
Bernini iſt, ein Verderbniß in der Kunſt bis itzo eingefuͤhret worden; um
ſo viel mehr koͤnnte dieſes durch viele, oder durch den groͤßten Theil der
Kuͤnſtler, geſchehen ſeyn, die in Aegyptiſchen Figuren arbeiteten.

Man kann aber hier nicht behutſam genug gehen, in BeurtheilungD.
Behutſamkeit
im Urtheilen
uͤber die Origi-
nale, oder ſchon
vor Alters
nachgeahmte
Werke.

des Alters der Arbeit; und eine Figur, welche Hetruriſch, oder aus der aͤl-
tern Zeit der Kunſt unter den Griechen, ſcheinet, iſt es nicht allezeit. Es
kann dieſelbe eine Copie oder Nachahmung aͤlterer Werke ſeyn, welche vie-

len
1) Dialog. de corrupt. eloq. c. 39.
2) L. 34. c. 10.

I Theil. Viertes Capitel.
len Griechiſchen Kuͤnſtlern allezeit zum Muſter dieneten 1), wie auch vom
angefuͤhrten erhobenen Werke koͤnnte geſagt werden. Oder wenn es Goͤtt-
liche Figuren ſind, die aus andern Zeichen und Gruͤnden das Alterthum,
welches ſie zeigen, nicht haben koͤnnen, ſo ſcheinet der aͤltere Stil etwas
angenommenes zu ſeyn, zu Erweckung groͤßerer Ehrfurcht. Denn wie
die Haͤrte in der Bildung und in dem Klange der Worte, nach dem Urtheile
eines alten Scribenten 2), der Rede eine Groͤße giebt, ſo macht die Haͤrte
und Strenge des aͤltern Stil eine aͤhnliche Wirkung in der Kunſt. Die-
ſes iſt nicht allein von dem Umriſſe der Figur zu verſtehen, ſondern auch
von der Kleidung, und von der Tracht der Haare und des Bartes, wie ſie
an den Hetruriſchen, und an den aͤltern Griechiſchen Figuren ſind. Ein
Jupiter erwecket in ſolcher Geſtalt gleichſam mehr Ehrfurcht, und erhaͤlt
mehr Urſpruͤnglichkeit; und ſo war die Figur deſſelben mit der Inſchrift 3),
IOVI EXSVPERANTISSIMO, welche aber, wie ein jeder urthei-
len kann, nicht von den aͤlteſten iſt. Eben dieſe Beſchaffenheit kann es
mit dem Kopfe der Pallas, von der Hand des Aſpaſius, haben 4), an
welchem der Stil einer Zeit aͤhnlich iſt, die aͤlter ſcheinet, als diejenige,
welche die Form der Buchſtaben in dem Namen des Kuͤnſtlers andeutet.
Es muthmaßet daher auch Gori 5), daß der Griechiſche Meiſter deſſelben
etwa eine Hetruriſche Figur vor Augen muͤſſe gehabt haben. Die Hoff-
nung
findet ſich ſehr oft in dem aͤlteſten Stile vorgeſtellet, wie auf einer
Muͤnze Kaiſers Philippus des Aelteren 6), ſo wie auch eine Hoffnung
von Marmor in der Villa Ludoviſi iſt 7); und auf drey geſchnittenen Stei-

nen
1) Excerpt. ex Nic. Damaſc. p. 514. v. Τελχῖνες.
2) Demetr. Phal. de elocut. p. 26. l. 19.
3) Spon. Miſc. Sect. 3. p. 71. conf. Deſcr. des Pier. gr. du Cap. de Stoſeh, p. 46.
4) Stoſch. Pier. gr. pl. 13.
5) Muſ. Etr. p. 91.
6) Pedruſi Ceſ. T. 6. tav. 6. wo aber das Kupfer einen unrichtigen Begriff giebt.
7) Auf der Baſe dieſer Figur ſtehet folgende von mir anderwerts zuerſt bekannt ge-
machte Inſchrift:
Q· AQVILIVS· DIONYSIVS· ET·
NONIA· FAVSTINA· SPEM· RE
STITVERVNT.

*) Deſcr. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 302.

Von der Kunſt unter den Griechen.
nen des Stoßiſchen Muſei iſt dieſelbe jenen aͤhnlich. Man kann hier zum Bey-
ſpiele die auf van Dykiſche Art gekleidete Portraits anfuͤhren, welche Tracht
noch itzo von Engelaͤndern beliebet wird, und auch dem Kuͤnſtler ſowohl, als
der gemalten Perſon, weit vortheilhafter iſt, als die heutige gezwungene
Kleidung.

Eben ſo verhaͤlt es ſich mit den ſogenannten Koͤpfen des Plato, welche
nichts anders, als Koͤpfe von Hermen, ſind, denen man mehrentheils eine
Geſtalt gegeben, wie man ſich etwa die Steine, auf welche die erſten Koͤpfe
geſetzet wurden, vorſtellete: es haͤngen auf beyden Seiten insgemein Haar-
ſtrippen herunter, wie an den Hetruriſchen Figuren. Der ſchoͤnſte von ſol-
chen Koͤpfen in Marmor, gieng etwa vor fuͤnf Jahren aus Rom nach Si-
cilien. Vollkommen aͤhnlich und gleich iſt demſelben der Kopf einer Maͤnn-
lichen bekleideten Statue von neun Palmen hoch, welche im Fruͤhlinge des
1761. Jahres, nebſt vier Weiblichen angefuͤhrten Caryatiden, bey Monte
Porzio
(wo, beſage einiger vorher entdeckten Inſchriften, eine Villa des
Hauſes Portia war) gefunden wurde. Die Statue hat ein Unterkleid
von leichtem Zeuge, welches die gehaͤuften kleinen Falten anzeigen, in welche
es bis auf die Fuͤße herunter haͤngt, und uͤber daſſelbe einen Mantel von
Tuch, unter dem rechten Arme uͤber die linke Schulter geſchlagen, ſo daß
der linke Arm, welcher auf die Huͤfte geſtuͤtzet iſt, bedeckt bleibet. Auf
dem Rande des uͤber die Schulter geworfenen Theils des Mantels ſtehet
der Name ϹᾺΡΔᾺΝᾺΠᾺλλΟϹ, geſchrieben mit zwey Lamda, (λ)
wider die gewoͤhnliche Schreibart. Dieſer Buchſtabe aber findet ſich auch
anderwerts uͤberfluͤßig und gedoppelt, wie auf einer ſeltenen Muͤnze 1)
der Stadt Magneſia in Erzt, mit der Inſchrift: ΜΑΓΝΗΤ· ΠΟΛΛΙΣ,

an
1) Dieſe Muͤnze findet ſich in dem Muſed Hrn. Joh Caſanova, Koͤnigl. Pohln. Penſio-
nirten Malers zu Rom, uͤber deſſen ſeltene und einzige Muͤnzen ich eine Erlaͤuterung
unter Haͤnden habe.
Winckelm Geſch. der Kunſt. H h

I Theil. Viertes Capitel.
an ſtatt ΠΟΛΙΣ. Es iſt hier kein anderer, als der bekannte Koͤnig in
Aſſyrien, zu verſtehen, welchen aber dieſe Statue nicht vorſtellen kann, und
dieſes aus mehr, als aus einem Grunde: es wird hier genug ſeyn, zu ſagen,
daß derſelbe, nach dem Herodotus, ohne Bart und beſtaͤndig geſchoren war,
da die Statue einen langen Bart hat. Es zeuget dieſelbe von guten Zei-
ten der Kunſt, und allem Anſehen nach iſt ſie nicht unter den Roͤmiſchen
Kaiſern gemacht 1). Die vier Caryatiden, welche von mehrern uͤbrig
geblieben, haben vermuthlich ein Geſimms eines Zimmers getragen: denn
auf ihren Koͤpfen iſt eine erhoͤhete Rundung, in welchem Rande ein Ca-
pitaͤl oder Korb wird geſtanden haben.

E.
Von den
Kennzeichen
des Stils in
der Abnahme
der Kunſt.

Daß der Stil der Kunſt in den letzten Zeiten von dem alten ſehr ver-
ſchieden geweſen, deutet unter andern Pauſanias an, wenn er ſagt 2), daß
eine Prieſterinn der Leucippiden, das iſt, der Phoebe, und der Hilaira,
von einer von beyden Statuen, weil ſie gemeynet, dieſelbe ſchoͤner zu
machen, den alten Kopf abnehmen, und ihr einen neuen Kopf an deſſen

Stelle
1) Ueber die Form der Buchſtaben finden ſich einige Anmerkungen zu machen. Die Buch-
ſtaben, welche oben einen Winkel machen, haben die eine Linie hervorſpringen; und
ſo gezogen kommen ſie vor auf Inſchriften, auch auf irrdenen Lampen a). Der her-
vorſpringende Stab an denſelben aber iſt bisher fuͤr ein Kennzeichen ſpaͤterer Zeiten,
etwa von den Antoninern, gehalten worden: folglich koͤnnte die Statue nicht ſo alt
ſeyn, als ſie es nach der Kunſt ſcheinet. Es finden ſich aber in den Herculaniſchen
Papiren, und auf einem Stuͤcke Mauerwerk daſelbſt c), die Buchſtaben auf eben die
Art geformet; und unter andern in der Abhandlung des Philodemus von der Rede-
kunſt, welcher mit dem Cicero zu gleicher Zeit lebete: und dieſe ſeine Schrift ſcheinet
aus den vielen Verbeſſerungen und Aenderungen die eigene Handſchrift dieſes Epicuri-
ſchen Philoſophen zu ſeyn. Es waren alſo Griechiſche Buchſtaben mit hervorſprin-
genden Staͤben ſchon zur Zeit der Roͤmiſchen Republic uͤblich. Von den Herculani-
ſchen Buchſtaben kann man ſich einen Begriff machen aus drey Stuͤcken von eben
dergleichen Papir in der Kaiſerl. Bibliothec zu Wien d); dieſe ſind jenen voͤllig aͤhnlich,
mit dem Unterſchiede, daß die Wieneriſchen etwa um eine Linie groͤßer ſind.
a)Paſſeri Lucern. T. 1. tab. 24.
b)Bandelot Vtilité des voy. T. 2. p. 127.
c)Pitt. Ercul. T. 2. p. 221.
d)Lambec. Comment. Bibl. Vindob. T. 8. p. 411.
2) L. 3. p. 247. Dem letzten Franzoͤſiſchen Ueberſetzer des Pauſanias ſind hier ſeine Moden
eingefallen, und er hat einen Kopf verſtanden „nach der heutigen Mode.„.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Stelle machen laſſen, welcher, wie er ſaget, „nach der heutigen Kunſt
gearbeitet war.„
Man koͤnnte dieſen Stil den kleinlichen, oder den plat-
ten, nennen: denn was an den alten Figuren maͤchtig und erhaben war,
wurde itzo ſtumpf und niedrig gehalten. Es iſt aber uͤber dieſen Stil nicht
aus Statuen zu urtheilen, die durch den Kopf ihre Benennung bekom-
men haben.

Da ſich endlich die Kunſt immer mehr zu ihrem Fall neigete, und daF.
Von der gro-
ßen Menge
Portraitkoͤpfe
gegen wenig
Statuen aus
dieſer Zeit.

auch, wegen der Menge alter Statuen, weniger, in Vergleichung der vori-
gen Zeit, gemachet wurden, ſo war der Kuͤnſtler vornehmſtes Werk, Koͤpfe
und Bruſtbilder, oder was man Portraits nennet, zu machen, und die
letzte Zeit bis auf den Untergang der Kunſt hat ſich vornehmlich hierinn
gezeiget. Daher muß es nicht ſo außerordentlich, wie es vielen vorkommt,
ſcheinen, ertraͤgliche, ja zum Theil ſchoͤne Koͤpfe des Macrinus, des Septi-
mius Severus, und des Caracalla, wie der Farneſiſche iſt, zu ſehen: denn
der Werth deſſelben beſtehet allein im Fleiße. Vielleicht haͤtte Lyſippus den
Kopf des Caracalla nicht viel beſſer machen koͤnnen; aber der Meiſter deſſel-
ben konnte keine Figur, wie Lyſippus, machen; dieſes war der Unterſchied.

Man glaubete eine beſondere Kunſt in ſtarken hervorliegenden Adern,G.
Niedrige Be-
griffe der
Schoͤnheit in
der letzten Zeit.

wider den Begriff der Alten, zu zeigen, und an dem Bogen Kaiſers Septi-
mius hat man ſolche Adern auch an den Haͤnden Weiblicher Idealiſcher
Figuren, wie die Victorien ſind, welche Tropheen tragen, nicht wollen
mangeln laſſen; als wenn die Staͤrke, welche vom Cicero als eine allge-
meine Eigenſchaft vollkommener Haͤnde angegeben wird, ſich auch auf
Weibliche Haͤnde erſtreckte, und auf vorbeſagte Weiſe muͤßte ausgedruckt
werden. An den Stuͤcken der Coloſſaliſchen Statuen im Campidoglio,
welche von einem Apollo ſeyn ſollen, ſind die Adern oben ungemein ſanft
angedeutet.

1)
Die
1) Acad. Quaeſt. L. 1. c. 5.
H h 2
I Theil. Viertes Capitel.
H.
Von den Be-
graͤbnißurnen,
welche bey na-
he alle aus
ſpaͤtern Zeiten
ſind.

Die mehreſten Begraͤbnißurnen ſind aus dieſer letzten Zeit der Kunſt, und
alſo auch die mehreſten erhobenen Arbeiten: denn dieſe ſind von ſolchen vier-
eckigt laͤnglichen Urnen abgeſaͤget. Einige erhobene Werke, die beſonders
gearbeitet ſind, unterſcheiden ſich durch einen erhobenen Rand oder Vor-
ſprung umher. Die mehreſten Begraͤbnißurnen wurden voraus und auf
den Kauf gemacht, wie die Vorſtellungen auf denſelben zu glauben veran-
laſſen, als welche mit der Perſon des Verſtorbenen, oder mit der Inſchrift,
nichts zu ſchaffen haben. Unter andern iſt eine ſolche beſchaͤdigte Urne in
der Villa Albani; auf deren vordern Seite, in drey Felder getheilet, iſt auf
dem zur Rechten Ulyſſes an den Maſtbaum ſeines Schiffs gebunden vorge-
ſtellet, aus Furcht vor dem Geſange der Sirenen, von welchen die eine
die Leyer ſpielet, die andere die Floͤte, und die dritte ſinget, und haͤlt ein
gerolletes Blatt in der Hand. Sie haben Voͤgelfuͤße, wie gewoͤhnlich;
das beſondere aber iſt, daß ſie alle drey einen Mantel umgeworfen haben.
Zur linken ſitzen Philoſophen in Unterredung. Auf dem mittlern Felde
iſt folgende Inſchrift, welche nicht im geringſten auf die Vorſtellung zielet,
und iſt noch nicht bekannt gemacht:

ΑΘΑΝΑΘωΝ ΜϵΡΟΠωΝ
ΟϒΔϵΙϹ· ϵΦϒ· ΤΟϒΔϵ· ϹϵΒΗΡΑ
ΘΗϹϵϒϹ· ΑΙΑΚΙΔΑΙ
ΜΑΡΤϒΡϵϹ· ϵΙϹΙ· ΛΟΓΟϒ
ΑϒΧΩ· ϹωΦΡΟΝΑ· ΤϒΝΒΟϹ· ϵ
ΜΑΙϹ· ΛΑΓΟΝϵϹϹΙ· ϹυΒΗΡΑΝ
ΚΟϒΡΗΝ· ϹΤΡϒΜΟΝΙΟϒ· ΠΑΙ
ΔΟϹ· ΑΜϒΜΟΝ ϵΧωΝ.
ΟΙΗΝ· ΟϒΚ· ΗΝϵΙΚϵ· ΠΟΛϒϹ
ΒΙΟϹ. ΟϒΔϵ. ΤΙϹ· ΟϒΠω
ϵϹΧϵ. ΤΑΦΟϹ· ΧΡΗϹΤΗΝ
ΑΛΛΟϹ· ϒΦ ΗϵΛΙωΙ

Es
Von der Kunſt unter den Griechen.

Es bleibet im uͤbrigen dem Alterthume bis zum Falle der Kunſt derI.
Von dem gu-
ten Geſchma-
cke, welcher ſich
auch in dem
Verfalle der
Kunſt erhal-
ten hat.

Ruhm eigen, daß es ſich ſeiner Groͤße bewußt geblieben: der Geiſt ihrer
Vaͤter war nicht gaͤnzlich von ihnen gewichen, und auch mittelmaͤßige
Werke der letzten Zeit ſind noch nach den Grundſaͤtzen der großen Meiſter
gearbeitet. Die Koͤpfe haben den allgemeinen Begriff von der alten
Schoͤnheit behalten, und im Stande, Handlung und Anzuge der Figu-
ren offenbaret ſich immer die Spur einer reinen Wahrheit und Einfalt.
Die gezierte Zierlichkeit, eine erzwungene und uͤbel verſtandene Gratie,
die uͤbertriebene und verdrehete Gelenkſamkeit, wovon auch die beſten
Werke neuerer Bildhauer ihr Theil haben, hat die Sinne der Alten nie-
mals geblendet. Ja wir finden, wenn man aus dem Haarputze ſchlieſ-
ſen kann, einige treffliche Statuen aus dem dritten Jahrhunderte, welche
als Copien anzuſehen ſind, die nach aͤltern Werken gearbeitet worden.
Von dieſer Art ſind zwo Venus in Lebensgroͤße in dem Garten hinter
dem Pallaſte Farneſe, mit ihren eigenen Koͤpfen; die eine mit einem
ſchoͤnen Kopfe der Venus, die andere mit einem Kopfe einer Frau vom
Stande, aus gedachtem Jahrhunderte, und beyde Koͤpfe haben einerley
Haaraufſatz. Eine ſchlechtere Venus, von eben der Groͤße, iſt im Bel-
vedere, deren Haarputz jenen aͤhnlich iſt, und dem Weiblichen Geſchlechte
aus dieſer Zeit eigen war. Ein Apollo, in der Villa Negroni, in dem
Alter und in der Groͤße eines jungen Menſchen von funfzehen Jahren,
kann unter die ſchoͤnen jugendlichen Figuren in Rom gezaͤhlet werden; aber
der eigene Kopf deſſelben ſtellet keinen Apollo vor, ſondern etwa einen
Kaiſerlichen Prinzen aus eben der Zeit. Es fanden ſich alſo noch einige
Kuͤnſtler, welche aͤltere und ſchoͤne Figuren ſehr gut nach zu arbeiten
verſtanden.

Ich
H h 3
I Theil. Viertes Capitel.
K.
Beſchluß die-
ſes dritten
Stuͤcks von
einem außer-
ordentlichen
Denkmale
fremder und
ungeſtalter
Kunſt, von
Grichiſchen
Kuͤnſtlern ver-
fertiget.

Ich ſchließe das dritte Stuͤck dieſes Capitels mit einem ganz außer-
ordentlichen Denkmale im Campidoglio aus einer Art von Baſalt. Es
ſtellet einen großen ſitzenden Affen vor, deſſen vordere Fuͤße auf den Knien
der hinteren Fuͤße ruhen, und wovon der Kopf verlohren gegangen iſt.
Auf der Baſe dieſer Figur ſtehet auf der rechten Seite in Griechiſcher
Schrift eingehauen: „Phidias und Ammonius, Soͤhne des Phi-
dias, haben es gemacht
1).„ Dieſe Inſchrift, welche von wenigen
bemerket worden, war in dem geſchriebenen Verzeichniſſe, aus welchem
Reineſius dieſelbe genommen, leichthin angegeben, ohne das Werk an-
zuzeigen, woran ſie ſtehet, und koͤnnte ohne offenbare Kennzeichen ihres
Alterthums fuͤr untergeſchoben angeſehen werden. Dieſes dem Scheine
nach veraͤchtliche Werk, kann durch die Schrift auf demſelben Aufmerk-
ſamkeit erwecken, und ich will meine Muthmaßung mittheilen.

Es hatte ſich eine Colonie von Griechen in Africa niedergelaſſen,
die Pithecuſaͤ in ihrer Sprache hießen, von der Menge Affen in dieſen
Gegenden. Diodorus ſagt 2), daß dieſes Thier heilig von ihnen gehal-
ten, und, wie die Hunde in Aegypten, verehret worden. Die Affen
liefen frey in ihre Wohnungen, und nahmen, was ihnen gefiel; ja dieſe
Griechen nenneten ihre Kinder nach denſelben, weil ſie den Thieren, wie
ſonſt den Goͤttern, gewiſſe Ehrenbenennungen werden beygeleget haben.
Ich bilde mir ein, daß der Affe im Campidoglio ein Vorwurf der Ver-
ehrung unter den Pithecuſiſchen Griechen geweſen ſey; wenigſtens ſehe
ich keinen andern Weg, ein ſolches Ungeheuer in der Kunſt, mit Namen
Griechiſcher Bildhauer zu reimen: Phidias und Ammonius werden dieſe
Kunſt unter dieſen Barbariſchen Griechen geuͤbet haben. Da Agathocles,
Koͤnig in Sicilien, die Carthaginenſer in Africa heimſuchete, drang deſſen

Feld-
1) Reineſ. Inſer. Claſſ. 2. n. 62. & ex co Cuper. Apotheoſ. Hom. p. 134.
2) Hiſt. L. 20. p. 793.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Feldherr Eumarus bis in das Land dieſer Griechen hindurch, und eroberte
und zerſtoͤrete eine von ihren Staͤdten. Annehmen zu wollen, daß dieſer
goͤttlich verehrte Affe damals, als etwas außerordentliches unter Griechen,
zum Denkmale weggefuͤhret worden, giebt die Form der Buchſtaben
nicht zu, als welche ſpaͤtere und den Herculaniſchen aͤhnliche Zuͤge hat.
Es waͤre alſo zu glauben, das dieſes Werk lange hernach gemacht, und
vielleicht unter den Kaiſern aus dem Lande dieſes Volks nach Rom ge-
fuͤhret worden; und dieſes machen ein paar Worte einer Lateiniſchen In-
ſchrift auf der linken Seite der Baſe wahrſcheinlich. Es war dieſelbe in
vier Zeilen gefaſſet, und man lieſt, außer den Spuren, welche ſich von
denſelben zeigen, nur noch die Worte: SFPT· QVE· COS· Die-
ſes Griechiſche Geſchlecht in Africa haͤtte alſo, dieſem zu Folge, noch um die
Zeit unſers Geſchichtſchreibers beſtanden, und ſich bey ſeinem Aber-
glauben bis dahin erhalten. Ich merke hier bey Gelegenheit eine Weib-
liche Statue von Marmor an, in der Gallerie zu Verſailles, welche
fuͤr eine Veſtale gehalten wird, und von welcher man vorgiebt, daß ſie
zu Bengazi, der vermeynten Numidiſchen Hauptſtadt Barca, gefun-
den worden.

Um das obige dieſes dritten Stuͤcks zu wiederholen, und zuſammenL.
Widerholung
des Inhalts
dieſes Stuͤcks.

zu faſſen, ſo wird man in der Kunſt der Griechen, ſonderlich in der Bild-
hauerey, vier Stuffen des Stils ſetzen, nemlich den geraden und harten,
den großen und eckigten, den ſchoͤnen und fließenden, und den Stil
der Nachahmer. Der erſte wird mehrentheils gedauert haben bis auf
1)

den
1) Nouv. Merc. de France, a. 1729. Ianv. p. 64.

I Theil. Viertes Capitel.
den Phidias, der zweyte bis auf den Praxiteles, Lyſippus, und Apelles,
der dritte wird mit dieſer ihrer Schule abgenommen haben, und der vierte
waͤhrete bis zu dem Falle der Kunſt. Es hat ſich dieſelbe in ihrem hoͤch-
ſten Flore nicht lange erhalten: denn es werden, von den Zeiten des Pe-
ricles bis auf Alexanders Tode, mit welchem ſich die Herrlichkeit der Kunſt
anfieng zu neigen, etwa hundert und zwanzig Jahre ſeyn. Das Schick-
ſal der Kunſt uͤberhaupt in neuern Zeiten iſt, in Abſicht der Perioden, dem
im Alterthume gleich: es ſind ebenfalls vier Haupt-Veraͤnderungen in
derſelben vorgegangen, nur mit dieſem Unterſchiede, daß die Kunſt nicht
nach und nach, wie bey den Griechen, von ihrer Hoͤhe herunter ſank,
ſondern ſo bald ſie den ihr damals moͤglichen Grad der Hoͤhe in zween
großen Maͤnnern erreichet hatte, (ich rede hier allein von der Zeichnung)
ſo fiel ſie mit einmal ploͤtzlich wieder herunter. Der Stil war trocken
und ſteif bis auf Michael Angelo und Raphael; auf dieſen beyden Maͤn-
nern beſtehet die Hoͤhe der Kunſt in ihrer Wiederherſtellung: nach einem
Zwiſchenraume, in welchem der uͤble Geſchmack regierte, kam der Stil
der Nachahmer; dieſes waren die Caracci und ihre Schule, mit deren Fol-
ge; und dieſer Periode gehet bis auf Carl Maratta. Iſt aber die Rede
von der Bildhauerey insbeſondere, ſo iſt die Geſchichte derſelben ſehr kurz:
Sie bluͤhete in Michael Angelo und Sanſovina, und endigte mit ih-
nen; Algardi, Fiamingo, und Ruſconi kamen uͤber hundert Jahre
nachher.



Viertes


Viertes Stuͤck.
Von dem Mechaniſchen Theile der Griechiſchen
Bildhauerey.

Endlich folget, nach Anzeige der Urſachen des Vorzuges der GriechiſchenViertes Stuͤck.
Von dem
Mechaniſchen
Theile der
Griechiſchen
Bildhauerey.

Kunſt, und zweytens des Anfangs und des Weſentlichen derſelben,
nebſt der Unterſuchung des Wachsthums und des Falls der Kunſt, das
vierte Stuͤck dieſes Capitels, welches die Betrachtung des Mechaniſchen
Theils derſelben enthaͤlt. Dieſer Theil der Kunſt begreift erſtlich die Ma-I.
Von der ver-
ſchiedenen
Materie, in
welcher die
Griechiſchen
Bildhauer ge-
arbeitet haben.

terie, in welcher die Griechiſchen Bildhauer gearbeitet haben, und zum
zweyten die Art der Ausarbeitung ſelbſt.

Von der verſchiedenen Materie zu Statuen der Griechen ſo wohl, als
anderer Voͤlker, iſt uͤberhaupt im erſten Capitel eine hiſtoriſche Anzeige ge-
geben worden; hier iſt insbeſondere von dem Marmor zu reden. GarofaloA.
Vom Marmor
und deſſen Ar-
ten.

hat in einem beſondern Werke von den verſchiedenen Arten Marmor, deren
die alten Scribenten gedenken, mit umſtaͤndlicher Anfuͤhrung aller Stellen,
welche er finden koͤnnen, nebſt ihrer Ueberſetzung, gehandelt, und deſſen
Arbeit wird vornehmlich von denen geſchaͤtzet, die bloß auf die Beleſenheit
gehen; mit aller Muͤhe aber, die er ſich gegeben hat, lehret er nicht, wor-
inn der Werth des ſchoͤnſten Marmors beſtehe, und es ſind demſelben viel
merkwuͤrdige Stellen alter Scribenten unbekannt geblieben.

Es iſt bekannt, daß die Antiquarii, wenn ſie den Werth einer Sta-
tue, oder ihre Materie, erheben wollen, ſagen, daß ſie von Pariſchem
Marmor ſey, und Ficoroni zeiget nicht leicht eine Statue oder eine Saͤule
an, die er nicht fuͤr Pariſchen Marmor haͤlt. Dieſes iſt aber wie ein an-
genommenes und geſchwornes Handwerks-Wort, und wenn es etwa zu-

trifft,
Winckelm. Geſch. der Kunſt. I i

I Theil. Viertes Capitel.
trifft, daß es wirklich dieſer Marmor waͤre, ſo iſt es Zufall ohne Kennt-
niß. Woher Belon wiſſen wollen, daß die Pyramide, oder das Grab-
mal des Ceſtius, aus Marmor von Thaſus ſey 1), iſt mir unbekannt.

Die vorzuͤglichſten Arten des Griechiſchen weißen Marmors ſind der Pa-
riſche, von den Griechen auch λύγδινος (von dem Gebuͤrge Lygdos in der
Inſel Paros 2) genannt, und der Pentheliſche, deſſen Plinius 3) keine
Meldung thut, welcher bey Athen gebrochen wurde; und aus dieſem wa-
ren zehen Figuren gegen eine aus jenem gearbeitet, wie die Anzeigen des
Pauſanias darthun koͤnnen. Den Unterſcheid dieſer beyden Arten aber
wiſſen wir nicht eigentlich.

Es giebt weißen Marmor von kleinen und großen Koͤrnern, das iſt,
aus feinen und groͤbern Theilen zuſammengeſetzet: je feiner das Korn iſt,
deſto vollkommener iſt der Marmor; ja es finden ſich Statuen, deren Mar-
mor aus einer milchigten Maſſe oder Teige gegoſſen ſcheinet, ohne Schein
von Koͤrnern, und dieſer iſt ohne Zweifel der ſchoͤnſte. Da nun der Pa-
riſche der ſeltenſte war, ſo wird derſelbe dieſe Eigenſchaft gehabt haben.
Dieſer Marmor hat außer dem zwo Eigenſchaften, welche dem ſchoͤnſten
Carrariſchen nicht eigen ſind: die eine iſt deſſen Mildigkeit, das iſt, er
laͤßt ſich arbeiten wie Wachs, und iſt der feinſten Arbeit in Haaren, Federn
und dergleichen faͤhig, da hingegen der Carrariſche ſproͤde iſt, und aus-
ſpringt, wenn man zu viel in demſelben kuͤnſteln will; die andere Eigen-
ſchaft iſt deſſen Farbe, welche ſich dem Fleiſche naͤhert, da der Carrariſche
ein blendend weiß hat. Aus dem ſchoͤnſten Marmor iſt das erhobene
Bruſtbild des Antinous, etwas uͤber Lebensgroͤße, in der Villa Albani.

Es iſt alſo irrig, wenn Iſidorus vorgiebt 4), der Pariſche Marmor
werde nur in Stuͤcken gebrochen, von der Groͤße, welche zu Gefaͤßen dienen

koͤnnen.
1) de Oper. antiq. præſt. L. 1. c. 7. p. 2551.
2) Palmer. Exerc. in auct. græc. ad Diodor. p. 98.
3) conf. Caryoph. de Marm. p. 32.
4) Orig. L. 16. c. 5. p. 1214.

Von der Kunſt unter den Griechen.
koͤnnen. Perrault 1), welcher den großkoͤrnigten fuͤr Pariſchen Marmor
haͤlt, hat ſich nicht weniger geirret; er konnte aber dieſes, ohne aus Frank-
reich gegangen zu ſeyn, nicht wiſſen. Die großen Koͤrner im Marmor
glaͤnzen wie Steinſalz, und ein gewiſſer Marmor, welcher Salinum heißt,
ſcheinet eben derſelbe zu ſeyn, und ſeine Benennung vom Salze bekom-
men zu haben.

Von der Art der Ausarbeitung iſt zu erſt allgemein, und hernachII.
Von der
Ausarbeitung
der Bildhauer.

insbeſondere von der Materie, dem Elfenbeine, dem Steine, und ſo viel
man von der Arbeit in Erzt wiſſen kann, zu reden. Was die Ausarbei-A.
Ueberhaupt.

tung uͤberhaupt betrifft, ſo iſt uns von einer beſondern Art, in welcher die
Griechiſchen Bildhauer verſchieden von den neuern Kuͤnſtlern, und von
unſerer Vorſtellung, koͤnnen gearbeitet haben, nichts beſonders bekannt;
gewiß aber iſt, daß ſie zu ihren Werken Modelle gemacht. Ein beruͤhm-
ter Scribent glaubet 2), Diodorus habe das Gegentheil anzeigen wollen,
wo derſelbe ſagt, daß die Aegyptiſchen Kuͤnſtler nach einem richtigen Maaße
gearbeitet, die Griechen aber nach dem Augenmaaße geurtheilet haben.
Das Gegentheil von dieſer Meynung kann ein geſchnittener Stein im
Stoßiſchen Muſeo darthun 3), auf welchem Prometheus den Menſchen, wel-
chen er bildet, mit dem Bleye ausmißt. Man weis, wie hoch die Mo-
delle des beruͤhmten Arceſilaus, welcher wenige Jahre vor dem Diodorus
gebluͤhet hat, geſchaͤtzet wurden; und wie viel Modelle von gebranntem
Thone haben ſich erhalten, und werden noch taͤglich gefunden! Der Bild-
hauer muß mit Maaß und Zirkel arbeiten; der Maler aber ſoll das Maaß
im Auge haben.

Die mehreſten Statuen von Marmor ſind aus einem Stuͤcke gear-
beitet, und Plato giebt ſeiner Republik ſo gar ein Geſetz, die Statuen

aus
1) Paral. des anc. & mod. Dial. 2.
2) Caylus ſur quelq. paſſag. de Pline ſur les arts, p. 285.
3) Deſer. des Pier. gr. du Cab. de Stoſch, p. 315. n. 6.
I i 2

I Theil. Viertes Capitel.
aus einem einzigen Stuͤcke zu machen 1). Aus zwey Stuͤcken waren, außer
dem im zweyten Capitel angefuͤhrten Aegyptiſchen Antinous, zwo Sta-
tuen, des Hadrianus und des Antoninus Pius, in dem Pallaſte Ruſpoli,
wie die deutliche Spur der Fugung an dem erhaltenen Obertheile zeiget.
Merkwuͤrdig iſt, daß an einigen der beſten Statuen in Marmor ſchon an-
faͤnglich bey ihrer Anlage die Koͤpfe beſonders gemacht und angeſetzet wor-
den ſind: dieſes iſt augenſcheinlich an den Koͤpfen der Niobe und ihrer
Toͤchter, welche in die Schultern eingefuget ſind, und es findet hier kein
Verdacht einer Beſchaͤdigung oder Ausbeſſerung Platz. Der Kopf der
mehrmals angefuͤhrten Pallas, in der Villa Albani, iſt ebenfalls eingeſe-
tzet, ſo wie die Koͤpfe der ohnlaͤngſt gefundenen vier Caryatiden. Es
wurden auch zuweilen die Arme eingefuget, wie die Pallas und ein paar
gedachter Caryatiden dieſelbe haben.

B.
Ins beſondeꝛe.

Ueber die Ausarbeitung der Materie iſt erſtlich des Elfenbeins zu ge-
a Von der
Arbeit in
Elfenbein.
denken. Elfenbein zu Statuen ſcheinet auf der Drehbank gearbeitet zu
ſeyn, und da Phidias ſich vornehmlich in dieſer Arbeit hervorgethan, wel-
cher die Kunſt, die bey den Alten Torevtice, d. i. das Drechſeln, heißt,
erfunden, ſo koͤnnte dieſes keine andere Kunſt ſeyn, als diejenige, welche
das Geſicht, die Haͤnde, und die Fuͤße ausdrechſelte. Auf der Drehbank
arbeitete man auch das Schnitzwerk an Gefaͤßen, wie dasjenige von dem
goͤttlichen Alcimedon beym Virgilius war, welches als ein Preiß unter
zween Schaͤfer ausgeſetzet wurde.

b Von der Ar-
beit in Stein.

Die Ausarbeitung, in Abſicht auf den Stein, gehet vornehmlich den
aa In Mar-
mor.
Marmor, den Baſalt, und den Porphyr an. Figuren von Marmor wur-
den entweder mit dem bloßen Eiſen geendiget, ohne ſie zu glaͤtten, oder
ſie wurden, wie itzo geſchieht, geglaͤttet. Es iſt nicht zu ſagen, ob dieſes
oder jenes aͤlter ſey, da die aͤlteſten Aegyptiſchen Figuren aus den haͤrteſten

Steinen
1) Leg. L. 12. p. 956. A.

Von der Kunſt unter den Griechen.
Steinen auf die muͤhſamſte Art geglaͤttet worden. Es finden ſich aber
einige der ſchoͤnſten Statuen in Marmor, denen die letzte Hand bloß mit
dem Eiſen, ohne Glaͤtte, gegeben worden, wie die Arbeit am Laocoon, an
dem Borgheſiſchen Fechter des Agaſias, an dem Centaur in eben der
Villa, an dem Marſyas in der Villa Medicis, und an verſchiedenen an-
dern Figuren zeiget. Am Laocoon ſonderlich kann ein aufmerkſames Auge
entdecken, mit was fuͤr meiſterhafter Wendung und fertiger Zuverſicht das
Eiſen gefuͤhret worden, um nicht die gelehrteſten Zuͤge durch Schleifen zu
verlieren. Die aͤußerſte Haut dieſer Statuen, welche gegen die geglaͤttete
und geſchliffene etwas rauchlich ſcheinet, aber wie ein weicher Sammt gegen
einen glaͤnzenden Atlas, iſt gleichſam wie die Haut an den Koͤrpern der alten
Griechen, die nicht durch beſtaͤndigen Gebrauch warmer Baͤder, wie unter den
Roͤmern bey eingeriſſener Weichlichkeit geſchah, aufgeloͤſet, und durch Scha-
beeiſen glatt gerieben worden, ſondern auf welche eine geſunde Ausduͤnſtung,
wie die erſte Anmeldung zur Bekleidung des Kinns, ſchwamm 1). Die

zween
1) Dieſe Vergleichungen koͤnnten zum Verſtaͤndniß des bisher nicht verſtandenen Ausdrucks
im Dionyſius von Halicarnaſſus a), χνοῦς ἀρχαιοπινής, und χνοῦς ἀρχαιότητος,
in Abſicht der Schreibart des Plato, und einiger andern gleichbedeutenden Stellen,
als z. E. Litterae πεπινωμέναι beym Cicero b), vielleicht mehr Deutlichkeit geben,
als die gelehrten und heſtigen Streitſchriften des Salmaſius c) und des P. Peta-
vius
d) uͤber dieſen Ort. Man koͤnnte gedachte Redensart, allgemein genommen,
das ſanfte rauchliche und geſalbete des Alterthums„ uͤberſetzen. Das Wort
χνοῦς nehme man nicht, wie jene, in ſeiner entfernteren, ſondern in ſeiner erſten und
natuͤrlichen Bedeutung, nemlich der ſich meldenden Bekleidung des Kinns, und man
halte ſie zuſammen mit meiner Anwendung dieſes Bildes auf die bearbeitete Oberhaut
des Laocoons, ſo wird es ſcheinen, Dionyſius habe eben dieſes ſagen wollen. Har-
dion
e) welcher dieſe Stellen nach beyden angefuͤhrten ſtreitigen Gelehrten hat er-
klaͤren wollen, laͤßt uns ungewiſſer, als vorher. Eben dieſes Bild giebt das Wort
χνοῦς, in welcher es von andern Scribenten angewendet worden, als vom Ariſtopha-
nes f), die wolligte Haut der Aepfel anzuzeigen.
a) Epiſt. ad Cn. Pompej. de Plat. p. 204. l. 7.
b) ad Attic. L. 14. ep. 7.
c) Not. in Tertul. de Pal. p. 234. ſeq. Confut. Animadv. Andr. Cercotii, p. 172. 189.
d) Andr. Kerkoetii (Petavii) Maſtigoph. Part. 3. p. 106. ſeq.
e) Sur une Lettre de Denys d’ Halic. au Pompée, p. 128.
f) Nub. v. 974.
I i 3

I Theil. Viertes Capitel.
zween große Loͤwen von Marmor, welche am Eingange des Arſenals zu
Venedig ſtehen, und von Athen dahin gebracht worden, ſind ebenfalls
mit dem bloßen Eiſen ausgearbeitet; es iſt aber dieſe Art ſolchen und ſo
großen Werken in Marmor mehr eigen. Die Coloßiſche Statue aber,
von welcher im Campidoglio beyde Fuͤße, Stuͤcke von den Armen, und eine
Knieſcheibe uͤbrig ſind, (die von dem Coloſſus des Apollo, welchen Lucul-
lus aus Apollonien nach Rom fuͤhrete, ſeyn ſollen) war geſchliffen und
geglaͤttet. Die Fuͤße ſind neun Palme lang, und die Naͤgel der großen
Zehe achthalb Zolle, und dieſe Zehe ſelbſt hat im Umkreiſe uͤber vier Palme.
Die Geſchicklichkeit und Fertigkeit der Ausarbeitung mit dem bloßen Eiſen
hat nicht anders, als durch lange Uebung, erlanget werden koͤnnen, zu wel-
cher unſere Zeiten nicht Gelegenheit genug haben.

Die mehreſten Statuen in Marmor aber wurden geglaͤttet, und man
wird ohngefaͤhr auf eben die Art, wie itzo, verfahren ſeyn. Einer von den
Steinen, welcher zur Glaͤttung dienete, kam aus der Inſel Naxus 1), und
Pindarus ſagt, er ſey der beſte hierzu 2). Alle Statuen werden, wie bey
den Alten 3), noch itzo mit Wachs geglaͤttet: aber dieſes Wachs wird voͤllig
abgerieben, und bleibet nicht, wie ein Firniß, eine Oberhaut auf demſelben.
Die unten angefuͤhrten Stellen ſind von allen irrig vom Abputzen der Sta-
tuen verſtanden worden.

Der ſchwarze Marmor kam ſpaͤter, als der weiße, in Gebrauch: die
haͤrteſte und feinſte Art deſſelben, wird insgemein Paragone, Probier-
ſtein, genannt. Von ganzen Griechiſchen Figuren aus dieſem Steine, ha-
ben ſich erhalten ein Apollo in der Gallerie Farneſe, der ſo genannte Gott
Aventinus im Campidoglio, beyde groͤßer, als die Natur, zween Centaure
des Hrn. Cardinals Furietti, von Ariſteas und Papias, aus Aphrodi-

ſium,
1) Plin. L. 36. c. 10.
2) Nem. Od. 6. v. 107.
3) Vitruv. L. 7. c. 9. Plin. L. 33. c. 40.

Von der Kunſt unter den Griechen.
ſium, gearbeitet, und ein junger Faun, in Lebensgroͤße, in der Villa Albani,
zu Nettuno gefunden.

In Baſalt, ſowohl in dem eiſenfaͤrbigen, als in dem gruͤnlichen, ha-bb In Ba-
ſalt.

ben ſich die Griechiſchen Bildhauer zu zeigen geſucht; es hat ſich aber von
ganzen Statuen keine einzige erhalten. Ein Sturz von einer Maͤnnlichen
Figur in Lebensgroͤße, in der Villa Medicis, iſt uͤbrig, und dieſer Reſt zeu-
get von einer der ſchoͤnſten Figuren aus dem Alterthume; man kann den-
ſelben ſo wohl in Abſicht der Wiſſenſchaften, als der Arbeit, nicht ohne Ver-
wunderung betrachten. Die uͤbrig gebliebenen Koͤpfe von dieſem Steine
veranlaſſen zu glauben, daß nur beſonders geſchickte Kuͤnſtler ſich an den-
ſelben gemacht haben: denn es ſind dieſelben in dem ſchoͤnſten Stile, und auf
das feinſte geendiget. Außer dem Kopfe des Scipio, von welchem ich im
zweyten Theile Meldung thue, iſt im Pallaſte Veroſpi ein Kopf eines
jungen Helden, und ein Weiblicher Idealiſcher Kopf, auf eine alte be-
kleidete Bruſt von Porphyr geſetzt, in der Villa Albani; das ſchoͤnſte aber
unter dieſen Koͤpfen wuͤrde der von einem jungen Menſchen, in Lebens-
groͤße, ſeyn, welchen der Verfaſſer beſitzet, woran aber nur die Augen,
nebſt der Stirn, das eine Ohr und die Haare unverſehrt geblieben ſind.
Die Arbeit der Haare an dieſem ſo wohl, als an dem Veroſpiſchen Kopfe,
iſt verſchieden von der an den Maͤnnlichen Koͤpfen in Marmor, das iſt,
ſie ſind nicht, wie an dieſen, in freye Locken geworfen, oder mit dem Bohrer
getrieben, ſondern wie kurz geſchnittene und fein gekaͤmmete Haare vorge-
ſtellet, ſo wie ſie ſich an einigen Maͤnnlichen Idealiſchen Koͤpfen in Erzt
finden, wo gleichſam jedes Haar insbeſondere angedeutet worden. An
Koͤpfen in Erzt, welche nach dem Leben gemacht ſind, iſt die Arbeit der
Haare verſchieden, und Marcus Aurelius zu Pferde, und Septimius Se-
verus zu Fuß, dieſer im Pallaſte Barberini, haben die Haare lockigt,
wie ihre Bildniſſe in Marmor. Der Hercules im Campidoglio, hat die

Haare

I Theil. Viertes Capitel.
Haare dick und kraus, wie am Hercules gewoͤhnlich iſt. In den Haaren
des zuletzt genannten verſtuͤmmelten Kopfs iſt eine außerordentliche, und
ich moͤchte faſt ſagen, unnachahmliche Kunſt und Fleiß: faſt mit eben der
Feinheit ſind die Haare an dem Sturze eines Loͤwens von dem haͤrteſten
Baſalte, in dem Weinberge Borioni, gearbeitet. Die außerordentliche
Glaͤtte, welche man dieſem Steine gegeben, auch geben muͤſſen, nebſt den
feinen Theilen, woraus derſelbe zuſammengeſetzet iſt, haben verhindert, daß
ſich keine Rinde, wie an dem glaͤtteſten Marmor geſchehen, angeſetzet,
und dieſe Koͤpfe ſind mit ihrer voͤlligen erſteren Glaͤtte in der Erde gefunden.

cc In Por-
phyr.

Von der Arbeit in Porphyr iſt zum dritten beſonders zu reden.
Hierinn ſind unſere Kuͤnſtler weit unter den Alten, nicht, daß jene den
Porphyr gar nicht zu arbeiten verſtaͤnden, wie insgemein von unwiſſenden
flattrigen Scribenten vorgegeben wird 1), ſondern darinn, daß die Alten
hier mit groͤßerer Leichtigkeit, und mit uns unbekannten Vortheilen, zu
Werke gegangen ſind. Daß die alten Kuͤnſtler beſondere Vortheile in die-
ſer Arbeit erlanget gehabt, zeigen ihre Gefaͤße in Porphyr, welche wirklich
auf der Bank ausgedrehet ſind. Der Herr Cardinal Alexander Albani
beſitzet die ſchoͤnſten in der Welt, und zwey unter denſelben ſind uͤber zween
Roͤmiſche Palme hoch, von welchen das eine vom Pabſt Clemens XI. mit
dreytauſend Scudi bezahlet worden. Die heutigen Kuͤnſtler, ſo weit ſie in
Bearbeitung des Porphyrs gelanget ſind, haben das Waſſer nicht, welches
Coſmus, Großherzog von Toſcana, ſoll erfunden haben 2), die Eiſen zu
haͤrten, ſie verſtehen aber dennoch dieſen Stein zu baͤndigen. Es ſind
auch in neuern Zeiten nicht allein große Werke in Porphyr gearbeitet, wie
der ſchoͤne Deckel der herrlich großen alten Urne, in der Capelle Corſini,
zu St. Johann Lateran, iſt, ſondern auch verſchiedene Bruſtbilder der
Kaiſer, unter welchen die Koͤpfe der zwoͤlf erſten Kaiſer in der Gallerie

des
1) Carlencas Eſſay ſur l’ hiſt. des belles lettr. T. 4.
2) Vaſar. Vite de Pitt. Proem. p. 12.

Von der Kunſt unter den Griechen.
des Pallaſtes Borgheſe ſind. Hierinn beſtehet die groͤßte Schwierigkeit,
und der beſondere Vorzug der alten Kuͤnſtler nicht, ſondern, wie geſagt
iſt, im Ausdrehen der Gefaͤße. In kleinern Arbeiten hat man zu un-
ſern Zeiten angefangen dieſen Stein zu drehen, aber groͤßere Gefaͤße ſind
entweder nicht hohl gemacht, wie die im Pallaſte Veroſpi von gruͤnlichem
Porphyr ſind, oder, wenn ſie hohl ſind, wie die im Pallaſte Barberini,
und in der Villa Borgheſe, ſo ſind ſie Cylindriſch ausgehoͤhlet, ohne Bauch,
und ohne Pfalze und Hohlkehlen. Daß aber das Elliptiſche Ausdrehen
der Gefaͤße von Porphyr, nach Art der Alten, kein verlornes Geheimniß
ſey, hat der Herr Cardinal Alexander Albani in einem wohlgelungenen
Verſuche zeigen laſſen, welcher der Arbeit der Alten nichts nachgiebt,
indem der Porphyr bis auf die Dicke einer Feder ausgedrehet iſt; aber
das Ausdrehen koſtet dreymal ſo viel, als die Form des Gefaͤßes, und es
iſt daſſelbe dreyzehen Monate auf dem Drehgeſtelle geweſen.

Man merke hier, daß ſich an Statuen von Porphyr weder Kopf, noch
Haͤnde und Fuͤße, aus eben demſelben Steine finden, ſondern ſie haben dieſe
aͤußeren Theile von Marmor. In der Gallerie das Pallaſtes Chigi, welche
itzo in Dreßden iſt, war ein Kopf des Caligula in Porphyr; er iſt aber neu,
und nach dem von Baſalt im Campidoglio gemacht; in der Villa Borghe-
ſe iſt ein Kopf des Veſpaſianus, welcher ebenfalls neu iſt. Es finden ſich
zwar vier Figuren, von welchen zwo und zwo zuſammen ſtehen, aus einem
Stuͤcke, am Eingange des Pallaſtes des Doge zu Venedig, welche ganz
und gar aus Porphyr ſind; es iſt aber eine Arbeit der Griechen aus der ſpaͤ-
tern oder mittlern Zeit, und Hieronymus Magius muß ſich ſehr wenig
auf die Kunſt verſtanden haben, wenn er vorgiebt, daß es Figuren des
Harmodion und Ariſtogiton, der Befreyer von Athen, ſeyn 1).

Was endlich die Arbeit in Erzt betrifft, ſo waren ſchon lange vorc Von der
Arbeit in Erzt.
aa An ſich
ſelbſt.

dem Phidias viele Statuen darinn gearbeitet, und Phradmon, welcher

aͤlter,
1) Miſcel. L. 2. c. 6. p. 83.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. K k

I Theil. Viertes Capitel.
aͤlter, als jener, war 1), hatte zwoͤlf Kuͤhe in Erzt gemacht 2), die von den
Theſſaliern als eine Beute entfuͤhret, und am Eingange eines Tempels ge-
ſtellet wurden. In den aͤlteſten Zeiten und vor dem Flore der Kunſt wur-
den, wie Pauſanias berichtet, Figuren von Erzt aus Stuͤcken zuſammen
geſetzet, und durch Naͤgel verbunden, wie ein Jupiter zu Sparta 3) von
einem Learchus, aus der Schule des Dipoenus und Scyllis, geweſen. Faſt
auf eben die Art aber, und ſtuͤckweis, ſind ſechs Herculaniſche Weibliche Fi-
guren von Erzt, in und unter Lebensgroͤße, gearbeitet: Kopf, Arme und
Beine ſind beſonders gegoſſen, und der Rumpf ſelbſt iſt kein Ganzes. Dieſe
Stuͤcke ſind bey ihrer Vereinigung nicht geloͤthet, als wovon ſich beym Aus-
putzen derſelben keine Spur gefunden, ſondern ſie ſind durch eingefuͤgte
Hefte, welche in Italien von ihrer Form [Abbildung]
Schwalbenſchwaͤnze (Co-
de di rondine
) heißen, verbunden. Der kurze Mantel dieſer Figuren,
welcher ebenfalls aus zwey Stuͤcken beſtehet, einem Vorder- und Hintertheile,
iſt auf den Schultern, wo er geknoͤpft vorgeſtellet iſt, zuſammengeſetzet.
An einer jugendlich Maͤnnlichen Statue, von welcher der Kopf ehemals in
dem Muſeo der Cartheuſer zu Rom war 4), und itzo in der Villa Albani
iſt, war die Schaam beſonders eingepaſſet, welches vermuthlich ein wieder-
holter Guß ſeyn wird. Es verdient angemerket zu werden, daß innerhalb
der Schaam, an dem Stuͤcke, wo der Haarwachs ſeyn wuͤrde, drey Griechi-
ſche Buchſtaben Ι͘ Π͘ Χ͘ von einem Zolle lang ſtehen, welche nicht ſichtbar
ſeyn koͤnnten, wenn die Figur ganz gefunden worden waͤre: dieſes Stuͤck
iſt in den Haͤnden des Verfaſſers. Montfaucon 5) iſt uͤbel berichtet,
wenn er ſich ſagen laſſen, daß die Statue des Marcus Aurelius zu Perde nicht
gegoſſen, ſondern mit dem Hammer getrieben worden ſey.

bb Von dem
Loͤthen.

Mit Loͤthen arbeitete man an den Haaren, und an freyhaͤngenden Lo-
cken, wie man an einem der aͤlteſten Koͤpfe aus dem ganzen Alterthume, in
dem Herculaniſchen Muſeo zu Portici, ſieht. Es iſt derſelbe ein Weib-
liches Bruſtbild, und hat vorwerts uͤber der Stirn bis an die Ohren funf-

zig
1) v. Franc. Iun. Ind. Artif.
2) Holſten. Not. in Steph. v. Ιτων. p. 151.
3) Pauſan. L. 3. p. 257.
4) Monum. a Boriono collect. p. 14. Von
denen, welche die alten Koͤpfe zu kennen, und zu taufen behaupten, wird dieſer Kopf
Ptolemaͤus, Sohn des letzten Mauritaniſchen Koͤnigs Juba, genannt. conf. Ficoroni
Rom. mod. p.
55.
5) Diar. Ital. p. 169.

Von der Kunſt unter den Griechen.
zig Locken, wie von einem ſtarken Drathe, beynahe einer Schreibefeder dick,
eine lange und eine kurze neben und uͤber einander haͤngen, jede von vier
bis fuͤnf Ringeln: die hintern Haare gehen geflochten um den Kopf herum,
und machen gleichſam das Diadema. Ein anderer Maͤnnlicher Kopf da-
ſelbſt mit einem langen Barte, welcher etwas von der Seite gewandt iſt
und unterwerts ſieht, hat die krauſen Locken in den Schlaͤfen ebenfalls an-
geloͤthet. Dieſer Idealiſche Kopf, welcher mit dem Namen des Plato
bezeichnet wird, iſt fuͤr ein Wunderwerk der Kunſt zu achten, und wer
denſelben ſelbſt nicht aufmerkſam betrachtet, dem kann kein Begriff davon
gegeben werden. Das ſeltenſte Stuͤck aber in in dieſer Art iſt ein Maͤnn-
licher jugendlicher Kopf, und eine Abbildung einer beſtimmten Perſon,
welcher acht und ſechzig angeloͤthete Locken um den Kopf herum hat, und
im Nacken unter jenen noch andere Locken, welche nicht frey haͤngen, und
mit dem Kopfe aus einem Guſſe ſind. Jene Locken gleichen einem ſchma-
len Streifen Papier, welches gerollet, und hernach aus einander gezogen
wird: diejenigen, welche auf der Stirne haͤngen, haben fuͤnf und mehr Win-
dungen; die im Nacken haben bis an zwoͤlf, und auf allen laufen zween
eingeſchnittene Zuͤge herum. Man koͤnnte glauben, es ſey ein Ptolemaͤus
Apion,
welchen man auf Muͤnzen mit langen haͤngenden Locken ſieht.

Die beſten Statuen in Erzt ſind unter andern drey in eben dieſemc c Von den
beſten Statuen
in Erzt.

Muſeo, und zwar in Lebensgroͤße: ein junger ſitzender und ſchlafender Sa-
tyr, welcher den rechten Arm uͤber den Kopf geleget, und den linken haͤngen
hat: ein alter trunkener Satyr auf einem Schlauche liegend, uͤber welchen
eine Loͤwenhaut geworfen iſt. Er ſtuͤtzet ſich mit dem linken Arme, und
ſchlaͤgt mit der erhobenen rechten Hand ein Knipgen, wie die Statue des
Sardanapalus zu Anchialus 1), zum Zeichen der Freude, wie noch itzo im
Tanzen gewoͤhnlich iſt. Die vorzuͤglichſte unter den dreyen iſt ein ſitzender
Mercurius, welcher das linke Bein zuruͤck geſetzet hat, und ſich mit der
rechten Hand ſtuͤtzet, mit vorwerts gekruͤmmetem Leibe. Unter den Fuß-
ſohlen iſt der Heft der Riemen von den angebundenen Fluͤgeln, wie eine
Roſe, geſtaltet, anzudeuten, daß dieſe Gottheit nicht zu gehen, ſondern zu
fliegen habe. Von dem Caduceo iſt in der linken Hand nur ein Ende ge-

blieben;
1) Strab. L. 14. p. 672. l. 2.
K k 2

I Theil. Viertes Capitel.
blieben; das uͤbrige hat ſich nicht gefunden, woraus zu ſchließen iſt, daß
dieſe Statue auswerts hergebracht ſey, wo dieſes Stuͤck muß verloren ge-
gangen ſeyn: denn da dieſer Mercurius, den Kopf ausgenommen, ohne
alle Beſchaͤdigung gefunden worden, haͤtte ſich auch deſſen Stab finden muͤſſen.

dd Von der
Vergoldung.

Viele oͤffentliche Statuen von Erzt wurden vergoldet, wie das Gold
α Allgemein.noch itzo zeiget, welches ſich erhalten hat an der Statue des Marcus Aure-
lius zu Pferde, an den Stuͤcken von vier Pferden und einem Wagen, die
auf dem Herculaniſchen Theater ſtanden, ſonderlich an dem Hercules im
Campidoglio 1). Die Dauerhaftigkeit der Vergoldung an Statuen, welche
viele hundert Jahre unter der Erde verſchuͤttet gelegen, beſtehet in den ſtar-
ken Goldblaͤttern: denn das Gold wurde bey weiten nicht ſo duͤnne, als bey
uns, geſchlagen, und Buonarroti 2) zeiget den großen Unterſchied des
Verhaͤltniſſes. Daher ſieht man in zwey verſchuͤtteten Zimmern des Pal-
laſtes der Kaiſer, auf dem Palatino in der Villa Farneſe, die Zierrathen
von Golde ſo friſch, als wenn dieſelben neulich gemacht worden; ohngeach-
tet dieſe Zimmer wegen des Erdreichs, womit ſie bedecket ſind, ſehr feucht
ſeyn: die Himmelblauen und Bogenweis gezogenen Binden mit kleinen Figu-
ren in Golde koͤnnen nicht ohne Verwunderung geſehen werden. Auch in
den Truͤmmern zu Perſepolis 3) hat ſich noch die Vergoldung erhalten.

β Von den
zwo Arten
derſelben.

In Feuer vergoldet man auf zweyerley Art, wie bekannt iſt; die eine
Art heißt Amalgema, die andere nennet man in Rom allo Spadaro, d. i.
nach Schwerdfeger Art. Dieſe geſchieht mit aufgelegten Goldblaͤttern,
jene Art aber iſt ein aufgeloͤſetes Gold in Scheidewaſſer. In dieſes von
Gold ſchwangere Waſſer wird Queckſilber gethan, und alsdenn wird es
auf ein gelindes Feuer geſetzet, damit das Scheidewaſſer verrauche, und
das Gold vereiniget ſich mit dem Queckſilber, welches zu einer Salbe wird.
Mit dieſer Salbe wird das Metall, wenn es vorher ſorgfaͤltig gereinigt
worden, gegluͤhet beſtrichen, und dieſer Anſtrich erſcheinet alsdenn ganz
ſchwarz; von neuem aber aufs Feuer gelegt, bekommt das Gold ſeinen
Glanz. Dieſe Vergoldung iſt gleichſam dem Metalle einverleibet, war
aber den Alten nicht bekannt; ſie vergoldeten nur mit Blaͤttern, nach dem

das
1) Maffei Stat. n. 20.
2) Oſſerv. ſopr. alc. Medagl. p. 370.
3) Greave Deſcr. des Antiq. de Perſep. p. 23.

Von der Kunſt unter den Griechen.
das Metall mit Queckſilber beleget oder gerieben war, und die lange
Dauer dieſer Vergoldung lieget, wie ich geſagt habe, in der Dicke der
Blaͤtter, deren Lagen noch itzo an dem Pferde des Marcus Aurelius
ſichtbar ſind.

Auf dem Marmor wurde das Gold mit Eyerweiß aufgetragen, wel-γ Von der
Vergoldung
auf Marmor.

ches itzo mit Knoblauch geſchieht, womit der Marmor gerieben wird,
und alsdenn uͤberziehet man den Marmor mit duͤnnem Gipſe, auf welchen
die Vergoldung getragen wird. Einige bedienen ſich der Milch der Fei-
gen, welche ſich zeiget, wenn ſich die Feige, die zu reifen anfaͤngt, von
dem Stengel abloͤſet. An einigen Statuen von Marmor finden ſich noch
itzo Spuren von Vergoldung an den Haaren, wie oben gedacht worden,
und vor vierzig Jahren fand ſich das Untertheil eines Kopfs, welcher
einem Laocoon aͤhnlich war, mit Vergoldung; dieſe aber iſt nicht auf
Gips, ſondern unmittelbar auf den Marmor geſetzt.

Zur Arbeit in Erzt gehoͤren auch die Muͤnzen, deren Gepraͤge unterd Von der
Arbeit auf
Muͤnzen.

den Griechen verſchieden iſt, nach dem verſchiedenen Alter der Kunſt.
In den aͤlteſten Zeiten iſt es flach, und in dem Flore der Kunſt ſo wohl,
als in den folgenden Zeiten, mehr erhoben; dort zum theil ſehr fleißig,
hier groß ausgefuͤhret. Von den aͤlteſten Muͤnzen mit zween Stempeln
habe ich oben zu Anfang des dritten Stuͤcks dieſes Capitels geredet.

Ich fuͤge hier eine noch nicht bekannt gemachte Inſchrift in der Villa
Albani bey, in welcher der Vergoldung der Muͤnzen gedacht wird:

D. M.
FECIT. MINDIA. HELPIS. IVLIO. THALLO
MARITO. SVO. BENE. MERENTI. QVI. FECIT.
Sic
OFFICINAS. PLVMBARIAS. TRASTIBERINA.
ET. TRICARI. SVPERPOSITO. AVRI. MONETAE.
NVMVLARIORVM. QVI. VIXIT. ANN. XXXII. M. VI.
ET. C.IVLIO. THALLO. FILIO. DVLCISSIMO. QVI. VIXIT.
Sic
MESES. IIII. DIES. XI. ET. SIBI. POSTERISQVE. SVIS.



Fuͤnftes
K k 3

[Abbildung]
Fuͤnftes Stuͤck.
Von der Malerey der alten Griechen.
Fuͤnftes Stuͤck.
Von der Ma-
lerey der alten
Griechen.

Auf dieſes vierte Stuͤck, nemlich die Betrachtung des Mechaniſchen
Theils der Kunſt, folget in dem fuͤnften und letzten Stuͤcke dieſes
Capitels die Abhandlung von der Malerey der Alten, von welcher wir zu
unſern Zeiten mit mehr Kenntniß und Unterricht, als vorher geſchehen

konnte,


[Abbildung]
konnte, urtheilen und ſprechen koͤnnen, nach viel hundert im alten Hercu-
lano entdeckten Gemaͤlden. Bey dem allen muͤſſen wir beſtaͤndig, außer
den ſchriftlichen Nachrichten, von dem, was dem Augenſcheine nach nicht
anders, als Mittelmaͤßig, hat ſeyn koͤnnen, auf das Schoͤnſte ſchließen, und
uns gluͤcklich ſchaͤtzen, wie nach einem erlittenen Schiffbruch, einzelne Bret-
ter zuſammen zu leſen. Ich werde zuerſt von den vornehmſten entdeckten
Gemaͤlden einige Nachricht ertheilen, und zum zweyten von der Zeit reden,

in

I Theil. Viertes Capitel.
in welcher dieſelben muthmaßlich gemacht ſind, nebſt einer Anzeige von Grie-
chiſchen und Roͤmiſchen Gemaͤlden unter denſelben; und zum dritten die
Art der Malerey ſelbſt unterſuchen.

I.
Von der
Malerey auf
der Mauer,
allgemein.

Alle dieſe Gemaͤlde ſind, außer vier auf Marmor gezeichneten Stuͤcken,
auf der Mauer gemalet, und obgleich Plinius ſagt 1), daß kein beruͤhmter
Maler auf der Mauer gemalet habe, ſo dienet eben dieſes ungegruͤndete
Vorgeben deſſelben mit zum Beweis von der Vortrefflichkeit der beſten
Werke im Alterthume, da einige von denen, welche uͤbrig geblieben ſind,
und gegen ſo viel geruͤhmte Meiſterſtuͤcke geringe ſeyn wuͤrden, große Schoͤn-
heiten der Zeichnung und des Pinſels haben.

Die erſten Gemaͤlde wurden auf der Mauer gemalet, und ſchon bey
den Chaldaͤern wurden die Zimmer ausgemalet, wie wir bey dem Prophe-
ten leſen 2), welches nicht, wie jemand meynet, von aufgehaͤngten
Gemaͤlden zu verſtehen iſt 3). Polygnotus, Onatas, Pauſias, und andere
beruͤhmte Griechiſche Maler, zeigeten ſich in Auszierung verſchiedener Tem-
pel und oͤffentlicher Gebaͤude; Apelles ſelbſt ſoll zu Pergamus einen Tempel
ausgemalet haben 4). Es gereichete zur Befoͤrderung der Kunſt, daß,
weil ausgeſchlagene Zimmer mit Tapeten nicht uͤblich waren, die Zimmer
bemalet wurden: denn die Alten liebeten nicht die Waͤnde bloß anzuſehen,
und wo es zu koſtbar war, dieſelben mit Figuren anzufuͤllen, wurden ſie in
verſchiedene angeſtrichene Felder durch ihre Leiſten eingetheilet.

II.
Von den uͤbrig
gebliebenen
Gemaͤlden auf
d[e]r Mauer.

Die gegenwaͤrtigen alten Gemaͤlde in Rom ſind, die ſogenannte Ve-
nus und die Roma im Pallaſte Barberini, die Aldrovandiniſche Hochzeit,
der vermeynte Marcus Coriolanus, ſieben Stuͤcke in der Gallerie des Col-
A.
Die ehemals
in Rom entde-
cket worden.
legii S. Ignatii, und eins, welches der Herr Cardinal Alexander Albani
beſitzet.

Die
1) L. 34. c. 37.
2) Iſai. c. 23. v. 14.
3) Cuper. Lettr. p. 363.
4) Solin. Polyh. c. 27.
Von der Kunſt unter den Griechen.

Die zwey erſtern Gemaͤlde ſind in Lebensgroͤße: die Roma ſitzet, und
die Venus liegt; der Kopf derſelben, nebſt dem Amorini und andern Neben-
werken, wurde von Caro Maratta ergaͤnzet. Es wurde dieſe Figur ge-
funden, da man den Grund zu dem Pallaſte Barberini grub, und man
glaubet, daß die Roma eben daſelbſt gefunden worden. Bey der Copie
dieſes Gemaͤldes, welches Kaiſer Ferdinand III. machen ließ, fand ſich
eine ſchriftliche Nachricht, daß es im Jahr 1656. nahe an dem Battiſterio
Conſtantini entdecket worden 1); und aus dieſem Grunde haͤlt man es fuͤr
eine Arbeit aus dieſer Zeit. In einem ungedruckten Briefe des Commen-
dator del Pozzo an Nic. Heinſius erſehe ich, daß dieſes Gemaͤlde ein
Jahr vorher, nemlich 1655. den ſiebenden April gefunden worden; es
wird aber nicht gemeldet, an welchem Orte: La Chauſſe hat daſſelbe be-
ſchrieben 2). Ein anderes Geinaͤlde, das triumphirende Rom ge-
nannt 3), welches aus vielen Figuren beſtand, und in eben dem Pallaſte
war, iſt nicht mehr vorhanden. Das ſogenannte Nymphaͤum, an eben
dem Orte 4), hat der Moder vertilget, und ich muthmaße, daß es jenem
ebenfalls alſo ergangen ſey.

Die beyden letzten Gemaͤlde beſtehen aus Figuren von etwa zween
Palmen hoch. Die ſogenannte Hochzeit wurde nicht weit von S. Maria
Maggiore, in der Gegend, wo ehemals des Maͤcenas Gaͤrten waren, ent-
decket 5). Das andere, nemlich der Coriolanus, iſt nicht unſichtbar ge-
worden, wie Duͤ Bos vorgiebt 6), ſondern man ſieht es noch itzo in dem
Gewoͤlbe der Baͤder des Titus, wo ehemals der Laocoon ſtand in einer
großen Niſche, welche bis an deſſen Bogen verſchuͤttet iſt.

Die
1) Lambec. Comment. bibl. Vindob. L. 3. p. 376.
2) Muſ. Rom. p. 119.
3) Spon Rech. d’ antiq. p. 195. Montfauc. Ant. expl. T. 1. P. 1. pl. 193.
4) Holſten. Comment. in Vat. Pict. Nymph.
5) Zuccar. Idea de’ Pittori, L. 2. p. 37.
6) Refl. ſur la Poeſ. etc. T. 1. p. 352.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. L l
I Theil. Viertes Capitel.

Die ſieben Gemaͤlde bey den Jeſuiten ſind aus einem Gewoͤlbe an
dem Fuße des Palatiniſchen Berges, auf der Seite des Circus Maxi-
mus,
abgenommen. Die beſten Stuͤcke unter denſelben ſind ein Satyr,
welcher aus einem Horne trinkt, zween Palme hoch, und eine kleine Land-
ſchaft mit Figuren, einen Palm groß, welche alle Landſchaften zu Portici
uͤbertrifft. Das achte Gemaͤlde bekam der Abt Franchini, damaliger
Großherzoglich Toſcaniſcher Miniſter in Rom; von demſelben erhielt es
der Cardinal Paßionei, und nach deſſen Tode der Herr Cardinal Alexan-
der Albani; es ſtellet ein Opfer von drey Figuren vor, und iſt in dem An-
hange der alten Gemaͤlde des Bartoli von Morghen geſtochen. In der
Mitten ſtehet auf einer Baſe eine kleine ungekleidete Maͤnnliche Figur,
welche mit dem erhobenen linken Arm einen Schild haͤlt, und in der rechten
einen kurzen Streitkolben mit vielen Spitzen umher beſetzet, von eben der
Art, wie vor Alters auch in Deutſchland in Gebrauch waren. Auf dem
Boden neben der Baſe ſtehet auf einer Seite ein kleiner Altar, und auf
der andern ein Gefaͤß, welche beyde rauchen. Auf beyden Steiten ſtehet
eine Weibliche bekleidete Figur mit einem Diadema, und die zur linken
Hand traͤgt eine Schuͤſſel mit Fruͤchten.

Die Stuͤcke kleiner Gemaͤlde, welche in der Villa Farneſe in den Truͤm-
mern des Pallaſtes der Kaiſer entdecket, und nach Parma gebracht wurden,
ſind durch den Moder vertilget. Es blieben dieſelben, wie die andern
Schaͤtze der Gallerie zu Parma, welche nach Neapel geſchafft wurden, an
zwanzig Jahre in ihren Kaſten in feuchten Gewoͤlbern ſtehen, und da man
ſie hervor zog, fand man nichts, als Stuͤcke Mauer, auf welchen die Ge-
maͤlde geweſen waren, und dieſe ſieht man auf dem unvollendeten Koͤnig-
lichen Schloſſe Capo di Monte zu Neapel. Unterdeſſen waren ſie ſehr
mittelmaͤßig, und der Verluſt iſt nicht ſehr groß. Eine gemalte Caryatide
mit dem Gebaͤlke, welches ſie traͤgt, die auch in beſagten Ruinen gefunden

worden,

Von der Kunſt unter den Griechen.
worden, hat ſich erhalten, und ſtehet zu Portici unter den Herculaniſchen
Gemaͤlden. Dieſe Gemaͤlde ſind theils im Jahre 1722. in der Villa Farneſe
gefunden worden, theils ſtanden ſie an den Waͤnden eines großen Saals von
vierzig Palmen in der Laͤnge, welcher 1724. entdecket wurde. Die Waͤn-
de in demſelben waren durch ein gemaltes Werk von Architectur in ver-
ſchiedene Felder getheilet: in einem derſelben ſteiget eine Weibliche Figur
aus einem Schiffe, und wird gefuͤhret von einer jungen Maͤnnlichen Figur,
die außer dem Mantel, welcher hinten von der Schulter haͤngt, unbekleidet
iſt. Dieſes Stuͤck hat Turnbull in Kupfer ſtechen laſſen 1).

Die Gemaͤlde in dem Grabmale des Ceſtius 2) ſind verſchwunden,
und die Feuchtigkeit hat dieſelben verzehret, und von denen in dem Ovidi-
ſchen Grabmale (welches auf der Via Flaminia anderthalb Meilen von
Rom entfernet war) iſt von verſchiedenen Stuͤcken nur der Oedipus, nebſt
dem Sphinx, uͤbrig 3), welches Stuͤck in der Wand eines Saals der Villa
Altieri eingeſetzet iſt. Bellori redet noch von zwey andern Stuͤcken in
dieſer Villa, welche itzo aber nicht mehr vorhanden ſind; der Vulcanus,
nebſt der Venus, auf der andern Seite jenes Gemaͤldes, iſt eine neue
Arbeit.

Im ſechzehenden Jahrhunderte waren noch Gemaͤlde in den Truͤm-
mern der Baͤder des Diocletianus zu ſehen 4). Ein Stuͤck eines alten
Gemaͤldes im Pallaſte Farneſe, welches Duͤ Bos angiebt 5), iſt in Rom
ganz und gar unbekannt.

Die groͤßten Herculaniſchen Gemaͤlde ſind auf der Mauer hohlerB.
Die Hercula-
niſchen Ge-
maͤlde.

Niſchen eines runden maͤßig großen Tempels, vermuthlich des Hercules,
geweſen, und dieſe ſind, Theſeus nach Erlegung des Minotaurs, die Ge-
burt des Telephus, Chiron und Achilles, und Pan und Olympus. The-

ſeus
1) Treat. of ant. paint.
2) Bellor. Sepolcr. Fig. 66.
3) Ejusd. Pitt. del ſepolc. de’ Naſoni, tav. 19.
4) Fabric. Rom. p. 212.
5) Refl. ſur la poeſ. &c. T. 1. p. 351.
L l 2

I Theil. Viertes Capitel.
ſeus giebt nicht den Begriff von der Schoͤnheit dieſes jungen Helden, wel-
cher unerkannt zu Athen bey ſeiner Ankunft fuͤr eine Junfrau gehalten
wurde 1). Ich wuͤnſchte ihn zu ſehen mit langen fliegenden Haaren, ſo
wie Theſeus ſo wohl, als Jaſon, da dieſer in Athen zum erſtenmal ankam,
trugen. Theſeus ſollte dem Jaſon, welchen Pindarus malt 2), aͤhnlich
ſehen, uͤber deſſen Schoͤnheit das ganze Volk erſtaunete, und glaubte,
Apollo, Bacchus, oder Mars, waͤre ihnen erſchienen. Im Telephus ſieht
Hercules keinem Griechiſchen Alcides aͤhnlich, und die uͤbrigen Koͤpfe ſind
gemein. Achilles ſtehet ruhig und gelaſſen, aber ſein Geſicht giebt viel zu
denken: es iſt in den Zuͤgen deſſelben eine viel verſprechende Ankuͤndigung
des kuͤnftigen Helden, und man lieſt in den Augen, welche mit großer Auf-
merkſamkeit auf den Chiron gerichtet ſind, eine voraus eilende Lehrbegier-
de, um den Lauf ſeiner jugendlichen Unterrichtung zu endigen, und ſein
ihm kurz geſetztes Ziel der Jahre mit großen Thaten merkwuͤrdig zu machen.
In der Stirne erſcheinet eine edle Schaam, und ein Vorwurf der Unfaͤhig-
keit, da ihm ſein Lehrer das Plectrum zum Saytenſchlagen aus der
Hand genommen, und ihn verbeſſern will, wo er gefehlet. Er iſt ſchoͤn
nach dem Sinne des Ariſtoteles 3); die Suͤßigkeit und der Reiz der Ju-
gend ſind mit Stolz und Empfindlichkeit vermiſchet. In dem Kupfer die-
ſes Gemaͤldes denket Achilles wenig, und ſieht in die weite Welt hinein,
da er die Augen auf den Chiron gerichtet haben ſollte.

Es waͤre zu wuͤnſchen, daß vier Zeichnungen daſelbſt auf Marmor,
unter welchen eine mit dem Namen des Malers und der Figuren, welche ſie
vorſtellen, bezeichnet iſt, von der Hand eines großen Meiſters waͤren:
der Kuͤnſtler heißt Alexander, und war von Athen. Es ſcheinet, daß die
andern drey Stuͤcke ebenfalls von deſſen Hand ſeyn; ſeine Arbeit aber
giebt keinen großen Begriff von ihm: die Koͤpfe ſind gemein, und die Haͤn-

de
1) Pauſan. L. 1. p. 40. l. 11.
2) Pind. Pyth. 4.
3) Rhet. L. 1. p. 21. l. 10. ed. Opp. Sylburg. T. 1.

Von der Kunſt unter den Griechen.
de ſind nicht ſchoͤn gezeichnet; die ſogenannten Extremitaͤten aber geben
den Kuͤnſtler zu erkennen. Dieſe Monochromata, oder Gemaͤlde von
einer Farbe, ſind mit Cinnober gemalet, welcher im Feuer ſchwarz gewor-
den iſt, wie es pfleget zu geſchehen: die Alten nahmen dieſe Farbe zu ſol-
chen Gemaͤlden 1).

Das allerſchoͤnſte unter dieſen Gemaͤlden ſind die Taͤnzerinnen, Bac-
chanten, ſonderlich aber die Centauren, nicht voͤllig eine Spanne hoch,
auf ſchwarzem Grunde gemalet, in welchen man die Hand eines gelehrten
und zuverſichtlichen Kuͤnſtlers erkennet. Bey dem allen wuͤnſchte man
mehr ausgefuͤhrte Stuͤcke zu finden: denn jene ſind mit großer Fertigkeit,
wie mit einem Pinſelſtriche, hingeſetzet, und dieſer Wunſch wurde zu Ende
des Jahres 1761. erfuͤllet.

In einem Zimmer der alten verſchuͤtteten Stadt Stabia, etwa achtC.
Beſchreibung
der zu letzt ge-
fundenen Ge-
maͤlde daſelbſt.

Italieniſche Meilen von Portici, welches bey nahe ganz ausgeraͤumet war,
fuͤhleten die Arbeiter unten an der Mauer noch feſtes Erdreich, und da man
mit der Hacke hineinſchlug, entdeckten ſich vier Stuͤcke Mauerwerk, aber
zwey waren durch die Hiebe zerbrochen. Dieſes waren vier anderwerts
mit ſammt der Mauer ausgeſchnittene Gemaͤlde, welche ich genau beſchrei-
ben werde: ſie waren an der Mauer angelehnt, und zwey und zwey mit
der Ruͤckſeite an einander gelegt, ſo daß die gemalte Seite auswerts blieb.
Vermuthlich waren dieſelben aus Griechenland, oder aus Groß-Griechen-
land, geholet, und man wird im Begriffe geſtanden ſeyn, dieſelben an ihren
Ort zu ſetzen, und ſie in die Mauer einzufuͤgen. Dieſe vier Gemaͤlde ha-
ben ihre gemalte Einfaſſung mit Leiſten von verſchiedener Farbe. Der
aͤußere iſt weiß, der mittlere violet, und der dritte gruͤn, und dieſer Leiſten
iſt mit braunen Linien umzogen; alle drey Leiſten zuſammen ſind in der
Breite der Spitze des kleinen Fingers; an dieſen gehet ein fingerbreiter

weißer
1) Plin. L. 33. c. 39.
L l 3

I Theil. Viertes Capitel.
weißer Leiſten umher. Die Figuren ſind zween Palme und zween Zolle
Roͤmiſches Maaß hoch.

Das erſte Gemaͤlde beſtehet aus vier Weiblichen Figuren: die vor-
nehmſte iſt mit dem Geſichte vorwerts gekehret, und ſitzet auf einem Seſſel;
mit der rechten Hand haͤlt ſie ihren Mantel, oder Peplon, welcher uͤber
das Hintertheil des Kopfs geworfen iſt, von dem Geſichte abwerts, und
dieſes Tuch iſt violet, mit einem Rande von Meergruͤner Farbe; der Rock
iſt Fleiſchfarbe. Die linke Hand haͤlt ſie auf die Achſel eines ſchoͤnen jungen
Maͤdgens gelehnet, welche neben ihr im weißen Gewande ſteht, und ſich
mit der rechten Hand das Kinn unterſtuͤtzet; ihr Geſicht ſtehet im Profil.
Die Fuͤße hat jene Figur auf einem Fußſchemmel, zum Zeichen ihrer Wuͤrde,
geſetzet. Neben ihr ſtehet eine ſchoͤne Weibliche Figur, mit dem Geſichte
vorwerts gekehret, die ſich die Haare aufſetzen laͤßt; die linke Hand hat ſie
in ihren Buſen geſteckt, und die rechte Hand herunter haͤngen, mit deren
Fingern ſie eine Bewegung macht, als wollte jemand einen Accord auf
dem Claviere greifen. Ihr Rock iſt weiß, mit engen Ermeln, welche bis
an die Knoͤchel der Hand reichen; ihr Mantel iſt violet, mit einem geſtick-
ten Saum, einen Daum breit. Die Figur, welche ihr den Haarputz macht,
ſtehet hoͤher, und iſt in Profil gekehret, doch ſo, daß man von dem Auge
des abgewandten Theils die Spitzen der Augenbrane ſieht, und an dem
andern Auge ſind die Haͤrchen der Augenbrane deutlicher, als an andern
Figuren, angezeiget. Ihre Aufmerkſamkeit lieſt man in ihrem Auge und
auf den Lippen, welche ſie zuſammen druͤcket. Neben ihr ſtehet ein kleiner
niedriger Tiſch mit drey Fuͤßen, fuͤnf Zolle hoch, ſo daß derſelbe bis an die
Mitte der Schenkel der naͤchſten Figur reichet, mit einem zierlich ausge-
pfalzten Tiſchblatte, auf welchem ein kleines Kaͤſtgen iſt, und uͤberher ge-
worfene Lorbeerzweige; neben bey liegt eine violette Binde, etwa um die
Haare der geputzten Figur zu legen. Unter dem Tiſchgen ſteht ein zierli-
ches hohes Gefaͤß, welches nahe bis an das Blatt reichet, mit zween Hen-

keln,

Von der Kunſt unter den Griechen.
keln, und zwar vo